Urwald in _Bosnien_. Schluchten klaffen, Berge bäumen sich, Gewässer
zischen von eisenfarbenen Felsen nieder, und überall nistet, wuchert,
drängt sich Gehölz. Heldenliedergegend, Wild-West des Balkan, kaum
erforschtes Tibet Europas, das hier beginnt und am Griechenmeere in
Saloniki endet. Land des großen Zaren Dušan, Land des südslavischen
Siegfried, Marko Kraljevics, Land des serbischen Kaiserreiches und des
türkischen Herrenvolkes nach dem Abendrot am Kossowo polje, am
Amselfeld. Und Land zuletzt, aus dem der Anlaß des gräßlichsten Krieges
mit zwei Schüssen an der Lateinerbrücke in Sarajevo aufblitzte.
Stolzester Hengst in der Hürde der Alten Welt. Der Muselmann hat ihn nie
ganz gebändigt, der Kroate nicht und nicht der serbische Bruder; der
Venetianer langte wenig über seine dalmatinische Küste herein, und
selbst der großmächtige Herr Ungar stieß hier auf Widerstand. Aber Geld
und Gewinnsucht scheuen nichts, und wie die Republik von San Marco vor
einem halben Jahrtausend Dalmatiens Waldgebirge in eine heute noch
erschütternde Steinwüste wandelte, so rückt man auch hier seit
Jahrzehnten den scheinbar unerschöpflichen Forsten an den grünen Leib.
Um ihre Ränder beißen sich Häuflein Menschen fest; kleine saubere
Häuschen quellen aus dem Boden, ein Klondyke des Holzes, blanke
Maschinen funkeln. Das knirscht, kracht, splittert und sägt den ganzen
Tag durch, nagt sich furchtlos ein in die verfitzte Wildnis, über der
die Geier nun wie graue Zeichen des Waldsterbens kreisen, und zieht
seinen vorgesehenen Borkengang. Hinter sich läßt es Scheiterhaufen von
rauchenden Meilern und riesige Schichten von Baumleichen, die kleine
Lokomotiven auf schmalspurigen Gleisen flink nach den Umschlagstellen
befördern, wo die großen Eisenbahnen die Tore zur Welt aufreißen.
Es sind mächtige Herren, die hinter dieser namenlosen Arbeit sitzen, und
auf den Börsen brausender Städte schreien Papiere, die den Fleiß tausend
gering bedankter Hände anpreisen, und irgendwo, in Biarritz oder Ostende
oder Capri erholt sich einer, von ihnen getragen, oder haust
zeitentrückt als stiller Teilhaber und Villenfürst inmitten schöner
alter Gemälde, auf denen Menschen friedlich in heiligen Hainen wandeln
oder hängt kostbare Bernsteinketten, goldfarben wie die Harztränen der
Tannen um einen kühlen nackten Frauenleib oder sitzt rastlos in einer
Kontorhölle der Metropole, umknattert von Schreibmaschinen, umschrillt
von Telephonen, umquirlt von Menschen, wie eine Spinne im Netz, die
jeden Faden prüft. Er ist der Typus seiner Zeit, der Parforcemensch am
Schreibtisch. Stärkster wird er von allen, weil er sich zum Regulator
der Kraft macht, die ihn umströmt; er vertausendfacht sie durch die
eherne Zwinge, in die er sie nimmt. Er hieße über dem großen Wasser
Rockefeller, Morgan, Ford oder mit sonst einem Stahl-, Holz- oder
Ölkönigsnamen. Er heißt in unserem Falle _Robert Josef Eißler_, thront
als _Chef einer hundertjährigen weltumspannenden Holzindustrie in Wien_
und arbeitet, arbeitet wie ein Besessener ohne sich je auch nur den
kleinsten Genuß zu gönnen, arbeitet um der Arbeit willen, die ihn ganz
verschlungen hat, arbeitet zu Hause, auf der Bahn, im Auto; nichts
bleibt so abseitig, das er nicht wahrnimmt, nichts so vollendet, dem er
nicht mißtraut, er ist nur mehr rechnendes Gehirn, schreibende Hand,
Mund, der befiehlt. Unter der Peitsche seiner Augen leistet jeder das
Äußerste; bis in die entferntesten Länder spüren sie diesen Blick, in
Blockhäusern, auf Sägewerken, durch Urwaldgrün hindurch, wo immer sein
Name zu Werk wird. Und das wird er in mächtigstem Ausmaß. Da ist allein
die bosnische Satrapie, die er mit dem Münchner _Ortlieb_ führt, von
Vorkriegsjahren her, und unversehrt sich im verlornen Land erhalten hat.
Von den mehreren hunderttausend Hektaren werden jährlich an die tausend
geschlagen und einhundertfünfzig Kilometer Schienennetz seiner
Privatbahn, auf der zwanzig Lokomotiven unter Dampf stehen, vermitteln
den Verkehr der Menschen und Waren in seinem Reich. Über dreitausend
Arbeiter roden, fällen, schlichten dort die Wirrnis des Krywayatales,
des Zepugebietes, Namen wie aus dem afrikanischen Dschungel. Und das
alles bedeutet erst eine Provinz seines Königreiches, die ihn auf
Jahrzehnte mit unversieglichen Rohstoffen versorgt; in _Kroatien_
besitzt seine Dynastie ein Gut, in Österreich hat seine Gründung, die
Holzbank, in dem durch Minister Dr. _Schürff_ zur Parlamentsdebatte
gemachten _Reichraminger Holzabstockungsvertrag_ der jungen Republik
ihren Einfluß spüren lassen, in _Ungarn_ herrscht die Firma als
„_Eissler es testvere_“, dort wie in Bosnien seit Friedenszeit, wo
einst der Finanzminister _Kallay_ seiner Abmachungen mit dem
geschäftstüchtigen Hause wegen im magyarischen Abgeordnetenhaus manche
Unannehmlichkeiten erfuhr. „_Eissler i fratti_“ nennt sich die
_rumänische_ Kolonie, „_J. Eissler bratri_“ heißt sie in der
_Tschechoslovakei_. Und das lediglich als zentraler Kommandoraum des
ganzen Kraftwerkes tätige Wiener Stammgeschäft führt den Titel „_J.
