Der Todesgruß der Legionen.
Zeit-Roman
von
Gregor Samarow.
Erster Band.
Berlin, 1874.
Druck und Verlag von Otto Janke.
Erstes Capitel.
Am Ufer der Marne, in der Nähe der kreidereichen weißen Ebene der
Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa
fünftausend Einwohnern, deren Industrie zum großen Theil darin besteht
die auf der Marne herabgeflößten Holzstämme in Bretter zu
zerschneiden--außerdem befinden sich dort berühmte Manufacturen von
Eisenwaaren und durch diese Gewerbthätigkeit hat der ganze Ort trotz
seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine
bedeutende Wohlhabenheit erreicht.
Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich
unregelmäßigen Straßen in einer verhältnißmäßig bedeutenden
Längenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem höchsten Punkt liegt
eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt
selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen
Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte
Frankreichs zusammenhängen.
Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr
streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les
bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von
Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie
hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande
dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit
verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.
Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von
Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz
blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier
macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner
Devise.
Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger
Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und
Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt,
welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von
den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers
die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt.
Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.
Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die
Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort
aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den
Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des
Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende
Gegend.
Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner
von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei
Männer auf und nieder.
Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht
vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben
jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine
von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war
geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse
natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der
Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des
französischen Arbeiterstandes war.
Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und
Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich
ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem
kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine
gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche
zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm
schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig
Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte
weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von
jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen,
insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist.
Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre
1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der
Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der
Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei;
der Aeltere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das
Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in
Saint-Dizier stationirt waren.
"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "überlegt
wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn
Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das
Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration
auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert
Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und
ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort
gegeben--er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben
mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing
dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren
Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich
täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir
uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und
dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot
erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann."
"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er
stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; "es ist
unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und
Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne
sich um ihr Schicksal zu kümmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als
bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann
steht mein Entschluß ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath
zurück, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preußen können uns doch
nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch
wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz.
Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir
nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt,
so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine
Familie gründen können."
"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid
und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu
heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht
recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, daß Ihr noch
militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr
zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter
hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen
Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen
und nach preußischem Commando exerciren?"
"Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt," rief Cappei, "was habe
ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich
der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich
verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen
größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere
Euch--Gott ist mein Zeuge--daß der König und seine Sache mir höher steht
als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld
zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine
Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu
werden sollte--wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein
einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde
ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die
Heimath aufzugeben.
"Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu
tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an?
Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir
wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch
meine Liebe bestimmen lassen."
"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, daß es nicht dazu kommen
möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin
zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat
uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin
kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen
Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben
und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch
überlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten
immer die Liebe mitspricht--"
Ungeduldig erwiderte Cappei:
"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "daß es nicht die Liebe
ist, welche mich bestimmt--wenn der König uns nach Algier schickte und
uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde
hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit
mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen
Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König
uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt
und kann als ehrlicher Mann thun was ich will."
Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die
Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur
spärlich erleuchtet war.------
Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten
Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche,
welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von
etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden
Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff,
das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles,
glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei
Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon
unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den
eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber
doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den
französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen
dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten
sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund
sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines
Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand.
Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas
gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter
Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen
sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes
Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer
Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht.
"Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise," rief er, seine Worte mit
lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, daß Sie
für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben.
Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört;--meine
Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts
gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück,
mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich
keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so
glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr
Schicksal mit dem meinigen zu verbinden."
"Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge
Mädchen, "daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich
bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig
meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu
lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fürchten
Sie, daß ich Ihnen zu alt werde," fügte sie lächelnd hinzu, indem sie
ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.
"Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht
ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch
die Haare fuhr; "es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal
offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß
Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten."
"Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und
lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen
verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre
Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf
dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum
drängen Sie mich fortwährend?"
"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "täglich deutlicher sehe, daß es
nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende
Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr
entfremdet. Oh!" sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit
unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "früher
war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie
gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und
widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige
Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so
glücklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit
Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend--"jetzt ist das Alles
anders--seit--"
"Seit?" fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem
kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen
musternd, "seit--?"
"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit
brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen
Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, "jener heimathlose Flüchtling,
von dem man nicht weiß woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein
gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener
Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie
Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an
Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden,
welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin
Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes
mehr als einmal verwüsteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit
grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, "ich habe sie gehaßt so lange ich
die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je,
seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück
meines Lebens geraubt hat."
Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren
Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine
fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre
Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein
Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren
festgeschlossenen Mund.
"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie
mühsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier,
Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu
andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und
Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über
Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu
antworten.
"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so
eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer
Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und
unwiderruflichen 'Nein' beantworte."
Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen
Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem
freundlichen Lächeln.
"Verzeihung, Fräulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem
jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur
leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte--"Verzeihung, ich habe
mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung
sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist."
Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte
unbeweglich in die Kaminglut.
Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen
Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon.--
Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen,
aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das
kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der
Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle
Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast
schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders
erinnerte.
Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die
peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.
"Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen," sagte er, "es sind so
bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir
alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen
Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse
bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen
lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten
Friedensversicherungen enthalten."
"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher
sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet
berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das
Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte--"wir haben es
schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen
Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche
und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein
wenig mißtrauisch.
"Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder
große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt
hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes
erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er
lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch
sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit
empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt
und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer
erschüttert und immer tiefer untergraben wird."
Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf.
"Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl," sagte er,
"und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit
Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng
verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung
gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der
Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht
nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen.
"Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe
kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit
den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die
allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich
aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die
Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und
Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum
zu verantworten sein."
"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "daß der Kaiser sich
auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen
und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament
giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege
rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl
daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe,
welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich
würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung
ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--"
"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die
Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die
Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich
bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die
Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die
alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren
in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich
erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist
und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige
gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser
Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung
ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich
jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath
berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen."
"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr
Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er früher so
laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat--besitzt
dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des
Volkes?--Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen
Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die
Satelliten der römischen Kaiser."
"Nun," sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, "ich hoffe, daß die
kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß
man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen
militairischen Ruhm vorziehen wird."
Er blickte auf seine Uhr.
"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwährend
still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters
mit Herrn Vergier zu achten.
Luise erhob sich.
"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat
versprochen heute bei uns zu essen," fügte sie hinzu, indem ihr Blick
sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen
zusammenbiß und sich abwendete.
Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.
Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge
Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand
und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn
Vergier streifte:
"Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre
Abwesenheit sehr bedauert haben."
Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er
machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine
Lippen führen--dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen
Verneigung Herrn Vergier.
Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen
Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein
Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem
Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den
einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte
eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um
ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei.
Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen
aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich
der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis
heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der
Gesellschaft.
Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr
Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen
und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze
Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor,
schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten
mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit
dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier
hinübersah.
Das Diner verlief schweigsam.
Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner
schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte.
Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und
hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch
welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte,
von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.
Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache
Lampe erleuchteten Salon zurück.
Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte,
die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um
seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte,
das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu
machen.
Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines
Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge
Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und
ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte.
"Meine süße Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die
französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich
fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine
vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen
Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir
für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt."
"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der
Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah,
"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fügte sie lächelnd hinzu,
"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres
Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde
ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen
wissen. Der Kampf dafür," fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken
betrachtend fort, "wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist
Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines
so ritterlichen unglücklichen Königs.--Er liebt mich und ich sehe nicht
ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--"
"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern,
ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner
Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu
geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flüchtling--"
"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft,
"genügt Dir diese Heimath nicht?"--
Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:
"Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige,
die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen
Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als
je--"
"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, daß wir uns
trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "daß der Augenblick naht, in
welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt?--Glaube mir, die
Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz
hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und
Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden
Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm
Glück Nichts mehr im Wege stehen."
Er blickte düster vor sich hin.
"Wäre es so wie Du sagst," sprach er, "so würde ich mit froher
Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte
ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion
aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner
Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines
Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande
bin Dir eine Zukunft zu schaffen."
"Das wäre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall
in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in
unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,"
fügte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu
gründen--"
"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser
Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene--der Sache des
Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so
kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine
Existenz schaffen lassen.
Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn
ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines
Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch
ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine
sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie
wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das
Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch
während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst."
Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und
blickte ihm tief in die Augen.
"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschließest, was Du thun
wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird
jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die
deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir
beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen
bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind."
Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen
zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar!--
Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte
sich in ihren Sessel zurück.
Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts.
Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen
Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung
bewegten Stimme.
"Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand
ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß
in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier
eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt
und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.
"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiß, wohin ich gehen werde, um
auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über
Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr
thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen--aber das kommt--"
Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf
den Schnurrbart und schwieg.
