Lear.
O, ich bitte euch um Vergebung, Sir.
(zu Edgar)
Edler Philosoph, eure Gesellschaft.
Edgar.
Tom friert.
Gloster.
Hinein, Bursche, in die Hütte; wärme dich.
Lear.
Kommt, wir wollen alle hinein.
Kent.
Diesen Weg, Mylord.
Lear.
Mit ihm; ich will immer bey meinem Philosophen bleiben.
Kent (zu Gloster.)
Mein gütiger Lord, seyd ihm zu Willen, laßt ihn den Burschen
mitnehmen.
Gloster.
Nehmt ihr ihn mit.
Kent.
Komm mit, Bursche, mit uns.
Lear.
Komm, du guter Athenienser.
Gloster.
Keine Worte, keine Worte, husch!
Edgar.
Kind Roland kam zum finstern Thurm etc.*
{ed.-* Der Name (Infant) wurde in den alten ritterlichen Zeiten denen
jungen Leuten von Stande gegeben, eh sie zu würklichen Rittern
geschlagen wurden. Das was Edgar hier sagt, ist vermuthlich der
Anfang einer ins alte Englische übersezten Romanze, wo der
Übersezer das Wort (Infant) durch Kind gegeben.}
(Sie gehen ab.)
Achter Auftritt.
(Die Scene verwandelt sich in Glosters Schloß.)
(Cornwall. Edmund.)
Cornwall.
Ich will Rache haben, eh ich dieses Haus verlasse.
Edmund.
Ich darf kaum daran denken, Mylord, was man urtheilen wird, daß ich
die Natur der Treue gegen euch Plaz machen heisse.
Cornwall.
Nun merke ich, daß es nicht bloß euers Bruders schlimme Gemüthsart
war, was ihn seinen Tod suchen machte.--Es war vielleicht ein zur
Rache gereiztes Verdienst, welches nicht ausstehen konnte, von
einem niederträchtigen Vater vernachlässigst zu werden.
Edmund.
Wie unglüklich ist mein Stern, daß ich bereuen muß gerecht zu seyn.
Hier ist der Brief, wovon er mir sagte; er entdekt ihn als einen
heimlichen Anhänger der Französischen Parthey. O Himmel! möchte
entweder diese Verrätherey nicht seyn, oder ich nicht der Entdeker!
Cornwall.
Folget mir zu der Herzogin.
Edmund.
Wenn der Inhalt dieses Papiers wahr ist, so habt ihr sehr viel zu
thun.
Cornwall.
Er mag wahr oder falsch seyn, so hat er dich zum Grafen von Gloster
gemacht. Suche deinen Vater auf, damit seine Bestraffung vollzogen
werden könne.
Edmund (vor sich.)
Wenn ich finde daß er dem König Vorschub thut, so wird der Verdacht
desto stärker--
(laut.)
Ich will fortfahren euch die Treue zu beweisen, Mylord, die ich
meinem Oberherrn schuldig bin, so schmerzlich auch der Kampf
zwischen Schuldigkeit und Natur ist.
Cornwall.
Ich bin von deiner Treue überzeugt, und du sollt in meiner Liebe
einen theurern Vater finden.
(Sie gehen ab.)
Neunter Auftritt.
(Eine Stube in einem Meyer-Hofe.)
(Kent und Gloster treten auf.)
Gloster.
Hier ist es besser als unter freyem Himmel, nehmt es mit Dank an;
ich will besorgt seyn euch so viel Vorschub zu thun, als ich kan--
ich werde bald wieder bey euch seyn.
(Geht ab.)
Kent.
Alle Kräfte seines Verstandes haben seiner Ungeduld weichen müssen;
die Götter belohnen euer mitleidiges Herz. (Lear, Edgar und Narr.)
Edgar.
Frateretto ruft mir und erzählt mir, Nero sey ein Angel-Fischer im
Pfuhl der Finsterniß. Betet in Unschuld und hütet euch vor dem
bösen Feind.
Narr.
Sey so gut, Nonkel, und sag mir, ist ein wahnwiziger Mann ein
Edelmann oder ein Bauer?
Lear.
Ein König, ein König.
Narr.
Nein, er ist ein Bauer, der einen Edelmann zum Sohn hat; denn das
ist ein wahnwiziger Bauer, der seinen Sohn für einen Edelmann
ansieht.
Lear*.
{ed.-* Hier folgen in der ersten Ausgabe etliche Reden im
tollhäusischen Geschmak, welche Shakespearevermuthlich selbst in
den folgenden weggelassen hat; und welche, wenn es auch möglich
wäre sie zu übersezen, den wenigsten Lesern dieser Mühe würdig
scheinen würden. Die lezte, welche Lear sagt, ist die einzige, in
der man den Shakespearewieder erkennt.}
--Laßt sie Regan anatomiren--Seht, was in ihrem Herzen ausgebrütet
wird--Ist irgend eine Ursache in der Natur, die solche harte Herzen
macht? Euch, Sir, unterhalt' ich für einen von meinen Hundert; nur
steht mir der Schnitt euerer Kleider nicht an; man sollte denken,
sie wären persianisch; aber laßt sie ändern. (Gloster kommt zurük.)
Kent.
Nun, mein gütiger Lord, legt euch hier und ruhet eine Weile.
Lear.
Macht kein Getöse, macht kein Getöse, zieht die Vorhänge. So, so,
wir wollen morgen früh zum Nacht-Essen gehen.
Narr.
Und ich will des Mittags zu Bette gehen.
Gloster.
Kommt hieher, Freund; wo ist der König, mein Herr?
Kent.
Hier, Sir, aber beunruhigt ihn nicht; sein Verstand ist dahin.
Gloster.
Guter Freund, ich bitte dich, nimm ihn in deine Arme; (ich habe
etwas von einem Anschlag wider sein Leben gehört;) es ist eine
Sänfte bereit, trag ihn hinein, und eile nach Dover, Freund, wo du
beydes, Aufnahm und Schuz, finden wirst. Nimm deinen Herrn auf die
Schultern; wenn du nur eine halbe Stunde säumest, so ist sein Leben
und deines und eines jeden, der ihn vertheidigen wollte, unfehlbar
verlohren. Fort, mache fort, nimm ihn auf deine Schultern, und
folge mir; ich will dir einen Wegweiser mitgeben--
Kent.
Die unterdrukte Natur schläft. Diese Ruhe möchte ein Balsam für
deine verwundeten Sinnen gewesen seyn, die, wie ich besorge, ohne
eine günstige Veränderung der Umstände, unheilbar sind. Komm,
(zum Narren)
hilf deinen Herrn hinweg tragen, du must nicht zurük bleiben.
Gloster.
Kommt, kommt, hinweg.
(Sie tragen den König fort.)
Edgar (bleibt allein.)
Wenn wir Bessere als wir sind mit unsern Übeln beladen sehen, so
vergessen wir beynahe unsers eignen Elends. Wer allein leidet,
leidet am meisten am Gemüth, indem er mit Menschen umgeben ist, die
von seinen Übeln frey, durch den beleidigenden Anblik ihrer
Glükseligkeit seine Pein verdoppeln. Wie leicht, wie erträglich
scheint mir mein Unglük zu seyn, da der König von gleichem Ungemach
gedrükt wird! Er hat Kinder, wie ich einen Vater habe--Hinweg, Tom--
begegne diese Nacht was will, wenn nur der König unversehrt
entkömmt--
(Edgar geht ab.)
Zehnter Auftritt.
(Cornwall, Regan, Gonerill, Edmund und Bediente.)
Cornwall.
Eilet unverzüglich zu euerm Gemahl und zeigt ihm diesen Brief; die
französische Armee ist angeländet; sucht den Verräther Gloster.
Regan.
Laßt ihn auf der Stelle aufhängen.
Gonerill.
Reißt ihm die Augen aus.
Cornwall.
Überlasset ihn nur meinem Unwillen. Edmund, leistet unsrer
Schwester Gesellschaft; die Rache die wir an euerm verräthrischen
Vater zu nehmen genöthiget sind, leidet eure Gegenwart nicht.
Überzeuget den Herzog zu dem ihr gehet, von der Nothwendigkeit
einer schleunigen Kriegs-Zurüstung--wir haben die gleiche
Obliegenheit; unsre Couriers sollen ein ununterbrochnes Verständniß
unter uns erhalten. Lebet wohl, liebe Schwester; lebet wohl,
Mylord von Gloster. (Der Haushofmeister kömmt.) Wie gehts? wo ist
der König?
Hofmeister.
Mylord von Gloster hat ihn von hier hinweggebracht. Fünf oder
sechs und dreissig von seinen Rittern, welche sehr hizig nach ihm
fragten, haben ihn vor der Pforte angetroffen, und sind nebst
einigen von des Lords Angehörigen mit ihm nach Dover abgegangen, wo
sie sich rühmen, wohlbewaffnete Freunde zu haben.
Cornwall.
Hohlet Pferde für eure Gebieterin.
Gonerill.
Lebet wohl, mein liebster Lord, und meine Schwester.
(Gonerill und Edmund gehen ab.)
Cornwall.
Edmund, lebe wohl--Geht, sucht den Verräther Gloster; bindet ihn
wie einen Dieb, und bringt ihn vor uns: Wir können ihm zwar ohne
die Förmlichkeiten der Justiz das Leben nicht nehmen; aber dennoch
soll unsre Macht unserm Zorn eine Gefälligkeit erweisen, welche die
Leute tadeln mögen ohne sie verhindern zu können.
Eilfter Auftritt.
(Gloster wird von einigen Bedienten hereingebracht.)
Cornwall.
Wer ist hier? der Verräther?
Regan.
Der undankbare Fuchs! Er ists.
Cornwall.
Bindet ihm seine hagern Arme fest zusammen.
Gloster.
Was meynen Euer Gnaden damit? Meine guten Freunde, bedenket daß
ihr meine Gäste seyd; spielet mir keinen schlimmen Streich, Freunde.
Cornwall.
Bindet ihn, sag ich.
(Sie binden ihn.)
Regan.
Fester, fester! du nichtswürdiger Verräther.
Gloster.
Unbarmherzige Lady, ich bin kein Verräther.
Cornwall.
An diesen Lehnstuhl bindet ihn. Nichtswürdiger, du sollt finden--
Gloster.
Bey den mitleidigen Göttern, das ist höchst unwürdig gehandelt, mir
so den Bart auszurauffen.
Regan.
So weiß, und so ein Verräther!
Gloster.
Boshafte Lady, diese Haare, die du meinem Kinn raubest, werden
lebendig werden und dich anklagen; ich bin euer Wirth, ihr solltet
euch schämen, so mit räuberischen Händen mein gastfreundliches
Gesicht zu zerrauffen! Was wollt ihr aus mir machen?
Cornwall.
Saget, Sir, was für Briefe hattet ihr lezthin aus Frankreich?
Regan.
Antwortet gerade zu, denn wir wissen die Wahrheit schon.
Cornwall.
Und was für ein Bündniß hattet ihr mit den Verräthern, die erst
kürzlich in dem Königreich angeländet sind?
Regan.
In wessen Hände schiktet ihr den mondsüchtigen König? Redet!
Gloster.
Ich habe einen Brief, worinn von blossen Muthmassungen die Rede ist,
und der von jemanden kam, der neutral, und nicht von einer
feindlichen Parthey ist.
Cornwall.
Ausflüchte--
Regan.
Und falsch.
Cornwall.
Wo hast du den König hingeschikt?
Gloster.
Nach Dover.
Regan.
Warum nach Dover? War dir nicht bey Gefahr deines Lebens verboten--
Cornwall.
Warum nach Dover? Laßt ihn zuerst auf das antworten.
Gloster.
Ich bin an den Pfahl gebunden, und muß nun den Anfall aushalten.
Regan.
Warum nach Dover?
Gloster.
Weil ich nicht sehen wollte, daß deine grausamen Nägel seine alten
Augen auskrazten, noch daß deine grimmige Schwester ihre Bären-
Klauen in sein gesalbtes Fleisch einhakte. Von einem solchen Sturm,
wie sein kahles Haupt in Hölle-schwarzer Nacht aushalten mußte,
hätte die kochende See bis an den Himmel aufbrausen, und die
gestirnten Feuer auslöschen mögen. Und doch, das arme alte Herz!
half er dem Himmel regnen. Hätten Wölfe in dieser entsezlichen
Nacht vor deinem Thor geheulet, du würdest dem Pförtner befohlen
haben, sie zu öffnen; die grausamsten Thiere wurden vor Schreken
mild--Aber ich werd es noch sehen, wie die geflügelte Rache solche
Kinder überfallen wird.
