welche die Sammlung des Haarlemer Rathauses schmücken, folgt der
Zeit nach auf das Schützenstück von 1639 ein Genossenschaftsbild
ganz anderer Art. In diesem Bilde, welches im Jahre 1641 entstanden
ist, sehen wir eine Anzahl von Bürgern vereinigt, welche sich nicht
zu gemeinsamer Übung der Wehrhaftigkeit, sondern zu Zwecken der
Wohlthätigkeit zusammengefunden haben. Es sind die Vorsteher des St.
Elisabeth-Hospitals zu Haarlem (Abb. 33). Die fünf „Regenten“ des
Krankenhauses haben sich in einem schmucklosen Zimmer um einen kleinen
Tisch, auf dem sich Schreibgerät befindet, versammelt. Alle haben
ihre Hüte auf; denn die Bürger der freien Niederlande legten Wert
darauf, daß bei öffentlichen Zusammenkünften jeder seinen Kopf bedeckt
hielt, zum Zeichen der Gleichberechtigung. An den nachdenklichen
Mienen der ernsten Männer erkennen wir, daß es eine wichtige und
schwierige Angelegenheit ist, welche sie in Anspruch nimmt. Einer
der Herren, der in der Mitte des Bildes sich dem Beschauer gegenüber
befindet -- vermutlich der Vorsitzende -- hat eben seinen Bericht
beendet; seine Rechte ruht noch auf einem Büchlein, aus dem er seine
Nachweise vorgelesen hat; die Finger seiner Linken spielen mechanisch
mit einer Quaste der Kragenschnur oder mit einem Rockknopf. Auf
seine Worte ist ein Augenblick allgemeinen Schweigens gefolgt. Mit
geschlossenen Lippen und geschlossenen Händen erwägt der Schatzmeister
-- für diesen müssen wir ihn nach den vor ihm ausgebreitet liegenden
Geldstücken halten -- das eben Gehörte. Auch der bejahrte Herr, der
dem Vortragenden gegenübersitzt, hat noch keine Antwort gefunden
auf die Frage, welche in dessen Zügen liegt; er wendet den Kopf und
sieht ins Weite, seine Hand liegt ausgestreckt am Rande des Tisches,
gleich wird er anfangen mit den Fingern zu trommeln. Wer zuerst das
Wort ergreifen wird, darüber können wir keinen Augenblick im Zweifel
sein. Es ist der jüngere Mann mit dem vollen, freundlichen Gesicht,
der in Zügen und Haltung Lebhaftigkeit und Freimütigkeit erkennen
läßt, und der ein gewisses heiteres Wesen auch in seiner Kleidung
nicht verbirgt; seine Lippen scheinen sich schon zu schnell fertigem
Wort zu öffnen. Dagegen wird das jüngste Mitglied nur leise seine
bescheidene Bemerkung dem Vorsitzenden zuflüstern, sobald dieser,
durch eine schüchterne Berührung seines Ärmels auf den hinter ihn
getretenen jungen Mann aufmerksam gemacht, sich nach demselben umwenden
wird. -- Die abgerundete Zusammenfassung der Bildnisse zu einer Art
von Genrebild, so daß die dargestellten Personen nicht, um sich dem
Beschauer zu zeigen, sondern um ihrer gegenseitigen Beziehungen willen
da zu sein scheinen, ist hier dem Meister in der denkbar vollkommensten
Weise gelungen. In der malerischen Wirkung und der Farbenstimmung ist
dieses Bild wesentlich verschieden von den früheren Gruppenbildern.
