Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch

In den »Spiegelsälen« am Heiderand ist Maskenball! Seit Stunden hupen

die Autos die Landstraße entlang. Großstadtvolk wogt in den bunt

ausstaffierten Räumen; die Luft wird heiß, und heißer werden die Sinne.

Sektpfropfen knallen; gleich bunten Meteoren ziehen farbige Schlangen

durch den schwülen Himmel dieses »Paradieses«. – Und draußen über der

Heide atmet in gewaltiger Stille die Nacht!

Himmelsreinheit, Kraft, Trost, Stärkung – sollten die Leutlein im

Tanzsaal es wirklich nicht wissen, wo ihnen eigentlich mehr geboten

wird und für billigeren Eintrittszoll – auf der breiten Kulturfläche

neben dem Altholz, oder unter den türkischen Haremszelten und den

gemalten Bäumen voll goldener Früchte und bunter Vögel?

Ja, aber das Eintrittsgeld! Wie viel leichter greift sichs doch einmal

gründlich in Portemonnaie und Brieftasche, als in die eigene Seele.

Die ist doch jetzt so hübsch zur Ruhe gekommen, wohl eingewickelt

und eingeschlafen, nachdem sie sich – in den ersten Großstadtjahren

ihres Besitzers wenigstens – oft so ängstlich aufgebäumt und gesehnt

hat. Und nun soll sie auf einmal geweckt werden und als »Entree« dem

nächtlichen Walde dargebracht werden? »Nicht zu machen«, sagt der

Besitzer des Seelchens, »sollte mir einfallen!« Und mit einem Seufzer

der Erleichterung rückt er sich in seiner Autoecke zurecht. Er für sein

Teil zieht das Etablissement am Heiderand vor und läßt den Heidekern

liegen.

[Illustration: =Blick vom Hellerberg auf Dresden=]

Zwei Kilometer entfernt vom Ballhaus erheben sich drin in der Heide

die zwei Dünen, auf denen selbst die anspruchslose Kiefer nicht recht

hoch kommen will. Überall schimmert der weiße Sand durch die Zeilen;

manchmal haben sich Lücken in der Besamung gebildet von Stubengröße.

Inmitten eines solchen freien Flecks reckt sich ein dunkler Tierkörper

auf. Ein Stück Rotwild ist es – steil gerichtet die Lauscher, der

Windfang in witterungssaugender Bewegung. Was sind das für Laute, die

der Nachtwind heute heraufträgt? Was ist bei dem Menschenvolke heut los?

[Illustration: =Vom Heller=]

Das klingt nicht wie das Hornsignal, wenn die Schützen angestellt sind

und die Treiber losgehen. Das schmettert nicht »Hirsch tot« und grüßt

nicht »Jagd vorbei« – es ist etwas Krankes in dem Getön. Bald quäkts

wie ein klagender Hase, bald rummst es wieder, wie wenn ein steinaltes

Stück schreckt – kenne sich eines aus unter den Menschen! Und ärgerlich

schlägt das Tier nach dem Hirschkalb, das gerade seinen Dickkopf zum

Gesäug drängen muß, wo Meister Lampe atemlos herangehoppelt kommt.

»Schaudervoll, höchst schaudervoll« hebt er an und erzählt, was er am

Straßenrand unterm Holundergebüsch mit angesehen hat von dem Getriebe.

Ganz warm redet er sich und merkt selbst, daß er ein wenig ins

Aufschneiden kommt, da unterbricht er sich plötzlich und äugt nervös in

die Höhe. Ein Schatten gleitet heran, weit klafternd und lautlos. Auf

dem Überhälter am Fuße des Sandbergs hakt der neue Ankömmling auf, und

gräulich glühn ein paar sprühende Funken aus dem dicken Klumpen heraus.

Eine Weile sitzt der Waldkauz ganz still, dann duckt er sich, verbeugt

sich nach beiden Seiten und schließlich bricht er in ein wahrhaft

höllisches Hohnlachen aus. Durch Mark und Bein dringt das. Dann hat er

sich wieder beruhigt und berichtet nun seinerseits, was er gesehen

hat am Heiderand. Er hat sich noch weiter vorgewagt, als der Hase.

Über dem Fensterbogen des Saales hat er gesessen und hineingeschaut in

das Menschengetobe, die Seher sind ihm alsbald blind geworden von der

gleißenden Lichtflut. Da hat er sich abgeschwungen, aber ein Andenken

hat er mitgebracht. Ein langes Stück von der roten Schlange hält er im

Schnabel, die vor dem Haus grad durch die Luft flog, als er abstrich.

»Das schenke ich Ihnen, Frau Base, fürs kommende Wochenbett«, schließt

er mit einer Verbeugung zur Waldohreule hinüber, die seiner Erzählung

vom Nachbarbaume gelauscht; und noch einmal gellt sein Gelächter durchs

Holz – wilder noch, verzweiflungsvoller als vorher.

