Flieht, Bruder--

(laut)

Fakeln!

(leise)

lebet wohl!

(Edgar flieht.)

Ein wenig Blut würde die Meynung erweken, daß ich einen härtern

Stand gehabt hätte,

(er verwundet sich am Arm.)

Ich habe Trunkenbolde gesehen, die nur zum Scherz mehr gethan

haben als diß;

(laut)

Vater, Vater! Haltet ihn! Haltet ihn! Will mir niemand helfen?

Dritter Auftritt.

(Gloster und Bediente mit Fakeln.)

Gloster.

Nun, Edmund, wo ist der Bösewicht?

Edmund.

Hier stund er im Finstern, sein blosses Schwerdt in der Hand, und

murmelte verfluchte Zauberwörter um den Mond zu beschwören, seinem

Vorhaben günstig zu seyn--

Gloster.

Aber wo ist er dann?

Edmund.

Sehen Sie, Mylord, ich blute.

Gloster.

Wo ist der Bösewicht, Edmund?

Edmund.

Dahinaus floh' er, Mylord, wie er sahe daß es unmöglich war--

Gloster.

Verfolgt ihn, fort, sezt ihm nach!--daß es unmöglich war--Was?

Edmund.

Mich zu bereden, Euer Gnaden zu ermorden; sondern ich ihm entgegen

hielt, daß die rächenden Götter alle ihre Donnerkeile auf

Vatermörder schiessen, und mit wie vielen und grossen Pflichten ein

Sohn seinem Vater verbunden sey--Kurz, Mylord, da er sah' wie sehr

ich seinem unnatürlichen Vorhaben entgegenstund, fiel er mich in

gröster Wuth an, da ich mich nichts weniger versah', und verwundete

mich am Arm; wie er aber merkte, daß meine billig aufgebrachte

Lebensgeister, kühn auf die Gerechtigkeit meiner Sache, sich seinem

Angriff entgegensezten, oder vielleicht weil ihn der Lerm den ich

machte, erschrekte, floh' er plözlich davon.

Gloster.

Laßt ihn fliehen: in diesem Land kan er nicht bleiben, ohne

gefangen zu werden, und nicht gefangen werden, ohne seinen Lohn zu

bekommen. Der Herzog, mein Herr, mein würdiger Gebieter und Gönner,

kommt diese Nacht; unter seinem Namen, will ich ausruffen lassen,

daß derjenige, der ihn findet, und den meuchelmördrischen Buben zu

seiner Straffe einliefert, unsern Dank, und wer ihn verbirgt, den

Tod zum Lohn haben soll.

Edmund.

Als ich ihn von seinem Vorhaben abmahnte, und ihn so entschlossen

fand, es zu vollbringen, drohte ich ihm zulezt mit heftigen

Ausdrüken ihn zu verrathen--Du unverständiger Bastard, antwortete

er mir, meynst du wenn ich gegen dir stünde, irgend eine Meynung,

die man von deiner Treue, Tugend oder Rechtschaffenheit gefaßt

haben kan, würde deinen Worten Glauben verschaffen, wenn ich läugne,

wie ich thun werde, und wenn du auch meine eigne Handschrift

aufweisen würdest! Ich wollte machen, daß alles deinem Antrieb,

deinen geheimen Absichten und verdammten Ränken beygemessen würde;

und du müßtest einen Dummkopf aus der Welt machen, wenn sie nicht

denken sollte, die Vortheile die du von meinem Tode hättest, seyen

stark genug dich anzuspornen, ihn zu suchen.

Gloster.

O! unerhörter verhärtetet Bösewicht!--Er wollte seinen Brief

ableugnen?--Nein, ich hab ihn nicht gezeugt.--Höre, des Herzogs

Trompeten! Ich weiß nicht warum er kömmt--Alle Häven will ich

sperren--Der Lasterbube soll nicht entrinnen--Das muß mir der

Herzog bewilligen; auch will ich sein Bildniß allenthalben

umherschiken, damit das ganze Königreich die nöthige Kenntniß von

ihm habe; und von allen meinen Ländereyen, will ich dich, mein

getreuer und natürlicher Sohn, erbfähig zu machen wissen.

Vierter Auftritt.

(Cornwall, Regan und Gefolge.)

Cornwall.

Wie geht's, mein edler Freund? Seit ich hier angelangt bin,

welches doch nur eben izt ist, hab ich seltsame Neuigkeiten gehört.

Regan.

Wenn sie wahr sind, so fällt alle Rache zu kurz, die den

Übelthäter verfolgen kan; wie befindet ihr euch, Mylord?

Gloster.

O, Madam, mein altes Herz ist gebrochen, in Stüken zerschlagen!

Regan.

Wie? Meines Vaters Taufpathe;* der, dem mein Vater den Namen gab,

euer Edgar?

{ed.-* Hier vergißt der Poet mit einer ihm sehr gewöhnlichen

Distraction, daß seine Personen Heiden sind.}

Gloster.

O Lady, Lady, die Schaam möchte es verbergen können!

Regan.

War er etwann ein Gespiel von den lüderlichen Rittern, die meinen

Vater bedienen?

Gloster.

Ich weiß es nicht, Gnädige Frau; es ist zu arg, zu arg!

Edmund.

Ja, Gnädige Frau, er war von dieser Cameradschaft.

Regan.

Kein Wunder also, wenn er so schlimme Dinge vornahm; sie sind es,

die ihn zur Ermordung des alten Mannes aufgemuntert haben, um seine

Einkünfte mit ihm verprassen zu können. Ich habe eben diesen Abend

von meiner Schwester genaue Nachrichten von ihnen erhalten, und mit

solchen Umständen, daß wenn sie kommen, sich in meinem Haus

aufzuhalten, ich nicht daheim seyn werde.

Cornwall.

Noch ich, das versichre ich dich, Regan. Ich höre, Edmund, daß ihr

euerm Vater eine grosse Probe von kindlicher Liebe gegeben habt.

Edmund.

Es war meine Pflicht, Mylord.

Gloster.

Er entdekte seine boshaften Anschläge, und bekam diesen Stoß von

ihm, wie ihr sehet, da er sich bemühete ihn abzuhalten.

Cornwall.

Wird er verfolgt?

Gloster.

Ja, mein gütiger Lord.

Cornwall.

Wenn er ertappt wird, so soll jedermann seinetwegen ausser Furcht

gesezt werden: Bedient euch hierinn aller meiner Gewalt nach euerm

eignen Gefallen. Was euch betrift, Edmund, dessen Tugend und

kindliche Treue sich in dieser Probe selbst empfiehlt, Ihr sollt

der Unsrige seyn; Gemüther von so vollkommner Zuverlässigkeit haben

wir am meisten nöthig; wir bemächtigen uns hiemit Eurer Dienste.

Edmund.

Aufs wenigste, werde ich Euer Gnaden getreulich dienen.

Gloster.

Ich danke Euer Gnaden.

Cornwall.

Ihr wißt nicht, warum wir euch diesen Besuch machen--

Regan.

Bey so ungewohnter Zeit, und in der finstersten Nacht;--Umstände,

edler Gloster, von einigem Gewicht, worinn wir euers Raths bedürfen,

veranlasen uns. Unser Vater, unsre Schwester, haben beyde über

Zwistigkeiten geschrieben, die ich am füglichsten aus euerm Hause

beantworten zu können glaubte; die verschiedenen Boten erwarten von

hier, abgefertiget zu werden. Ihr, unser guter alter Freund,

helfet zu unsrer Beruhigung, und ertheilet euern nöthigen Rath zu

unsern Angelegenheiten, welche augenblikliche Besorgung erfodern.

Gloster.

Ich bin zu Dero Diensten, Madame; Euer Gnaden sind höchlich

willkommen.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Auftritt.

(Kent und der Haushofmeister der Lady Gonerill treten von

verschiedenen Seiten auf.)

Hofmeister.

Einen guten Abend, Freund; bist du hier vom Hause?

Kent.

Ja.

Hofmeister.

Wo können wir unsre Pferde abstellen?

Kent.

Im Koth.

Hofmeister.

Sey so gut und sag mir's, wenn du mich liebst.

Kent.

Ich liebe dich nicht.

Hofmeister.

So frag ich auch nichts nach dir.

Kent.

Wenn ich dich kreuzweise gebunden in Lipsbury hätte, ich wollte

dich lehren nach mir zu fragen.

Hofmeister.

Warum begegnest du mir so, der ich dich nicht einmal kenne?

Kent.

Ich kenne dich, Bursche.

Hofmeister.

Wofür kennst du mich dann?

Kent.