Die schwarzen Kleider der Männer, die Tischdecke, deren Grün so dunkel
ist, daß es kaum noch als Farbe wirkt, die dunkelgraue Wand des
Zimmers, deren Kahlheit nur von einer Landkarte ohne bestimmte Farbe
unterbrochen wird, alles das bildet eine zusammenhängende Dunkelheit,
aus der die Gesichter und Hände mit den weißen Kragen und Manschetten
hervorleuchten in einem warmen, scharfen, beinahe sonnenscheinähnlichen
Licht. Es ist nicht zu verkennen, daß Hals, so fest und ausgeprägt
seine eigene Art und Weise auch war, in dieser Zeit einer Einwirkung
nicht hat widerstehen können, die von den Werken Rembrandts ausging.
Rembrandt hatte ja schon im Jahre 1632, als ein noch junger Maler,
durch das genremäßig angeordnete Gruppenbild der Regenten der
Chirurgengilde von Amsterdam das größte Aufsehen erregt, und um das
Jahr 1640 stand er auf der Höhe der Schaffenskraft und der Berühmtheit.
Unter der geringen Zahl von Handzeichnungen, welche mit einiger
Wahrscheinlichkeit dem Franz Hals zugeschrieben werden, befindet sich
eine -- in der Albertina zu Wien --, welche dem Regentenstück von
1641 bis ins einzelne genau entspricht (Abb. 32). Wenn dies wirklich
der Entwurf des Meisters zu dem Gemälde ist, so wird dadurch nur
bestätigt, was man auch sonst als wahrscheinlich annehmen müßte, daß
Franz Hals seinen Bildern keine langen Überlegungen und Vorarbeiten
vorausgehen ließ, sondern daß er mit der nämlichen Schnelligkeit, mit
welcher er die Erscheinung einer Einzelperson auffaßte, sich auch über
die Anordnung eines Gruppenbildes gleich im klaren war. Jedenfalls
übertrifft das ausgeführte Gemälde den flüchtigen Entwurf sehr weit in
Bezug auf Leben und Ausdruck; bei vielleicht den meisten Malern pflegt
das Gegenteil der Fall zu sein.
[Illustration: Abb. 36. +Tyman Oosdorp.+ Gemalt 1656. Im
Königlichen Museum zu Berlin.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
Einen von Rembrandts Gemälden ausgehenden Einfluß glaubt man noch
in verschiedenen um das Jahr 1640 herum entstandenen Bildern von
Franz Hals wahrzunehmen. Immerhin war dieser Einfluß ein ganz
vorübergehender. Hals kehrte bald zu seiner eigenen Art und Weise
des malerischen Sehens zurück, deren Besonderheit sich von nun an in
deutlich wahrnehmbarer Weise immer stärker ausprägte. Schon seine
früheren Bilder -- abgesehen etwa von dem Schützenstück von 1616, bei
welchem diese Eigenart noch nicht recht entwickelt erscheint, und von
den Hauptwerken der Zeit um 1630, wo sie der Kraft und Freudigkeit der
Farbengebung gegenüber wieder mehr zurücktritt -- zeichnen sich durch
einen überaus feinen einheitlichen hellen Ton aus, welcher alle Farben
gleichsam überzieht und eine reizvolle harmonische Ruhe hervorbringt,
mögen die einzelnen Farben auch noch so heiter sein. Dieser Ton ist
bei den verschiedenen Bildern verschieden, je nach der beabsichtigten
Stimmung. Ungefähr seit der Mitte der dreißiger Jahre aber wird
derselbe fast ausschließlich ein lichtes Grau, dem Ton des natürlichen
Tageslichts bei bedecktem Himmel entsprechend. In den vierziger
Jahren kehrt dann, nachdem die Versuche mit dem zusammengehaltenen
Rembrandtschen Licht überwunden sind, der gleichmäßige Ton in
verstärktem Maße wieder, um sich in der Folgezeit immer mehr zu
steigern, fast bis zur Unterdrückung der Lokalfarben, d. h. der den
einzelnen Dingen von Natur eigenen Farben, durch den Gesamtton.