Cornwall.
Sehen sollt du es niemals. Kerls, haltet den Stuhl; auf diese
deine Augen will ich meinen Fuß sezen.
(Gloster wird auf den Boden gelegt, und Cornwall tritt ihm das eine
von seinen Augen aus.)
Gloster.
Wer so lange zu leben gedenkt bis er alt wird, gebe mir einige
Hülfe--O grausam! O! ihr Götter!
Regan.
Eine Seite möcht' es der andern vorrüken; das andere auch.
Cornwall.
Wenn ihr Rache sehet--
Ein Bedienter.
Haltet ein, Mylord, ich habe euch von meiner Kindheit an gedient,
aber keinen bessern Dienst hab ich euch nie gethan, als izt, da ich
euch bitte, einzuhalten.
Regan.
Was ist das, du Hund?
Bedienter.
Wenn ihr einen Bart an euerm Kinn trüget, so wollt' ich es mit euch
aufnehmen--
(indem er sieht, daß Cornwall den Degen gegen ihn zieht:)
Wie? was habt ihr im Sinn?
Cornwall.
Nichtswürdiger Bube--
Bedienter.
Nun so kommt dann, weil ihr mich so herausfodert--
(Sie fechten, Cornwall wird verwundet.)
Regan.
Gieb mir dein Schwerdt--ein Sclave soll sich so auflehnen?
(Sie ersticht ihn.)
Bedienter.
O! ich bin erschlagen--Mylord, ihr habt noch ein Auge übrig, um
Unglük über ihm zu sehen--O! --
(Er stirbt.)
Cornwall.
Wir wollen ihm zuvorkommen; aus, nichtswürdige Sulz--
(Er tritt das andre Aug auch aus.)
Gloster.
Ganz finster und hülflos--Wo ist mein Sohn Edmund? Edmund, fache
alle Funken der Natur an, diese greuliche That zu rächen.
Regan.
Hinaus, verräthrischer Hund! du rufst einem, der dich verabscheuet;
Edmund war's, der uns deine Verräthereyen entdekte; er ist zu gut,
Mitleiden mit dir zu haben.
Gloster.
O meine Thorheiten!--So wurde Edgar fälschlich angeklagt! Ihr
mitleidigen Götter, vergebet mir das, und segnet ihn!
Regan.
Geht, führt ihn vor das Thor hinaus, und laßt ihn seinen Weg nach
Dover durch den Geruch finden.
(Gloster wird weggeführt.)
Wie stehts, Mylord, wie seht ihr so übel aus?
Cornwall.
Ich habe einen Stoß bekommen; folget mir, Lady; Stosset diesen
auglosen Buben hinaus--werft diesen Sclaven auf den Mist--Regan,
ich verblute; dieser Stoß kommt sehr zur Unzeit--
Regan.
Gebt mir euern Arm--
(Sie gehen ab.)
1. Bedienter.
Wenn es diesem Mann wohl geht, so will ich mir um keines Bubenstüks
willen bange seyn lassen.
2. Bedienter.
Wenn Sie lange lebt, und am Ende so stirbt wie andre Leute, so
werden alle Weiber zu Ungeheuern werden.
1. Bedienter.
Wir wollen dem alten Grafen nachlaufen, und irgend einen Bettler
suchen, der ihn führe--
2. Bedienter.
Geh du, ich will etwas Flachs und Eyer-Weiß hohlen, es auf seine
blutenden Augen zu legen. Nun, der Himmel helf ihm!
(Gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erster Auftritt.
(Ein freyes Feld.)
Edgar (tritt auf)
Immer besser so, und wissen daß man verachtet wird, als immer
verachtet und geschmeichelt werden. Das ärmste, niedrigste,
verworrenste Geschöpf lebt immer in Hoffnung, und hat nichts zu
befürchten. Klägliche Veränderungen treffen nur die Glüklichsten.
Wer nichts verliehren kan, kan immer lachen. Willkommen dann, du
unkörperliche Luft, der Unglükliche, den du unter den Elendesten
hinunter geweht hast, ist deinen Stürmen nichts mehr schuldig.
(Gloster tritt auf, von einem alten Manne geführt.) Aber wer kommt
hier? Mein Vater, von einem fremden Manne geführt?--Welt, Welt, o
Welt!--Und doch, wenn deine seltsamen Abwechslungen dich nicht
verhaßt machten, wo ist der Greiß welcher sterben wollte?
Der alte Mann.
O mein guter Lord, ich bin euer Pachter und euers Vaters Pachter
gewesen, diese achzig Jahre.
Gloster.
Gehe, gehe deinen Weg, guter Freund, geh, dein Beystand kan mir
nichts nüzen, und dir könnt' er schädlich seyn.
Der Alte.
Ihr könnt ja euern Weg nicht sehen.
Gloster.
Ich habe keinen Weg, und bedarf also keiner Augen; ich strauchelte,
da ich noch sah. Wie wahr ist es, was uns die Erfahrung so oft
lehrt, unsre Mittelmässigkeit ist unsre Sicherheit, und selbst was
wir entbehren, beweißt, daß wir es nicht nöthig haben--O theurer
Sohn Edgar, unglüklicher Gegenstand des Zorns deines betrogenen
Vaters, möcht ich nur leben dich in meinen Armen zu fühlen, dann
wollt' ich sagen, ich habe wieder Augen.
Der Alte.
Wie? wer ist der?
Edgar.
Ihr Götter, wer kan sagen, ich bin der Elendeste? Ich bin elender
als ich jemals war.
Der Alte.
Es ist der arme tolle Tom.
Edgar.
Und doch kan ich noch elender werden; das Ärgste ist noch nicht,
so lang man noch sagen kan, das ist das Ärgste.
Der Alte.
Guter Freund, wo gehst du hin?
Gloster.
Ist es ein Bettelmann?
Der Alte.
Ein Thor und ein Bettler zugleich.
Gloster.
Er hat noch einige Vernunft, sonst könnt' er nicht betteln. In dem
Sturm der lezten Nacht sah ich einen solchen Burschen, der mich
denken machte, der Mensch sey ein Wurm. Mein Sohn kam mir dabey in
den Sinn; und doch war er damals fern von meinem Herzen. Seitdem
hab ich mehr gehört. Was Fliegen für muthwillige Knaben sind, sind
wir den Göttern; sie tödten uns zu ihrem Zeitvertreib.
Edgar.
Gott helf dir, Meister.
Gloster.
Ist das der nakende Bursche?
Der Alte.
Ja, Mylord.
Gloster.
Geh doch, oder wenn du mir zu lieb eine Meile oder zwoo uns nach
Dover zuvorlauffen willt, so thu es um der alten Liebe willen, und
bring etwas Kleidung für diese nakte Seele, die ich bitten will,
mich zu führen.
Der Alte.
Ach, Mylord, es ist wahnwizig.
Gloster.
Das ist eine böse Zeit, wenn Wahnwizige die Blinden führen; thu was
ich dir gesagt habe, oder vielmehr thu was du willst; alles
überlegt, geh deinen Weg.
Der Alte.
Ich will ihm den besten Anzug bringen, den ich habe; werde daraus
was will.
(Geht ab.)
Gloster.
Hieher, nakter Bursche.
Edgar.
Der arme Tom friert, ich kan es nicht länger verheelen.
Gloster.
Komm hieher, Bursche.
Edgar.
Und doch muß ich; Gott behüte deine lieben Augen, sie bluten.
Gloster.
Kennst du den Weg nach Dover?
Edgar.
Gatter und Zäune, Postweg und Fußsteg: Der arme Tom ist um seine
guten Sinnen gekommen. Gott behüte dich vor dem bösen Feind, alter
Mann. Fünf Feinde sind auf einmal in dem armen Tom gewesen;
Obidicut, der Hureteufel, Hobbididen, der Fürst der Taubheit; Mahu,
des Stehlens, Mohu, des Mordens, und Flibbertigibbet, der Grimassen-
Teufel, der seither die Kammer-Jungfern und Stuben-Mädchen besizt.*
{ed.-* Shakespeare läßt den Edgar in seinen phantastischen Reden
öfters auf eine niederträchtige Betrügerey etlicher Englischen
Jesuiten zielen, die um selbige Zeit in Gesellschaften Stoff zur
Unterredung gab, weil eben damals eine von dem nachmaligen
Erzbischof von York Dr. Harsenet mit grosser Kunst und Stärke
geschriebene Geschichte derselben zum Vorschein kam, unter dem
Titel: Entdekung merkwürdiger Papistischer Betrügereyen, um Ihrer
Majestät Unterthanen von ihrer Pflicht abzuziehen u.s.w. unter
dem Vorwand Teufel auszutreiben, gespielt von Edmunds sonst
Weston genannt, einem Jesuiten, und verschiedenen Römischen
Priestern, seinen boshaften Gesellen. 1603. Diese Jesuitische
Comödie wurde zur Zeit der berühmten Spanischen Armada gegen
England gespielt, und hatte zur Absicht, zu Beförderung des
Spanischen Vorhabens, Proselyten unter dem Pöbel zu machen.
Die vornehmste Scene war in der Familie eines Hrn. Edmund Pekham,
eines Catholiken, wo Marwood, ein Bedienter von Hrn. Anton
Babington, Trayford, ein Bedienter des Hrn. Pekham und drey
Kammer-Mädchen in diesem Hause für besessen ausgegeben, und von
gedachten Priestern in die Cur genommen wurden. Die fünf
barbarischen Teufel, von denen Edgar spricht, sind eben die, von
denen ermeldte fünf dienstbare Personen besessen seyn sollten.
Auszug aus Warbürt. Anmerk.}
Gloster.
Hier, nimm diesen Beutel, du den des Himmels Plagen allen Streichen
des Unglüks ausgesezt haben. Daß ich elend bin, macht dich
glüklicher. Theilet immer so, ihr Götter; Laßt den reichen, von
Überfluß und Wollust berauschten Mann, der euern Schiksalen Troz
bietet, und das Elend seiner Nebengeschöpfe nicht sehen kan, weil
er's nicht fühlt, laßt ihn schleunig eure Allmacht fühlen; so wird
Freygebigkeit den unmässigen Überfluß dämpfen, und ein jeder
Mensch genug haben. Kennst du Dover?
Edgar.
Ja, Herr.
Gloster.
Es ist ein Hügel dort, dessen hoher und überhangender Gipfel
fürchterlich über die angrenzende Tieffe herabsieht. Bring mich
auf die äusserste Spize desselben, und ich will dir etwas geben,
das deinem armseligen Zustand ein Ende machen wird; von dort aus
werd' ich keinen Führer mehr nöthig haben.
Edgar.
Gieb mir deinen Arm, der arme Tom soll dich führen.
Zweyter Auftritt.
(Des Herzogs von Albanien Palast.)
(Gonerill und Edmund.)
Gonerill.
Seyd willkommen, Mylord; mich wundert, daß mein sanftmüthiger Mann
uns nicht entgegen gegangen ist. (Der Hofmeister kömmt.) Nun, wo
ist euer Herr?
Hofmeister.
Gnädige Frau, er ist drinnen; aber so verändert, daß es kaum
glaublich ist; ich sagte ihm, die Feinde seyen angeländet; er
lächelte dazu. Ich sagte ihm, Euer Gnaden kommen wieder an; desto
schlimmer, war seine Antwort. Als ich ihm von Glosters Verrätherey
und von der Treue seines Sohns Nachricht gab, nannte er mich einen
Dummkopf, und sagte mir, ich hätte die schlimme Seite herausgekehrt.
Was ihm am unangenehmsten seyn sollte, scheint ihm zu gefallen;
und was ihm gefallen sollte, beleidigt ihn.
Gonerill (zu Edmund.)
So sollt ihr nicht weiter gehen. Es ist nichts, als die feige
Zaghaftigkeit seines Geistes, welcher nicht Muth genug hat etwas zu
unternehmen: Er wird keine Beleidigung fühlen, die ihn zu einer
Antwort nöthigte. Auf diese Art können unsre Wünsche zur Erfüllung
kommen. Zurük, Edmund, zu meinem Bruder; beschleunige dich, mustre
seine Völker und führe sie an. Hier zu Hause muß ich die Waffen
wechseln, und meinem Manne die Spindel in die Hand geben. Dieser
getreue Diener soll unser Verständniß unterhalten; ihr sollt in
kurzem von mir hören, wenn ihr Herz genug habt zu euerm eignen
Vortheil, den Befehl einer Geliebten zu wagen. Traget diß
(sie giebt ihm ich weiß nicht was,)
sparet die Worte,
(leise)
drehet den Kopf ein wenig--Dieser Kuß, wenn er reden dürfte, würde
deine Lebensgeister in die Höhe treiben--Verstehe mich und lebe
wohl.