Für einen Schlingel, einen Schurken, einen Tellerleker, einen

niederträchtigen, hochmüthigen, holen, bettlermässigen, drey-

rokichten, schmuzigen, lumpichten Schurken, einen weißleberichten,

maußköpfigen Schurken, einen Huren-Sohn von einem glasaugichten,

überdienstfertigen, abgefeimten Galgenschwengel; einen, der eine

Kupplerin seyn würde, um jemanden einen Dienst zu thun, und der

nichts anders ist als eine Composition von einem Spizbuben, einem

Bettler, einer Memme und einem Hurenwirth, und der Sohn und Erbe

einer Bastard-Hündin; einen den ich prügeln will, bis du wie ein

kleiner Junge weinst, wofern du nur eine einzige Sylbe von diesem

deinem Titel läugnest.

Hofmeister.

Wie? was für ein ungeheurer Kerl bist du, einen Menschen so zu

schimpfen, den du nicht kennst, und der dich nicht kennt?

Kent.

Und was für ein ausgeschämter Raker bist du, zu läugnen, daß du

mich kennst? Ist es schon zwey Tage, seitdem ich dir ein Bein

unterschlug, und dich vor dem König prügelte? Zieht vom Leder, ihr

Schurke; wenn es schon Nacht ist, so scheint doch der Mond; ich

will machen, daß er durch euch hindurch scheinen soll; ihr

Hurensohn von einem rakermässigen Bartkrazer, zieht.

Hofmeister.

Fort, ich habe nichts mit dir zu thun.

Kent.

Zieht, ihr Halunke! Ihr kommt mit Briefen wider den König, und

nehmt des Püppchens (Vanitas) Parthey wider die Majestät ihres

Vaters; zieht, ihr Lumpenhund, oder ich will eure Beine dermassen

rösten--zieht, sage ich, hieher, Schurke--

Hofmeister.

Hülfe! ho! Mörder! Mörder! Hülfe!

Kent.

Wehr dich, du Sclave! Steh, Galgenschwengel, steh, du

mausköpfichter Sclave, wehre dich.

(Er prügelt ihn.)

Hofmeister.

Hülfe, ho! Mörder! Mörder!--

Sechster Auftritt.

(Edmund, Cornwall, Regan, Gloster und Bediente.)

Edmund.

Was giebts hier? Was habt ihr mit einander?--Hinweg--

Kent.

Mit euch, Herr Bube, wenn es euch beliebt; kommt, ich will euch

trillen; hieher, junger Herr!

Gloster.

Waffen? Schwerdter? Was sind das für Händel hier?

Cornwall.

Haltet Frieden, so lieb euch euer Leben ist; der ist des Todes, der

noch einmal schlägt; was ist die Sache?

Regan.

Es sind die Abgeschikten von unsrer Schwester, und vom König.

Cornwall.

Was ist euer Zwist? redet.

Hofmeister.

Ich kan kaum Athem holen, Mylord.

Kent.

Kein Wunder, da ihr eure Dapferkeit so angespornt habt; ihr

hasenfüssiger Schurke! Die Natur sagt sich von allem Antheil an

dir los; ein Schneider machte dich.

Cornwall.

Du bist ein seltsamer Bursche--ein Schneider einen Menschen machen!

Kent.

Ich, Mylord, ein Schneider, ein Steinmez, oder ein Mahler, könnten

ihn nicht so schlecht gemacht haben, wenn er auch nur zwo Stunden

in der Arbeit gewesen wäre.

Cornwall.

Aber sagt, worüber euer Zank entstanden?

Hofmeister.

Der alte Jauner, Mylord, dessen Leben ich aus Achtung für seinen

grauen Bart gesparet habe,--

Kent.

Du Hurensohn von einem Zet; du unnöthiger Buchstabe! Mylord, wenn

ihr mir Erlaubniß geben wollt, so will ich diesen ungereiterten

Galgenschwengel in einem Mörsel stossen, und die Mauer eines

Secrets mit ihm anstreichen. Meinen grauen Bart sparen--du

Bachstelze!

Cornwall.

Halt ein, Flegel! du viehischer Schurke--kennst du keine Ehrfurcht?

Kent.

Ja, Sir, aber Zorn hat ein Privilegium.

Cornwall.

Warum bist du zornig?

Kent.

Daß solch ein Sclave wie dieser, ein Schwerdt tragen soll, der

keinen ehrlichen Blutstropfen im Leib hat; solche lächelnde

Schurken wie dieser, beissen oft, gleich den Razen, die heiligen

Knoten entzwey, die zu verflochten sind um aufgelöst zu werden;

schmeicheln jeder Leidenschaft die ihre Herren dahinreißt, schütten

Öl in die Flamme, und Eis in ihren Kaltsinn; verneinen, bejahen,

und drehen ihren Eisvogels-Schnabel nach jedem veränderlichen

Lüftchen ihrer Gebieter; als Leute, die gleich den Hunden nichts

wissen, als andern nachzulauffen. Daß die Pest ein solch

epileptisches Gesicht!--Ihr lächelt zu meinen Reden als ob ich ein

Narr sey! Ihr Gänse, hätte ich euch auf der Ebne von Salisbury,

ich wollte euch schnatternd bis heim nach Camelot* treiben.

{ed.-* Diß war der Ort, wo, nach den Romanzen, König Arthur sein

Hoflager im Westen hatte; und es scheint also dieses eine

Anspielung auf irgend eine sprüchwörtliche Redensart in den alten

Ritterbüchern zu seyn.}

Cornwall.

Bist du aberwizig, alter Bursche?

Gloster.

Wie kamet ihr aus? Sagt uns das.

Kent.

Es ist keine solche Antipathie in der Natur, als die meinige gegen

einen solchen Schlingel.

Cornwall.

Warum nennst du ihn einen Schlingel? was ist sein Vergehen?

Kent.

Ich kan seine Figur nicht leiden.

Cornwall.

Vielleicht die meinige, oder dieser oder dessen hier nicht besser.

Kent.

Herr, meine Art ist aufrichtig zu seyn: Ich habe zu meiner Zeit

bessere Gesichter gesehen, als auf irgend einer Schulter stehen,

die ich diesen Augenblik vor mir habe.

Cornwall.

Diß ist einer von den Burschen, die, wenn sie etwann einmal wegen

einer Brüskerie gelobt worden, eine verdrießliche Grobheit

affectieren, und sich von allen Gesezen des eingeführten Wohlstands

los machen--"Er kan nicht schmeicheln, er--ein ehrlicher Mann muß

aufrichtig seyn, er muß die Wahrheit reden; wollen sie sich's

gefallen lassen, gut; wo nicht, so ist er aufrichtig." Diese Art

von Spizbuben kenn ich, die unter dieser Aufrichtigkeit oft mehr

Arglist und schlimmere Absichten verbergen, als zwanzig solcher

seidenen untertauchenden Hofschranzen, die so subtil in Ausdehnung

ihrer Pflichten sind.

Kent.

Mylord, in vollem Ernst, und nach der lautersten Wahrheit, unter

der Nachsicht euers grossen Aspects, dessen Einfluß, gleich der

Crone von stralendem Feuer auf der wallenden Stirne des Phöbus--

Cornwall.

Was willt du mit diesem Galimathias?

Kent.

Eine Sprache fahren lassen, die ihr so übel empfehlet: Ich weiß,

Mylord, daß ich kein Schmeichler bin; der, der euch in einer ganz

platten Sprache betrogen hat, ist ein platter Spizbube, welches ich

nicht seyn will, wenn ich mir gleich dadurch euern Unwillen

zuziehen sollte.

Cornwall (zum Hofmeister).

Was habt ihr ihm denn zu Leide gethan?

Hofmeister.

Nicht das mindeste, Mylord. Es gefiel dem König seinem Herrn,

unlängst mich wegen eines Mißverstands zu schlagen; sogleich nahm

er sich der Sache an, um dem Unwillen seines Herrn zu schmeicheln,

unterschlug mir ein Bein, verspottete und beschimpfte mich, da ich

zu Boden lag, und wurde von dem König gelobt, daß er einen Mann

anfiel, der aus Respect sich nicht zu wehren begehrte; und von

dieser dapfern That aufgemuntert, zog er hier wieder gegen mich.

Kent.

Es ist keiner von diesen Schlingeln und Memmen, der nicht den Ajax

zu seinem Muster mache.

Cornwall.

Schafft Fuß-Stöke herbey. Du starrköpfiger alter Schurke, du

ehrwürdiger Großsprecher, wir wollen dich lehren--

Kent.

Herr, ich bin zu alt zum lernen; fodert eure Fuß-Stöke nicht für

mich; ich diene dem König; ihr würdet wenig Ehrerbietung und eine

zu verwegne Bosheit gegen die höchste Person meines Herrn verrathen,

wenn ihr seinen Abgeordneten in den Stok legen würdet.

