In den »Spiegelsälen« am Heiderand ist Maskenball! Seit Stunden hupen
die Autos die Landstraße entlang. Großstadtvolk wogt in den bunt
ausstaffierten Räumen; die Luft wird heiß, und heißer werden die Sinne.
Sektpfropfen knallen; gleich bunten Meteoren ziehen farbige Schlangen
durch den schwülen Himmel dieses »Paradieses«. – Und draußen über der
Heide atmet in gewaltiger Stille die Nacht!
Himmelsreinheit, Kraft, Trost, Stärkung – sollten die Leutlein im
Tanzsaal es wirklich nicht wissen, wo ihnen eigentlich mehr geboten
wird und für billigeren Eintrittszoll – auf der breiten Kulturfläche
neben dem Altholz, oder unter den türkischen Haremszelten und den
gemalten Bäumen voll goldener Früchte und bunter Vögel?
Ja, aber das Eintrittsgeld! Wie viel leichter greift sichs doch einmal
gründlich in Portemonnaie und Brieftasche, als in die eigene Seele.
Die ist doch jetzt so hübsch zur Ruhe gekommen, wohl eingewickelt
und eingeschlafen, nachdem sie sich – in den ersten Großstadtjahren
ihres Besitzers wenigstens – oft so ängstlich aufgebäumt und gesehnt
hat. Und nun soll sie auf einmal geweckt werden und als »Entree« dem
nächtlichen Walde dargebracht werden? »Nicht zu machen«, sagt der
Besitzer des Seelchens, »sollte mir einfallen!« Und mit einem Seufzer
der Erleichterung rückt er sich in seiner Autoecke zurecht. Er für sein
Teil zieht das Etablissement am Heiderand vor und läßt den Heidekern
liegen.
[Illustration: =Blick vom Hellerberg auf Dresden=]
Zwei Kilometer entfernt vom Ballhaus erheben sich drin in der Heide
die zwei Dünen, auf denen selbst die anspruchslose Kiefer nicht recht
hoch kommen will. Überall schimmert der weiße Sand durch die Zeilen;
manchmal haben sich Lücken in der Besamung gebildet von Stubengröße.
Inmitten eines solchen freien Flecks reckt sich ein dunkler Tierkörper
auf. Ein Stück Rotwild ist es – steil gerichtet die Lauscher, der
Windfang in witterungssaugender Bewegung. Was sind das für Laute, die
der Nachtwind heute heraufträgt? Was ist bei dem Menschenvolke heut los?
[Illustration: =Vom Heller=]
Das klingt nicht wie das Hornsignal, wenn die Schützen angestellt sind
und die Treiber losgehen. Das schmettert nicht »Hirsch tot« und grüßt
nicht »Jagd vorbei« – es ist etwas Krankes in dem Getön. Bald quäkts
wie ein klagender Hase, bald rummst es wieder, wie wenn ein steinaltes
Stück schreckt – kenne sich eines aus unter den Menschen! Und ärgerlich
schlägt das Tier nach dem Hirschkalb, das gerade seinen Dickkopf zum
Gesäug drängen muß, wo Meister Lampe atemlos herangehoppelt kommt.
»Schaudervoll, höchst schaudervoll« hebt er an und erzählt, was er am
Straßenrand unterm Holundergebüsch mit angesehen hat von dem Getriebe.
Ganz warm redet er sich und merkt selbst, daß er ein wenig ins
Aufschneiden kommt, da unterbricht er sich plötzlich und äugt nervös in
die Höhe. Ein Schatten gleitet heran, weit klafternd und lautlos. Auf
dem Überhälter am Fuße des Sandbergs hakt der neue Ankömmling auf, und
gräulich glühn ein paar sprühende Funken aus dem dicken Klumpen heraus.
Eine Weile sitzt der Waldkauz ganz still, dann duckt er sich, verbeugt
sich nach beiden Seiten und schließlich bricht er in ein wahrhaft
höllisches Hohnlachen aus. Durch Mark und Bein dringt das. Dann hat er
sich wieder beruhigt und berichtet nun seinerseits, was er gesehen
hat am Heiderand. Er hat sich noch weiter vorgewagt, als der Hase.
Über dem Fensterbogen des Saales hat er gesessen und hineingeschaut in
das Menschengetobe, die Seher sind ihm alsbald blind geworden von der
gleißenden Lichtflut. Da hat er sich abgeschwungen, aber ein Andenken
hat er mitgebracht. Ein langes Stück von der roten Schlange hält er im
Schnabel, die vor dem Haus grad durch die Luft flog, als er abstrich.
»Das schenke ich Ihnen, Frau Base, fürs kommende Wochenbett«, schließt
er mit einer Verbeugung zur Waldohreule hinüber, die seiner Erzählung
vom Nachbarbaume gelauscht; und noch einmal gellt sein Gelächter durchs
Holz – wilder noch, verzweiflungsvoller als vorher.