[Illustration: =Vom Heller=]

Ein Ästchen knackt in der Dickung. Das Alttier tritt unruhig zur Seite;

zwei schwarze dicke Klumpen schieben sich auf das Lichte. »Stuß und

Humbug« grunzts unterm Gebrech des Keilers hervor »mehr als je ist mir

das Menschenvolk heut zuwider; mag gar nichts mehr von ihm hören. Komm

mit, Alte, hinunter zum Moorloch an die Suhle. Ruff, kommst du wohl,

Alte?« – Das Getier ist verschwunden. Einsam zieht eine Sternschnuppe

über den Wald. –

Der Föhn ist herübergesprungen über den Erzgebirgswall. Die blanken

Tage sind weg, fortgeschwemmt in einem Meere von Regen und Nebel.

Aschermittwochsstimmung in der Natur, fast eine Woche lang. Da treffe

ich ihn! »Hallo, junger Freund, wie geht es?« »Ach, reden Se nich –

flau. Maskenball – Kater – kaputt.« Ganz erbärmlich schaut er aus, in

der Tat. »Nun, wissen Sie was,« sage ich zu ihm, »da will ich Sie heute

nachmittag mal in die Kur nehmen. Es regnet gerade so schön. Wir gehen

zusammen über die Heide.«

»Heide, heut nachmittag, bei diesem Wetter –« ganz entgeistert sieht

er mich an. »Stimmt, mein Lieber, punkt zwei Uhr Abmarsch. Heidemäßig

angezogen, bitt ich mir aus!« –

Das gefällt mir an dem Jungen, pünktlich ist er! Im strömenden Regen

treten wir an. Erst stöhnt mein Begleiter wohl manchmal über Nässe und

Moor, aber wie es den steilen Abhang am Flügel hinabgeht, da folgt er

mir in ganz artigen Bocksprüngen und ganz unten tut er noch ein übriges

– wie ein Hirsch fliegt er über den breiten Wasserlauf. Schmunzelnd

seh ich ihm zu – er wacht auf. Von nun an aber überlasse ich ihn sich

selber; das viele Reden in der Heide liebe ich nicht. – Mag der Wald zu

ihm sprechen!

Die Kiefer herrscht hier in dem Grunde, der Charakterbaum der Dresdner

Heide. Zu welch wundervollem Gebilde kann sie sich auswachsen, wenn

ihr Zeit und Raum gegönnt wird, wie eben hier. Und welche Farbe

bringt sie ins Waldbild! Heute steht ihr Stamm schwarzgrau und naß,

nur die kleinen Moosstücken in der schrundigen Borke leuchten wie

eingesetzter Smaragd. Aber geh einmal hinaus, wenn die Morgensonne

eben durchs Wipfelgewölb sticht. Im hauchzarten Violett leuchten sie

da, die mächtigen Stämme, aller Schwere entäußert, und bis sie im

tiefgesättigten Altkupferglanz, im glühenden Purpur der Sonnenrüste

vom Tage Abschied nehmen, da haben sie dem besinnlichen Beobachter der

Farbenwunder genug gezeigt in eines einzigen Sonnenscheins Dauer. – – –

[Illustration: =Vom Heller=]

Nicht schlecht haben die Stürme der letzten Tage in die Bestände

gegriffen. Fünf, sechs gewaltige Wurfböden wenigstens ragen dort empor.

Heideboden, zu graublauem Humus geworden durch jahrhundertelangen

Nadel- und Laubfall, tiefschwarze Moorballen, Granitgeröll hängen

noch im zerrissenen Wurzelgeäst. Es ist ein geheimnisvoller Reiz,

so in den uralt heiligen Waldesboden, in das Bereich der zwergigen

Wichtel schauen zu können. – Wenig später stehen wir dann auf einer

der mächtigen Blößen, die sich oft kilometerweit durch unsere Heide

ziehen und die ihr den landschaftlichen Hauptreiz verleihen. Wenn du,

lieber Großstadtmensch, einmal eine Herzstärkung brauchst, so geh an

einem Regentag, wie dem heutigen etwa, einmal über solche Waldblöße. Da

siehst du die Schöpfung in ihrer rechten Größe und Herrlichkeit.

In grauen Schleiern zieht der Nebel über die Fläche, schwarztrotzig

stehen die kleinen Kiefernpflanzen im fahlen Riedgras. Wo einmal

drei, vier ältere Bäume horstartig beisammenstehen, steigt ein

Rauchschwaden aus dem feuchten Waldboden auf. Weit hinten säumt ein

feingezahnter dunkler Streif halbwüchsiger Fichten das Altholz, das

wie ein verschwommener Gebirgszug sich hinwälzt. Und mitten auf der

Lichtung ein paar Buchenüberhälter mit weißgrauen Ästen und hauchzarten

Zweigspitzen; wie schön ist ein Laubbaum auch ohne Blätter! Bewundernd

gleitet das Auge über das prachtvolle Architekturstück im Walde, die

silberne Säule des Stammes, die kühnen Gewölbeanläufe des Astwerks.