Cornwall.

Fuß-Stöke herbey! So wahr ich Leben und Ehre habe, er soll darinn

sizen bis Mittag.

Regan.

Bis Mittag! Bis Nacht, Mylord, und alle übrige Nächte dazu.

Kent.

Wie, Madame, wenn ich euers Vaters Hund wäre, ihr könntet mir nicht

so begegnen!

Regan.

Sir, weil ihr meines Vaters Spizbube seyd, so will ich.

Cornwall.

Das ist ein Bursche von eben der Gattung, wovon unsre Schwester

spricht. Kommt, bringt die Fuß-Stöke.

Gloster.

Euer Gnaden lassen sich erbitten, es nicht zu thun. Sein Vergehen

ist groß, und der gute König, sein Herr, wird ihn deswegen

bestraffen; die Straffe, die ihr vorhabet, ist von einer Art, daß

nur die schlechteste und niedrigste Art von Elenden, wegen

Mausereyen und dergleichen pöbelhaften Unfugen, damit bestraft

werden. Der König muß es übel nehmen, daß er in seinem

Abgeschikten so schlecht geachtet würde--

Cornwall.

Ich will das verantworten.

Regan.

Meine Schwester kan es noch weit übler nehmen, daß ihr Edelmann

wegen Ausrichtung ihrer Befehle so mißhandelt werden soll--Legt

seine Beine hinein.

(Kent wird in den Stok gelegt.)

Kommt, Mylord, wir wollen gehen.

(Regan und Cornwall gehen ab.)

Siebender Auftritt.

Gloster.

Ich bin deinetwegen bekümmert, guter Freund; aber es ist des

Herzogs Wille so, der, wie alle Welt weiß, sich keinen Einhalt thun

läßt. Ich will für dich bitten.

Kent.

Ich bitte euch, thut es nicht, Sir. Ich habe lange gewacht und

gewandert; einen Theil der Zeit kan ich ausschlaffen, und den

übrigen will ich verpfeiffen. Eines ehrlichen Manns Glük kan

endlich müde Füsse kriegen. Ich wünsche euch einen guten Morgen.

Gloster.

Der Herzog ist hierinn zu tadeln; es wird übel aufgenommen werden.

(Geht ab.)

Kent.

Du guter König must izt das alte Sprüchwort erfahren: Du kommst aus

des Himmels Segen in die warme Sonne. Komm näher, du Signal-Feuer

für diese Unterwelt, damit ich bey deinen hülfreichen Stralen

diesen Brief durchlesen könne:

(indem er den Mond ansieht)

Niemand sieht mehr Wunder als der Elende--Ich kenne ihn, er ist

von Cordelia, die höchstglüklicher Weise von meinem verdunkelten

Lauf benachrichtiget worden. Ich werde in diesem ungebührlichen

Zustand Zeit finden, darauf zu denken, wie unser Verlust ersezt

werden könne; ihr müden und ausgemachten Augen, bedient euch des

Vortheils, diese schändliche Wohnung nicht zu sehen. Gute Nacht,

Glük; lächle noch einmal, dann dreh' dein Rad.

(Er entschläft.)

(Die Scene verwandelt sich in einen Wald.)

(Edgar tritt auf.)

Edgar.

Ich habe mich selbst ausruffen gehört, und bin, Dank sey einer

glüklichen Höle in einem Baum, der Jagd entgangen. Kein Seehaven

ist frey, kein Ort, wo nicht Wachen und ungewöhnliche

Aufmerksamkeit auf meine Ertappung warten. Da ich nicht entrinnen

kan, will ich mir auf eine andre Art helfen, und bin entschlossen,

die niedrigste und armseligste Gestalt anzunehmen, die nur immer

die Dürftigkeit ersinnen kan, den verachteten Menschen näher zum

Vieh herab zu sezen. Mein Gesicht will ich mit Schmuz entstellen,

meine Lenden mit Binden umwikeln, mein Haar in Knoten schlingen,

und mit dargebotner Naktheit, den Winden und den Verfolgungen des

Wetters Troz bieten. Die Dörfer zeigen mir ein Muster an den

Tollhaus-Bettlern, die mit heulenden Stimmen, in ihre gefühllose,

abgestorbene, nakte Arme, Nädeln, hölzerne Pfriemen, Nägel und

Rosmarin-Zweige schlagen, und in diesem entsezlichen Aufzug, vor

kleinen Pacht-Höfen, armen Bauerhütten, Schaaf-Hürden und Mühlen,

bald durch mondsüchtige Flüche, bald durch Gebete, der

Mildthätigkeit der Leute Gewalt anthun. Armer Turlupin*! Armer

Tom! Das ist izt etwas--als Edgar bin ich nichts.

{ed.-* Im vierzehnten Jahrhundert entstand eine Art von Zigäunern,

Turlupins genannt, eine Brüderschaft von nakenden Bettlern die in

Europa auf und ab lieffen; dem ungeachtet hat die Römische Kirche

sie mit dem Kezer-Namen beehrt, und würklich einige von ihnen zu

Paris verbrannt. Was sie aber für eine Art von Religionisten

gewesen, sehen wir aus Genebrards Nachricht von ihnen, (Turelupini

Cynicorum sectam suscitantes, de nuditate pudendorum & publico

coitu.) In der That nichts anders, als eine Art Tollhaus-Narren.

Warbürton.}

{ed.-Bei Wieland folgt, wie schon in der englischen Ausgabe von

Warburton, der neunte Auftritt auf den siebenten.}

Neunter Auftritt.

(Die Scene verwandelt sich wieder in des Grafen von Gloster Schloß.)

(Lear, Narr, und ein Ritter.)

Lear.

Das ist wunderlich, daß sie von Hause abreisen, ohne mir meinen

Boten zurük zu schiken.

Ritter.

So viel ich erfahren habe, war die Nacht vorher noch kein Gedanke

an diese Entfernung.

Kent.

Heil dir, mein edler Meister!

Lear.

Ha! machst du deine Schmach zu deinem Zeitvertreib?

Kent.

Nein, Mylord.

Narr.

Ha, ha! er trägt verzweifelte Kniebänder; Pferde werden am Kopf

gebunden, Hunde und Bären am Hals, Affen um die Lenden, und

Menschen an den Beinen; wenn ein Mann gar zu lustig auf den Beinen

ist, so trägt er hölzerne Unterstöke.

Lear.

Wer ist der, der deinen Plaz so sehr mißkennt, dich hieher zu sezen?

Kent.

Es ist Er und Sie, euer Sohn und eure Tochter.

Lear.

Nein.

Kent.

Ja.

Lear.

Nein, sag ich.

Kent.

Ich sage, Ja.

Lear.

Beym Jupiter, schwör ich, Nein!

Kent.

Bey Juno, schwör ich, Ja.

Lear.

Das hätten sie sich nicht unterstanden; sie konnten, sie wollten es

nicht thun; das ist ärger als Mord, die Ehrerbietung gegen mich so

gewaltthätig zu verlezen. Sage mir, so schnell als möglich,

wodurch du eine solche Begegnung verdienen, oder was sie dazu

bringen konnte, dich so mißzuhandeln, da du von uns kamest?

Kent.

Mylord, als ich Ihnen in Ihrem Hause, Eurer Hoheit Briefe

überreichte, kam, eh ich noch vom Boden, wo mich die Ehrfurcht

knien hieß, aufgestanden war, ein rauchender Postillion an, der

ganz beschwizt und halb athemlos einen Gruß von Gonerill seiner

Gebieterin keuchte, und Briefe übergab, die sogleich, ohne auf die

meinige Acht zu haben, überlesen wurden; dem Inhalt derselben

zufolge, liessen sie sogleich ihre Leute aufbieten, die Pferde

fertig halten, befahlen mir ihnen zu folgen und zu warten, bis es

ihnen gelegen sey mir zu antworten, und gaben mir kalte Blike. Da

ich nun hier den andern Boten antraf, dessen Willkomm (wie ich

merkte) den meinigen vergiftet hatte, und sah', daß es eben der

Gesell war, der sich lezthin so unartig gegen Eu. Hoheit aufführte,

so zog ich, weil ich mehr Mannheit als Wiz bey mir hatte, den

Degen gegen ihn; er brachte mit seinem zaghaften Geschrey das Haus

in Bewegung, und euer Sohn und eure Tochter fanden dieses Vergehen

der Schmach würdig, die ich hier erdulde.

Lear.

O! wie schwillt diese Mutter zu meinem Herzen auf! Herunter

(hysterica passio!) Du klimmender Kummer, dein Element ist unten;

wo ist diese Tochter?

Kent.