[Illustration: =Vom Heller=]
Ein Ästchen knackt in der Dickung. Das Alttier tritt unruhig zur Seite;
zwei schwarze dicke Klumpen schieben sich auf das Lichte. »Stuß und
Humbug« grunzts unterm Gebrech des Keilers hervor »mehr als je ist mir
das Menschenvolk heut zuwider; mag gar nichts mehr von ihm hören. Komm
mit, Alte, hinunter zum Moorloch an die Suhle. Ruff, kommst du wohl,
Alte?« – Das Getier ist verschwunden. Einsam zieht eine Sternschnuppe
über den Wald. –
Der Föhn ist herübergesprungen über den Erzgebirgswall. Die blanken
Tage sind weg, fortgeschwemmt in einem Meere von Regen und Nebel.
Aschermittwochsstimmung in der Natur, fast eine Woche lang. Da treffe
ich ihn! »Hallo, junger Freund, wie geht es?« »Ach, reden Se nich –
flau. Maskenball – Kater – kaputt.« Ganz erbärmlich schaut er aus, in
der Tat. »Nun, wissen Sie was,« sage ich zu ihm, »da will ich Sie heute
nachmittag mal in die Kur nehmen. Es regnet gerade so schön. Wir gehen
zusammen über die Heide.«
»Heide, heut nachmittag, bei diesem Wetter –« ganz entgeistert sieht
er mich an. »Stimmt, mein Lieber, punkt zwei Uhr Abmarsch. Heidemäßig
angezogen, bitt ich mir aus!« –
Das gefällt mir an dem Jungen, pünktlich ist er! Im strömenden Regen
treten wir an. Erst stöhnt mein Begleiter wohl manchmal über Nässe und
Moor, aber wie es den steilen Abhang am Flügel hinabgeht, da folgt er
mir in ganz artigen Bocksprüngen und ganz unten tut er noch ein übriges
– wie ein Hirsch fliegt er über den breiten Wasserlauf. Schmunzelnd
seh ich ihm zu – er wacht auf. Von nun an aber überlasse ich ihn sich
selber; das viele Reden in der Heide liebe ich nicht. – Mag der Wald zu
ihm sprechen!
Die Kiefer herrscht hier in dem Grunde, der Charakterbaum der Dresdner
Heide. Zu welch wundervollem Gebilde kann sie sich auswachsen, wenn
ihr Zeit und Raum gegönnt wird, wie eben hier. Und welche Farbe
bringt sie ins Waldbild! Heute steht ihr Stamm schwarzgrau und naß,
nur die kleinen Moosstücken in der schrundigen Borke leuchten wie
eingesetzter Smaragd. Aber geh einmal hinaus, wenn die Morgensonne
eben durchs Wipfelgewölb sticht. Im hauchzarten Violett leuchten sie
da, die mächtigen Stämme, aller Schwere entäußert, und bis sie im
tiefgesättigten Altkupferglanz, im glühenden Purpur der Sonnenrüste
vom Tage Abschied nehmen, da haben sie dem besinnlichen Beobachter der
Farbenwunder genug gezeigt in eines einzigen Sonnenscheins Dauer. – – –
[Illustration: =Vom Heller=]
Nicht schlecht haben die Stürme der letzten Tage in die Bestände
gegriffen. Fünf, sechs gewaltige Wurfböden wenigstens ragen dort empor.
Heideboden, zu graublauem Humus geworden durch jahrhundertelangen
Nadel- und Laubfall, tiefschwarze Moorballen, Granitgeröll hängen
noch im zerrissenen Wurzelgeäst. Es ist ein geheimnisvoller Reiz,
so in den uralt heiligen Waldesboden, in das Bereich der zwergigen
Wichtel schauen zu können. – Wenig später stehen wir dann auf einer
der mächtigen Blößen, die sich oft kilometerweit durch unsere Heide
ziehen und die ihr den landschaftlichen Hauptreiz verleihen. Wenn du,
lieber Großstadtmensch, einmal eine Herzstärkung brauchst, so geh an
einem Regentag, wie dem heutigen etwa, einmal über solche Waldblöße. Da
siehst du die Schöpfung in ihrer rechten Größe und Herrlichkeit.
In grauen Schleiern zieht der Nebel über die Fläche, schwarztrotzig
stehen die kleinen Kiefernpflanzen im fahlen Riedgras. Wo einmal
drei, vier ältere Bäume horstartig beisammenstehen, steigt ein
Rauchschwaden aus dem feuchten Waldboden auf. Weit hinten säumt ein
feingezahnter dunkler Streif halbwüchsiger Fichten das Altholz, das
wie ein verschwommener Gebirgszug sich hinwälzt. Und mitten auf der
Lichtung ein paar Buchenüberhälter mit weißgrauen Ästen und hauchzarten
Zweigspitzen; wie schön ist ein Laubbaum auch ohne Blätter! Bewundernd
gleitet das Auge über das prachtvolle Architekturstück im Walde, die
silberne Säule des Stammes, die kühnen Gewölbeanläufe des Astwerks.