Und je mehr der Ton das Übergewicht über die Farben bekommt, um so
mehr vertieft sich derselbe, bis er schließlich beinahe schwärzlich
wird, ohne aber darum jemals ins Trübe zu verfallen und den Bildern
die leuchtende Wirkung zu nehmen. Diese allmähliche Steigerung des
grauen Tones tritt so ausgeprägt in die Erscheinung, daß nach seiner
geringeren oder größeren Stärke und Tiefe die Entstehungszeit der
Bilder, welche Franz Hals in den letzten 25 Jahren seines Lebens malte,
durch Kundige mit Sicherheit bestimmt wird.
Gewiß nicht mit Unrecht wird darauf hingewiesen, daß die allgemeine
Stimmung der Bilder eines Künstlers -- die natürlicherweise etwas
anderes ist als die besondere Stimmung, die derselbe absichtlich einem
jeden einzelnen Bilde einhaucht -- der unwillkürliche Ausdruck der
allgemeinen Seelenstimmung desselben sei. Bei Franz Hals verdüsterte
sich das Leben in demselben Maße, wie er seine Bilder in immer
dunkleres Grau tauchte. Der lustige Meister war ein schlechter
Haushalter. Wenn auch für die vierziger Jahre noch die urkundlichen
Belege dafür fehlen, daß er sich in traurigen Verhältnissen befand,
so genügt in dieser Hinsicht doch die eine Thatsache, die wir aus dem
Jahre 1652 erfahren. In diesem Jahre mußte Franz Hals eine Anzahl von
Gemälden und einen Teil seines Hausrats einem Bäckermeister verpfänden
für rückständige Brotschuld und für bar geliehenes Geld. Der Gläubiger
war indessen so anständig -- und das spricht für das Ansehen, dessen
Hals sich noch erfreute, -- daß er die ihm zuerkannten Möbel und Bilder
nicht in Besitz nahm, sondern dem Künstler auf Widerruf gestattete,
dieselben zu behalten.
Übrigens waren weder die Armut noch das herangekommene Greisenalter im
stande, des Meisters unverwüstliche Lebenslust, seine Freude am Lachen
und seinen köstlichen Humor zu unterdrücken.
Das spricht mit voller Deutlichkeit aus seinen Bildern. Um das
Jahr 1650 fand Franz Hals einen Gegenstand zu von Humor sprühender
bildlicher Wiedergabe in der alten „Matrosenmutter“ Hille Bobbe, der
„Hexe von Haarlem“. Als eine Hexe zwar äußerlich ausstaffiert durch
eine auf ihre Schulter gesetzte Eule, von Herzen aber sicherlich
gutmütig in ihrem derb-lustigen Wesen, so schaut sie uns in dem
berühmten, kostbaren Brustbild des Berliner Museums entgegen (Abb.
34). Über was für Zauberkünste die Hille Bobbe in ihren alten oder
jungen Tagen verfügt haben mag, wissen wir freilich nicht. Aber
ein wirklicher großer Zauberer muß wahrhaftig der Maler sein, der
uns so unwiderstehlich festzubannen weiß vor diesem mit breiten,
Schlag auf Schlag sitzenden Pinselstrichen hingeworfenen, beinahe
farblosen Gemälde, der uns einen Schönheitsgenuß bereitet durch den
Anblick dieses so lächerlich häßlichen, eine starke Neigung zu
geistigen Getränken verratenden Gesichts, in welchem ein unbändiger
plötzlicher Lachreiz alle Furchen stürmisch bewegt! -- Kaum weniger
komisch wirkt die Alte in einem Bilde der Dresdener Galerie, wo sie
in einem Augenblick der Entrüstung aufgefaßt ist. Ein Stammgast ihrer
Kneipe macht sich einen Spaß, indem er leise hinter ihren mit Fischen
bedeckten Ladentisch getreten ist und, eine Wolke von Tabaksqualm
ausstoßend, sie mit weit aufgesperrtem Munde anblökt; sie weicht
unwillkürlich erschreckt zur Seite, sieht sich dabei aber mit lautem
Keifen nach dem Störer um; aber wie ungehalten sie auch im Augenblick
ist, man sieht doch, daß das Schelten sich gleich wieder in Lachen
auflösen wird (Abb. 35).