Bey dem Grafen, Mylord, hier drinnen.

Lear.

Folget mir nicht--bleibt hier zurük--

(Er geht ab.)

Ritter.

Verbrachet ihr sonst nichts, als was ihr da gesagt habet?

Kent.

Nichts. Wie kömmts, daß der König in so kleiner Anzahl anlangt?

Narr.

Wenn du um dieser Frage willen in den Stok gesezt worden wärest, so

hättest du es wol verdient.

Kent.

Warum, Narr?

Narr.

Man muß dich zu einer Ameise in die Schule thun, zu lernen, daß man

im Winter nicht arbeitet. Alle die ihrer Nase folgen, werden von

ihren Augen geleitet, die Blinden ausgenommen; und unter zwanzig

Nasen ist nicht eine die den nicht röche, der stinkt. Wenn ein

grosses Rad einen Hügel herunter lauft, so laß es unaufgehalten,

oder es bricht dir den Hals, wenn du ihm nachlaufst; wenn es aber

aufwärts geht, so laß dich von ihm nachziehen. Wenn ein weiser

Mann dir einen bessern Rath giebt, so gieb mir meinen wieder zurük;

ich möchte nicht, daß ihm jemand andrer folgte als ein Spizbube, da

ihn ein Narr giebt.

Zehnter Auftritt.

(Lear und Gloster treten auf.)

Lear.

Sie wollen nicht mit mir reden? sie sind unpäßlich, sie sind müde,

sie haben die ganze Nacht durch gereißt? Blosse Ausflüchte!

Anzeigen von Empörung und Abtrünnigkeit. Bring mir eine bessre

Antwort--

Gloster.

Mein theurer Lord, Ihr kennet die feurige Gemüthsart des Herzogs!

Wie unbeweglich und fest er in seinen Entschliessungen ist--

Lear.

Rache! Pest! Tod! Verderben! feurig? was feurige Gemüthsart?

Wie? Gloster, ich will mit dem Herzog von Cornwall und seinem

Weibe reden.

Gloster.

Gut, Mylord, so habe ich sie berichtet.

Lear.

Sie berichtet? Verstehst du mich, Mann?

Gloster.

Ja, mein Gnädiger Lord.

Lear.

Der König will mit Cornwallen reden, der Vater will mit seiner

Tochter reden; befiehlt ihr, ihm aufzuwarten--Sind sie dessen

berichtet?--Mein Athem! Mein Blut!--Feurig? der feurige Herzog?

Sagt dem heissen Herzog, ich--Nein! izt noch nicht; es mag seyn,

daß er nicht wohl ist. Krankheit verabsäumt immer alle Pflichten,

an die unsre Gesundheit gebunden ist; wir sind nicht wir selbst,

wenn die unterligende Natur der Seele mit dem Leib zu leiden

befiehlt. Ich will Geduld haben; ich war zu hastig, die Laune

eines Kranken dem Gesunden zur Last zu legen.--Verwünscht sey mein

Zustand!--Aber wofür sollte er hier sizen? Diese Handlung

überführt mich, daß ihre Entfernung von Hause nur ein Kunstgriff

ist. Gebt mir meinen Diener los--Geht, sagt dem Herzog und seinem

Weib, ich wolle mit ihnen sprechen, izt gleich; sagt ihnen, sie

sollen kommen und mich anhören, oder ich will vor ihrer Kammerthüre

die Trommel schlagen lassen, bis sie schreyt, schlaft zu Tod.

Gloster.

Ich wollte, es wäre alles gut zwischen euch.

(Geht ab.)

Lear.

O! mein Herz, mein schwellendes Herz! herunter!

Narr.

Schrey ihm zu, Nonkel, wie das Küchen-Mädchen den Älen, die sie

lebendig in die Pastete gethan hatte; sie schlug sie mit einem

Steken ernstlich auf die Nasen und schrie, zu Boden mit euch, ihr

Muthwilligen, zu Boden! Es war ihr Bruder, der aus lauter

Gütigkeit gegen sein Pferd Butter an sein Heu that.

Eilfter Auftritt.

(Cornwall, Regan, Gloster und Bediente, zu den vorigen.)

Lear.

Ich wünsche euch beyden einen guten Morgen.

Cornwall.

Euer Gnaden sind willkommen.

(Kent wird losgemacht.)

Regan.

Ich bin erfreut Eu. Hoheit zu sehen.

Lear.

Regan, ich denke, ihr seyd es, ich weiß die Ursachen warum ich es

denke; wenn du nicht erfreut wärest, ich wollte mich im Grab von

deiner Mutter als einer Ehebrecherin scheiden.

(Zu Kent.)

O! seid ihr frey? Ein andermal hievon. Geliebte Regan, deine

Schwester ist nichts: O Regan, sie hat ihre Undankbarkeit gleich

einem Geyer hier

(er zeigt auf sein Herz)

angefesselt, an meinem Herzen zu nagen. Ich kan kaum mit dir

reden; du kanst nicht glauben, mit was für einer ausgearteten

Bosheit--o Regan! --

Regan.

Ich bitte euch, Mylord, habet Geduld; ich hoffe, ihr wisset weniger

ihren Werth zu schäzen, als sie ihre Pflicht zu vergessen.

Lear.

Sagst du? Wie ist das?

Regan.

Ich kan nicht denken, meine Schwester sollte nur im mindesten ihre

Schuldigkeit beyseite sezen. Wenn sie vielleicht die

Ausschweiffungen eurer Begleiter eingeschränkt hat, so geschah es

aus solch einem Grund, und zu einem so heilsamen Zwek, daß sie

gegen allem Tadel gesichert ist.

Lear.

Meine Flüche über sie! --

Regan.

O Sir, ihr seyd alt, die Natur steht bey euch auf der äussersten

Grenze ihres Gebiets. Ihr solltet euch durch einen Verstand leiten

lassen, der besser zu unterscheiden wüßte was euch anständig ist,

als ihr selbst; ich bitte euch also, Mylord, kehret zu meiner

Schwester zurük, sagt, ihr habet ihr Unrecht gethan--

Lear.

Sie um Verzeihung zu bitten? Merkt ihr auch, wie wol sich das

schiken wird? Liebste Tochter, ich bekenne daß ich alt bin, Alter

ist unvermöglich, ich bitte dich auf meinen Knien, daß du mir

Kleider, Unterhalt und Bette zukommen lassen wollest.

Regan.

O Sir, nichts weiter; das sind Launen, die nicht auszustehen sind;

kehret ihr zu meiner Schwester zurük.

Lear.

Nimmermehr, Regan. Sie hat mich um die Helfte meines Gefolgs

geschwächt, mich mit schwarzen Bliken angesehen, mich mit ihrer

Zunge, recht wie eine Natter, ins Herz gestochen. Alle

aufgehäuften Raachen des Himmels fallen auf ihren undankbaren Kopf.

Schlaget, ihr anstekenden Lüfte, ihre jungen Beine mit Lahmheit--

Cornwall.

Pfui, Sir, Pfui!

Lear.

Ihr durchdringenden Blize, schiesset eure blendenden Flammen in

ihre hochmüthigen Augen! Steket ihre Schönheit an ihr aus Sümpfen

gesaugte Nebel, von der mächtigen Sonn emporgezogen zu fallen, und

ihren Stolz zu versengen.

Regan.

O! ihr gütigen Götter!--So werdet ihr mir wünschen, wenn der

rasche Humor regiert.

Lear.

Nein, Regan, du sollt niemals meinen Fluch haben; deine zärtliche

Natur wird dich nicht in Härtigkeit ausarten lassen; ihre Augen

sind scharf; die deinen erquiken und brennen nicht. Du bist nicht

fähig mir mein Vergnügen zu mißgönnen, mein Gefolg zu vermindern,

ein hastiges Wort übel auszulegen, mir an meinem Unterhalt

abzubrechen, und den Riegel gegen meine Ankunft zu stossen. Du

kennst die Pflichten der Natur besser, das Band der Kindschaft, die

Geseze der Höflichkeit, und die Forderungen der Dankbarkeit. Du

hast noch nicht vergessen, daß ich dir die Helfte meines

Königreichs geschenkt habe.

Regan.

Guter Sir, zur Hauptsache--

(Man hört Trompeten.)

Lear.

Wer legte meinen Mann in den Stok? (Der Haushofmeister kommt.)

Cornwall.

Was für Trompeten sind das?

Regan.

Meiner Schwester, ohne Zweifel; ihr Brief sagt, daß sie bald hier

seyn wolle. Ist eure Lady gekommen?

Lear.

Diß ist ein Sclave, dessen leicht-geborgter Hochmuth in der

wankelmüthigen Gnade seiner Gebieterin wohnt. Fort, Schurke, aus

meinem Gesicht!