Edmund.
Der Eurige bis in den Tod.
Gonerill.
Mein allerliebstes Gloster.
(Edmund geht ab.)
Was für ein Unterscheid ist zwischen Mann und Mann! Du verdienst
die Gunstbezeugungen einer Dame; mein Thor usurpiert meine Person.
Hofmeister.
Gnädige Frau, hier kömmt Mylord. (Der Herzog von Albanien kömmt.)
Gonerill.
Bin ich nicht mehr werth gewesen, als meinem Bedienten zu pfeiffen,
wie ich ankam?
Albanien.
O, Gonerill, ihr seyd den Staub nicht werth, den euch der Wind ins
Gesicht bläßt. Ich fürchte die Folgen eurer Gemüthsart; ein
Geschöpf das seinen Ursprung verachtet, kan sich nicht in seiner
eignen Natur erhalten; der Zweig, der sich selbst von seinem
väterlichen Stamm abreißt, muß verdorren, und zu einem tödtlichen
Gebrauch kommen.*
{ed.-* Eine Anspielung auf den Gebrauch, welchen, der Sage nach, die
Hexen und Zauberer von verdorreten Zweigen zu ihren Bezauberungen
machen sollen. Warbürton.}
Gonerill.
Nichts mehr, welch ein närrisches Gewäsche!
Albanien.
Weisheit und Güte scheinen dem Nichtswürdigen verächtlich;
Tygerthiere, nicht Töchter, was habt ihr gethan? Einen Vater,
einen höchstgütigen alten Mann habt ihr, auf eine höchst
barbarische, höchst unnatürliche Weise, zum Wahnwiz getrieben.
Konnte mein Bruder zulassen, daß ihr es thatet, ein Mann, ein Fürst,
der ihm soviel zu danken hatte? Wahrlich, wenn die Himmel nicht
ungesäumt ihre sichtbar werdenden Geister herabsenden, so
schändliche Übelthaten zu straffen, so muß die Menschheit
nothwendig, gleich den Meer-Ungeheuern, sich selbst aufzehren.
Gonerill.
Du Milchleberichter Mann! der eine Wange für Maulschellen und
einen Kopf für Beleidigungen trägt; der kein Auge hat, den
Unterschied zwischen deiner Ehre und deiner Beschimpfung zu sehen;
der nicht weiß, daß nur Thoren mit Bösewichtern Mitleiden haben,
wenn sie gestraft werden, eh sie ihre Übelthaten ausüben konnten.
Wo ist deine Trummel? Frankreich spreitet seine Fahnen in unserm
ruhigen Land aus; in befiederten Helmen beginnst dein künftiger
Mörder seine Drohungen, während daß du, ein moralischer Narr, still
sizest und rufst: Ach! warum thut er denn das? --
Albanien.
Sieh dich selbst, Teufel! Seine ihm natürliche Häßlichkeit scheint
in einem Teufel nicht so abscheulich, als in einem Weibe.
Gonerill.
O eitler Thor!
Albanien.
Du verwandeltes, ausgeartetes Ding! Schäme dich wenigstens, deine
Bildung mit so ungeheuern Gesinnungen zu schänden! Wenn es sich
für mich schikte, diese Hände dem Trieb meines kochenden Blutes zu
überlassen, sie würden fertig genug seyn dein Fleisch von deinen
Knochen abzureissen--Ob du gleich ein Teufel bist, so schüzt dich
doch die Gestalt eines Weibes--
Gonerill.
Wahrhaftig, eine wolangebrachte Mannheit! (Ein Bote kömmt.)
Bote.
O mein gnädigster Lord, der Herzog von Cornwall ist todt, von
seinem Bedienten erschlagen, da er im Begriff war, Glosters zweytes
Auge auszutreten.
Albanien.
Glosters Augen?
Bote.
Ein in seinem Haus erzogner Bedienter, von Reue durchbohrt,
widersezte sich der That, und zog sein Schwerdt gegen seinen Herrn,
welcher voll Wuth über eine solche Kühnheit, ihn auf der Stelle
tödtete, vorher aber eine Wunde bekam, die ihn nun das Leben
gekostet hat.
Albanien.
Diß zeigt, daß ihr dort oben nicht säumet, ihr himmlischen Richter,
diese unsre unter euern Augen begangne Verbrechen zu rächen. Aber,
O! der arme Gloster! Verlohr er das andre Aug auch?
Bote.
Beyde, beyde, Mylord. Dieses Schreiben, Gnädigste Frau, fodert
eine schleunige Antwort; es ist von eurer Schwester.
Gonerill (vor sich.)
Von einer Seite gefällt mir diß ganz wol. Und doch da sie izt
Wittwe, und mein Gloster bey ihr ist, so könnte leicht das ganze
Gebäude in meiner Phantasie über mein verhaßtes Leben einstürzen--
Auf einer andern Seite ist diese Neuigkeit nicht so reizend--Ich
will lesen und antworten.
(Geht ab.)
Albanien.
Wo war sein Sohn, als sie ihn seiner Augen beraubten?
Bote.
Er begleitete die Herzogin hieher.
Albanien.
Er ist nicht hier.
Bote.
Nein, Mylord, ich traf ihn unterwegs auf der Rükreise an.
Albanien.
Weiß er die schändliche That?
Bote.
Ja, Gnädigster Herr, er war es selbst der seinen Vater anklagte,
und er verließ das Haus, nur damit ihre Rache freyern Lauf hätte.
Albanien.
Gloster, ich lebe, dir für deine Liebe zu dem König zu danken, und
deine Augen zu rächen. Komm mit mir, Freund, und sage mir was du
noch mehr weissest.
(Gehen ab.)
Dritter Auftritt.
(Dover.)
(Kent und ein Edelmann treten auf.)
Kent.
Der König von Frankreich so plözlich wieder umgekehrt! Wißt ihr
die Ursache?
Edelmann.
Umstände, welche seine Abwesenheit in seinem Königreiche dem Staat
gefährlich machen, haben seine schleunige Rükreise nöthig gemacht.
Kent.
Wen hat er zum Feldherrn zurükgelassen?
Edelmann.
Den Marschall von Frankreich, Monsieur le Far.
Kent.
Brachten eure Briefe die Königin zu einiger Äusserung von
Bekümmerniß?
Edelmann.
Ja, Sir, sie nahm sie und laß sie in meiner Gegenwart, und zu
verschiednen malen rollte eine grosse Thräne über ihre sanften
Wangen; es schien, sie sey Königin über ihren Affect, der auf eine
ganz rebellische Weise König über sie zu seyn suchte.
Kent.
So rührte es sie also?
Edelmann.
Aber nicht zum Zorn. Geduld und Schmerz stritten mit einander,
welches von beyden ihrem Gesicht den schönsten Ausdruk geben könnte;
ihr habt Sonnenschein und Regen zugleich gesehen--ihr Lächeln, und
ihre Thränen schienen wie ein nasser May. Dieses anmuthsvolleste
Lächeln das um ihre reiffen Lippen spielt, schien nicht zu wissen,
was für Gäste in ihren Augen wären, die aus denselben wie Perlen
von Diamanten, herunter tröpfelten--Kurz, der Schmerz würde die
liebenswürdigste Sache von der Welt werden, wenn er allen so
anstünde wie ihr.
Kent.
Aber gab sie ihn nicht in Worten zu erkennen?
Edelmann.
Ein oder zweymal seufzte sie aus beklemmten, langsam emporathmender
Brust den Namen Vater hervor, rief zu verschiednen Malen--
Schwestern! Schwestern!--Schandfleke euers Geschlechts!
Schwestern! Kent! Vater! Schwestern! wie? Im Sturm? in einer
solchen Nacht? Laßt die Menschlichkeit es niemals glauben!--Hier
schüttelte sie das heilige Wasser aus ihren himmlischen Augen; und
in einer Bewegung, als ob es ihr unmöglich sey, den lautesten
Ausbruch des Schmerzens zurük zu halten, fuhr sie auf und eilte in
ihr Cabinet, ihrer Empfindung freyen Lauf zu lassen.
Kent.
Die Sterne sind's, die Sterne über uns, die unsre Zufälle bestimmen,
sonst könnte unmöglich eben dasselbige Paar so ungleiche Kinder
zeugen. Sprach sie mit euch seit diesem?
Edelmann.
Nein.
Kent.
Geschah diß noch vor der Rükreise des Königs?
Edelmann.
Nein, erst hernach.
Kent.
Gut, Sir, der arme unglükliche Lear ist in der Stadt; in seinen
bessern Augenbliken erinnert er sich, warum wir hieher gekommen
sind, und dann will er sich schlechterdings nicht bereden lassen,
seine Tochter zu sehen.
Edelmann.
Warum, guter Sir?
Kent.
Eine demüthigende Schaam überwältigt ihn so; die Härte, mit der er
sie seines Segens beraubte, sie der Willkuhr fremder Zufälle
überließ, und ihre theuresten Rechte ihren hündischen Schwestern
zuwarf: Diese Dinge verwunden ihn mit so giftigen Stichen, daß
brennende Schaam ihn von seiner Cordelia zurük hält.
Edelmann.
Der arme alte Herr!
Kent.
Hörtet ihr nichts von Albaniens und Cornwalls Kriegs-Macht?
Edelmann.
Man sagt, sie sey auf den Beinen.
Kent.
Gut, Sir, ich will euch zu unserm Herrn führen, und ihn eurer
Sorgfalt überlassen. Irgend eine wichtige Ursache wird mich eine
Weile verborgen halten. Wenn ich euch recht bekannt seyn werde, so
wird es euch nicht gereuen, so genau mit mir bekannt worden zu seyn.
Ich bitte, kommt mit mir.
(Gehen ab.)
Vierter Auftritt.
(Ein Lager.)
(Cordelia, ein Medicus und Soldaten.)
Cordelia.
Ach! es ist er selbst; man fand ihn eben izt so rasend als die von
Stürmen gepeitschte See; überlaut singend, mit rankichtem
Daubenkropf, mit Schierling, Nesseln, Kukuk-Blumen, Lülch und allem
dem Unkraut bekränzt, das in unsern Kornfeldern wächßt. Schiket
eine Anzahl Leute aus, durchsuchet das ganze Feld, und bringt ihn
vor unsre Augen. Was vermag die menschliche Weisheit seine
beraubten Sinnen wieder herzustellen? Der, der ihm hilft, nehme
alles davor, was ich im Vermögen habe.
Medicus.
Es sind Mittel dazu da, Madame; der beste Arzt der Natur ist Ruhe;
diese mangelt ihm; sie ihm zu verschaffen, sind die Kräfte mancher
Simplicium geschikt, deren Macht das Auge des Kummers zuschliessen
wird.
Cordelia.
Möchten alle gesegneten noch unbekannten Heil-Kräfte der Erde, von
meinen Thränen begossen, hervorsprossen!--Wendet alles an, die
Krankheit des guten alten Mannes zu heben.--Suchet, suchet ihn auf,
eh seine unbezähmte Raserey aus Mangel an Mitteln sie zu dämpfen,
den Rest seines Lebens auflöset. (Ein Bote kömmt.)
Bote.
Neue Zeitungen, Madame, die Brittischen Völker sind im Anzug hieher.
Cordelia.
Das wußten wir schon vorher; unsre Zurüstungen warten nur auf ihre
Ankunft. O theurer Vater, es ist deine Sache die mich hieher
gebracht hat; für dich haben meine Klagen, meine heissen Thränen
den grossen Fürsten von Frankreich erweicht; kein aufgeblähter
Stolz sezt uns in Waffen, sondern Liebe, kindliche Liebe, und
unsers alten Vaters Recht. O wie verlangt mich ihn zu hören und zu
sehen!
(Gehen ab.)
Fünfter Auftritt.
(Regans Pallast.)
(Regan und der Hofmeister.)
Regan.
Sind meines Bruders Völker ausgerükt?
Hofmeister.
Ja, Gnädige Frau.
Regan.
Und er ist selbst in Person dabey?
Hofmeister.
Ja und noch jemand, der mehr zu bedeuten hat; eure Schwester ist
ein beßrer Soldat als er.
Regan.
Lord Edmund sprach nicht mit eurer Lady, da sie zu Hause angekommen?
Hofmeister.
Nein, Madame.
Regan.
Was mag meiner Schwester Brief an ihn zu sagen haben?
Hofmeister.