"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine
Geliebte anblickend.
"Und die Liebe und Treue wird sich bewähren," erwiderte diese leise.
"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der
Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fräulein," schaltete er mit einer
gewissen mürrischen Höflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir
beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen."
Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater
zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon.
Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig
erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder;
doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht
lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter
schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den
Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte
keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen
würde.
Zweites Capitel.
Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen
Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in
den Tuilerien.
Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden
Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide,
sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren
geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck
tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den
Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der
ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte
in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des
Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in
convulsivischen Zuckungen.
Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher
Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen
schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf
kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck
theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen
schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da
liegenden Souverain.
An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton
beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von
Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein
geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er
auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er
doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit
dem Zustande seines Patienten beschäftigt.
Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand,
aufmerksam dem Pulsschlag folgend.
"Der Puls geht ruhig und gleichmäßig," sagte er sich zu Nélaton wendend;
"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät
gern einige Tropfen Aethergeist einflößen."
"Ich halte das nicht für nöthig" erwiderte Dr. Nélaton. "Die Sondirung
hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist
ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird
das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den
Kaiser Ihrer Sorgfalt," fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, "und
hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont
bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es
sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen."
Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an
seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend,
auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.
Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen,
seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die
Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.
"Ist Nélaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese
entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?"
"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr.
Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben
werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich
hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können."
"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie
glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige
gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden
kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine
Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und
zu handeln."
"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in
diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen.
Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation
durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber
Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als
andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden
überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und
je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr
werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich
auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung."
Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben
meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was
mich so niederdrückt und lähmt--daß die Maschine den Dienst versagt, um
das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft
die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre
ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die
denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen
können--oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen
ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht--fast möchte ich ihn
zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für
mich--beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja
nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die
nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen
Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für
welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens
angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner
irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft
aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze
Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses
Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet
habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige
Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."
"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen
Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und
hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten
legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und
unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn
der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhüten möge, dereinst
berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen
Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen
natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew.
Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die
Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die
Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der
Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."
Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf.
"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein--oder Sie
wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben,
das ich immer mehr verliere.
"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte
Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann
besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das
ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.
"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch
wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser
Bevölkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen
Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des
öffentlichen Lebens."
Dr. Conneau lächelte.
"Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets
unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit
solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie
diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse
der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer
hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre
Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des
öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät
geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten
Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des
Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden
niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an
Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern."
"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich
weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus
dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen
wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare
Gewalt--eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist
da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer
Schwäche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fügte er seufzend
hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es
gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu
stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so
ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den
Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein
möchte.--
"Und nach Außen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu
Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht
vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle
es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach
Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa
bewegen konnte.
"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich
einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny,
Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein.
"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf
den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand
reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht
helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie könnten mir nur
helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben
einzuflößen vermöchten.
"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, "ich wollte
allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr
werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln
die Kraft der Jugend wiedergeben könnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer
augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schüler von Niel, er hat ihm
nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen
gewesen--aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht
fortsetzen.--
"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das
Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick
kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über
meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt.
"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich
einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte.
Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm
Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und
sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu
sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der
pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem
Tode aufhört.
"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen
fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.
"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil
er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte?
"Aber, mein Gott," rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein
unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien--"mein Gott, ich
habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau
und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine
ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn."
In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff
dessen Hand und führte sie an seine Lippen.
"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder
Stimme--"ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den
kaiserlichen Prinzen hinzugeben."--
"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lächelnd, "durch Ihre Kunst
die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und
meinem Sohn den höchsten Dienst leisten."
Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem
Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige
Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem
Glase Wasser.
"Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas
reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu
erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät
die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung
hervorgerufen hatte."
Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne
opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner
Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere
Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender
Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und
der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte.
Er stand langsam auf.
"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte
Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird
der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten
Unfähigkeit herabstimmen."
"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem
Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor
und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl."
"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd--"um zu wollen, dazu
gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der
Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig
herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "für den Augenblick habe ich den
Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse,
denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse."
Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt führte dieselbe an seine Lippen
und verließ das Schlafgemach seines Herrn.
Der Kaiser klingelte.
"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle
Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir
eine so liebe Gewohnheit geworden war."
Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine
Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die
Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur
sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte
von seiner gebrochenen Kraft.
"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den
Spiegel.
"Zu Befehl, Sire."