Ein Tag im holden Frühling – der Zeit des Werdens – ist in Deutschland
seit Jahren der Mutter – der Trägerin des Lebens – geweiht. An diesem
Tage soll die Stimme der Liebe voller ertönen, die Innigkeit die Schale
zarter Scham durchbrechen und die äußere Form finden, der Mutter zu
huldigen.
Welcher Zauber, welcher beseligende Klang liegt in dem Worte »Mutter«,
besonders für uns Deutsche, deren Verehrung der Frau schon Tacitus
rühmt! Welcher Aufopferung, welcher Kraft ist ein Mutterherz fähig! Wie
zittert Faust bei dem Klange dieses Wortes, das ihn, den Übermenschen,
in den tiefsten Tiefen der Seele trifft! Die Liebe der Mutter ist ein
hohes Lied der Menschheit, und nicht um der Menschheit allein, in jedem
lebenden Wesen auf höherer Stufe ist die Mutterliebe ein Quell sonst
fremder Kraftentfaltung. Das feige Geschöpf wird in der Mutterliebe zum
Helden, das schwache zum gefährlichen Angreifer, der mutig sein Leben
für die Erhaltung der Art einsetzt und opfert. Wer kennt in Dresden
nicht jene wundervolle Bildnerarbeit auf der Bürgerwiese, in der eine
Menschen- und eine Tiermutter während einer Überschwemmung um das Stück
Erde ringen, das ihren Kindern Rettung verheißt? Wen haben nicht schon
die Madonnenbilder an der Seele gerührt, in welchen der Künstler nach
dem tiefsten Ausdruck der Mutterliebe ringt?
Und doch gibt es noch einen heiligeren Begriff, der uns allumfassend
umspannt, von dem auch die Mutter ausgeht, die Heimat. Die Heimat ist
der fruchtbare Boden, aus dem wir unsere besten Kräfte ziehen, sie gibt
uns, eine Allmutter, den starken Rückhalt in dem Auf und Ab des Lebens,
sie schafft in uns die edlen Gefühle, die uns als Vaterlandsliebe zu
den höchsten Taten anspornen, als Heimweh schmerzlich durchdringen. Mag
die Heimat ein Waldesrauschen, ein Feldersegen, in Bergeinsamkeit, am
wogenden Meer, in steinernen Städten stehen, mag sie dürftig oder reich
sein, immer führt uns unser Weg in heißer Sehnsucht – wenn auch nur
innerlich – zu ihr zurück. Die Heimatliebe überbrückt die schärfsten
Gegensätze, sie ist das einigende Band, das die wirtschaftlich und
politisch auseinander strebenden Glieder unseres Volkes zusammenhält.
Goldner Zauber der Heimat! Wer kann ihn leugnen, wer sich dem
heimlichen Klingen der Seele verschließen, wenn er die Heimat mit dem
Herzen sucht?
Neblige Heimat
Irgendwo,
Als ich dich wiederfand,
Ach, war ich froh,
Du Heimatland.
(Börries von Münchhausen.)
Muttertag, Heimattag! Der Muttertag ist eine Mahnung, daß wir auch an
einem Tage im Jahre der Heimat, unserer Allmutter, opfernd gedenken
sollen.
Die Mutterliebe zieht aus unserem Werden und Walten täglich neue
Lebenskraft, die Heimat jedoch strömt ihren Segen über uns rückhaltlos
aus. Doch auch ihre Lebenskraft ist nicht uferlos, zahlreiche
Einflüsse, in den Bedingtheiten der Zeit, in der Unverständigkeit
Einzelner wurzelnd, zehren an ihr. Die Schönheiten der Heimat zu
wahren, ihre reichen Kraftquellen zu erhalten, ist weitschauender
Lebenszweck. Die Heimat bleibt ein Born ewiger Schönheit, wenn wir
längst vergangen sind.
Wie beim Muttertag gilt es daher, einen Tag im Jahre zu bestimmen, der
der Heimat geweiht ist, an dem durch rege Sammeltätigkeit die Mittel
aufgefüllt werden, die die berufenen Vertreter des Heimatschutzes
zu ihrer hohen Aufgabe brauchen. Ein Vorgehen in diesem Sinne wird
starken Widerhall in dem Herzen des Volkes finden, heilige, reine
Quellen werden springen und den teuren Heimatboden segenspendend
befruchten. Dann werden wieder die Baumwälder rauschen, seltene Blumen
an umfriedeten Orten blühen, über düsteren, freien Moor heimliche Nebel
brauen und unberührte Stätten in goldener Schönheit leuchten.
A. Dankmeyer.