Ich weiß es nicht, Gnädige Frau.
Regan.
Er ist in wichtigen Geschäften von hier abgegangen. Es war ein
grosser Unverstand, dem Gloster nur die Augen, und nicht auch das
Leben zu nehmen; wohin er kömmt, empört er alle Herzen wider uns.
Edmund, denke ich, ist gegangen, aus Mitleiden über seinen elenden
Zustand, seinem nächtlichen Leben ein Ende zu machen; und zugleich
die Stärke der Feinde zu erkundigen.
Hofmeister.
Ich muß ihn nothwendig aufsuchen, Gnädige Frau; um ihm meinen Brief
einzuhändigen.
Regan.
Unsere Truppen rüken morgen vor; bleibet bey uns; die Wege sind so
unsicher--
Hofmeister.
Ich darf nicht, Madame; Mylady gab mir dieses Geschäfte auf meine
Pflicht.
Regan.
Was konnte sie dem Edmund zu schreiben haben? Konntet ihr ihr
Geschäfte nicht etwann mündlich ausrichten?--Vielleicht, etwas--ich
weiß nicht was--Du sollt alle meine Gunst haben--laß mich den Brief
öffnen.
Hofmeister.
Gnädige Frau, ich wollte lieber--
Regan.
Ich weiß, eure Lady liebt ihren Gemahl nicht; und bey ihrem lezten
Hierseyn, warf sie zärtliche Blike, sehr deutlich redende Blike auf
den edeln Edmund. Ich weiß, ihr seyd ihr Vertrauter--
Hofmeister.
Ich, Gnädige Frau?
Regan.
Ich weiß was ich sage--ihr seyd's--ich weiß es; merkt euch also,
was ich euch izt sagen will. Mein Gemahl ist todt; Edmund und ich
haben uns miteinander besprochen; er schikt sich besser für meine
Hand, als für eure Lady. Das übrige könnt ihr selbst schliessen.
Wenn ihr ihn findet, so gebt ihm dieses, ich ersuche euch; und wenn
ihr eurer Lady diese Nachrichten bringt, ich bitte, so rathet ihr,
ihre Weisheit zurük zu ruffen. Hiemit lebet wohl. Wenn ihr etwann
von diesem blinden Verräther hören solltet, so wißt, daß der eine
reiche Belohnung zu erwarten hat, der ihm den Kopf abschneiden wird.
Hofmeister.
Ich wollte ich träfe ihn an, Madame, ich wollte bald zeigen, was
für eine Parthey ich halte.
Regan.
Lebet wohl.
(Gehen ab.)
Sechster Auftritt.
(Die Gegend um Dover.)
(Gloster, und Edgar als ein Bauer.)
Gloster.
Wenn kommen wir dann zu dem Hügel, wovon ich sagte?
Edgar.
Eben izt steigen wir hinauf. Sehet, wie wir arbeiten.
Gloster.
Mich däucht, der Grund ist eben.
Edgar.
Entsezlich steil. Horcht, hört ihr das Meer?
Gloster.
Nein, wahrhaftig.
Edgar.
Wie denn, so greift die Verderbniß eurer Augen auch eure übrigen
Sinnen an.
Gloster.
In der That es kan wol seyn. Mich däucht, deine Stimme ist
verändert, und du sprichst bessere Sachen, und in bessern Ausdrüken
als zuvor.
Edgar.
Ihr irret euch sehr, ich bin in nichts verändert als in meinem
Anzug.
Gloster.
Ganz gewiß, du sprichst besser.
Edgar.
Folget mir, das ist der Ort--Stehet still. Wie entsezlich und
schwindlicht ist es, die Augen in eine solche Tieffe herab zu
senken! Die Krähen und Wasser-Raben die in der mittlern Luft
fliegen, scheinen kaum so groß als die Schröter; an der Mitte des
Felsen hängt einer, der Meerfenchel sucht, ein fürchterliches
Handwerk; mich dünkt, er ist nicht diker als sein Kopf. Die
Fischer die am Ufer herum gehen, kommen mir vor wie Mäuse, jene
lange vor Anker ligende Barke nicht grösser als ihr Hahn, und ihr
Hahn so klein, daß ihn das Auge nicht mehr fassen kan. Die
murmelnde Welle, die um die unzählbaren nakten Kieselsteine keift,
kan in dieser Höhe nicht mehr gehört werden. Ich will nicht mehr
hinab schauen, sonst möchte das schwindelnde Hirn und das
gebrechende Gesicht mich überwälzend in die Tieffe hinab stürzen.
Gloster.
Stelle mich dahin, wo du stehest.
Edgar.
Gebt mir eure Hand; izt seyd ihr nur eines Fusses Breite von der
äussersten Spize entfernt; um alles was unter dem Mond ligt, wollte
ich hier keinen Sprung vorwärts thun.
Gloster.
Laß meine Hand gehen; Hier, Freund, ist noch ein andrer Beutel, und
in demselben ein Juweel, das wol werth ist von einem armen Mann
angenommen zu werden. Götter und Feen mögen es dir gedeyhen lassen.
Geh du izt weiter, sag mir Lebewohl, und laß mich hören, daß du
gehst.
Edgar (stellt sich als geh er fort.)
Nun, so lebet wohl, mein guter Sir.
Gloster.
Ich danke dir.
Edgar (vor sich.)
Warum treibe ich dieses Spiel mit seiner Verzweiflung? Meine
Absicht ist, sie zu heilen.
Gloster.
O! ihr mächtigen Götter, dieser Welt entsag' ich hiemit, und
schüttle vor euern Augen mein schweres Leiden geduldig ab. Könnte
ich es länger tragen, ohne über euere grossen unwidersezlichen
Schlüsse zu murren, so wollt' ich, bis der schwache Docht meines
grauenvollen Lebens sich vollends ausgebrannt hätte--Wenn Edgar
lebet, o so segnet ihn!--Nun, Camerade, lebe wohl!
(Er thut einen Sprung, und fällt der Länge nach vor sich hin.)
Edgar (in einiger Entfernung, und vor sich.)
Guter Alter, lebe wohl! Wäre er da gewesen, wo er zu seyn gedachte,
so hätte er izt aufgehört zu denken.
(Er nähert sich dem Gloster, und verändert seine Stimme.)
Lebendig oder todt? He, hört ihr, guter Freund! Sir! Sir!
Redet!--So könnt' er sterben, in der That--Doch er lebt wieder auf.
Wer seyd ihr, Sir?
Gloster.
Hinweg, und laß mich sterben.
Edgar.
Wärst du gleich nichts anders gewesen als Spinneweben, Federn und
Luft, du würdest durch einen Fall von so vielen Klaftern wie ein Ey
zersplittert seyn: Aber du athmest, bist noch ganz und blutest
nicht. Rede, bist du unverwundet? Zehen auf einandergesezte
Mastbäume machen die Höhe noch nicht aus, die du senkelrecht
herunter gefallen bist. Dein Leben ist ein Wunderwerk. Rede doch!
Gloster.
Bin ich gefallen oder nicht?
Edgar.
Von dem fürchterlichen Gipfel dieses kreideweissen Felsens. Schau
in die Höhe, die hellgurgelnde Lerche kan aus dieser Höhe weder
gesehen noch gehört werden; sieh nur auf!
Gloster.
Ach, ich habe keine Augen--Ist das äusserste Elend so gar der
Wohlthat beraubt, sich durch den Tod zu enden? Es wäre doch
einiger Trost gewesen, wenn mein Jammer die Wuth des Tyrannen
betrügen, und seinen trozigen Willen hätte vereiteln können.
Edgar.
Gebt mir euern Arm. Auf, so--wie ists? Fühlt ihr eure Beine noch?
Ihr steht doch?
Gloster.
Nur allzuwohl, nur allzuwohl.
Edgar.
Diß übertrift alles Wunderbare. Was für ein Ding war das, das auf
der Spize des Felsen von euch weggieng?
Gloster.
Ein armer unglüklicher Bettler.
Edgar.
Wie ich hier unten stand, däuchte mich, seine Augen wären zween
Vollmonde, er hatte tausend Nasen, krumme Hörner, und bäumte sich
auf wie die aufschwellende See; Es war irgend ein böser Geist.
Zweifle also nicht, du glüklicher alter Vater, daß die Götter, die
sich aus dem was Menschen unmöglich ist, eine Ehre machen dich
sichtbarlich errettet haben.
Gloster.
Izt erinnere ich mich einiger Umstände. Künftig will ich mein
Elend tragen, bis es sich zu tode schreyt, genug, genug, und stirbt.
Ich hielt das Ding wovon ihr redet, für einen Menschen--öfters
rief es aus, der Feind, der böse Feind--Es führte mich an diesen
Ort.
Edgar.
Unterhaltet euch mit geduldigen Gedanken--
Siebender Auftritt.
(Lear, auf eine phantastische Art mit Blumen geziert, tritt auf.)
Edgar.
Aber wer kömmt hier? Ein nüchterner Verstand wird seinen Besizer
nimmermehr so ausstaffieren.
Lear.
Nein, sie können mir des Münzens wegen nichts thun, ich bin der
König selbst.
Edgar.
O herzdurchbohrender Anblik!
Lear.
In diesem Stük ist die Natur über die Kunst. Hier ist euer
Handgeld. Dieser Bursche trägt seinen Bogen, wie ein Krähen-Mann;
spannt mir einen Ellen-Stab--Schaut, schaut, eine Maus. Still,
still!--dieses Stükchen von geröstetem Käse wird es thun--Hier ist
mein eiserner Handschuh, ich will ihn gegen einen Riesen probieren.
Bringt die Pfeile her--O! wohl geflogen, Kiel! Im Schwarzen, im
Schwarzen!--Hey da; Gebt das Wortzeichen.
Edgar.
Der liebliche Majoran.
Lear.
Passiert.
Gloster.
Ich kenne diese Stimme.
Lear.
Ha! Gonerill! ha, Regan! Sie streichelten mich wie einen Hund,
und sagten mir, ich hätte weisse Haare in meinem Bart, eh noch die
schwarzen da waren.--Ja und Nein zu allem zu sagen, was ich sagte--
Ja und Nein, aber es war unächte Münze. Wie der Regen kam und mich
durch und durch nezte, wie der Wind mich schaudern machte, und der
Donner auf meinen Befehl nicht schweigen wollte; da fand ich sie,
da spürt' ich sie aus. Geht, geht, sie sind keine Leute die auf
ihr Wort halten; Sie sagten mir, ich sey alles; es ist eine Lüge,
ich halte die Fieber-Probe nicht.
Gloster.
Ich erinnere mich des Tons dieser Stimme. Ist es nicht der König?
Lear.
Ja, jeden Zolls lang ein König. Wenn ich sauer sehe, seht wie
meine Unterthanen zittern. Ich schenke diesem Mann das Leben. Was
war seine Sache? Ehebruch? du sollt nicht sterben! wegen
Ehebruchs sterben? Nein, der Zaunschlupfer thut es, und die kleine
vergüldete Fliege buhlet unter meinen Augen. Laßt das Vermehrungs-
Werk gehen wie es will; denn Glosters Bastard war zärtlicher gegen
seinen Vater, als meine ehlichgezeugte Töchter. Nur zu, Üppigkeit,
alles durcheinander, ich brauche Soldaten. Sehet jene lächelnde
Matrone, deren Gesicht hinter ihren ausgebreiteten Fingern Schnee
weissagt, die so tugendhafte Grimassen macht, und vor dem blossen
Namen der Wollust den Kopf schüttelt. Die Meer-Kaze und die
brünstige Stutte bringt keinen so heißhungrigen Appetit dazu; von
der Hüfte herab sind sie Centauren, obgleich von obenher ganz
weiblich: Bis zum Gürtel wohnen lauter Götter; weiter unten ist
alles mit Teufeln angefüllt. Hier ist die Hölle, hier ist
Finsterniß, hier ist der brennende, siedende Schwefelpfuhl--pfuy,
pfuy! Gieb mir eine Unze Zibeth, guter Apotheker, meine
Imagination zu versüssen; hier hast du Geld.
Gloster.
O! laß mich diese Hande küssen.
Lear.
Ich will sie vorher abwischen, sie hat einen Todten-Geruch.
Gloster.
O! zertrümmertes Meisterstük der Natur! So wird einst diese
grosse Welt sich zu nichts abnüzen. Kennest du mich?
Lear.
Ich erinnere mich deiner Augen ganz wohl; schielst du nach mir?
Nein? du magst dein ärgstes thun, blinder Cupido, ich will nicht
lieben. Ließ du diese Ausforderung, bemerke nur die Schrift davon.
