Am Abend dieser Urteilsfällung über eine Tragödie des Geldes geschahen
Zeichen. Der große gelbe Pan war tot! Der Schrei vom Sterben des _Hugo
Stinnes_ gellte durch die Straßen.
Zugleich bebte und heulte es auf dem Schottenring. Die Börse bäumte sich
in Krämpfen über den mißglückten Frankenfeldzug. Verhaftungen und
Selbstmorde lösten einander ab.
Die Spannung, die die Verhandlung gefedert hatte, erschlaffte davor. Man
fand nicht rechte Muse, ein Urteil zu überdenken vor der größeren
Götterdämmerung, darin wieder ein goldener Hort in den Fluten versank.
Was war auch das Fazit aus Tat und Gericht? – Ob Otto Eißler, der
fünfzigjährige, sein Dezennium Haft unversehrt überstehen würde, ob er
vorher in einer Heilanstalt oder auf einem Friedhofe ersehnte Rast
erführe, – ein Abgeschiedener ist er schon heute für diese Welt, um die
er so verzweifelt gekämpft hat bis zum Verbrechen. Sein Los nahm nun
scheinbar doch die Kurve zur großen Verwirrung hinüber, die die
Psychiater leugneten. In der Strafanstalt _Stein an der Donau_,
derselben, aus der die Revolution einst _Friedrich Adler_ befreit hatte,
spürte sich Otto Eißler vorerst tief erlöst. Die Ruhe, die er nach der
Tat gezeigt, dem Psychiater anstößig, dem Psychologen leicht erklärlich,
folgte ihm auch dorthin. Fühlte er sich ja endlich entladen von dem
Verhängnis seiner Tat, die wie ein keimendes Leben in ihm gewachsen war
und nun mit ihrem Ausbruche sein Innerstes gereinigt hatte. Bald aber
schatteten die alten Ängste wieder um ihn, Stimmen hörte er vor seiner
Zelle tuscheln, er argwöhnte Komplotte und Attentate gegen die Seinen,
wähnte die Kinder in Not, die Gefährtin verfolgt von den Feinden, deren
Rache noch immer nicht gesättigt sei, – und schrie Hilfe herbei, –
schrie, bis man ihn in Einzelhaft steckte, schrie darin fort, – so daß
man ihn schließlich nach Wien zur Beobachtung überwies. Um ihn von dort
wieder ergebnislos zurückzusenden. Als einen, der ja wirklich nicht irre
war nach ärztlichem Ermessen, eher ein irre Gewordener an der
Menschheit. Kein Geisteskranker, doch krank am Geiste, noch nicht
umnachtet, aber in Nebel geraten. Dem lindere Strafe oder Freispruch
vielleicht noch einen anderen Freispruch bedeutet hätte, Freispruch von
seinen Gesichten, denen er nun wehrlos überliefert ist.
Wen mußte man auch vor diesem ohnehin rettungslos in sich Verkerkerten
schützen? Durch zehn Jahre äußeren Kerker? Die Tat, die, – ob elementar
oder nicht, – aus dem sozialen Gefühle verletzten Rechtes erfolgt war,
ließ sie je Wiederholung durch ihren Urheber befürchten? An wem? In
einem Wiener Vororte stieß weniges später ein roher Bursche einen seiner
friedlichen Wehrlosigkeit allgemein als „Waserl“ bezeichneten älteren
Mann nach vorhergegangenen und bezeugten Drohungen das Messer tötlich in
die Brust; er erhält zwei Jahre, dann wird er wieder auf seine
Mitmenschen losgelassen. Und hier –? Eißler war kein Verbrecher im
strengen Sinne, keiner, vor dem sich das Leben durch seine dauernde
Versperrung hüten mußte, vielmehr vollgültig das, was der Titel dieser
ganzen Sammlung vereinigt: _Ein Außenseiter der Gesellschaft_. Und auch
hierin wieder „cum grano salis“. An der Gesellschaft hatte er sich
versündigt, nicht an der Gemeinschaft. Vor ihrer großen und letzten
Instanz wird er nicht als der Schuldige befunden, noch jener Andere,
jener Gewaltige des Kapitales, der hingestreckt worden war von ihm, weil
sie einander ihre Macht beweisen wollten. Nicht der Mann, der sich
vermaß, mit sechs Schüssen der Gerechtigkeit Gottes zu dienen, nicht der
von ihm Gefällte, der ein freudloser Knecht seiner Bestimmung zeitlebens
geblieben war. _Das Geld_ – war hier Tat und Untat. Wie es Urheber aller
Kriege und Greuel unter der heiligen Einmaligkeit unseres Lebens ist.
Geld – war es, das den Hingemeuchelten zu seinem Kampf gestachelt hatte,
den er mit seinem Blute zahlen sollte, Geld, das den Rächer blendete vor
seinem eigentlichen Feind und seine Hand gegen ein armes, gleich ihm von
seiner Sucht gehetztes Menschenkind erheben ließ. Die Richter griffen
und begriffen bloß das Nächste: Einen Mörder, der ebenso zu Boden lag
wie der Gemordete.
Frei blieb – das Geld. Und weiter wandert es, von Blut zu Blut, von
Geist zu Geist, von Macht zu Macht. Weiter kuppelt es Verwandtenehen,
daß sein Sakrament nicht der Familie entgleite, weiter zeugt es dort
Lebensschwache, Gezeichnete an Körper und Hirn, weiter spaltet es
Geschwister und Liebende, weiter verführt es Freundschaft, Treue,
Bereitschaft für alle Menschen zu Lüge, Haß und Verrat an der höheren
Sache um seines treulosen Metalles willen. Zur Wissenschaft ist es
geworden, zum höllischen Homunculus aus Unzucht zwischen Mensch und
Ding. Und auch dieser Prozeß, der darum ging, wird in seiner Art ein
Stundenschlag im Mitternachtzeichen einer Weltordnung, die solcher
Wissenschaft eifrigster Adept gewesen. Einer Weltordnung, der das
apokalyptische Chaos eines Jüngsten Tages folgen kann, wenn sich die
Menschheit nicht bald auf eine neue reinere Form der Gemeinschaft
besinnt und sie sich zu einem Gesetze macht, dem es dann nicht mehr
auferlegt werden braucht, über Fälle wie diesen zu richten.
In der Sammlung
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
sind bis jetzt folgende Bände erschienen:
Band 1:
ALFRED DÖBLIN
DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
Band 2:
EGON ERWIN KISCH
DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
Band 3:
EDUARD TRAUTNER
DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
Band 4:
ERNST WEISS
DER FALL VUKOBRANKOVICS
Band 5:
IWAN GOLL
GERMAINE BERTON, DIE ROTE JUNGFRAU
Band 6:
THEODOR LESSING
HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
Band 7:
KARL OTTEN
DER FALL STRAUSS
Band 8:
ARTHUR HOLITSCHER
DER FALL RAVACHOL
Band 9:
LEO LANIA
DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
Band 10:
FRANZ THEODOR CSOKOR
SCHUSS INS GESCHAEFT (DER FALL OTTO EISSLER)
Band 11:
THOMAS SCHRAMEK
FREIHERR VON EGLOFFSTEIN
Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN
Band 12:
KURT KERSTEN
DER MOSKAUER PROZESS GEGEN DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922
Band 13:
KARL FEDERN
DER PROZESS MURRI-BONMARTINI
Band 14:
HERMANN UNGAR
DIE ERMORDUNG DES HAUPTMANNS HANIKA
*
Ferner erscheinen noch Bände von:
HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER
HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO
MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB
WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN.