I. Aus vergangenen Tagen Graupas und seiner Heide.

Zwischen der Wesenitzaue, dem Bonnewitzer Gründel, den Borsberghängen

und dem Birkwitzer See breitet sich vor dem Weichbilde Pirnas ein

weites, stilles Waldgebiet aus, dessen Schönheiten ob der nahen

Sächsischen Schweiz viel zu wenig gewürdigt werden. Der Volksmund nennt

diesen Forst _die Graupaer oder Grauper Heide_, während er amtlich

als _Pillnitzer Tännicht_ bezeichnet wird. Nach der Auflösung des

Pillnitzer Staatsforstrevieres wurde die Waldung dem _Forstamt Lohmen_

unterstellt.

Vor Jahrhunderten gehörte diese Heide als Bestandteil der Herrschaft

Graupa samt dem Schlosse und den Dörfern und Rittergütern _Schönfeld_,

_Pratzschwitz_ und _Jessen_ dem Gräflich von Friesenschen Geschlechte,

in noch früherer Zeit den Rittern von Karras. Später wurde die

ausgedehnte Besitzung aus Mitteln der »Chatulle« vom Landesherrn

angekauft. Daher die noch heute bekannte Bezeichnung »Schatullengüter«.

Das Rittergut Graupa kam zu Schönfeld – dieser Ort war einst der Sitz

eines nicht unbedeutenden Gerichtsamtes – und wurde Staatseigentum.

Das alte, inmitten der Heide erbaute _Jagdschloß Graupa_ war ein

prächtiger Herrensitz. Es führte früher den Namen _Raupenberg_. Von

seiner Terrasse aus schweift der Blick über das Waldmeer hinweg zur

Elbaue und hinauf zu den Höhen des östlichen Erzgebirges. Dohna,

Burkhardtswalde, Cotta und die Gersdorf-Gottleubaer Gegend grüßen den

Besucher. Der stimmungsvolle Schloßteich, die schönen Gartenanlagen

und der anschließende Park mit den Rieseneichen waren einst der

Lieblingsaufenthalt der Schloßherrschaft und später des Pillnitzer

Hofes.

Nicht weit vom Jagdschloß Raupenberg hatte man einen _Tiergarten_

angelegt, in dem zur Ergötzung der Jagdgäste Wildschweine gehalten

wurden. Vor hundert Jahren, 1827, ging dieser Wildpark ein. Es bestand

hier auch noch südlich vom Schlosse eine _Fasanerie_, die man in

einem dichten, rings abgeschlossenen Haine zur Aufzucht und Pflege der

prächtigsten Silber- und Edelfasanen eingerichtet hatte. Fasanenjagd in

der Graupaer Heide war einst ein besonderes Vergnügen der Wettiner.

Als man das Forsthaus zu Zschachwitz zu einer Kaserne für die Abteilung

Pioniere einrichtete, die hier die Pillnitzer Fähre zu bedienen

hatte, ward dem berittenen Kgl. Förster das alte, getürmte Jagdschloß

Raupenberg als Amtswohnung angewiesen. So kam es, daß Graupa der Sitz

der Pillnitzer Revierverwaltung wurde.

[Illustration: Abb. 1. =Das Jagdschloß in Großgraupa=]

Leider hat in den letzten Jahrzehnten die Graupaer Heide einen

beträchtlichen Teil ihrer Waldbestände hergeben müssen. So wurden zur

Anlegung des Copitzer Exerzierplatzes zwischen der Alten Pirnaer Straße

und der Wesenitz ansehnliche Flächen abgeholzt. Auch die immer weiter

um sich greifende Besiedlung von Groß-, Klein- und Neugraupa und von

Jessen hat den Umfang des Waldes vermindert.

Auf einige interessante Plätze des Tännichts sei hier nur kurz

hingewiesen: Zwischen Neugraupa und dem ehemaligen an der Staatsstraße

erbauten Hotel Forsthaus (Kinderheim) bezeichnet der Volksmund einen

kleinen Hügel als den _Galgen_. Graupa soll einst unter der Herrschaft

der Adelsgeschlechter »Kriminal- und Nachgericht« besessen haben. Der

genannte Platz war die Richtstätte. Noch vor einem Menschenalter

barg die Graupaer Gerichtslade einige Papiere, die auf den Richtplatz

hinwiesen.

Alte Leute in Graupa kennen noch den _Graupensand_. Dieses zwölf

Scheffel umfassende Land besaß bis 1580 die der heiligen Barbara, der

Schutzpatronin der »Artollerey«, geweihte Kirche zu _Eschdorf_. Die

Felder des Graupensandes bewirtschaftete gegen einen jährlichen Erbzins

von acht Groschen »der Juncker uff Krauppenn«, bis im Jahre 1580

Christoph von Loß, Herr auf Pillnitz, die genannten Grundstücke um drei

Schock Groschen der Eschdorfer Kirche abkaufte.

Die Graupaer Heide hat zu allen Zeiten Verehrer ihrer stillen Schönheit

gehabt, ihrer Kiefernwälder, die an Fontanes Schilderungen der Mark

Brandenburg erinnern, ihrer prächtigen, alten Alleen von Eichen,

Akazien und Buchen, ihrer leuchtend gelben Ginsterbüsche und der

dichten Bocksdorngestrüppe, die unserer Vogelwelt wohlgeschützte

Niststätten bieten.

Der Mineraloge weiß im Tännicht interessante Geschiebe von

Eisenkieseln, Jaspis, Feuer- und Hornsteine sowie Chalcedon zu finden.

Der Geologe erzählt uns, das ganze Gebiet des Pillnitzer Tännichts

gehöre zur Wesenitzaue, der großen Einbuchtung zwischen den Höhenzügen.

Sie bestehe aus Sand und Kieseln und stelle den Schuttkegel eines

Eiszeitstromes dar. –

Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ward das stille,

waldumschlossene Graupa eine beliebte _Sommerfrische_. _Großgraupa_

zählte damals vierunddreißig Häuser mit einhundertundzwanzig

Einwohnern, _Neugraupa_ neunundzwanzig Häuser mit einhundert Einwohnern

und _Kleingraupa_ dreizehn Anwesen mit siebenundsechzig Bewohnern.

Einer der ersten Gäste dieser stillen Heideorte und ein schwärmerischer

Freund ihrer Waldeinsamkeit war ein junger Kapellmeister von der

Dresdner Hofoper, der im _Sommer 1846_ beim _Schäferbauer_ in

_Großgraupa_ zwei Stuben im Obergeschoß für einige Monate mietete.

Immer in Geldverlegenheiten, fand der Meister hier draußen den

gesuchten billigen und weltabgeschiedenen Sommeraufenthalt, der ihn

und seine Gattin der Großstadt entrücken sollte. Kein geringerer als

_Richard Wagner_ war es, der Graupa mit seinem Tännicht als Tuskulum

gewählt hatte. Doch davon wird dann noch zu erzählen sein.

Vor Richard Wagner hatte schon ein anderer Meister der Töne die

Waldeinsamkeit des Pillnitzer Tännichts geliebt, _Carl Maria von

Weber_, der im nahen Hosterwitz einen schönen Sommersitz gefunden und

von da aus oft und gern die Graupaer Heide durchwandert hatte.

Noch eines dritten namhaften Verehrers unseres Waldes soll kurz gedacht

werden: Es war der 1826 geborene _Maler Adolf Lier_, der als junger

Künstler um 1850 in Graupa wohnte. Das Tännicht, der Elbstrom, die

Pillnitzer Insel, das Weingebirge und die zahlreichen romantischen

Gründe am Rande der Heide gaben Lier dankbare Motive für seine Gemälde,

die hier in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts

entstanden.

[Illustration: Abb. 2. =Das Jagdschloß in Großgraupa mit seinem

wunderbaren Eichenbestand=]

Malerische Bilder zeigen heute noch das verträumte Jagdschloß

Raupenberg, der Herzogsche Weinberg und das alte Vorwerk oder

Schatullengut Jessen, das jetzt der Landesanstalt Sonnenstein als

Außenabteilung und Landwirtschaftsbetrieb dient, der Birkwitzer See

mit seinen Wasser- oder Gelben Schwertlilien (~Iris pseudacorus~),

Bonnewitz mit dem prächtigen, unberührten Dorfplatze und den

anschließenden Waldgründen, nicht zu vergessen die im nordischen

Stile im Schatten des Waldes erbaute Kirche zu Großgraupa mit ihrer

stimmungsvollen Friedhofskunst und dem Ehrenmale vor dem Eingange. Doch

nimm selbst den Wanderstab, durchstreife das Richard-Wagner-Dörfchen

und seine reizvolle Umgebung, und unterlaß dabei nicht, dem

Lohengrinhause deine Schritte zuzulenken, von dessen Vergangenheit ich

dir nun einiges erzählen möchte!

[Illustration: Abb. 3. =Im Parke des Jagdschlosses in Großgraupa=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 38 / 68 题