Gloster.
Wären alle Buchstaben darinnen Sonnen, so könnte ich doch keinen
sehen.
Edgar.
Ich hab' es dem Bericht nicht glauben wollen, aber es ist, und mein
Herz bricht darüber in Stüke.
Lear.
Ließ.
Gloster.
Wie, mit diesen Augen-Dekeln?
Lear.
O ho, steht es so mit euch? Keine Augen in euerm Kopf, und kein
Geld in euerm Beutel. Eure Augen sind in einem schweren Zustand,
und euer Beutel in einem leichten; aber ihr seht, wie diese Welt
geht.
Gloster.
Ich seh es fühlend.
Lear.
Wie! bist du wahnwizig? Es kan jemand sehen wie diese Welt geht,
wenn er gleich keine Augen hat. Sieh mit deinen Ohren; sieh wie
jener Richter jenen einfältigen Dieb ausschilt! Verändre den Ort,
und die Hand auf, die Hand zu, sag mir einmal, wer ist der Richter,
wer ist der Dieb? du hast gesehen, daß ein Pachtershund einen
Bettler anbellte?
Gloster.
Ja, Sir.
Lear.
Und der arme Tropf lief vor dem Hund? Da hättest du das grosse
Sinnbild des Ansehens beobachten können; man gehorcht einem Hund,
wenn er sein Amt thut--Du ruchloser Büttel, halt deine Hand zurük!
Warum peitschest du diese Hure? Streiche deinen eignen Rüken; du
keuchest vor viehischer Begierde sie eben dazu zu gebrauchen, wofür
du sie streichest. Der Wucherer hängt den Spizbuben. Durch
zerlumpte Kleider sieht man die kleinsten Laster; Magistrats-Mäntel
und Pelz-Röke verbergen alles. Deke die Sünde mit Gold und die
starke Lanze der Gerechtigkeit wird brechen, ohne sie verwunden zu
können. Kleide sie in Lumpen, so ist eines Pygmäen Strohhalm
hinreichend sie zu durchbohren. Niemand sündiget, niemand, sag ich,
niemand, nimm das von mir, mein Freund, niemand sündiget, wer die
Macht hat seines Anklägers Lippen zu versiegeln. Kauf dir gläserne
Augen, und stelle dich, wie ein Stümper in der Politik, als ob du
Dinge sähest, die du nicht siehst. Nun, nun, nun, zieht meine
Stifel ab, stärker, stärker, so.
Edgar.
O welch eine Mischung von Vernunft und Unsinn!
Lear.
Wenn du mein Unglük beweinen willst, so nimm meine Augen. Ich
kenne dich ganz wol, dein Name ist Gloster. Du weissest, in dem
ersten Augenblik da wir die Luft schmeken, winseln und weinen wir.
Ich will dir predigen, horch--
Gloster.
Ach, ach! der Tag!
Lear.
Wenn wir gebohren sind, so weinen wir, daß wir auf diese grosse
Schaubühne von Thoren gekommen sind--Es ist ein guter Kloz! Das
wär' ein feines Stratagema, einen Trupp Pferde mit Filz zu
beschuhen; ich will die Probe davon machen, und wenn ich denn diese
Tochtermänner überrascht haben werde, dann schlagt todt, schlagt
todt, schlagt todt, schlagt todt etc.
Achter Auftritt.
(Ein Edelmann, und sein Begleit.)
Edelmann.
O hier ist er, legt Hand an ihn. Mylord, eure theureste Tochter--
Lear.
Keinen Entsaz? wie, ein Gefangener? Ich bin recht dazu gebohren,
der Narr des Glüks zu seyn. Begegnet mir wohl, ihr sollt Lösegeld
haben. Laßt mir Wundärzte kommen, ich bin bis ins Gehirn gehauen
worden.
Edelmann.
Ihr sollt alles haben--
Lear.
Keine Helfer? Bin ichs allein? Wie, das könnte aus einem Mann
einen Mann von Salz machen, der seine Augen für Garten-Sprengkrüge
brauchte, den Staub des Herbstes zu legen. Ich will wie ein
tapfrer Mann sterben, wie ein schmuker Bräutigam. Was? Ich will
jovialisch seyn; Kommt, kommt, ich bin ein König. Meine Herren,
Wissen Sie das?
Edelmann.
Ihr seyd ein König, und wir gehorchen euch.
Lear.
So schenk ich euch das Leben. Kommt, wenn ihr es davon tragen
wollt, so müßt ihr lauffen. Sa, sa, sa, sa.
(Er geht ab.)
Edelmann.
Ein Anblik der an dem niedrigsten Menschen erbärmlich, aber an
einem König über allen Ausdruk ist. Du hast eine Tochter, welche
die Natur von dem allgemeinen Fluch befreyt, den zwo über sie
gebracht haben.
Edgar.
Heil euch, mein edler Herr.
Edelmann.
Sir, macht es kurz; was ist euer Begehren?
Edgar.
Hörtet ihr etwas von einem bevorstehenden Treffen, Sir?
Edelmann.
Das ist etwas unfehlbares, und landkündiges; das hört jedermann,
der einen Ton hören kan.
Edgar.
Aber mit eurer Erlaubniß, wie nähert sich die feindliche Armee?
Edelmann.
Sehr eilfertig; der völlige Bericht wird jede Stunde erwartet.
Edgar.
Ich danke euch, Sir; das ist alles, was ich wollte.
Edelmann.
Ob die Königin gleich einer besondern Ursache wegen hier, so ist
ihre Armee doch vorgerükt.
(Geht ab.)
Edgar.
Ich danke euch, Sir.
Gloster.
Ihr allgütigen Götter, nehmt meinen Athem von mir; laßt meine böse
Seele mich nicht noch einmal versuchen, zu sterben eh es euch
gefällt.
Edgar.
Ihr betet recht, Vater.
Gloster.
Nun, guter Sir, wer seyd ihr?
Edgar.
Ein sehr armer Mann, zu den Streichen des Glüks zahm gemacht, den
die Kenntniß und das Gefühl aller Arten von Elend gegen andre
mitleidig macht.
Gloster.
Herzlicher Dank! die Güte und der Segen des Himmels vergelt es dir
--
Neunter Auftritt.
(Der Haushofmeister mit einem Brief.)
Hofmeister (indem er den Gloster gewahr wird.)
Eine öffentliche ausgeruffene Belohnung! Das ist höchstglüklich.
Dieses dein augenloses Haupt ist dazu ausersehen, mein Glük zu
machen. Alter, unglükseliger Verräther, befiehl deine Seele dem
Himmel, das Schwerdt ist gezogen, das dich tödten soll.
Gloster.
Laß nur deine freundschaftliche Hand Stärke genug dazu anwenden.
Hofmeister.
Woher, verwegner Bauer, darfst du dich unterstehen, einen
öffentlichen Verräther zu unterstüzen? Hinweg, oder sein Schiksal
soll das deinige seyn. Laß seinen Arm gehen.
Edgar.
Ick werd en nit gahn laaten, Herre, mit juhr Verlöf.
Hofmeister.
Laß ihn gehen, Sclave, oder du stirbst.
Edgar.
Myn leeve Heer, loopt mant uers Pades und latet arme Luite met
Freeden. Wann ma vo Grootspreken stärve so wurd myn Leven um
viertein Täg nit so verjahet zyn als es is. Komt mant den verjahet
Mann nit tau näh, seeg ick: taurück! ick will jau verwarnt hebben,
oder ich well proeven, ob jue Bratspiet oder myn Steecken mehre
duret, ick wells ganz kort metju maaken. Ick will euk jue Thäne
wyß maaken, komt Man, es brukt jue Finten kar nit.
(Er schlägt ihn zu Boden.)
Hofmeister.
Sclave, du hast mich erschlagen; Nimm meinen Beutel, und wenn du
willt, daß es dir jemals wohl gehen soll, so begrabe meinen Leib,
und gieb die Briefe die du bey mir findst Edmunden, Grafen von
Gloster: such ihn bey der Englischen Partey auf--O! unzeitiger Tod!
(Er stirbt.)
Edgar.
Ich kenne dich wol, ein dienstfertiger Spizbube, so pflichtvoll
gegen die Laster deiner Gebieterin, als Bosheit es nur immer
wünschen kan.
Gloster.
Wie, ist er todt?
Edgar.
Sezt euch nieder, Vater; ruhet aus. Ich will sehen, was in seinen
Taschen ist; die Briefe von denen er spricht, mögen vielleicht
meine Freunde seyn: er ist todt; es verdrießt mich nur, daß er
keine Begleiter hat. Laßt sehen--Mit eurer Erlaubniß, mein schönes
Sigel--die Höflichkeit kan uns nicht tadeln. Wir reissen unsern
Feinden das Herz auf, um in ihr Herz zu sehen; ihre Briefe zu
erbrechen ist nicht so grausam.
(Er ließt den Brief.)
"Erinnert euch unsrer gegenseitigem Gelübde. Ihr habt viele
Gelegenheiten, ihn aus dem Wege zu räumen; wenn es an euerm Willen
nicht fehlt, so werden sich Zeit und Ort von selbst anbieten.
Kommt er als Sieger zurük--so ist nichts gethan; dann bin ich die
Gefangene und sein Bette ist mein Kerker; befreyet mich von
desselben ekelhafter Wärme, und entsezet den Plaz zur Belohnung
eurer Mühe. Eure (Gemahlin wünschte ich zu sagen) geneigte Dienerin
Gonerill." Welch ein veränderliches Ding ist ein Weib! Ein
Anschlag wider ihres Mannes Leben, um meinen Bruder dafür
einzutauschen! Hier, in diesem Sand will ich dir ein Grab
aufscharren, zum Denkmal für mörderische Hurenjäger, und, wenn es
Zeit seyn wird, dieses schnöde Blat vor die Augen des zum Tode
bestimmten Herzogs legen; es ist sein Glük, das ich ihm von deinem
Tod und von deiner Verrichtung Nachricht geben kan.
Gloster.
Der König ist wahnwizig. Verwünscht sey die Härte meiner Sinnen,
und eine Vernunft, die mich nur für mein Elend fühlend macht!
Besser ich wäre verrükt, so würden doch meine Gedanken von meinen
Leiden entwöhnt, und Schmerzen durch seltsame Einbildungen die
Empfindung ihrer selbst verliehren.
Edgar.
Gebt mir eure Hand, mich dunkt ich höre von fern die Trummel rühren.
Kommt Vater, ich will euch zu einem Freund führen.
(Gehen ab.)
Zehnter Auftritt.
(Cordelia, Kent, ein Arzt.)
Cordelia.
O du redlicher Kent! Wie kan ich lange genug leben, und bemüht
genug seyn, deine Güte zu erwiedern!
Kent.
Erkannt zu werden, Gnädigste Frau, ist überflüssig bezahlt; alles
was ich Ihnen berichtet habe, ist die bescheidne Wahrheit, weder
mehr noch weniger, sondern so.
Cordelia.
Kleidet euch besser an; dieser Habit erinnert uns an diese bösen
Stunden; ich bitte, leget ihn ab.
Kent.
Um Vergebung, Madame; Mein Vorhaben erlaubt mir noch nicht erkannt
zu werden. Ich bitte mirs zur Gnade aus, daß Sie mich nicht kennen,
bis Zeit und ich es rathsam finden.
Cordelia.
So sey es dann also, Mylord--
(zum Arzt)
Was macht der König?
Arzt.
Madame, er schläft noch.
Cordelia.
O! Ihr gütigen Götter, heilet diesen grossen Bruch in seiner
zerrütteten Natur! O! windet auf die tonlosen verstimmten Sinne
dieses in ein Kind verwandelten Vaters!
Arzt.
Gefällt es Euer Majestät, daß wir den König weken? Er hat lange
geschlafen.
Cordelia.
Folget hierinn der Vorschrift eurer Wissenschaft, und handelt nach
euerm eignen Gutdünken; ist er angezogen?
(Lear wird von einigen Bedienten in einem Lehnsessel schlaffend
hereingetragen.)
Arzt.
Ja, Madam; da er im tiefsten Schlaf lag, zogen wir ihm frische
Kleider an. Bleiben Sie, Gnädigste Frau, wenn wir ihn weken; ich
zweifle nicht an seiner Mässigung.
Cordelia.
O! mein theurer Vater! Möchte die Göttin der Gesundheit deine
Arzney auf meine Lippen legen, und dieser Kuß den stürmischen Gram
besänftigen, den meine zwo Schwestern deinem ehrwürdigen Alter
verursacht haben.