[Illustration: Abb. 37. +Bildnis eines vornehmen Mannes.+ Im
Ermitage-Museum zu St. Petersburg.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Dieses letztere Bild ist wohl schwerlich ganz von der Hand des alten
Franz Hals, denn so viel Beiwerk, und so sorgsam ausgeführtes totes
Beiwerk, wie es hier die Fische sind, war nicht die Sache des alten
Meisters, den nichts anderes mehr reizte, als die Wiedergabe des
pulsierenden Lebens in Gesicht und Händen der Menschen. Wir dürfen
hier wohl an die Mitwirkung seines gleichnamigen Sohnes, Franz Hals
des Jüngeren, denken. Nicht weniger als vier Söhne zog der Meister
zu Nachfolgern seiner Kunst heran, von denen freilich keiner ihm
selbst gleichzukommen vermochte, von denen aber mindestens jener
Franz sehr achtbare Erfolge erzielte, besonders auch auf dem in der
holländischen Malerei jetzt neu aufkommenden Gebiet des sogenannten
Stilllebens. Es verdient erwähnt zu werden, daß ein niederländischer
Kunstschriftsteller der Zeit hervorhebt, die Söhne des alten Hals seien
in der Gesellschaft beliebt gewesen, weil der Freimut, die Lebenslust
und die gute Laune des Vaters sich auf sie alle vererbte.
Außer den eigenen Söhnen bildete Franz Hals noch eine ganze Anzahl
von Schülern aus, die alle mit großer Ehrfurcht zu dem Meister
hinaufschauten, und die auch gern dessen Ratschläge hörten, nachdem
sie selbst schon längst es zu etwas Tüchtigem gebracht hatten. In
dem Museum des Haarlemer Rathauses befindet sich ein künstlerisch
zwar wenig Bedeutendes, inhaltlich aber höchst interessantes Gemälde,
welches uns einen Blick in den Kreis von Malern thun läßt, die in der
Zeit gegen die Mitte der fünfziger Jahre den alten Hals als ihren
Meister verehrten. Das Bild stellt ein Atelier dar, die Werkstatt des
Franz Hals; eine Anzahl von Malern, die meistens schon nicht mehr ganz
jung sind, ist dort versammelt, um nach dem Aktmodell zu zeichnen. Es
rührt von der Hand eines der jüngeren der darauf Abgebildeten her, des
Job Berck-Heyde (geboren 1630, gestorben 1693 zu Haarlem). Wen die
Hauptpersönlichkeiten vorstellen, darüber besteht kein Zweifel, da die
Namen auf der Rückseite angegeben sind. Unter anderen, deren Namen
die holländische Kunstgeschichte mit Ehren nennt, sitzt da neben den
Söhnen des alten Meisters auch dessen jüngerer Bruder Dirk (Dietrich)
Hals, schon ein bejahrter Mann, nahe dem Ende seiner Laufbahn (er starb
1656), bekannt als einer der Begründer der holländischen sogenannten
Gesellschaftsmalerei, welche das Treiben lebenslustiger Kavaliere
und schön gekleideter Damen in sauber ausgeführten Genrebildern
wiederspiegelt. Der greise Meister selbst steht an der Thür und begrüßt
den eben eintretenden Philipp Wouwerman, den gefeierten Maler von
feinen Pferde- und Reiterbildern.