Eißler und Brüder_“. Aber von den mitgenannten Brüdern ist in der
zweiten von Robert Eißler geleiteten Generation nichts zu verspüren; was
immer da beteiligt war, verschwand allmählich vor dem despotischen Chef,
der das Geschäft trotz Krieg und Niederlage wieder zu der europäischen
Geltung gebracht hatte, die es vorher besaß. In viele Friedensmillionen
steigerte er das Vermögen, sicherte seine Betriebe durch geschickte
Staatsverträge wie ein Monarch, wußte sich siegreich gegen gewaltige
Konkurrenten auf dem Weltmarkt zu behaupten, indem er sie verdrängte
oder durch Bündnisse entwaffnete. Seiner robusten Energie war es nicht
gegeben, sich an gefälligen Dingen zu freuen, an Büchern, an Bildern, an
Schauspielen; aller Trieb seiner Rasse nach äußerer Tätigkeit nach dem,
was _Peter Altenberg_ „die hundertperzentige Verzinsung des Lebens“
nannte, blieb in ihm am stärksten gehäuft und angespannt. Um sich fand
er selten Widerstand; ruhige Menschen, durchtränkt von der etwas müden
Kultur jüdischen Patriziates bis zur Schrullenhaftigkeit, bildeten seine
Verwandtschaft. Doktor _Hermann Eißler_, einer von ihnen, schuf sich
eine Gemäldegalerie von internationalem Ansehen, darin besonders die
Franzosen des neunzehnten Jahrhunderts von Delacroix und Gericault an
glänzend vertreten sind; _Gottfried_, ein anderer – kürzlich verstorben
– nannte eine der schönsten Erstdruckbibliotheken und eine der besten
Wiener Miniaturensammlungen sein eigen. Gewiß, auch sie hatten sich alle
wahrhaft gerackert, nur waren sie nie so sehr der Despotie ihrer Arbeit
verfallen, daß sie in ihrem Tagwerk ausschließlich Zweck und Ziel ihres
Daseins sahen. Doch Robert Eißler kannte nur dieses. Er war rauh wie
Esau, aber ein Esau, der auf seiner Erstgeburt bei Acker und Herden
bestand und hinweggestampft wäre über Jakob und Abraham. Dem
Märchenhelden Wilhelm Hauffs glich er, dem Kohlenbrenner Peter _Munk_
mit dem kalten Herzen. Der barsche, finstere Mann, der mit seinen
Untergebenen im Feldwebelton verkehrte, sie vor sich stramm stehen ließ
und ähnliche militärische Bräuche trieb, hatte dem Moloch des Geschäftes
sein Leben hingeopfert in des Wortes blutigster Wahrheit. Ihm schien es
dabei vielleicht nicht so sehr um Gewinn zu tun, wie um das Würfelspiel
der Macht, darin erhöhter Glanz der Dynastie zum Preise stand. Dazu wäre
ihm nichts zu groß oder zu gering gewesen, dazu gewann er sich – der
Hergang ist noch später zu erörtern – sechshunderttausend Goldkronen
Mitgift, die ihm als Geschäftseinlage binnen Jahresfrist von seiner
Bewerbung an zur Bedingung gestellt worden waren, um als öffentlicher
Gesellschafter sich einzukaufen, und wie er sich der Protokollierung
seines Namens wegen verehelichte, so geschah auch nachträglich kein
Schritt, den nicht das Kontor gebot. In die Kasteiung mit Arbeit
flüchtete er gewissermaßen vor sich selbst, wohl aus dem Gefühle, bei
einem einzigen Augenblick Ruhe müßte ihn die Rasanz des eigenen Motors
in Stücke reißen. „Der Staat bin ich!“ konnte er auch schließlich von
seinem Reiche behaupten, denn alles um sich hatte er schachmatt gesetzt,
zur Ohnmacht verurteilt. Seine Vettern ließen sich von ihm abholzen wie
die Bäume des Krywayatales; sie, die in einem Winkel ihrer Seelen doch
noch zu dem alten besinnlichen Wien zählten, wichen auch widerspruchslos
seiner Keilerwut nach Arbeit, begnügten sich als Firmenvorstände ohne
größeren Einfluß, erfrischten sich im übrigen bei ihren Bildern, Statuen
und anderen Liebhabereien in einer sanfteren Welt, in die das Ächzen der
sterbenden Wälder nicht mehr herüberdrang.
Nur bei Zweien von ihnen galt es Kampf bis aufs Messer: Es waren Onkel
und Vetter des allmächtigen Seniorchefs, Vater und Sohn, beide
Phantasten in ihrer Art, die hier an einen Tatsachenmenschen gerieten, –
sie hießen _Heinrich_ und _Otto Eißler_.