Kent.
Zärtliche und theuerste Princessin!
Cordelia.
Wäret ihr auch nicht ihr Vater gewesen, so hätten diese weissen
Loken Mitleiden von ihnen fodern sollen. War diß ein Gesicht, den
kämpfenden Winden ausgesezt zu werden? Dem tiefbrüllenden
furchtbaren Donner entgegenzustehen? Unter den entsezlichsten
Schlägen fliegender sich durchkreuzender Blize? Wie ein armer
Verlohrner in diesem dünnen Helm zu wachen? Meines ärgsten Feindes
Hund, wenn er mich gleich gebissen hätte, sollte in einer solchen
Nacht bey meinem Feuer Plaz bekommen haben; und du, armer Vater,
warst genöthiget, in einer armseligen Hütte bey Schweinen und
verworfnen Elenden auf kurzem halbverfaultem Stroh zu übernachten.
O Jammer! Jammer! Es ist ein Wunder, daß dein Leben sich nicht
zugleich mit deiner Vernunft geendiget hat. Ach! er erwacht--
redet mit ihm--
Arzt.
Reden Sie selbst, Madame, izt ist es am gelegensten.
Cordelia.
Wie befindet sich mein Königlicher Herr? wie steht es um Euer
Majestät?
Lear.
Ihr handelt nicht recht an mir, mich so aus meinem Grabe zu nehmen;
du bist ein seliger Geist, und ich bin an ein feuriges Rad gebunden,
welches meine eignen Thränen gleich zerschmolznem Bley erhizen.
Cordelia.
Mylord, kennet ihr mich?
Lear.
Du bist ein Geist, ich weiß es; wenn starbest du?
Cordelia.
Immer, immer, noch weit--
Arzt.
Er ist noch nicht recht erwacht; lassen Sie ihn eine Weile allein.
Lear.
Wo bin ich gewesen? Wer bin ich? Schönes Tageslicht! Ich bin
übel zugerichtet--einen andern so zu sehen, könnte mich vor
Mitleiden sterben machen. Ich weiß nicht was ich sagen soll; ich
wollte nicht schwören, daß dieses meine Hände sind; laßt sehen, ich
fühle diesen Nadelstich--Ich wollte, ich wäre gewiß was ich bin.
Cordelia.
O sehet mich an, Mylord, und streket eure Hand zum Segen über mich
aus. Nein, Mylord, ihr müßt nicht knien.
Lear.
Ich bitte euch, spottet meiner nicht. Ich bin ein sehr thörichter
weichherziger alter Mann, achtzig und drüber, und, aufrichtig zu
seyn, ich fürchte, ich bin nicht bey meinem völligen Verstande.
Mich dünkt, ich sollte euch und diesen Mann kennen, und doch
zweifle ich; denn ich weiß gar nicht was für ein Ort diß ist, und
so sehr ich auch mich besinne, kenne ich diese Kleider nicht; nein,
ich weiß nicht, wo ich in der lezten Nacht übernachtete. Lacht
nicht über mich, denn, so wahr ich ein Mann bin, ich denke diese
Dame ist mein Kind Cordelia.
Cordelia.
Und das bin ich, ich bins--
(weinend.)
Lear.
Sind eure Thränen naß? Ja, bey meiner Treue; ich bitte euch,
weinet nicht. Wenn ihr Gift für mich habt, so will ichs trinken;
ich weiß ihr liebet mich nicht; denn eure Schwestern haben, wie ich
mich erinnre, mir übel begegnet; ihr habt einige Ursache, sie nicht.
Cordelia.
Keine Ursache, keine Ursache.
Lear.
Bin ich in Frankreich?
Cordelia.
In euerm eignen Königreich, Mylord.
Lear.
Betrüget mich nicht.
Arzt.
Beruhigen Sie sich, Madame; die gröste Wuth hat, wie Sie sehen,
sich bey ihm gelegt. Und doch wäre es gefährlich ihn an Sachen zu
erinnern, die sich auf das Vergangne beziehen. Bitten Sie ihn,
hinein zu gehen. Beunruhigen Sie ihn nicht länger, bis er sich
besser erholt hat.
Cordelia.
Gefällt es Eurer Majestät nicht, sich eine Bewegung zu machen?
Lear.
Ihr müßt Geduld mit mir haben. Nun, ich bitte euch, vergeßt und
vergebt; ich bin alt und albern.
(Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.)
(Kent und der Edelmann bleiben.)
Edelmann.
Bestätiget es sich, daß der Herzog von Cornwall so ermordet worden?
Kent.
Ja, Sir, es ist gewiß.
Edelmann.
Wer ist der Anführer dieses feindlichen Heers?
Kent.
Man sagt, der unehliche Sohn des Grafen von Gloster.
Edelmann.
Sein verbannter Sohn Edgar soll mit dem Grafen von Kent sich in
Deutschland befinden.
Kent.
Das Gerüchte ist unbeständig; es ist Zeit uns umzusehen; die Macht
des Königreichs rükt mit grossen Schritten uns entgegen.
Edelmann.
Dem Ansehen nach wird die Entscheidung blutig seyn--Lebet wohl, Sir.
(Geht ab.)
Kent.
Mein ganzer Entwurf wird heute zu Ende gebracht, wol oder übel, je
nachdem die Sache ausfallen wird.
(ab.)
Fünfter Aufzug.
Erster Auftritt.
(Ein Lager.)
(Edmund, Regan, ein Edelmann und Soldaten.)
Edmund (zum Edelmann.)
Erkundiget euch, ob der Herzog bey seinem lezten Entschluß
verharret, oder ob er indeß sich durch irgend etwas bewegen lassen,
einen andern Weg einzuschlagen? Er ist sehr wankelmüthig und
mißbilligt jeden Augenblik was er im vorigen beliebt hatte. Bringt
uns seinen standhaften Willen.
(Der Edelmann geht ab.)
Regan.
Unsrer Schwester Mann ist ganz gewiß auf dem Wege, sich zu Grunde
zu richten.
Edmund.
Es ist möglich, Madame.
Regan.
Nun, mein angenehmster Lord; ihr kennet die Gewogenheit die ich für
euch habe. Sagt mir aufrichtig, liebet ihr meine Schwester nicht?
Edmund.
Mit einer pflichtmässigen Liebe.
Regan.
Aber habt ihr niemals--*
{ed.-* Das Original ist hier kühner als die Übersetzung. Shakespeare
läßt Regan fragen: (have you never found my brothers way to the
fore-fended place?)}
Edmund.
Nein, bey meiner Ehre, Madame.
Regan.
Ich werde sie nimmermehr leiden können; mein liebster Lord,
enthaltet euch aller Vertraulichkeit mit ihr.
Edmund.
Fürchten Sie nichts; sie und der Herzog, ihr Gemahl--
(Der Herzog von Albanien, Gonerill und Soldaten treten auf.)
Gonerill (für sich.)
Lieber wollt' ich die Schlacht verliehren als zugeben, daß diese
Schwester mich von ihm trenne.
Albanien.
Ich erfreue mich meine liebe Schwester, euch anzutreffen--Sir, der
König ist wie ich höre bey seiner Tochter angekommen, mit noch mehr
andern, welche die Strenge unsrer Maaßregeln genöthigt hat, eine
andre Partey zu nehmen. Wo ich kein ehrlicher Mann seyn kan, bin
ich niemals tapfer. Frankreich thut einen Einfall in unser Land,
in so ferne ist es billig ihn abzutreiben. Aber er führt die Sache
des Königs und andrer, die, wie ich besorge, durch gerechte und
höchstwichtige Ursachen wider uns aufgebracht worden--
Edmund.
Mylord, Sie sprechen sehr edel.
Regan.
Was für eine Betrachtung ist das?
Gonerill.
Laßt uns gegen den Feind uns vereinigen; von diesen Familien- und
Privat-Händeln ist izt die Rede nicht.
Edmund.
Ich werde Eurer Gnaden sogleich in dero Zelt aufwarten.
Albanien.
Wir wollen uns daselbst mit unsern ältesten Kriegsmännern berathen,
was zu thun sey.
Regan.
Schwester, ihr geht ja mit uns?
Gonerill.
Nein.
Regan.
Das würde sich nicht wol schiken; ich bitte euch, geht mit uns.
Gonerill.
O ho, ich verstehe das Räzel, ich will gehen.
Zweyter Auftritt.
(Indem sie hinausgehen, tritt Edgar verkleidet auf.)
Edgar (zu Albanien.)
Wenn Euer Gnaden jemals mit einem so armen Mann gesprochen haben,
so hören Sie mich nur ein Wort.
Albanien (zu den übrigen.)
Ich werde euch wieder einholen--
(zu Edgar)
Rede!
(Edmund, Regan, Gonerill und Gefolge gehen ab.)
Edgar.
Ehe Sie das Treffen beginnen, eröffnen Sie diesen Brief. Wenn der
Sieg auf Ihre Seite fällt, so lassen Sie durch den Schall der
Trompeten denjenigen auffodern, der ihn gebracht hat. So armselig
ich scheine, so kan ich einen Ritter aufstellen, der beweisen soll,
was hier vorgegeben wird. Verliehren Sie, so hat Ihr Geschäfte in
der Welt ohnehin ein Ende, und die Anschläge der Übelgesinnten
sind zu nichte. Das Glük stehe Ihnen bey!
Albanien.
Verweile nur, bis ich den Brief gelesen habe.
Edgar.
Es ist mir verboten worden. Wenn die Zeit es erfodert, so lassen
Sie nur den Herold rufen, und ich werde wieder sichtbar werden.
(Geht ab.)
Albanien.
So lebe wol; ich will das Papier übersehen. (Edmund kommt zurük.)
Edmund.
Der Feind läßt sich sehen; lassen Sie Ihre Völker ausrüken, Mylord.
Seine eigentliche Stärke ist, aller gebrauchten Sorgfalt
ungeachtet, schwer zu entdeken. Aber Ihre Gegenwart, Mylord, ist
izt das nöthigste.
Albanien.
Wir wollen der Zeit entgegen gehen.
(Geht ab.)
Dritter Auftritt.
Edmund.
Beyden Schwestern habe ich meine Liebe zugeschworen, jede ist auf
die andre so eifersüchtig als die Gestochenen über die Schlange.
Welche von beyden soll ich nehmen? Beyde? Eine? oder keine von
beyden? Keine kan genossen werden, wenn beyde beym Leben bleiben.
Nehme ich die Wittwe, so wird Gonerill bis zum Unsinn aufgebracht,
und so lange ihr Gemahl lebt, werd ich schwerlich meine Absicht
ausführen können. Wohlan dann, wir bedörfen seines Ansehens bey
dem Treffen; ist dieses geendiget, so mag diejenige, die seiner los
seyn möchte, zusehen wie sie ihm beykommen kan. Was die Gnade
betrift, die er gegen Lear und Cordelia im Sinn hat, wofern sie in
unsre Gewalt kommen, so sollen sie gewiß nichts davon sehen; denn
mein Interesse ist auszuparieren, nicht anzugreiffen.
(Geht ab.)
Vierter Auftritt.
(Ein Getümmel und Trompeten-Stoß hinter der Schaubühne.)
(Lear, Cordelia und Soldaten ziehen mit Trummeln und Fahnen über
die Scene, und gehen wieder ab.)
(Edgar und Gloster treten auf.)
Edgar.
Hier, Vater, ruhet unter dieses Baumes wirthlichem Schatten aus,
und bittet für den Fortgang der gerechten Sache. Ich komme gar
nicht wieder zurük, oder ich bringe euch eine tröstliche Zeitung
mit.
Gloster.
Gott steh euch bey, Sir.
(Edgar geht ab.)
(Trompeten-Schall, Gefecht und Flucht hinter der Bühne.)
Edgar tritt wieder auf.)
Edgar.
Laß uns fliehen, alter Mann; gieb mir deine Hand, laß uns fliehen.
König Lear hat verlohren, er und seine Tochter sind gefangen; Gieb
mir deine Hand, komm!
Gloster.
Nicht weiter, Sir; ich kan hier so gut verfaulen als an einem
andern Ort.
Edgar.
Wie? schon wieder in schwermüthigen Gedanken? Die Menschen müssen
bey ihrem Ausgang aus der Welt, wie bey ihrem Eintritt, die
natürliche Zeit erwarten; sie müssen zu beyden reif werden; kommet
mit.
Gloster.
Ihr habt würklich recht.
(Sie gehen ab.)
Fünfter Auftritt.
(Edmund zieht mit Lear, und Cordelia, als Gefangenen im Triumph
auf.)
Edmund.
