Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers

Neben den Vögeln, die Wald und Flur beleben, sind es vor allem wohl

die Schmetterlinge, die buntfarbenen »Kinder des Lichtes«, wie man

sie genannt hat, die sich der ungeteiltesten Sympathien erfreuen.

Rein äußerlich schon findet diese Tatsache in der weitverbreiteten

Pflege der Schmetterlingskunde durch den ernsten Liebhaber eine

Bestätigung. Mancher Leser dieser Feststellung allerdings wird mir

antworten: leider! Ihm aber sei entgegnet, daß der _wahre_ Liebhaber

nichts gemein hat mit jenen Sammlern, die um des bloßen Besitzes willen

Schätze auf Schätze häufen und sie wohl gar noch zu gut fließenden

Geldquellen machen. Der ernste Liebhaber ist bisher immer noch der

beste Schützer der Natur gewesen, und er wird auch für die Erhaltung

seiner Lieblinge, eben weil er diese und die Bedingungen, die sie an

einen bestimmten Ort knüpfen, gründlich kennt, praktisch ungleich mehr

tun können, als manch einer, der ihn nicht vom »Sammler um des Besitzes

willen« unterscheiden will und kann und für seine, ganz anderen Motiven

entsprungene Tätigkeit die gleichen bitteren Worte übrig hat wie für

jenen. –

[Illustration: Abb. 1. =Schwalbenschwanz=]

[Illustration: Abb. 2. =Schwalbenschwanz=]

Vorfrühling ists. Warm scheint die Sonne herab auf die dampfende Erde

und bringt die letzten Reste des Schnees zum Schwinden, die noch an

Rainen und Wegen liegen geblieben sind. Überall machen sich die ersten

Regungen des neuerwachenden Lebens bemerkbar. Einzelne schwarzbraune

Käfer torkeln wie trunken auf dürrem Laube umher, Spinnen tummeln sich

an von der Sonne warm beschienenen Stellen, und schwerfällig kriecht

hier und da eine dunkelbehaarte Raupe des Brombeerspinners auf welkem

Grase umher. Am Waldsaum jagen Amseln und ein einzelnes Rotkehlchen,

das den Aufenthalt bei uns der Reise nach dem Süden vorgezogen hatte,

nach dem kleinen, von der Sonne hervorgelockten Getier, und drinnen im

Walde, wo kahl noch die graustämmigen Buchen stehen und die ganze Fülle

des Sonnenlichtes einfallen lassen, jubilieren Meisen und Buchfinken

um die Wette. Vom Boden flattert ein einsamer Falter empor, taumelnden

Fluges, bis unter den Wirkungen der Sonnenwärme sein Dahingleiten in

der flimmernden Luft rascher und gewandter wird. Ein _Zitronenfalter_

ist es, einer der ersten Boten des nahenden Frühlings, der als solcher

oft genug eine unfreiwillige Reise in irgendeine dumpfe Redaktionsstube

antreten muß, um durch Druckerschwärze als Verkünder des Lenzes

gefeiert zu werden. Bald gesellen sich ihm noch weitere seiner

Art zu, und wenn nach ein paar Tagen die Sonne endgültig die Macht

des Winters gebrochen hat, mischen sich unter gelbe Zitronenfalter

noch viele andere und buntfarbenere. Vanessen vor allem sind es:

das _Tagpfauenauge_, der _Große_ und der _Kleine Fuchs_, der schöne

_Distelfalter_ und der samtbraune, weißgesäumte _Trauermantel_. Und

je höher die Sonne steigt, je mehr sich die Fluren schmücken und

je reicher bunte Blumen die saftiggrünen Wiesen durchwirken, desto

größer und artenreicher wird das Heer der Schmetterlinge. Der seltene

_Segelfalter_ gleitet majestätischen Fluges in der Luft dahin, und sein

Vetter, der _Schwalbenschwanz_, nascht an Honig spendenden Blüten; an

feuchten Wegen tummelt sich der schwarzweißrote _Admiral_ und erhält

im Juni Gesellschaft in vornehmen _Schillerfaltern_ und _Eisvögeln_,

den Aristokraten ihres Geschlechts, während der perlmuttergeschmückte

_Kaisermantel_ die Blüten der Brombeersträucher besucht. Lebhafte

_Bläulinge_ in wechselnden Kleidern und metallglänzende _Feuervögel_,

Miniaturausgaben der leuchtenden und gleißenden Falter der lichtreichen

Tropen, beleben mit _Weißlingen_, aus deren etwas eintönig gefärbter

Schar sich prächtig der _Aurorafalter_ mit ziegelroten Flügelspitzen

abhebt, die Wiesen und konkurrieren an Zahl mit düster gefärbten

_Satyriden_ oder _Augenfaltern_, deren Tracht eigentlich auf das Dunkel

des Waldes abgestimmt ist, in dem ja auch viele ihrer Vertreter leben.

[Illustration: Abb. 3. =Zitronenfalter=]

[Illustration: Abb. 4. =Trauermantel=]

Mai und Juni und wohl auch noch der Juli bilden den Höhepunkt im

Schmetterlingsleben; dann tritt eine kleine Pause ein, bis es sich

nochmals, wenn die ersten weißen Fäden des Altweibersommers durch die

Luft gleiten und die zweite Generation jener Falter die Puppenhüllen

durchbricht, die als die ersten im Frühjahre sich tummelten, zu einem

wieder etwas größeren Reichtum entfaltet, um aber dann, je weiter es

in den Herbst hineingeht, zusehends zu erlöschen. Eine Art nach der

anderen verschwindet, und als letzte treffen wir dann jene an, die

als Falter überwintern und im nächsten Jahre als erste des Lenzes

Ankunft feiern. Der _Zitronenfalter_ fliegt bis weit in den Spätherbst

hinein und ist manchesmal noch im November im Freien anzutreffen,

und neben ihm genießen, wenn die klare Herbstsonne den Reif, der

des Morgens bereits die Wiesen bedeckt, zum Schwinden gebracht hat,

an sonnenbeschienenen Wegerändern ein einsames _Tagpfauenauge_, ein

letzter roter _Fuchs_ des Herbstes späte Schönheit. –

[Illustration: Abb. 5. =Distelfalter=]

[Illustration: Abb. 6. =Tagpfauenauge=]

Leider ist, wie ja so vieles andere auch, das Schmetterlingsleben

unserer Heimat stark zurückgegangen und wird auch jetzt noch ärmer

und ärmer. Arten, die einst häufig waren, sind schon recht selten

geworden, andere an manchem Orte überhaupt bereits ausgestorben, und

vielleicht sogar wird man die eine oder andere aus der Liste der

sächsischen Schmetterlinge ganz streichen müssen. Man hat für diesen

Rückgang den Sammler verantwortlich gemacht, und heute, wo leider das

Schlagwort auch in der Naturschutzbewegung einen breiten Raum gewonnen

hat, erfolgen diese Anschuldigungen mit einem immer größeren Nachdruck.

Es soll gar nicht geleugnet werden, daß eine falsche Sammeltätigkeit

oder richtiger, daß Sammelleidenschaft (und das mit dieser dann

meistens verknüpfte Bestreben, die Sammeltätigkeit zu einer Geldquelle

auszugestalten) tatsächlich manchem schönen Falter den Untergang

gebracht hat. Es sei nur an das Beispiel des _Apollofalters_ erinnert,

der – auch entomologische Zeitschriften geben dies unumwunden zu – an

einer Anzahl von Orten seines Vorkommens (in Sachsen ist der Falter

allerdings nie heimisch gewesen) bestimmt ein Opfer des Sammlers der

eben gekennzeichneten Richtung geworden ist; von ihm muß man aber

gerechterweise den wahren Sammler (für den ich daher im Eingange meiner

Ausführungen das Wort Liebhaber gebraucht habe) trennen. Aber die

Sammelleidenschaft ist lediglich nur _eine_ der Ursachen des Rückganges

und vielleicht sogar die am leichtesten wiegende; sie hat sich fast

immer nur auf einige wenige Arten und zudem rein örtlich ausgewirkt.

Von dem Rückgang sind aber auch unsere gewöhnlicheren Arten betroffen,

die gar nicht die Mühe des Mitnehmens lohnten, und er ist dann auch so

allgemein, macht sich auch dort bemerkbar, wo kaum jemals ein Sammler

hingekommen ist.

[Illustration: Abb. 7. =Admiral=]

[Illustration: Abb. 8. =Ligusterschwärmer=]

[Illustration: Abb. 9. =Lindenschwärmer=]

Die Ursachen sind eben tiefere; sie liegen vor allem in Maßnahmen

wirtschaftlicher Natur begründet, in Maßnahmen, die das natürliche Bild

vieler Gegenden von Grund aus umgestaltet, es seiner Vielseitigkeit

beraubt und vor allem Pflanzen haben verschwinden lassen, die die

einzigen Nahrungspflanzen für manchen an sich einst gar nicht

seltenen Schmetterling (bzw. für dessen Raupe) gewesen sind. Und mit

diesen Pflanzen sind eben dann auch die von ihnen abhängigen Falter

verschwunden. Ich selbst bin wiederholt Zeuge derartiger Vorgänge

geworden. Der den Rochlitzer Berg bedeckende Wald zeichnete sich noch

in meiner Jugendzeit durch seine herrlichen, ausgedehnten Rotbuchen-

und Mischholzbestände aus, in denen neben der Rotbuche besonders

die Lärche und die heute auf dem Rochlitzer Berge bis auf einige

wenige Zeugen einer besseren Vergangenheit verschwundene Weißtanne

einen breiten Raum einnahmen. Diese Rotbuchen- und Mischwaldbestände

belebte in Massen neben anderen ein in die Verwandtschaft der

prächtigen Nachtpfauenaugen gehörender Falter, der _Nagelfleck_, ein

Schmetterling, dessen warm braungelb gefärbte Flügel dunkelblaue,

schwarz eingefaßte Augenflecke zieren, die eine weiße, dem griechischen

γ ähnliche Zeichnung aufweisen. Die Raupe des Falters lebt vorzugsweise

auf Buchen; mit dem Rückgange der Buche auf dem Rochlitzer Berge aber

ging auch ein Rückgang unseres Falters einher, und wenn er auch heute

noch dem Rochlitzer Bergwald als Bürger angehört, so sieht man ihn an

den sonnigen Maitagen doch bei weitem nicht mehr die lichtdurchfluteten

Buchendome in jenen Mengen durchfliegen, wie sie mir aus einer noch

gar nicht fernen Vergangenheit lebendig in der Erinnerung sind. Da

neuerdings die Buche auf dem Rochlitzer Berge wieder in größerem

Maße angepflanzt wird, ist zu hoffen, daß wenigstens in diesem Falle

ein weiterer Rückgang des Schmetterlinges verhindert, ja daß dieser

vielleicht wieder häufiger wird. Eine andere, in meiner Knabenzeit

vor allem auf dem Gipfel des Berges in dessen Steinbruchsgebiet

vorgekommene Art, der auch im übrigen Lande überall zurückgegangene

oder ganz verschwundene _Segelfalter_, ist gänzlich ausgestorben – ich

sah den letzten Mitte der neunziger Jahre – und nahezu ausgerottet

sind der _Schillerfalter_ und der _Große Eisvogel_, zwei mit dem

Segelfalter zu den prächtigsten Gestalten unter den einheimischen

Schmetterlingen zählende Arten. Von ihnen lebt die Raupe des ersteren

auf der Salweide, die des letzteren auf der Aspe oder Zitterpappel.

Der Rückgang der beiden, einst schon spärlichen, aber durchaus noch

nicht seltenen, im Juni und Juli an feuchten Steinbruchswegen ruhenden

großen Falter geschah auffallend plötzlich; er erfolgte, als ausgangs

der neunziger Jahre die Wege von den sie säumenden Salweiden und Aspen

»gereinigt« und beide Bäume nach Möglichkeit auch aus allen Beständen,

deren jüngere sie meistens durchsetzten, entfernt wurden. Ich kenne

kaum ein zweites so deutliches Beispiel für die Vernichtung einer

Tierart durch kulturelle Maßnahmen, wie dieses. Der auf dem Rochlitzer

Berg etwa gleichzeitig begonnene schärfere Kampf gegen die sogenannten

Forst»unkräuter«, die Beseitigung der ehedem so zahlreichen (übrigens

auch einen volkswirtschaftlichen Wert besitzenden) Brombeer- und

Himbeerhecken brachte den _Kaisermantel_ fast zum Verschwinden – eine

wiederum zu den schönsten der einheimischen Falter gehörende Art –

dessen zahlreiches Erscheinen im Juli mir in sonnigen Kindheitstagen

immer den Beginn der heißerwarteten Großen Ferien ankündigte. – Leicht

könnte ich die mir aus eigenem Erleben noch bekannten Beispiele hier

fortsetzen, will hier aber doch auch noch einen anderen zu Worte kommen

lassen.

[Illustration: Abb. 10. =Birkenspanner=]

[Illustration: Abb. 11. =Mondvogel=]

Im letzten Bericht der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis

in Bautzen beschäftigt sich _Hermann Starke_, ein guter Kenner

der lausitzischen Schmetterlingsfauna, mit dem »Verschwinden und

Seltenwerden vieler Schmetterlinge« und bezeichnet als zwei der am

verhängnisvollsten wirkenden Ursachen einmal die fortschreitende

Industrialisierung und zum anderen die moderne Wald- und

Wiesenwirtschaft. »Der Laubwald«, so hören wir von ihm, »wird von Jahr

zu Jahr immer mehr ausgerottet und muß der Fichte und dem Getreide

das Feld räumen, er ernährt aber die meisten Schmetterlinge. Auf das

Verschwinden des Laubwaldes ist das sehr verminderte Auftreten unserer

schönsten Falter, z. B. der Gattungen _Schillerfalter_ und _Eisvogel_

zu setzen, sogar der sonst überall häufige _Zitronenfalter_ gehört

darunter. Im Kiefernwald der Lausitzer Heide wird der vorhandene

Unterwuchs von verschiedenen Halbsträuchern, allerhand krautartigen

Pflanzen, Gräsern, Moosen und Farnen seit vielen Jahren schon

entfernt, um als Stallstreu Verwendung zu finden. Damit verschwanden

aber eine Anzahl Pflanzen, die den Raupen vieler Schmetterlinge

als Nahrung dienten. Infolge dieses Verschwindens wichtiger

Nahrungspflanzen aber sind eine ganze Anzahl für die Heidelandschaft

charakteristischer Falter schon recht selten geworden, vielleicht

auch schon ganz verschwunden. Es sind dies vor allem eine Anzahl

_Satyriden_ (Augenfalter), deren eine Art, der _Waldportier_, seit

1914 überhaupt nicht mehr beobachtet werden konnte. Die gleiche Schuld

am Aussterben und Seltenwerden von Schmetterlingen trifft weiter

auch die neuzeitliche Wiesenbearbeitung und Düngung, der das fast

gänzliche Aussterben der _Feuerfalter_ und _Bläulinge_ zuzuschreiben

ist. Von vierundzwanzig Arten beider Gattungen, die _Schütze_ noch in

seinem »Verzeichnis der Schmetterlinge der Lausitz« aufführt, kann

man vierzehn Arten als in der Lausitz verschwunden betrachten. Die

übrigen sind zum Teil sehr selten geworden, ja von ihnen wird man bei

genauer Nachprüfung vielleicht die eine oder andere Art ebenfalls noch

streichen müssen«. –

[Illustration: Abb. 12. =Buchen-Kahnspinner=]

[Illustration: Abb. 13. =Kleines Nachtpfauenauge=]

Die hier mitgeteilten Tatsachen reden jedenfalls eine deutliche

Sprache. Und sollten sie dabei nicht auch geeignet sein, uns über

die Mittel und Wege Aufschluß zu geben, die wir anwenden können und

einschlagen müssen, um der Verarmung unserer Schmetterlingsfauna,

wenn vielleicht auch nicht Einhalt zu gebieten, so doch wesentlich

Abbruch zu tun? Nicht durch unsere, zum Überdruß wiederholten, sonst

aber ungehört verhallenden Klagen, nicht durch dieses andauernde

Schimpfen auf den »Sammler« (dem aber trotzdem dort entgegengetreten

werden soll, wo es notwendig ist) bessern wir die Verhältnisse, sondern

einzig und allein durch freudiges _Handeln_. Die Naturschutzbewegung

muß einen immer größeren Einfluß auch auf die Wirtschaft zu erlangen

versuchen, sie muß dieser bei allen ihren kulturellen Maßnahmen mit

Rat und Tat zur Seite stehen und dies in einer Weise tun, daß die

Wirtschaftskreise allmählich ganz von selbst mit der Bitte um derartige

Ratschläge kommen. Eine Utopie? Nein, sie ist es nicht; das Verständnis

für die Natur unserer Heimat und ihre Schönheiten draußen im Lande ist

oft viel größer, als wir meinen, nur ungepflegt, und unsere Aufgabe muß

es daher sein, es zu pflegen und so zu fördern, daß aus ihm Früchte

für unsere Sache heranreifen. – Die Forstwirtschaft ist ja bereits

in einer durchgreifenden Umgestaltung begriffen; viele einst als

die einzig richtigen angewendeten Maßnahmen haben sich als durchaus

verfehlt herausgestellt, und so erleben wir es denn heute, daß viele

der Forderungen, die wir einst erhoben, energisch durchgeführt werden.

Und der Erfolg wird dabei sicherlich nicht ausbleiben.

[Illustration: Abb. 14. =Streckfuß mit Gelege=]

[Illustration: Abb. 15. =Baumspanner=]

Katzenplage – Katzenfrage!

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 14 / 68 题