Cornwall.

Was meynten Euer Gnaden hiemit?

Zwölfter Auftritt.

(Gonerill tritt auf.)

Lear.

Wer legte meinen Diener in den Stok? Regan, ich habe gute Hoffnung,

du wußtest nichts davon--Wer kömmt hier? O ihr Himmel! wenn ihr

alte Leute liebet, wenn eure sanfte väterliche Regierung den

Gehorsam heiliget, wenn ihr selbst alt seyd,* so macht meine Sache

zur eurigen, sendet herab und nehmet meine Partey! Schämt euch

nicht, auf diesen eisgrauen Bart zu sehen--O Regan, du nimmst sie

bey der Hand?

{ed.-* König Lear deutet hier auf die alte heidnische Theologie,

welche lehrt, daß (Coelus) oder (Uranus) (der Himmel) von seinem

Sohn Saturnus abgesezt worden, der sich wider seinen alten Vater

auflehnte, und ihn durch Gewalt der Waffen austrieb. Da sein Fall

demjenigen, worinn Lear sich befindet, so ähnlich war, so war es

natürlich, sich bey diesem Anlas an ihn zu wenden.}

Gonerill.

Und warum nicht bey der Hand, Sir? Was hab ich gesündiget? Nicht

alles ist Verbrechen, was Unbesonnenheit tadelt, und Aberwiz so

benennt.

Lear.

O! meine Seiten! ihr seyd zu hart! Könnt ihr noch halten?--Wie

kam mein Mann in den Stok?

Cornwall.

Ich ließ ihn hineinsezen, Sir; aber seine unordentliche Aufführung

verdiente eine noch geringere Beförderung.

Lear.

Ihr? Ihr thatet es?

Regan.

Ich bitte euch, Vater, erkennet doch eure Schwäche--Wenn ihr bis

zum Verfluß ihres Monats mit meiner Schwester wieder umkehren, und

mit Abdankung der Helfte euers Gefolges, bey ihr wohnen wollet, so

kommet dann zu mir. Izt bin ich nicht zu Hause, und nicht mit so

vielem versehen, als zu eurer Unterhaltung nöthig ist.

Lear.

Zu ihr zurük kehren, und fünfzig Mann abdanken? Nein, eher will

ich allen Aufenthalt unter einem Dach abschwören, lieber gegen die

Anfälle der Luft kämpfen, und ein Geselle des Wolfs und der Eule

seyn; so grausam auch ein solcher Zustand ist--Mit ihr zurük

kehren? Eben so leicht könnte ich dazu gebracht werden, vor den

Thron des feurigen Franzosen, der unsre Jüngste ohne Erbgut nahm,

niederzuknien, und wie ein armer Schildknappe um eine Ritterzehrung

zu betteln--Mit ihr zurük kehren? Überrede mich lieber ein Sclav

und Karren-Gaul von diesem verfluchten Hofschranzen zu seyn. --

(Er deutet auf den Hofmeister.)

Gonerill.

Es steht in euerm Belieben, Sir.

Lear.

Ich bitte dich, Tochter, treib mich nicht zum Wahnwiz. Ich will

dich nicht beunruhigen, mein Kind. Lebe wohl! Wir wollen nicht

mehr zusammen kommen, einander nicht mehr sehen. Aber du bist doch

mein Fleisch, mein Blut, meine Tochter--oder vielmehr ein Schaden

der in meinem Fleisch ist, und den ich wider Willen mein nennen muß;

du bist ein Geschwär, eine Pestbeule, eine aufgeschwollene Blatter

in meinem vergifteten Blute. Doch ich will dich nicht schelten.

Die Schaam mag kommen wenn sie will, ich ruffe ihr nicht; ich bitte

den Donnerer nicht, dich zu schlagen, und erzähle dem

allesrichtenden Jupiter keine Geschichten von dir: Bessre dich wenn

du kanst, und wenn es dir gelegen ist. Ich kan Geduld haben, ich

kan bey Regan bleiben, ich und meine hundert Ritter.

Regan.

Nicht vollkommen so; ich habe izt nicht für euch gesorgt, ich bin

nicht darauf versehen, euch gehörig zu empfangen; gebt meiner

Schwester Gehör. Leute die mit Passionen urtheilen, könnten sich

begnügen zu denken, ihr seyd alt, und so--Aber sie weiß, was sie

thut.

Lear.

Ist das wohl gesprochen?

Regan.

Ich darf es behaupten, Sir. Was? fünfzig Begleiter? Ist es nicht

genug? Wozu braucht ihr mehr? Ja, wozu so viele? Da beydes,

Überlast und Gefahr, gegen eine so grosse Anzahl reden. Wie

könnten so viel Leute in einem Hause unter zweyerley Befehl Friede

halten? Es ist schwer, es ist ganz unmöglich.

Gonerill.

Könntet Ihr, Mylord, dann nicht von unsern Bedienten zugleich

bedient werden?

Regan.

Warum nicht, Mylord--wenn sie alsdann etwann saumselig seyn sollten,

so könnten wir sie zur Gebühr weisen. Wenn Ihr zu mir kommen

wollet, (denn nun merke ich, was die Sache auf sich hat,) so bitte

ich nicht mehr als fünf und zwanzig mitzubringen; denn ich werde

nicht mehr als fünf und zwanzigen Plaz und Versorgung geben.

Lear.

Ich gab euch alles--

Regan.

Und ihr gabet es zu rechter Zeit.

Lear.

Machte euch zu meinen Beschirmern, meinen Pflegern, mit dem

einzigen Vorbehalt einer solchen Anzahl; muß ich mit fünf und

zwanzig zu euch kommen? Regan, sagtet ihr so?

Regan.

Und sag es noch einmal, Mylord, ich werde nicht mehr aufnehmen.

Lear.

Diese runzlichten Geschöpfe sehen doch noch ganz hübsch aus, wenn

sie neben andern stehen, die noch runzlichter sind. Nicht der

schlimmste zu seyn, verdient einigen Grad von Lob;

(zu Gonerill)

ich will mit dir gehen, deine Fünfzig sind doch noch einmal so

viel als fünf und zwanzig, und du liebst mich um die Helfte nicht

so wenig als sie.

Gonerill.

Höret mich, Mylord, wozu braucht ihr fünf und zwanzig, zehen oder

fünf, euch in ein Haus zu folgen, wo zweymal so viel Befehl haben,

euch aufzuwarten?

Regan.

Wozu braucht ihr nur einen einzigen?

Lear.

O! philosophiert nicht über das was man nicht braucht, oder die

elendesten Bettler haben in ihrer grösten Dürftigkeit noch

Überfluß. Gestehet der Natur nicht mehr zu, als die Natur bedarf,

so ist des Menschen Leben so wohlfeil als des Viehes. Du bist eine

Lady; wenn warm gekleidet gehen schon Pracht ist, so wirf deine

Kleider weg, die Natur bedarf nicht was du zur Pracht trägst, da es

dich schwerlich warm halten kan; aber was die wahre Nothdurft

betrift--Ihr Himmel! Gebt mir die Geduld die ich vonnöthen habe.

Ihr seht mich hier, ihr Götter, einen armen alten Mann, von Gram so

gedrükt als von Jahren: Wenn ihr es seyd, die dieser Töchter Herzen

wider ihren Vater empören--o so treibet euer grausames Spiel nicht

so weit, mich zahm wie einen Thoren dulden zu machen. Rühret mich

mit edelm Zorn! o laßt nicht weibische Waffen, Wassertropfen,

meine männliche Wange befleken!--Nein! Ihr unnatürlichen Unholden,

ich will solche Raache an euch beyden nehmen, daß alle Welt--ich

will solche Dinge thun--die meine Seele sich selbst noch nicht

gestehen darf**--Dinge, worüber der Erdboden sich entsezen soll.--

Ihr denkt, ich soll weinen? Nein, ich will nicht weinen--ob ich

gleich Ursache genug zum Weinen habe.--Eh soll diß Herz in tausend

Stüke brechen eh ich weinen will--O Narr, ich werde wahnsinnig

werden--

{ed.-**--(Nescio quid ferox Decrevit animus intus & nondum sibi

audet fateri.) (Seneca in Med.)}

(Lear, Gloster, Kent und Narr gehen ab.)

Dreyzehnter Auftritt.

Cornwall.

Wir wollen uns wegbegeben; es kömmt ein Ungewitter.

Regan.

Diß Haus ist klein, der alte Mann und seine Leute können nicht wol

darinn versorgt werden.

Gonerill.

Es ist seine eigne Schuld, daß er keine Ruhe hat; er mag die Folgen

seiner Thorheit kosten.