Einige Officiers können sie hinweg führen. Bewachet sie genau, bis
uns der hohe Wille derjenigen, die über sie zu entscheiden haben,
bekannt seyn wird.
Cordelia.
Wir sind nicht die ersten, die sich mit der besten Absicht das
schlimmste Glük zugezogen haben. Nur um deinetwillen, unterdrükter
König, bin ich niedergeschlagen. Träfe unser Unglük mich allein,
ich würde ihm Troz bieten--Werden wir diese Töchter, und diese
Schwestern nicht zu sehen kriegen?
Lear.
Nein, nein, nein, nein! komm, laß uns ins Gefängniß gehen; Wir
beyde allein wollen singen wie Vögel im Keficht: Wenn du mich um
meinen Segen bittest, will ich niederknien, und dich um deine
Verzeihung bitten. So wollen wir leben, und beten und singen, und
uns alte Mährchen erzehlen, und über vergüldete Sommer-Fliegen
lachen, und armselige Schurken von Hofneuigkeiten reden hören, und
dann wollen wir mit ihnen schwazen, wer gewinnt, wer verliehrt, wer
drinnen ist, wer draussen, und so zuversichtlich von den geheimen
Angelegenheiten reden, als ob wir Gottes Kundschafter wären. Und
so wollen wir in einen Kerker eingemaurt, die Banden und Secten der
Grossen überleben, die, gleich der Ebbe und Fluth, je nachdem das
Glük wächst oder abnimmt, sich zusammendrängen oder zurükfliessen.
Edmund.
Führt sie hinweg.
Lear.
Auf solche Opfer, meine Cordelia, möchten die Götter selbst
Weyhrauch herabstreuen.
(Er umarmt sie.)
Hab ich dich in meinen Armen? Der uns trennen will, muß einen
Brand vom Himmel bringen, und uns wie Füchse von einander feuern.
Wische deine Augen; ehe soll der Aussaz ihnen das Fleisch von den
Knochen nagen, eh sie uns weinen machen sollen. Wir wollen sie
eher verhungern sehen.
(Lear und Cordelia werden abgeführt.)
Edmund.
Tritt näher, Hauptmann, und höre. Nimm dieses Papier; geh, folge
ihnen ins Gefängniß. Ich habe dich erst um eine Stuffe befördert;
wenn du thust, was dich dieses anweißt, so machst du deinen Weg zu
einem glänzenden Glük. Wisse, daß die Menschen sind wie die Zeit
ist; ein zärtliches Herz schikt sich nicht zu einem Degen an der
Seite--der wichtige Auftrag der dir gemacht wird, leidet keine
Einwürfe; versprich entweder, daß du es thun willt, oder suche dein
Glük auf einem anderen Wege.
Hauptmann.
Ich will es thun, Mylord.
Edmund.
So beschleunige dich, und schreibe mir in dem Augenblik da du es
gethan hast. Merke daß ich sage, im gleichen Augenblik, und führe
die Sache aus, wie ich's aufgesezt habe.
(Der Hauptmann geht ab.)
Sechster Auftritt.
(Trompeten--Der Herzog von Albanien.)
(Gonerill, Regan und Soldaten treten auf.)
Albanien.
Sir, ihr habt an diesem Tage eure angestammte Tapferkeit bewiesen,
und das Glük hat euch wol geführt. Ihr habt die Gefangenen, die in
dem Streit dieses Tages unsre Gegner waren; wir fodern sie von euch
zurük, um so mit ihnen zu verfahren, wie beydes ihr Verdienst und
unsre Sicherheit von uns erheischen wird.
Edmund.
Sir, ich hielt es für rathsam, den alten elenden König unter guter
Aufsicht, irgends in Verwahrung zu bringen, da sein hohes Alter,
und noch mehr sein Titel eine Zauberkraft in sich hat, die Herzen
des Volks auf seine Seiten zu ziehen, und unsre eingelegte Lanzen
in unsre eigne Augen zu stossen. Ich schikte die Königin mit ihm;
meine Ursache ist eben dieselbe; sie sind aber bereit, morgen oder
zu einer andern Zeit, wenn ihr euer Gericht halten werdet, zu
erscheinen. Izo schwizen und bluten wir; der Freund hat seinen
Freund verlohren, und die besten Händel werden in der ersten Hize
von denen verflucht, die ihre Schärfe fühlen. Das Verhör der
Cordelia und ihres Vaters erfordert bessere Gelegenheit.
Albanien.
Sir, mit eurer Erlaubniß, ich hielt euch in diesem Krieg nur für
einen Unterthanen, nicht für einen Bruder.
Regan.
Und das ist die Ehre die wir ihm zugedacht haben. Mich dünkt, ihr
hättet uns gar wol um unsre Gedanken fragen mögen, eh ihr euch so
weit herausgelassen hättet. Er führte unsre Völker an, er war mit
dem Ansehen meines Plazes und meiner Person bekleidet, und diese
unmittelbare Vorstellung ist wol berechtiget aufzustehen und sich
euern Bruder zu nennen.
Gonerill.
Nicht so hizig; seine persönlichen Verdienste erhöhen ihn mehr als
eure Beförderung.
Regan.
In dem Recht womit ich ihn bekleidet, kan er die Besten seines
gleichen nennen.
Albanien.
Das wäre nicht weniger, als wenn er euch heurathen würde.
Regan.
Spötter werden oft Propheten.
Gonerill.
Holla, holla! Das Auge das euch so berichtete, schielte ein wenig.
Regan.
Lady, ich befinde mich nicht wohl, sonst wollte ich euch aus
überfliessendem Herzen antworten. Feldherr, nimm du meine
Kriegsleute, meine Gefangene, mein Erbgut, und mich selbst; schalte
damit nach deinem belieben! Die ganze Welt sey Zeuge, daß ich dich
hier zu meinem Herrn und Meister ernenne.
Gonerill.
Bildet ihr euch ein, daß ihr ihn besizen werdet?
Albanien.
Die gröste Hinderniß ligt nicht in euerm guten Willen.
Edmund.
Noch in deinem, Lord.
Albanien.
Allerdings, du nichtswürdiger Bube.
Regan.
So laßt die Trummel schlagen, und beweisen, daß mein Recht das
deinige ist.
Albanien.
Haltet noch und höret: Edmund, ich bemächtige mich deiner Person
wegen Hochverraths, und zugleich mit dir, dieser vergoldeten
Schlange. Was euern Anspruch betrift, schöne Schwester, so parire
ich ihn zu Gunsten meiner Gemahlin, die mit diesem Herrn bereits in
Tractaten begriffen ist. Als ihr Ehmann widerspreche ich euerm
Ausruf; wenn ihr heurathen wollt, so bewerbet euch um mich, meine
Gemahlin ist schon bestellt.
Gonerill.
Ein Zwischenspiel--
Albanien.
Du bist bewafnet, Gloster; laß die Trompete blasen; wenn niemand
erscheint, deine schändliche, offenbare und manchfaltige
Verrätherey an deiner Person zu erweisen, so ist hier mein
Handschuh; auf dein Herz will ich beweisen, und eher keinen Bissen
Brodt zu mir nehmen, daß du nichts weniger bist, als wovor ich dich
hier ausgeruffen habe.
Regan.
O! wie übel wird mir--
Gonerill (für sich.)
Wenn es nicht so wäre, so wollt' ich keinem Gift mehr trauen.
Edmund.
Hier ist mein Gegenpfand; wer der auch in der Welt ist, der mich
einen Verräther nennt, der lügt es wie ein Nichtswürdiger: Laßt die
Trompete schallen. Erscheine, wer es wagen will; an ihm, an euch,
an einem jeden, will ich meine Ehre und Treue standhaft behaupten.
Albanien.
Einen Herold, he! (Ein Herold kömmt.)
Albanien (zu Edmund.)
Du hast nichts worauf du dich verlassen kanst, als deine eigne
Tapferkeit; denn deine Soldaten, die alle in meinem Namen
aufgeboten worden, haben auch in meinem Namen ihre Entlassung
erhalten.
Regan.
Es wird mir immer schlimmer--
Albanien.
Sie ist nicht wohl, führet sie in ihr Zelt.
(Regan geht ab.)
Siebender Auftritt.
Albanien (zum Herold.)
Hieher, Herold, laß die Trompete schallen, und ließ dieses ab.
(Ein Trompeten-Stoß. Der Herold ließt.)
Herold.
Wenn irgend ein Mann von Ritterlichem Stand und Würde unter diesem
Heer gegen Edmund anmaßlichen Grafen von Gloster behaupten will,
daß er ein vielfacher Verräther ist, der erscheine bey dem dritten
Trompeten-Stoß; er steht fertig, sich zu vertheidigen. (1.
Trompeter.)
Herold.
Abermal! (2. Trompeter.)
Herold.
Zum drittenmal. (3. Trompeter.)
(Eine Trompete antwortet von innen.)
Edgar, tritt bewafnet auf.)
Albanien.
Frag ihn sein Vorhaben, warum er auf diesen Ruf der Trompete
erscheint?
Herold.
Wer bist du? Was ist dein Name und dein Stand? Und warum
antwortest du auf diese Ausforderung?
Edgar.
Wisse, meinen Namen habe ich durch den giftigen Zahn der
Verrätherey verlohren; dennoch bin ich so edel als der Gegner, mit
dem ich es aufnehmen will.
Albanien.
Wer ist dieser Gegner?
Edgar.
Wer ist der, der für Edmund Grafen von Gloster das Wort führt?
Edmund.
Er selbst; was hast du ihm zu sagen?
Edgar.
Zieh deinen Degen, damit wenn meine Rede ein edles Herz beleidigt,
dein Arm dir Recht verschaffen könne. Hier ist der meine. Ich
thue, was mein ritterlicher Stand, mein Eyd und mein Beruf von mir
fordern. Deiner Stärke, Ehren-Stelle, Jugend und Würde ungeachtet,
troz deinem siegreichen Schwerdt und deinem nagelneuen Glük,
behaupte ich daß du ein Verräther bist, treuloß gegen die Götter,
deinen Vater und deinen Bruder, verschworen wider diesen hohen
ruhmwürdigen Fürsten, und von dem äussersten Wirbel deines Hauptes
bis zu dem Staub an deiner Fußsole, durchaus ein Kröten-flekichter
Verräther. Sagst du, nein, so ist dieses Schwerdt und dieser Arm
gezükt, und meine besten Lebensgeister gesammelt, es auf dein Herz,
zu dem ich rede, zu beweisen, daß du lügst.
Edmund.
Die Klugheit erforderte nach deinem Namen zu fragen; jedoch, da
dein Ansehen so schön und ritterlich ist, und in deiner Sprache ein
Ton von Erziehung athmet, so verachte ich die Bedenklichkeiten,
wodurch ich nach den Gesezen der Ritterschaft deine Ausforderung
ablehnen könnte. Ich schleudre also alle diese Verräthereyen auf
dein Haupt zurük, und überwälze mit denen hölle-verhaßten Lügen
dein Herz, durch welches ihnen dieses mein Schwerdt einen Weg
machen soll, wo du auf ewig ruhen sollst.* Trompeten, redet!
{ed.-* Dieses Nonsensicalische Gewäsche hat man beynahe so
verworren, als es im Original ist, zu einer Probe stehen lassen
wollen, von einer dem Shakespeare sehr gewöhnlichen Untugend,
seine Gedanken nur halb auszudrüken, übel-passende Metaphern
durcheinander zu werffen, und sich von allen Regeln der
Grammatik zu dispensieren.}
(Die Trompeten erschallen. Sie fechten.)
Gonerill.
O rettet ihn, rettet ihn; diß ist ein angestelltes Spiel, Gloster:
Nach den Gesezen des Zweykampfs warst du nicht verbunden einem
unbekannten Gegner zu antworten; du bist nicht überwunden, sondern
betrogen.
Albanien.
Schließt euern Mund, Dame, oder ich will ihn mit diesem Papier
stopfen--Du ärgstes unter allen Dingen, ließ deine eigne Schande--
Es nüzt nichts, es zu zerreissen, Lady; ich merke ihr kennt es.
Gonerill.
Sag, ob ich es kenne; die Geseze sind mein, nicht dein; wer kan
mich dafür zu Rede stellen?
Albanien.
Ungeheuer, kennst du dieses Papier?
Gonerill.
Fragt mich nicht, was ich kenne--
(Gonerill geht ab.)
Albanien (zu einem Hofbedienten.)
Geht ihr nach sie ist in Verzweiflung, habt Acht auf sie.
Achter Auftritt.
Edmund.