[Illustration: Abb. 38. „+Der junge Mann mit dem Schlapphut.+“ In
der Königlichen Galerie zu Kassel.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
Die berühmtesten Schüler des Franz Hals befinden sich nicht unter
den Insassen des von Berck-Heyde gemalten Ateliers. Das waren die
großen Genremaler Adrian Brouwer, der schon 1638 im Alter von
nur dreiunddreißig Jahren gestorben war, und Adrian von Ostade
(geboren 1610, gestorben 1685). Wenn auch Maler verschiedener
Richtungen, Bildnismaler, Stilllebenmaler, Landschafter und selbst
Architekturmaler, die Unterweisung des Franz Hals aufsuchten und
gleichmäßig Nutzen zogen aus der Lehre und dem Beispiel des Meisters
der schärfsten Beobachtung und der sichersten Hand, so wirkte seine
Lehrthätigkeit doch am fruchtbarsten und nachhaltigsten auf die
Genremalerei. Um seiner genremäßig aufgefaßten Darstellungen von
charakteristischen Persönlichkeiten aus den hohen und niedrigen
Schichten des holländischen Volkes willen könnte man ihn fast als den
Vater der in Holland bald so sehr volkstümlich werdenden eigentlichen
Sittenbildmalerei bezeichnen. Auf seiner Kunst, den Charakter eines
Menschen im Bilde schlagend zu kennzeichnen und das Leben selbst in
seinen flüchtigsten Äußerungen mit sicherem Griff zu erfassen und auf
die Leinwand festzubannen, auf dieser seiner Kunst fußte, wie das
elegante, freilich mitunter sich auch in recht gemischter Gesellschaft
bewegende Gesellschaftsstück, so auch die nach der entgegengesetzten
Seite sich wendende Schilderung des Bauernlebens in seiner
Urwüchsigkeit und Derbheit und seiner tollen Festtagsfreude. Was die
Volks- und Bauernstücke von Adrian Brouwer und Adrian von Ostade zu den
höchstgeschätzten Erzeugnissen der holländischen Genremalerei gemacht
hat, die treffende Charakterzeichnung, das volle, frische Leben,
der köstliche unbefangene Humor und nicht minder der feine Ton der
Farbengebung, all diese Eigenschaften sind entwickelt und ausgebildet
worden in der Schule des Franz Hals.
Der alte Meister sah manchen seiner Schüler zum berühmten Manne
werden, und manchen von ihnen sah er vor sich sterben. Er selbst aber
arbeitete mit immer gleicher Frische und gleicher Lebendigkeit weiter,
wenn er auch anfing, aus der Mode zu kommen, da der Tagesgeschmack
sich mehr und mehr einer ins Kleine gehenden und in kleinem Maßstabe
schaffenden Kabinettsmalerei zuwendete. Auch in der Bildnismalerei
wurden im allgemeinen jetzt solche Maler bevorzugt, welche alles
aufs sauberste und sorgfältigste ausarbeiteten, und auf sorgfältige
Ausführung ließ der alte Hals sich nicht mehr ein, dem es genügte,
wenn er mit möglichst wenigen Strichen ein möglichst lebendiges und
sprechendes Abbild einer Persönlichkeit gegeben hatte. Doch fehlte es
noch keineswegs an Leuten, welche die künstlerische Überlegenheit des
Meisters der Bildniskunst über die Jüngeren würdigten und sich durch
die breite und hastige Art seiner Malerei, durch das unverhüllte Zeigen
des malerischen Machwerks nicht abhalten ließen, bei ihm ihre Bildnisse
zu bestellen und dadurch ihre Erscheinung mit einer Lebendigkeit auf
die Nachwelt gebracht zu sehen, wie sie auch den tüchtigsten anderen
Bildnismalern kaum jemals erreichbar war. Von Franz Hals in den
fünfziger Jahren gemalte Bildnisse sind noch in ziemlicher Anzahl