Regan.

Ihn für seine Person will ich mit Vergnügen aufnehmen, aber nicht

einen einzigen Begleiter.

Gonerill.

Das ist auch mein Vorsaz. Wo ist Mylord von Gloster? (Gloster

kömmt zurük.)

Cornwall.

Er begleitete den alten Mann--Hier kommt er wieder.

Gloster.

Der König ist in der äussersten Wuth, und will fort, ich weiß nicht

wohin.

Cornwall.

Das beste ist, ihm den Lauf zu lassen, den er selbst nimmt.

Gonerill (zu Gloster.)

Mylord, sprechet ihm auf keinerlei Art zu, daß er bleibe.

Gloster.

Aber, die Nacht bricht an, und die Winde stürmen entsezlich; auf

manche Meile herum ist kaum ein Busch--

Regan.

O Sir, eigensinnigen Leuten müssen die Übel die sie sich selbst

zuziehen, für Lehrmeister dienen. Sperret eure Thüren zu; er hat

verzweifelte Leute bey sich; und die Klugheit befiehlt zu fürchten,

wozu sie ihn aufhezen könnten, da es so leicht ist, ihn zu

verführen.

Cornwall.

Verschließt eure Thüren, Mylord, es ist eine ungestüme Nacht.

Meine Regan räth wol; kommt, eh das Wetter angeht.

(Gehen ab.)

Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.

(Eine Heyde.)

(Man hört einen Sturm mit Donner und Blizen.)

(Kent und ein Ritter treten von verschiedenen Seiten auf.)

Kent.

Wer geht hier in diesem schlimmen Wetter?

Ritter.

Einer dessen Gemüthsfassung diesem Wetter sehr ähnlich ist.

Kent.

Ich kenne euch; wo ist der König?

Ritter.

Mit den erzürnten Elementen kämpfend, befiehlt er den Winden die

Erde in die See zu wehen, oder die krausen Wellen über das feste

Land aufzuschwellen, damit die Welt eine neue Gestalt bekomme oder

aufhöre. Er rauft seine weissen Haare, und bemüht sich in sich

selbst, in seiner innerlichen Welt, die streitenden Sturmwinde und

die berstenden Wolken zu überrasen. In einer solchen Nacht, wo der

wüthende Hunger auch die wildesten Thiere nicht aus ihren Hölen zu

treiben vermochte, rennt er mit unbedektem Haupt hin und wieder,

und stößt seinen Grimm in Verwünschungen aus--

Kent.

Aber wer ist bey ihm?

Ritter.

Niemand als der Narr, der sich bemüht, ihn der Kränkungen, die sein

Herz zerreissen, durch seine Thorheiten vergessen zu machen.

Kent.

Sir, ich kenne euch, und wage es unter der Bürgschaft meiner euch

nicht unbekannten Gesinnungen, euch einen wichtigen Auftrag zu

machen. Es ist Mißhelligkeit, ob sie gleich aus Staatslist noch

verborgen wird, zwischen den Herzogen von Albanien und Cornwall:

Sie haben Bediente, (und welche Grosse haben nicht solche?) die

unter dem Schein der Treue heimliche Kundschafter sind, und

Frankreich alles verrathen, was in unserm Staat vorgeht--die

Zänkereyen der Herzoge, oder die rauhe Art womit beyde dem guten

alten Könige begegnet sind, oder vielleicht etwas noch tiefferes,

wozu beydes nur die Vorbereitungen sind--was es auch seyn mag,

gewiß ist, daß ein Französisches Kriegsheer im Begriff steht in

dieses geschwächte Königreich einzufallen. Unsre Nachlässigkeit

hat ihnen schon Zeit gelassen, sich in unsern besten Seehäfen

Anhänger zu machen, und sie werden nicht lange säumen, ihre

Feldzeichen öffentlich aufzusteken. Wenn ihr nun anders auf meinen

Credit so viel wagen wollet, in Eile nach Dover abzugehen, so

werdet ihr Leute finden, die euch danken werden, wenn ihr ihnen

eine wahrhafte Nachricht gebet, über was für unnatürliche und

unsinnigmachende Beleidigungen der König zu klagen Ursach hat. Ich

bin ein Edelmann von Stand und Bedeutung, und würde euch diesen

Dienst nicht auftragen, wenn ich nicht wißte, daß ich mich auf euch

verlassen kan.

Ritter.

Ich will weiter mit euch hievon reden.

Kent.

Nein, thut es nicht; zur Bestätigung daß ich weit mehr bin, als

meine Aussen-Seite, öffnet diesen Beutel und nehmt, was darinn ist.

Wenn ihr Cordelia sehen werdet, wie ihr nicht zweifeln dürft, so

zeigt ihr diesen Ring, und sie wird euch sagen wer der gute Freund

ist, den ihr izt nicht kennt.

Ritter.

Gebt mir euere Hand, habt ihr sonst nichts zu sagen?

Kent.

Wenig Worte, aber, der Würkung nach, mehr als alles bisherige. Wir

wollen uns trennen, um den König zu suchen, und der erste der ihn

erblikt, soll dem andern ein Zeichen geben.

(Gehen ab.)

Zweyter Auftritt.

(Das Ungewitter daurt immer fort.)

(Lear und der Narr treten auf.)

Lear.

Blaset ihr Winde, und zersprengt eure Baken, wüthet, blaset! Ihr

Wolkenbrüche und Orkane, speyet Wasser aus bis ihr unsre

Glokenthürme überschwemmt und ihre Hahnen ersäuft habet. Ihr

schweflichten, meine Gedanken ausrichtenden Blize, senget mein

weisses Haupt; und du allerschütternder Donner, schlage die dike

Ründe der Welt platt, zerbrich die Form der Natur, und zerstüke auf

einmal alle die ursprünglichen Keime, woraus der undankbare Mensch

entsteht.

Narr.

O Nonkel, Hofweyhwasser in einem trocknen Haus ist besser als

Regenwasser vor der Thüre. Guter Nonkel, hinein, und bitte deine

Töchter um ihren Segen; das ist eine Nacht, die weder mit

Gescheidten noch mit Narren Mitleiden hat.

Lear.

Brause und lärme nur so laut du kanst, spey Feuer, ströme Regen;

weder Regen noch Wind, Donner noch Blize sind meine Töchter; ich

beschuldige euch keiner Unfreundlichkeit, ihr Elemente; ich gab

euch keine Königreiche, ich nannte euch nie meine Kinder, ihr seyd

mir keinen Gehorsam schuldig. So laßt denn euer entsezliches

Vergnügen fallen--Hier steh ich, euer Gegner, ein armer,

entkräfteter, schwacher, und verachteter alter Mann! Und doch seyd

ihr nur knechtische Diener, die, in Verständniß mit zwo

verderblichen Töchtern eure donnernde Schlachtordnungen gegen einen

so alten und weissen Kopf aufführet--oh! oh! es ist

niederträchtig.

Narr.

Wer ein Haus hat, worein er seinen Kopfsteken kan, hat einen guten

Helm--Wer sein Herz zu seinem Zehen macht, wird über Hüner-Augen

schreyen und nicht schlaffen können; denn es ist noch nie kein

hübsches Mädchen gewesen, die nicht Gesichter in einen Spiegel

gemacht hätte.

Dritter Auftritt.

(Kent kommt zu ihnen.)

Lear.

Nein, ich will das Muster aller Geduld seyn, ich will nichts sagen.

Kent.

Wer ist hier?

Narr.

------------*

{ed.-* Der Narr sagt hier etwas so elendes, daß der Übersetzer sich

nicht überwinden kan, es herzusezen. Der Leser darf versichert

seyn, daß man nichts verliehrt, wenn schon zuweilen Einfälle

weggelassen werden, deren Absicht bloß war, die Grundsuppe des

Londner-Pöbels zu König Jacobs Zeiten lachen zu machen.}

Kent.

Ach! Sir, seyd ihr hier? Geschöpfe die sonst die Nacht lieben,

lieben keine solche Nächte wie diese; der ergrimmte Himmel schrekt

sogar die nachtwandernden Gespenster in ihre Hölen zurük. Seit ich

ein Mann bin, erinnere ich mich nicht solche Feuer-Güsse, solche

fürchterlich berstende Donner, ein solches Geheul und Geprassel von

Sturmwinden und Plazregen gehört zu haben. Das ist mehr als die

menschliche Natur ausstehen kan.

Lear.