Alles, wessen ihr mich bezüchtiget habt, das hab ich gethan, und
noch weit mehr, das die Zeit ans Licht bringen wird. Es ist nun
vorbey, und ich auch. Aber wer bist du, dem das Glük diesen
Vortheil über mich gegeben hat? Wenn du edel bist, so vergeb ich
dir.
Edgar.
Diese Gesinnung verdient erwiedert zu werden. Ich bin von Geburt
nicht weniger als du bist, Edmund, und wenn ich mehr bin, so ist
das Unrecht desto grösser, das du mir gethan hast. Mein Name ist
Edgar und deines Vaters Sohn. Die Götter sind gerecht, und machen
aus unsern wollüstigen Verbrechen Werkzeuge uns damit zu peitschen.
Der finstre und unzüchtige Plaz, wo er dich zeugte, hat ihm seine
Augen gekostet.
Edmund.
Du hast recht gesprochen; es ist wahr, das Rad ist ganz umgelauffen,
und ich bin hier.
Albanien (zu Edgar.)
Mich däuchte, dein Ansehen weissage einen königlichen Adel. Laß
dich umarmen--Kummer möge mein Herz zersplittern, wenn ich jemals
dich oder deinen Vater gehasset habe.
Edgar.
Würdiger Prinz, ich weiß es.
Albanien.
Wo habt ihr euch dann verborgen gehalten, und woher erfuhret ihr
den elenden Zustand euers Vaters?
Edgar.
Indem ich ihn nährte, Mylord. Höret einer kurzen Erzählung zu, und
wenn sie erzählt ist, o daß dann mein Herz bersten möchte!--Der
blutige Ausruf, der so nah auf meine Flucht folgte, lehrte mich
(wie süß ist das Leben, daß wir lieber stündlich die Pein des Todes
ertragen, als einmal sterben wollen!) lehrte mich in die Lumpen
eines wahnwizigen Bettlers mich zu verkleiden, die Ähnlichkeit
eines verschmähten Hundes anzunehmen; und in dieser Gestalt
begegnete ich meinem Vater mit seinen blutenden Augen-Ringen, die
nur erst ihre kostbaren Brillianten verlohren hatten; ich wurde
sein Führer, leitete ihn, bettelte für ihn, rettete ihn vor der
Verzweiflung, und entdekte ihm niemalen (o daß ich es gethan hätte!)
wer ich sey, bis ungefehr vor einer halben Stunde da ich mich
bewafnet hatte, und zwar in Hoffnung dieses glüklichen Ausgangs,
doch nicht ohne Zweifel, um seinen Segen bat, und ihm meine
Pilgramschaft von Anfang bis zu End erzählte. Aber ach! sein
verwundetes Herz, zu schwach den Kampf entgegengesezter
Leidenschaften auszuhalten, brach lächelnd zwischen Freude und
Schmerz.
Edmund.
Diese eure Rede hat mich gerührt, und wird vielleicht eine gute
Würkung haben; aber fahret fort, ihr sehet aus, als ob ihr noch
mehr zu sagen hättet.
Albanien.
Wenn es noch traurigere Sachen sind, so haltet ein; denn das was
ihr erzählt habt, ist schon bereit mein Herz aufzulösen.
Edgar.
Für menschliche Gemüther möchte dieses zum äussersten Grad des
Elends genug seyn; aber diejenigen, die ein Vergnügen an grausamen
Schauspielen haben, möchten gern immer mehr dazu thun, und nur ein
Jammer der sich nicht grösser denken läßt, kan ihr Mitleiden rege
machen. Während daß ich vor Schmerz laut winselte, kam ein Mann,
der mich in meinem schlimmern Zustand gesehen und meine
verabscheute Gesellschaft geflohen hatte; izt aber, da er fand wer
es war, der so viel erlidten hatte, heftete er seine starken Arme
um meinen Hals, und schrie, so laut als ob er den Himmel zerspalten
wollte; warf sich auf meinen Vater, erzählete die Geschichte von
Lear und ihm, die kläglichste, die je ein Ohr gehört hat; und
machte durch diese Vorstellung seinen Schmerz von neuem so heftig,
daß die Stränge des Lebens zu reissen anfiengen--Indeß erklang die
Trompete zum zweiten mal, und ich verließ ihn ohne Gefühl seiner
selbst.
Albanien.
Wer war dann dieser?
Edgar.
Mylord, es war Kent, der verbannete Kent, der in unkenntlicher
Verkleidung seinem König folgte, und ihm Dienste that, die eines
Sclaven unwürdig gewesen wären.
Neunter Auftritt.
(Ein Edelmann zu den Vorigen.)
Edelmann.
Hülfe! Hülfe!
Edgar.
Was für Hülfe?
Albanien.
Rede.
Edgar.
Was will dieses blutige Messer?
Edelmann.
Es ist heiß, es raucht; es kommt eben aus dem Herzen--O! sie ist
todt!
Albanien.
Wer ist todt? Rede, Mann.
Edelmann.
Eure Gemahlin, Mylord, eure Gemahlin, und ihre Schwester ist von
ihr vergiftet worden; sie bekennt es.
Edmund.
Ich war mit beyden versprochen; bald werden wir alle drey zusammen
kommen.
Edgar.
Hier kommt Kent.
(Kent tritt auf.)
Albanien.
Bringt die Leichname herbey, todt oder lebend.
(Gonerills und Regans Leichen werden auf die Bühne gebracht.)
Dieses Gericht des Himmels macht uns zittern, ohne unser Mitleid
zu erregen--
(indem er Kent ansichtig wird)
O! er ists! Vergebet, Mylord. Die Umstände worinn wir sind,
erlauben nicht an die Beobachtung der Höflichkeit zu denken.
Kent.
Ich bin gekommen, meinem König und Herrn das lezte Lebwohl zu sagen.
Ist er nicht hier?
Albanien.
Wir haben das Wichtigste vergessen. Sprich, Edmund, wo ist der
König? Wo ist Cordelia? Siehst du dieses Schauspiel, Kent?
Kent.
Himmel! was ist das?
Edmund.
So wurde Edmund geliebt; Die eine vergiftete die andre um
meinetwillen, und ermordete sich sodann selbst.
Albanien.
So ist es; verhüllet ihre Gesichter.
Edmund.
Ich schnappe nach Leben, um troz meiner eignen Natur, noch etwas
Gutes zu thun. Sendet eilends in das Schloß, ich habe einen Befehl
gegen das Leben Lears und Cordelias ausgestellt; schiket, eh es zu
spät ist.
Albanien.
Rennet, rennet, O! rennet--
Edgar.
Zu wem, Mylord? Wer hat die Aufsicht im Schlosse? Schike ihm ein
Merkmal, woraus er deinen geänderten Willen erkennen kan.
Edmund.
Du hast wohl hieran gedacht; nimm meinen Degen, gieb ihn dem
Hauptmann--
Edgar.
Eile, so lieb dir dein Leben ist.
(Der Bote geht ab.)
Edmund.
Er hatte von eurer Gemahlin und mir Befehl, Cordelia im Gefängniß
zu erhängen, und die Schuld ihrer eignen Verzweiflung beyzumessen.
Albanien.
Die Götter beschüzen sie!--Traget ihn indessen hinweg.
(Edmund wird fortgetragen.)
Zehnter Auftritt.
(Lear tritt auf, Cordelia todt in seinen Armen tragend.)
Lear.
Heult, heult, heult, heult--O! ihr seyd Menschen von Stein; hätt'
ich eure Zungen und Augen, ich wollte sie so brauchen, daß des
Himmels Gewölbe krachen sollte: Sie ist auf ewig dahin. Ich
verstehe mich darauf, ob einer todt ist oder ob einer lebt; Sie ist
todt wie Erde. Leiht mir einen Spiegel; wenn ihr Athem das Glas
trübe macht, dann will ich sagen, sie lebt.
Kent.
Ist das der gehoffte Ausgang?
Lear.
Diese Feder regt sich, sie lebt; wenn es so ist, so ist es ein
Wechsel, der allen Kummer bezahlt, den ich jemals gefühlt habe.
Kent (kniend.)
O mein guter Meister.
Lear.
Ich bitte dich, hinweg.
Edgar.
Es ist der edle Kent, euer Freund.
Lear.
Das Verderben über euch alle, ihr Verräther! Ich hätte sie noch
retten können; izt ist sie auf immer dahin. Cordelia, Cordelia,
bleibe noch ein wenig. Ha!--Was sagtest du?--Ihre Stimme war immer
sanft, anmuthig und gelassen; ein vortrefliches Ding an einem
Weibsbilde! Ich tödtete den Sclaven der dich erdrosselte.
Der Edelmann.
Es ist wahr, Mylords, er that es.
Lear.
That ichs nicht, Bursche? Ich weiß die Zeit, da ich sie mit meinem
guten krummen Weidmesser wollte springen gemacht haben: Izt bin ich
alt, und alle diese Widerwärtigkeiten sezen mir zu--Wer seyd ihr?
Meine Augen sind keine von den besten; ich kan es euch nicht
verheelen--Seyd ihr nicht Kent?
Kent.
Ich bin es, euer Diener Kent; wo ist euer Diener Cajus?
Lear.
Es war ein guter Bursche, das kan ich euch sagen; er konnte
zuschlagen, und das ohne sich lange zu besinnen--Nun ist er todt
und verfault.
Kent.
Nein, mein guter Lord, ich bin dieser Mann.
Lear.
Das will ich gleich sehen.
Kent.
Der vom Anfang eurer Unglüksfälle euren traurigen Fußstapfen
gefolget ist.
Lear.
Ihr seyd willkommen.
Kent.
Aber gewiß sonst kein andrer--Alles ist hier freudenlos, finster
und todt. Eure ältesten Töchter haben sich selbst abgethan, und
sind in Verzweiflung gestorben.
Lear.
Ja, so denke ich.
Albanien.
Er weiß nicht, was er sagt; und es ist izt vergeblich, daß wir uns
ihm vorstellen.
Edgar.
Ganz vergeblich. (Ein Bote zu den Vorigen.)
Der Bote.
Edmund ist todt.
Albanien.
Das ist nur eine Kleinigkeit. Ihr Lords und edle Freunde höret
unsre Entschliessung: Was uns übrig gelassen ist, den grossen
Jammer dieses Tages zu lindern, das soll angewendet werden. Was
uns betrift, so treten wir, so lang diese alte Majestät leben wird,
ihm unsre oberste Gewalt, und euch
(zu Edgar)
unsre Rechte ab, mit allen den Vorzügen, die eure Tugend mehr als
verdient hat. Alle Freunde sollen die Belohnung ihrer Tugend, und
alle Feinde den bittern Kelch ihrer Übelthaten schmeken--O seht,
seht--
Lear.
Und meine arme Seele ist gehangen Nein, nein, nichts mehr von Leben.
Wie, soll ein Hund, ein Roß, eine Raze leben, und du sollst nur
nicht Athem holen? Du wirst nimmer wieder kommen, nimmer, nimmer,
nimmer, nimmermehr--Ich bitte euch, macht diesen Knopf auf. Ich
danke euch, Sir.
(Er deutet auf Cordelias Leiche.)
Seht ihr das? Sehet hieher, seht auf ihre Lippen, seht hieher,
seht hieher--
(Er stirbt.)
Edgar.
Er wird ohnmächtig.
Kent.
Brich, Herz, ich bitte dich, brich.
Edgar.
Sehet auf, Mylord.
(zu Lear.)
Kent.
Plage seinen Geist nicht: O! laß ihn seinen Weg gehen; er würde
den hassen, der ihn länger auf die Folter dieser unbarmherzigen
Welt ausspannen wollte.
Edgar.
In der That, er ist todt.
Kent.
Das Wunder ist, daß er so lange ausgedaurt hat; er usurpirte nur
sein Leben.
Albanien.
Traget sie von hinnen; unser iziges Geschäfte ist allgemeines Weh.
Freunde meiner Seele, regieret ihr beyde das Reich, und erhaltet
den einstürzenden Staat.
Kent.
Mylord, ich bin am Ende meiner Tagreise: Mein Meister ruft mir, ich
darf nicht sagen nein.
(Er stirbt.)
Albanien.
Vom Gewicht dieser jammervollen Zeit zu Boden gedrükt, reden wir
was wir fühlen, nicht was wir sollten. Der Älteste hat am meisten
gelidten: Wir, die wir jung sind, werden nicht lange genug leben,
um wieder soviel zu sehen.
Das Leben und der Tod des Königs Lear, von William Shakespeare
(Übersetzt von Christoph Martin Wieland).