vorhanden. Sie beweisen, daß der Siebzigjährige noch nichts eingebüßt
hatte an seinen künstlerischen Fähigkeiten, weder an der Kraft und
Schärfe der geistigen Auffassung, noch an der unfehlbaren Sicherheit
von Auge und Hand. Es sind fast ausnahmslos Meisterwerke ersten Ranges,
die ebenbürtig neben den Werken seiner besten Jahre stehen. Dahin
gehört im Berliner Museum das mit der Jahreszahl 1656 bezeichnete
Brustbild des Tyman Oosdorp, aus dessen kräftig geformtem Gesicht
eine ständige herbe Verdrossenheit spricht (Abb. 36). In Abbildung 37
ist ein in der Sammlung der Ermitage zu St. Petersburg befindliches
Bildnis wiedergegeben, welches, nach dem Schnitt des langen Haares
und nach der Form des steifen Filzhutes zu schließen, gegen Ende der
fünfziger Jahre oder noch etwas später entstanden ist. Wie überzeugend
offenbart sich uns das Wesen dieses augenscheinlich den besten Ständen
angehörigen Mannes, der, obgleich er kaum das fünfunddreißigste
Lebensjahr überschritten hat, doch schon so müde in das Leben blickt,
der es nicht für der Mühe wert gehalten hat, für die Porträtsitzung
einen frisch geplätteten Kragen anzulegen, und der so nachlässig schief
auf dem Stuhle sitzt, auf dessen durch den überfallenden Mantelkragen
verdeckte Rücklehne er sich mit dem ganzen Oberarm aufstützt. Wie
wunderbar hat der Maler in breitestem Machwerk dieses weiche Fleisch
mit den vor der Zeit welk gewordenen Zügen wiedergegeben, und wie hat
er es verstanden, bei einer an die Grenzen der Möglichkeit gehenden
Einfachheit in der Behandlung der Nebendinge, doch das Stoffliche der
Kleidung zu kennzeichnen; man betrachte die blitzartig hingesetzten
Glanzlichter auf dem schweren schwarzen Seidenstoff des Wamses, durch
welche mit so unanfechtbarer Richtigkeit die Falten angedeutet werden,
in denen der Ärmel der Bewegung des Armes gefolgt ist.
[Illustration: Abb. 39. +Die Vorsteher des Altmännerhauses+
(1664). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.]
Man fühlt sich versucht, zu glauben, daß der durchgehende Zug von
geistiger und körperlicher Ermüdung, der dieses Bild so auffällig
unterscheidet von der Mehrzahl der lebensprühenden Halsschen Bildnisse,
ebenso wie die fast noch befremdlichere Grämlichkeit in Miene und
Haltung des Tyman Oosdorp, weniger auf Rechnung des Urbilds zu setzen
wäre, als daß vielmehr darin sich unwillkürlich und unbewußt die
Lebensmüdigkeit des hochbetagten, in traurigen Verhältnissen sich
befindenden Künstlers spiegelte. Aber um uns zu überzeugen, daß dem
greisen Meister die Freude am Lachen noch keineswegs abhanden gekommen
war, brauchen wir bloß einen Blick zu werfen auf ein Bildnis in der
Kasseler Gemäldegalerie, dessen Entstehung in die nämliche Zeit, um
das Jahr 1660, fällt. Es ist das Bild eines nicht gerade den ersten
Kreisen von Haarlem angehörenden Unbekannten, der als „der junge Mann
mit dem Schlapphut“ bezeichnet zu werden pflegt (Abb. 38). Schlapphüte
wurden allerdings beinahe während des ganzen Zeitraumes, innerhalb
dessen Franz Hals seine Thätigkeit entfaltete, getragen, und man kann
wohl behaupten, daß die Mehrzahl seiner männlichen Bildnisse diese
Kopfbedeckung zeigt. Aber in dem Bild, von welchem hier die Rede
ist, spielt der Schlapphut eine Rolle, er trägt durch die Art und
Weise, wie er aufgesetzt ist, sehr wesentlich mit bei zu dem lustigen