Lautlos rinnt das Himmelswasser am glatten Buchenschafte herab ins
kupfrige Altlaub, aber laut klöpfelnd springts von den knotigen
Ruten der Lärchen in den Abzugsgraben, der metertief gefüllt sich
hier hinzieht. Ein wahrer Urwald hochstengeliger Moose begleitet den
Wasserlauf, und auf seinem Grunde wogt es von dunkelgrünen Gewächsen
mit wehendem Triefhaar.
Welch schöne Rücksichtnahme auf landschaftliche Belange läßt die
neuzeitliche Forstwirtschaft in der Heide doch walten. In wahrem
Entzücken betrachte ich den übrig gelassenen durchsichtigen Schopf
alter Kiefern, etwa zwanzig hoher Stämme von beinahe südländisch
anmutender Eigenart, mitten auf solcher Blöße. Oder an anderer
Stelle der kohlschwarze Stamm des einsamen, vom Abtrieb verschonten
Schotendornbaumes, der »falschen Akazie«, mit dem leidenschaftlich
verrenkten Gezweig. Man will es dem rauhen Gesellen kaum glauben, daß
er im Juni die Lüfte mit solcher Süße erfüllt, wenn seine Schwärze
unter weißem Blütengeriesel verschwindet.
Bei den Erlen drüben steht ein Stück Damwild. Blauschwarz die nasse
Decke, fahl die Flanken, sichert es mit langem Halse zu uns herüber,
dann geht es in dem seiner Art eigenen Ziegentrab ab.
[Illustration: =Vom Heller=]
Wie sehr belebt doch unser Wild das Waldbild. Sollte man es für möglich
halten, daß es selbst unter den berufenen Hütern des heimischen Tanns,
unter den Forstleuten, Männer gibt, die es am liebsten sehen würden,
wenn endlich der Tag heraufzöge, da der letzte Hirsch, das letzte Reh
auf der Decke lägen? Nicht ungezügelte Jagdleidenschaft gibt diesen
Herren solch’ grimme Gedanken. Übertriebene Sorge um ihre Pflanzungen
und Bestände läßt sie keine Ruhe finden. Verbißschäden, eine geschälte
Fichtenstange gar, bringen sie zur Verzweiflung. »Fort mit dem Wild!
Der moderne Wald hat keinen Raum mehr dafür.« Das ist der Schlachtruf
dieser übereifrigen Beamten.
Haben die Herren denn gar kein Gefühl für den hohen ästhetischen Wert,
den das Vorhandensein eines bescheidenen Wildstandes darstellt? Spüren
sie denn gar nichts vom Zauber, der vom schlanken Reh, vom starken
Hirsch im grünen Walde ausgeht? Muß erst alles durch nachprüfbares
Zahlenwerk seine Lebensberechtigung erweisen, was da fleucht und
kreucht? Soll es dahin kommen, daß unsre Kinder Wildsau, Hirsch und
Rehbock bloß noch im Glaskasten des zoologischen Museums anstaunen
können? Nein und aber Nein! Es ist ernste Aufgabe aller Freunde des
Heimatschutzes, dafür einzutreten, daß der Mensch nicht jegliches
Getier ausrotte, das seinen Nützlichkeitsberechnungen im Wege steht.
Beherzigen wir des Dichters Worte:
»Wild und Wald, die beiden hat
Gott zusammen gegeben.
Nehmt sein Wild dem deutschen Wald
Und ihr nehmt sein Leben.«
Was will übrigens der Schaden bedeuten, den unsre überall so
herabgeminderten Wildstände im Walde verursachen, gemessen an den
furchtbaren Verlusten, die entstehen, wenn die Natur selbst sich im
Grimme aufmacht und mit schweren, ehernen Händen das vom Menschen
mühsam Herangezogene zerschlägt? Sturm- und Wasserschäden, Nonnenfraß
und Forleule, Waldbrand und Schneebruchkatastrophe! Übertreiben wir
doch nicht im Mikroskop wirtschaftlicher Besorgnisse das Maß der
hiergegen so geringfügigen Wildschäden.
Immer wieder gibts eine neue Abwechslung, eine neue Überraschung auf
unserm Regenspaziergang. Die beste kommt zuletzt. – Eben haben wir
auf tiefroter Nadelschütte den dämmernden Fichtenort durchquert, da
leuchtet fern im Westen ein goldenes Tor durchs zerrissene Gewölk, den
grauen Tag verklärt ein versöhnlicher Abend! Und die Hasel läßt ihre
Fähnlein hoffnungsfroh wehen, und die Schwarzdrossel ruft. Jawohl, es
wird Frühling. – – –
Wie gehts nun, mein Junge? Frisch und gesund wieder? Freut mich zu
hören. Bedank Er sich bei der Frau Heide!