Vorige ohne Rothmantel.
Mux (auf die Knie sinkend):
Du hast verzieh’n, o Herr, mir scheint die Sonne
Aufs schuldbelad’ne Haupt, nun will ich sühnen,
Ich will’s und kann’s. (Er erhebt sich.) Bin ich auch jetzt ein
Greis,
Ich habe meine Kunst, die ich erworben
Durch eig’nen Fleiß; mein Handwerk hatt’ ich lieb,
Ich hab’ mich nie auf Teufelstrug verlassen,
Ich hab’s geübt und hab’s zur Kunst gemacht,
Bei meiner Arbeit war kein Höllenspuk.
Die alten Arme schaffen noch so viel,
Als Kind und Enkelkind zum Leben brauchen,
Nun an mein Herz, ihr Teuren, kommt zu mir!
(Er sieht sich nach Lisbeth und dem Knaben um, die immer noch
betäubt am Boden liegen, und beugt sich zu ihnen herab.)
Lisbeth, mein Kind, wach auf, die Sonne scheint,
Es kommt der Morgen eines neuen Lebens!
(Sie regt sich nicht.)
Erbarmen, Herr, o laß mich sühnen, sühnen!
Lisbeth! Lisbeth, wach’ auf!
Lisbeth (sich aufrichtend): Wer ruft mich denn?
Mux: Dein Vater, Lisbeth; komm und weck dein Kind!
(Er beschäftigt sich mit dem Knaben.)
Lisbeth: Mein Vater ruft? Ich hab’ von ihm geträumt,
Er war noch jung, so wie ich ihn verlassen,
Doch wie — was war das alles? Träum’ ich noch?
Mein Vater war doch hier — und dann — der Blitz.
(Plötzlich erschrocken): Martin! Wo ist er denn, wo ist mein Kind?
Mux (der den erwachenden Knaben aufgehoben hat
und ihn auf dem Arme herbeiträgt):
Hier ist es, Lisbeth, unser liebes Kind,
Mein Enkelkind!
Lisbeth: Seid ihr’s denn wirklich, Vater?
Mux: Ich bin’s und bin es nicht; laß nun das Fragen!
Verwandelt hat mich dieser Donnerschlag,
Du aber sollst dich der Verwandlung freuen.
Ich sorg’ für euch, soviel mein Arm vermag,
Du und dein Kind jedoch, ihr sollt mich lieben
Und mich die Liebe lehren. Wollt ihr das?
Lisbeth: Mein Vater!
Mux: Lisbeth, kannst du mir verzeih’n?
Ich hab’ so viel entbehrt — ich fühl’s erst jetzt —
Nun will ich lieben, lieben ohne Maß,
Dem Kind hier will ich es als Erbe lassen,
Was ich an Liebe nicht erschöpfen kann.
(Zum Knaben): Leg’ deine Händchen auf mein weißes Haupt,
Zur Sonne schau empor und sag’ mir’s nach,
Was ich dir sagen werde; ruf’ es laut,
Daß es dir widerhallt im eig’nen Herzen,
Zum Himmel ruf’ es auf, ruf’s in die Ferne:
Die Liebe ist das Größte in der Welt!
Martin (ruft laut): Die Liebe ist das Größte in der Welt!
[Illustration]
* Der Gänsedoktor. *