Eindruck dieses Porträts. Der junge Mann sitzt, ähnlich wie der in
dem eben besprochenen Bild dargestellte Herr, quer auf dem Stuhl,
den rechten Ellenbogen auf die Rücklehne aufgestützt. Aber was dort
als müde Gleichgültigkeit erscheint, das ist hier ein Überschuß an
Lebhaftigkeit. Dieser junge Mann in seiner kecken Laune konnte sich
nicht gerade auf den Stuhl setzen, ebensowenig wie er seinen Hut
gerade aufsetzen konnte. Schief hängt auch der Mantel auf der linken
Schulter. Es ist staunenswürdig, wie in dem Brustbild mit einem Arm
die Stellung des ganzen Körpers angedeutet ist: aus der Linie, in
welcher der vom Mantel bedeckte linke Oberarm den Körper verläßt,
erkennt man, daß die linke Hand hoch aufgestemmt ist auf das Knie des
linken, über das rechte geschlagenen Beins. Was die ganze Haltung
uns sagt von dem übermütigen und munteren Wesen des Mannes, das
leuchtet in gesammelter Fülle aus dem Gesicht desselben. In diesen
lustigen Augen, in dem zum Lachen bereiten Mund, da lebt noch mit ganz
ungeschwächter Kraft die alte Meisterschaft von Franz Hals, seine
Freude an der Wiedergabe vergnügten Daseins, sein gesunder Humor, der
in der feinen Überlegenheit, mit welcher er das Komische erfaßt, stets
etwas Vornehmes besitzt. -- In der Farbe ist das ganze Bild schwärzlich
grau, aber das Merkwürdige ist, daß innerhalb dieses grauen Tons das
Fleisch seine Leuchtkraft bewahrt und mit voller Körperlichkeit wirkt,
und daß die heitere Seelenstimmung gar nicht beeinträchtigt wird
durch die schwärzliche Farbenstimmung. Wenn man das Bild für sich
allein ansieht, so empfindet man kaum die Dunkelheit seiner Tönung,
dieselbe verschwindet gänzlich, wenn man es länger betrachtet. Um so
auffallender wird sie fühlbar, wenn man mit diesem Eindruck in den
Augen vor die in der Nähe befindlichen Bildnisse hintritt, welche die
nämliche Hand vierzig Jahre früher geschaffen hat, und die ganz wie in
Licht getaucht erscheinen.
Franz Hals konnte noch völlig der alte sein, wenn es galt, ein
lustiges Bild zu schaffen. Aber mochte er auch in der Kunst seinen
Humor sprudeln lassen, im Leben war es dem hochbetagten Greis gewiß
selten genug zum Lachen zu Mute. Seine Vermögensverhältnisse waren
immer weiter zurückgegangen. Die Thatsache, daß ihm im Jahre 1661
von seiner Gilde die fernere Entrichtung der satzungsgemäßen Steuer
erlassen wurde, weist darauf hin, daß er sich in dürftiger Lage
befand. Wie groß aber seine Dürftigkeit war, erhellt daraus, daß
er sich im Jahre 1662 an die Stadtobrigkeit von Haarlem mit einem
Bittgesuch um eine jährliche Unterstützung von 50 Gulden und um ein
Darlehen von 150 Gulden wendete. Den Wert eines Guldens in damaliger
Zeit kann man auf ungefähr 3½ Mark heutigen Geldes schätzen. Die
Stadtobrigkeit willfahrte diesem Gesuch und im Anfang des Jahres 1664
erfüllte sie Hals eine weitere Bitte um Beihilfe, indem sie ihm drei
Fuhren Torf zur Heizung schenkte und die Zahlung seiner rückständigen
Wohnungsmiete übernahm. Außerdem gewährte die Stadt ihm vom 1. Oktober
1663 ab eine jährliche Pension von 200 Gulden auf Lebenszeit. Aus
diesen verschiedenen Bewilligungen und insbesondere aus dem letzten
Beschluß kann man entnehmen, daß die Stadtväter von Haarlem es als eine
Ehrenpflicht empfanden, sich ihres als Künstler so groß dastehenden
Mitbürgers in seiner Verarmung anzunehmen.