Izt mögen die grossen Götter, die dieses entsezliche Getöse über

unsern Häuptern machen, ihre Feinde aufsuchen. Zittre, du

Unglükseliger, dessen unentdekte Verbrechen der Ruthe der

Gerechtigkeit entgangen sind! Verbirg dich, du blutige Hand, du

Meineydiger, du blutschänderischer Heuchler der Tugend; zerfall in

Asche, Bösewicht, der unter dem Schein der Freundschaft nach dem

Leben eines Menschen getrachtet hat--Ihr geheimen verschlossenen

Sünden, öffnet euere verbergende Kammern, und bittet diese

fürchterlichen Aufforderer um Gnade--Ich bin ein Mensch, gegen den

mehr gesündiget worden, als er selbst gesündiget hat.

Kent.

O weh! mit blossem Haupt! Mein gütiger Lord, ganz nah an hier ist

eine Hütte; Irgend ein mitleidiges Geschöpf wird sie euch gegen das

Ungewitter leihen; ruhet dort aus, indeß daß ich in dieses harte

Haus (härter als der Fels auf dem es erbaut ist, weil sie nur eben

izt, da ich nach euch fragte, mir den Eingang versagten) zurük

kehre, und ihrer kargen Höflichkeit Gewalt anthue.

Lear.

Mein Kopf fangt an zu schwärmen--Komm mit, Junge. Was machst du,

Junge? frierst du? Ich friere selbst. Wo ist Stroh, guter

Freund? Die Kunst der Nothwendigkeit ist wunderbar, daß sie die

schlechtesten Dinge kostbar machen kan. Kommt, in eure Hütte!--

Armer Tropf! Ich habe nur noch eine Faser von meinem Herzen übrig,

und die ist izt für dich bekümmert.

Narr

(singt ein kahles Liedlein.)

Lear.

In der That, mein guter Junge; komm, führ uns in die Hütte--

(Geht mit Kent ab.)

Narr.

Das ist eine hübsche Nacht ein verliebtes Weibsbild abzukühlen.

Ich will noch eine oder zwo Propheceyungen sagen, eh ich geh. (Die

folgende Stelle ist im Original in Reimen.) "Wenn Priester reicher

an Worten als Gedanken sind, und Brauer ihr Malz mit Wasser

verderben; wenn Edelleute die Lehrmeister ihrer Schneider sind, und

anstatt der Kezer nur Hurenjäger verbrennt werden, dann kommt die

Zeit, wer sie erlebt, daß der Gebrauch seyn wird mit den Füssen zu

gehen. Wenn ein jeder Rechtshandel gerecht seyn wird, kein

Edelmann voller Schulden, und kein Junker arm, wenn Verleumdungen

nicht in Zungen leben, und Beutelschneider sich in kein Gedränge

mischen, wenn Wucherer ihr Gold auf freyem Felde zählen, und

Kupplerinnen und H**n Kirchen bauen: Dann wird das Reich von Albion

in grosse Verwirrung gerathen"--Diese Propheceyung soll Merlin

machen, denn ich lebe vor seiner Zeit.

(Geht ab.)

Vierter Auftritt.

(Ein Zimmer in Glosters Schloß.)

(Gloster und Edmund.)

Gloster.

Edmund, diese unnatürliche Begegnung gefällt mir gar nicht. Wie

ich sie um Erlaubniß bat, Mitleiden mit ihm zu haben, so nahmen sie

mir den Gebrauch meines eigenen Hauses, und verboten mir bey

Straffe einer ewigen Ungnade, weder mit ihm zu reden, noch für ihn

zu bitten, noch ihn auf irgend eine Weise zu unterstüzen.

Edmund.

Das ist ja ganz barbarisch und unnatürlich.

Gloster.

Geht hinein, aber sagt nichts. Es ist Zwiespalt zwischen den

Herzogen, und noch etwas schlimmers als das; ich habe diese Nacht

einen Brief bekommen, es ist gefährlich davon zu reden, (ich habe

den Brief in mein Cabinet verschlossen.) Diese Beleidigungen die

der König duldet, werden gerochen werden; es ist schon ein Theil

der Macht auf den Beinen; wir müssen uns zum Könige schlagen; ich

will zu ihm sehen, und ihm heimlich Beystand thun; geht ihr, und

unterhaltet ein Gespräch mit dem Herzog, damit er nicht merke was

ich für den König thun werde; wenn er nach mir fragt, so bin ich

nicht wohl und zu Bette gegangen. Und wenn ich deßhalb sterben

müßte, (wie mir dann nicht weniger gedräut ist,) so muß der König,

mein alter Herr Hülfe haben. Es sind wunderliche Dinge auf dem

Tapet, Edmund, ich bitte euch, geht und seyd sorgfältig.

(Geht ab.)

Edmund (allein.)

Diese Großmuth soll mit deiner Erlaubniß der Herzog diesen

Augenblik erfahren, und den Brief dazu. Das hat das Ansehen eines

wichtigen Verdiensts, und muß mir geben was mein Vater verliehrt;

nicht weniger als Alles. Der Jüngere steigt, wenn der Alte fällt.

(Geht ab.)

Fünfter Auftritt.

(Die Scene verwandelt sich in einen Theil der Heyde mit einer

Hütte.)

(Lear, Kent und Narr.)

Kent.

Hier ist der Ort, Mylord; mein gütiger Lord, gehet hinein. Es ist

der Natur unmöglich, die Strenge dieser Nacht im freyen Feld

auszuhalten.

Lear.

Laßt mich allein.

Kent.

Mein gütiger Lord, gehet doch hinein.

Lear.

Wird es mein Herz brechen?

Kent.

Ich wollte lieber mein eignes brechen; ich bitte euch, Mylord,

kommet herein.

Lear.

Du denkst es sey zuviel, daß dieser wüthende Sturm uns bis auf die

Haut anfällt; für dich ist es so; aber wenn ein grösserer Schmerz

tobet, wird der geringere kaum gefühlt. Du würdest dich vor einem

Bären entsezen; wenn aber deine Flucht gegen das heulende Meer läge,

würdest du dem Bären in den Rachen lauffen. Wenn das Gemüth frey

ist, so ist der Leib zärtlich; der Sturm in meinem Gemüth nimmt

meinen Sinnen alles andre Gefühl, als was hier schlägt.

(Er zeigt auf sein Herz.)

Kindliche Undankbarkeit! Ist es nicht als ob dieser Mund diese

Hand zerreissen wollte, weil sie ihm Speise gereicht habe?--Doch

ich will sie abstraffen; Nein, ich will nicht mehr weinen--In einer

solchen Nacht mich auszustossen--Schütte nur zu, ich will es leiden,

--In einer Nacht wie diese? O Regan, Gonerill, euern alten guten

Vater, dessen ehrliches Herz alles gab--O auf diesem Wege ligt

Wahnwiz; ich muß ihn ausweichen--Nichts mehr hievon--

Kent.

Mein gütiger Lord, gehet doch hinein.

Lear.

Ich bitte dich, geh du selbst hinein, sieh wie du dir helfen kanst,--

dieser Sturm will mir nicht erlauben an Dinge zu denken, die mich

noch stärker angreiffen würden.--Aber ich will hinein gehen--hinein,

Junge, geh zuerst. Ihr Dürftigen, die ihr izt ohne Dach seyd--Nun,

geh doch hinein; ich will beten und dann will ich schlafen--Arme

nakende Unglükselige, wo ihr auch seyd, der Wuth dieses

unbarmherzigen Sturms ausgesezt! Wie sollen eure unbedekten

Häupter, und ausgehungerten Seiten, eure zerlumpte, durchlöcherte

Blösse euch gegen ein Wetter wie dieses ist schüzen?--O! ich habe

zu wenig hieran gedacht!--Nimm Arzney ein, Pracht!--Seze dich in

die Umstände zu fühlen was diese Elenden fühlen, damit du ihnen

deinen Überfluß zuwerffest, und die Gerechtigkeit des Himmels

gerettet werde.

Edgar (in der Hütte.)

Einen Faden und einen halben! Einen Faden und einen halben! Armer

Tom!

Narr (indem er aus der Hütte herausläuft.)

Geh nicht hinein, Nonkel, es ist ein Geist drinn; Hülfe, Hülfe!

Kent.

Gieb mir deine Hand; was ists?

Narr.

Ein Geist, ein Geist! er sagt, er heisse der arme Tom.

Kent.

Wer bist du, der hier im Stroh winselt? Hervor!

Sechster Auftritt.

(Die vorigen, Edgar in einen tollen Menschen verkleidet.)

Edgar.

Aus dem Wege, der böse Feind folgt mir. Durch den scharfen Hagdorn

bläßt der kalte Wind. Hans, geh in dein Bett und wärme dich.

Lear.

Gabst du deinen Töchtern Alles, daß du in diesen Zustand gekommen

bist?

Edgar.