Lautlos rinnt das Himmelswasser am glatten Buchenschafte herab ins

kupfrige Altlaub, aber laut klöpfelnd springts von den knotigen

Ruten der Lärchen in den Abzugsgraben, der metertief gefüllt sich

hier hinzieht. Ein wahrer Urwald hochstengeliger Moose begleitet den

Wasserlauf, und auf seinem Grunde wogt es von dunkelgrünen Gewächsen

mit wehendem Triefhaar.

Welch schöne Rücksichtnahme auf landschaftliche Belange läßt die

neuzeitliche Forstwirtschaft in der Heide doch walten. In wahrem

Entzücken betrachte ich den übrig gelassenen durchsichtigen Schopf

alter Kiefern, etwa zwanzig hoher Stämme von beinahe südländisch

anmutender Eigenart, mitten auf solcher Blöße. Oder an anderer

Stelle der kohlschwarze Stamm des einsamen, vom Abtrieb verschonten

Schotendornbaumes, der »falschen Akazie«, mit dem leidenschaftlich

verrenkten Gezweig. Man will es dem rauhen Gesellen kaum glauben, daß

er im Juni die Lüfte mit solcher Süße erfüllt, wenn seine Schwärze

unter weißem Blütengeriesel verschwindet.

Bei den Erlen drüben steht ein Stück Damwild. Blauschwarz die nasse

Decke, fahl die Flanken, sichert es mit langem Halse zu uns herüber,

dann geht es in dem seiner Art eigenen Ziegentrab ab.

[Illustration: =Vom Heller=]

Wie sehr belebt doch unser Wild das Waldbild. Sollte man es für möglich

halten, daß es selbst unter den berufenen Hütern des heimischen Tanns,

unter den Forstleuten, Männer gibt, die es am liebsten sehen würden,

wenn endlich der Tag heraufzöge, da der letzte Hirsch, das letzte Reh

auf der Decke lägen? Nicht ungezügelte Jagdleidenschaft gibt diesen

Herren solch’ grimme Gedanken. Übertriebene Sorge um ihre Pflanzungen

und Bestände läßt sie keine Ruhe finden. Verbißschäden, eine geschälte

Fichtenstange gar, bringen sie zur Verzweiflung. »Fort mit dem Wild!

Der moderne Wald hat keinen Raum mehr dafür.« Das ist der Schlachtruf

dieser übereifrigen Beamten.

Haben die Herren denn gar kein Gefühl für den hohen ästhetischen Wert,

den das Vorhandensein eines bescheidenen Wildstandes darstellt? Spüren

sie denn gar nichts vom Zauber, der vom schlanken Reh, vom starken

Hirsch im grünen Walde ausgeht? Muß erst alles durch nachprüfbares

Zahlenwerk seine Lebensberechtigung erweisen, was da fleucht und

kreucht? Soll es dahin kommen, daß unsre Kinder Wildsau, Hirsch und

Rehbock bloß noch im Glaskasten des zoologischen Museums anstaunen

können? Nein und aber Nein! Es ist ernste Aufgabe aller Freunde des

Heimatschutzes, dafür einzutreten, daß der Mensch nicht jegliches

Getier ausrotte, das seinen Nützlichkeitsberechnungen im Wege steht.

Beherzigen wir des Dichters Worte:

»Wild und Wald, die beiden hat

Gott zusammen gegeben.

Nehmt sein Wild dem deutschen Wald

Und ihr nehmt sein Leben.«

Was will übrigens der Schaden bedeuten, den unsre überall so

herabgeminderten Wildstände im Walde verursachen, gemessen an den

furchtbaren Verlusten, die entstehen, wenn die Natur selbst sich im

Grimme aufmacht und mit schweren, ehernen Händen das vom Menschen

mühsam Herangezogene zerschlägt? Sturm- und Wasserschäden, Nonnenfraß

und Forleule, Waldbrand und Schneebruchkatastrophe! Übertreiben wir

doch nicht im Mikroskop wirtschaftlicher Besorgnisse das Maß der

hiergegen so geringfügigen Wildschäden.

Immer wieder gibts eine neue Abwechslung, eine neue Überraschung auf

unserm Regenspaziergang. Die beste kommt zuletzt. – Eben haben wir

auf tiefroter Nadelschütte den dämmernden Fichtenort durchquert, da

leuchtet fern im Westen ein goldenes Tor durchs zerrissene Gewölk, den

grauen Tag verklärt ein versöhnlicher Abend! Und die Hasel läßt ihre

Fähnlein hoffnungsfroh wehen, und die Schwarzdrossel ruft. Jawohl, es

wird Frühling. – – –

Wie gehts nun, mein Junge? Frisch und gesund wieder? Freut mich zu

hören. Bedank Er sich bei der Frau Heide!

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 56 / 68 题