Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer
erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer
den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz
gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den
Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den
Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.
Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern
verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der
Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte.
Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen,
früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus
wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhänger des
Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt.
Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht
gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in
seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit
langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl
ließ,--die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und
entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich
phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim
ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich
während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie
von einer dunkeln Gluth durchschimmert.
Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch
völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand,
welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.
"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher
Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir
zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gährt und
bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem
Rath überschüttet,--daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung
Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind."
"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu
sein," erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen
Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast möchte ich
sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut
ausspreche."
"Und gehören Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, daß
diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig
abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft?--Sie haben es
gelernt," fuhr er fort, "die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben
den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet,--und der vor den Tiefen
des Abgrundes nicht zurückschaudert,--was sehen Sie auf der Höhe,--was
sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, daß
ich zu hören und zu lernen verstehe," fügte er mit freundlichem Lächeln
und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.
"Ich habe Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "meine
Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den
Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand
einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner
wahren und unverhüllten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich
Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die
Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die
Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät
werden das wirklich Richtige zu erkennen."
"Sie halten also die Situation für ernst?" fragte der Kaiser, indem er
sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois
einen Sessel neben sich bezeichnete.
Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels,
blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn
gerichtete Frage zu antworten:
"Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß
gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den
Höhen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden
Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestät frei sagen, was
ich gesehen."
Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den
Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes
spielend, aufmerksam zu.
"In den Tiefen, Sire," sagte Clément Duvernois, "sehe ich die finstern
Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt
hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fühlen, daß
der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie
früher."
Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch
blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne
gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.
"Die friedlichen Bürger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter,
"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen
Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der
Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird.
Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig,--die Repräsentanten der Nation
berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen
gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit
freut sich der Ruhe und Ordnung.
"Was aber, Sire," fuhr er mit erhöhter Stimme fort,--"was birgt die
Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich
versammeln sich vier bis fünftausend Individuen--Feinde des Besitzes,
Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die
Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen
versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten
Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid
geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal
gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen.
Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich
gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch
Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu
zerstören.
"Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu
citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht
scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der
Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen,
keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir
wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am
Hute tragen.'"
Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhüllte sich völlig
unter den Augenlidern.
"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgängen in
Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer
Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren
zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen
wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat
man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde."
Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach
mit ruhigem Lächeln:
"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich
treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie
mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben
keine Gefahr bringen."
"Ich weiß," erwiderte Duvernois, "daß Eure Majestät keine Gefahr scheut
und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich
erzähle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden,
sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese
Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was
man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man
ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man
weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie
das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger
Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand
der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift."
"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber,"
fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten
Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Höhen gesehen?"
Clément Duvernois schwieg einen Augenblick.
Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete,
dunkelglühende Auge zum Kaiser auf.
"Auf der Höhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich,
Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner
Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen
nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten
undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch
über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge
faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung
geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm
aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der
aber--"
"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit
gespannter Erwartung aufblickend.
"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krönung des
Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern
Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch
untergraben."
"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich
daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines
persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und
sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten
und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt
werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die
persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der
Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich
ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige
rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser."
"Die edle Absicht Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "erkenne
ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre
Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen,
würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät
bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen
Händen lägen."
Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ
den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:
"Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die
treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken
kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen,
welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten--sie
sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es,
eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des
Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe."
Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen.
"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen,
Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den
Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen
habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes
besitzen?"
"Mißtrauen?" sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, "ist ein hartes
und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer
Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir
Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu
sprechen.
"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur
von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache,
daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem
Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Händen des
Orleanismus--"
"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "daß Graf Daru, daß Buffet
mich verrathen könnten--daß sie mit den Orléans conspiriren?"
"Nein, Sire," antwortete Clément Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf
Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber,
Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille
angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben
und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der
constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer
Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens
setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen
Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet
sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration.
Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät
Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die
Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des
französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen
befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des
Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen
zieht.
"Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen
Propaganda;--nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's
wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips
als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen
ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der
Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her
ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es
kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, daß die Maschine den
Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein
dastehen werden.
"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der
Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen
Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich
befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von
Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit,
das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern."
Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.
"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwährend dahin
gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie
verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren
schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer
eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?"
"Gewiß würden sie nicht fähig sein," erwiderte Duvernois, "die
Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen
sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche
Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf
gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestät meine
Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel
des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an
den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe
reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten
Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen."
Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster
vor sich nieder.
Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so
brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner
Seele lesen.
"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was müßte nach Ihrer Ueberzeugung
geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den
Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände--in die Hände meiner
Freunde zu legen?"
"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach.
Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung
eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem
Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden
neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu
kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.
"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "daß
in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in
Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den
Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen
und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der
Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk
giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten
besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige
Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu
überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren
hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze
Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle
Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche
Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome
zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem
Boden des realen Volkslebens loszulösen.
"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort,
während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte--"das
Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist
Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf
den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der
orleanistischen Agitation.
"Wenn Eure Majestät," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich
fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer
Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen
Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die
Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen
wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen,
ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste
und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen
Dynastie sind."
"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren
Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie
bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie
glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden
können.
"Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht,
welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin,
Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene
Fragen lösen zu können glauben."
"Gewiß," erwiderte Clément Duvernois, "habe ich auch darüber meine
Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise
Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation
beseitigen können. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, während
der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit
zuhörte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt
des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die
parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt
worden ist; nach meiner Ueberzeugung müssen Eure Majestät diesen
Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich
befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie
ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst.
"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des
Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und
durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein
solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das
ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer
Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen
mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel
parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin
ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet,
verschwinden."
Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit
und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen.
"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie
haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe
neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für
den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie
allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage
meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat
und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen.
Ich danke Ihnen," fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu,
"Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben
Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten
und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die
Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.
"Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des
Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und
den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen."
"Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun," sprach Clément Duvernois, "so
wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen;
diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich
unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt
bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten
wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen,
werden verschwinden.
"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn,"
fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestät Ihre
alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der
richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen
erstehen werden."
Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin
und sprach:
"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick
überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung
und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die
Wahrheit gesagt.
"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich möchte noch über
einen Punkt Ihre Meinung hören.
"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "daß das
nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die
Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief
verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht
Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer
Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des
großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von
Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden
kann--die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen
Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen
Frankreichs wieder herzustellen."