Seine künstlerische Leistungsfähigkeit bewahrte er sich auch jetzt
noch. Zwei Gruppenbilder aus dem Jahre 1664 legen Zeugnis ab von dem
Können des Achtzigjährigen. Die beiden Vorstände des Haarlemer Asyls
für alte Leute, die Regenten des Altmännerhauses und die Regentinnen
des Altfrauenhauses, haben sich von dem armen alten Mann malen lassen.
[Illustration: Abb. 40. +Die Vorsteherinnen des Altfrauenhauses+
(1664). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Eine lange Zeit, fast ein Vierteljahrhundert, war vergangen, seit der
Meister sein letztes Regentenstück geschaffen hatte. Aber in dieser
Zeit hat derselbe nichts von seiner Fähigkeit, aus einer Anzahl
von Bildnissen ein abgerundetes Bild zu gestalten, und von seiner
Sicherheit, jede einzelne Persönlichkeit sprechend zu kennzeichnen,
eingebüßt. Mit der staunenswürdigsten Frische der Auffassung hat er
in den beiden Bildern die vornehmen Leiter der Anstalt, hier die
sorgfältig nach der Mode gekleideten Herren, dort die in ihrer Tracht
eine gesuchte Einfachheit zur Schau tragenden Damen dargestellt (Abb.
39 und 40). Die einen wie die anderen hat er als Leute, denen dieses
Amt nicht viel Sorge und Aufregung verursacht, ohne eine besondere
Thätigkeit, wie zu einer recht unwichtigen Besprechung versammelt, um
einen Tisch herum gruppiert. Jeder dieser Köpfe ist ein unmittelbares
Abbild des Lebens selbst, das in seinen sprechenden Zügen noch mit
einer ebenso unfehlbaren Sicherheit erlauscht ist, wie nur je in einem
Werke aus den jüngeren Jahren des Meisters. Wenn man insbesondere die
Köpfe der weiblichen Vorstandsmitglieder eingehend betrachtet, so
wird man nicht verkennen, daß in dieser wunderbar feinen Beobachtung
des verschiedenartigen, bald grämlichen, bald gelangweilten, hier
vom Bewußtsein einer schönen Pflichterfüllung gehobenen, dort sehr
würdevoll aufgesetzten Ausdrucks der ehrsamen Damen auch der Humor
des Meisters noch leise mitspricht, unwillkürlich vielleicht und ohne
Absicht. -- In der Farbe weichen die beiden Bilder sehr weit ab von den
früheren großen Bildern des Meisters, die mit denselben im Hauptsaal
des Haarlemer Rathauses vereinigt sind. In ihnen ist das äußerste Maß
dessen erreicht, was sich als etwas stetig Fortschreitendes in seinen
Werken der vorhergehenden zwanzig Jahre verfolgen läßt: das Unterordnen
der Eigenfarben der Dinge unter einen gemeinsamen grauen Ton, und die
Vertiefung dieses Tons bis zum Schwärzlichen. Alles ist gleichsam
eingetaucht in eine fast farblose graue Stimmung, die schwarzen
Kleider, die eintönige, auf dem Damenbild mit einem nachgedunkelten
Landschaftsgemälde geschmückte Wand, die dunkle Tischdecke und das
Weißzeug und die Köpfe und Hände. Und dennoch besitzt das Ganze bei
aller Spärlichkeit der Farbe eine harmonisch reizvolle Farbenwirkung;
und dennoch leuchten diese Gesichter in voller Körperhaftigkeit als
die Gesichter lebendiger, von warmem Blut durchströmter Menschen. Das
äußerste Maß des Möglichen hat Franz Hals hier auch in Bezug auf seine
malerische Behandlungsweise erreicht. Man würde es nicht für denkbar
halten, wenn man es nicht sähe, daß es möglich ist, mit so wenigen und
so breiten Pinselstrichen alles Nötige in so erschöpfender Weise zum
Ausdruck zu bringen.