Wer giebt dem armen Tom etwas? den der böse Feind durch Feuer und

Flammen, durch Furthen und Strudel, durch Sumpf und Pfuhl geführt

hat; der Messer unter sein Küssen und Strike unter seinen Siz

gelegt hat; der Mäusgift in seine Suppe gethan, und ihn übermüthig

gemacht hat, auf einem braunrothen Gaul zu trotten, über vier

zollbreite Brüken seinem eignen Schatten als einem Verräther

nachzujagen--Gott behüte deine fünf Sinnen; Tom friert. O da, di,

da, di, da, di,--Gott behüte dich vor Wirbel-Winden, bösen Sternen

und Gefangenschaft; gebt dem armen Tom etwas Almosen, den der böse

Feind plagt--Hier möcht ich ihn izt haben, und da, und wieder hier

und dort.

Lear.

Wie? Haben seine Töchter ihn dahin gebrach t? Konntest du nichts

davon bringen? gabst du ihnen Alles?

Narr.

Nein, er behielt sich eine Windel vor, sonst wären wir alle

beschämt worden.

Lear.

Nun, alle die rächenden Plagen, die in der schwebenden Luft über

den menschlichen Übelthaten hangen, blizen auf deine Töchter!

Kent.

Er hat keine Töchter, Mylord.

Lear.

Tod! Verräther, nichts könnte die Natur zu einer solchen

Erniedrigung heruntergebracht haben, als undankbare Töchter. Ist

es erhört, daß ausgetriebene Väter so wenig Erbarmung gegen ihr

eigen Fleisch tragen sollten? Wohlausgesonnene Straffe! Dieses

Fleisch war es, das diese Pelican-Töchter zeugte.

Edgar.

Pillicok saß auf Pillicoks Stein; holla, holla, la, la!

Narr.

Diese kalte Nacht wird uns noch alle zu Narren und Wahnwizigen

machen.

Edgar.

Hüte dich vor dem bösen Feind, gehorche deinen Eltern, halte dein

Versprechen, fluche nicht, halte nicht zu mit eines andern

geschwornen Weibe, seze dein Herz nicht auf Pracht und Üppigkeit.

Tom friert!

Lear.

Wer bist du gewesen?

Edgar.

Ein Sclave, stolz von Herz und Sinn, der sein Haar kräuselte,

Handschuh auf dem Hut trug, der bösen Lust seiner Buhlschaft

frohnte, und das Werk der Finsterniß mit ihr trieb; so viel Schwüre

that, als Worte aussprach, und sie vor dem milden Antliz des

Himmels brach. Einer der in unzüchtigen Gedanken einschlief, und

erwachte um sie auszuüben; den Wein liebt' ich tief, die Karten

früh, und bey den Weibern übertraf ich den Türken. Falsch von

Herzen, leicht von Ohr, blutig von Hand, ein Schwein an

Unreinigkeit, ein Fuchs an Schelmerey, ein Wolf an Gefrässigkeit,

ein Hund an Tollheit, und ein Löwe an Räuberey. Laß nicht das

Knarren der Schuhe, und das Rauschen der Seide dein armes Herz an

Weibsbilder verrathen. Halt deinen Fuß zurük von Hurenhäusern,

deine Hand von Unterröken, deine Feder von den Zins-Büchern der

Wucherer, und troze dem bösen Feind. Immer bläßt durch den Hagdorn

der kalte Wind; sagt, Sum, Mun, Nonny, Delphin, mein Junge, Junge,

Sessey, laß ihn antraben.

(Der Sturm daurt immer fort.)

Lear.

Besser du wärst in deinem Grab, als deinen unbedekten Kopf diesem

Unwetter entgegen zu stellen.--Ist der Mensch nichts mehr als das?

Betracht ihn recht! Du bist dem Wurm keine Seide schuldig, den

wilden Thieren keinen Pelz, dem Schaafe keine Wolle, der Bisam-Kaze

keinen guten Geruch. Ha! hier sind drey von uns solche Sophisten;

du bist das Ding selbst. Der unaufgeschmükte Mensch ist nichts

mehr als ein solch armes, naktes, gabelförmiges Thier wie du bist.

Weg, weg, du geborgter Plunder, kommt, knöpft mich auf--

(Er reißt seine Kleider auf.)

Narr.

Ich bitte dich, Nonkel, sey ruhig; es ist keine hübsche Nacht zum

Schwimmen. Ein kleines Feuer in einem Wald wäre izt gerade wie

eines alten Hurenjägers Herz, ein Fünkchen, und der ganze übrige

Leib kalt; sieh, hier kömmt ein feuriger Mann.

Edgar.

Es ist der böse Flibbertigibbet, er fängt an wenn die Nachtgloke

geläutet wird, und geht bis der Hahn kräht; er verursachet den

Staar, macht schielende Augen, und Hasen-Scharten, milthaut den

weissen Weizen, und stoßt die armen Geschöpfe auf der Erde. Sanct

Withold u.s.w.*

{ed.-* Hier singt Edgar im Original etliche altenglische Reime,

davon ungefehr der Inhalt, daß Sanct Withold indem er bey Nacht

herumgespaziert, die Nachtfrau (Night-Mare) angetroffen, und

genöthiget habe, die Leute welche sie im Schlaf zu drüken pflegt,

in Ruhe zu lassen. Diese Begebenheit ist aus der Legende dieses

Heiligen genommen, der deswegen als ein Schuzpatron wider den Alp

angeruffen zu werden verdiente, so wie diese Reime als eine Art

von Beschwörung wider die vermeynte Nachtfrau von dem gemeinen

Volke gebraucht wurden.

Siebender Auftritt.

(Gloster kömmt mit einer Fakel.)

Lear.

Wer ist der?

Kent.

Wer ist hier? was sucht ihr?

Gloster.

Wer seyd ihr selbst? wie heißt ihr?

Edgar.

Der arme Tom, der den schwimmenden Frosch ißt, die Kröte, die Mauer-

Eidexe, und die Wasser-Eidexe, der in der Wuth seines Herzens, wenn

der böse Feind raset, Kühfladen für Salat ißt, alte Razen und todte

Hunde verschlukt, und den grünen Mantel des stehenden Sumpfes

trinkt, der von Haus zu Haus gepeitscht, in den Stok gesezt und

eingesperrt wird; der drey Kleider für seinen Rüken gehabt hat,

sechs Hemder für seinen Leib, ein Pferd zum reiten, und einen Degen

zum tragen;

Aber Razen und Mäuse und solche Waar,

Sind nun Tom's Speise seit sieben Jahr.

Gloster.

Wie, hat Eure Hoheit keine bessere Gesellschaft?

Edgar.

Der Fürst der Finsterniß ist ein Edelmann; er heißt Modo und Mahu.

Gloster.

Unser Fleisch und Blut, Mylord, ist so sehr verdorben, daß es die

hasset, die es gezeugt haben.

Edgar.

Tom friert!

Gloster.

Kommet mit mir, Mylord; meine Treue kan mir nicht zulassen, eurer

Töchter grausamen Befehlen in allem zu gehorchen. Ob sie mir

gleich eingeschärft haben, meine Thüren zu verrigeln, und euch der

Willkuhr dieser tyrannischen Nacht zu überlassen, so hab ich es

doch gewagt euch aufzusuchen, um euch an einen Ort zu bringen, wo

Feuer und etwas zu essen bereit ist.

Lear.

Zuerst laßt mich mit diesem Philosophen reden; was ist die Ursache

vom Donner?

Kent.

Mein gütiger Lord, nehmet sein Erbieten an, geht in das Haus.

Lear.

Ich will ein Wort mit diesem gelehrten Thebaner hier reden: Was ist

euer Studium?

Edgar.

Dem bösen Feind auszuweichen, und Ungeziefer zu tödten.

Lear.

Laßt uns euch ein Wort in Geheim fragen.

Kent.

Sezt ihm stärker zu mit euch zu gehen, Mylord; sein Verstand fängt

an in Unordnung zu kommen.

Gloster.

Kanst du ihn tadeln? Seine Töchter suchen seinen Tod.--Ach! der

gute Kent! Er sagte, so würd' es gehen; der arme verbannte Mann!

Du sagst, der König wird wahnsinnig; ich kan dir sagen, Freund, ich

bin selbst wahnsinnig; ich hatte einen Sohn, (denn izt ist er aus

meinem Herzen verbannet) er stand mir nach dem Leben, erst kürzlich,

ganz neuerlich; ich liebte ihn, Freund, kein Vater hat jemals

seinen Sohn mehr geliebt; dir die Wahrheit zu sagen, der Schmerz

hat meinen Verstand angegriffen. Was für eine Nacht ist diß!--

(zu Lear.)

Das Leben und der Tod des Königs Lear · 第 5 / 6 题