Mux. Gerl. Griesenpeck.
(Sie sitzen beisammen am Tische, auf dem Weinkrüge und eine
Laterne stehen.)
Gerl: Seht, Meister Mux, ’s war doch ein dummer Streich,
Daß ihr die Lisbeth damals ziehen ließet;
Nun säß’ sie warm und weich im Elternhaus,
Euch spielten Enkel fröhlich hier zu Füßen
Und das Geschäft, das ihr so hoch gebracht,
Das sähet weiter ihr gedeihn und blühen.
Dann wär’ es sicher euch nicht eingefallen,
Als alter Mann auf Wanderschaft zu gehn.
Mux: Warum denn nicht? Ich bin so rüstig noch
Wie ich vor zwanzig, dreißig Jahren war.
Griesenpeck: ’s ist wunderbar, wie ihr euch jung erhaltet!
Vielleicht ist’s doch, wie meine Alte sagt,
Daß euch der Teufel hilft.
Mux: So, sagt sie das?
Griesenpeck: Im Scherz natürlich.
Mux: Ei, was ficht’s mich an.
Wenn sie’s im Ernst auch sagt! Sei’s nun der Teufel,
Sei es was and’res, was mich jung erhält,
Ich habe Grund, darüber mich zu freuen.
Gerl: Das glaub’ ich wohl. Ich wollt’, mir ging’s wie euch!
Ich bin so ziemlich ja in eurem Alter
Und seht, mein Haar ist weiß, die leid’ge Gicht
Zwickt mich an allen Gliedern, meine Beine
Sind auch zu faul, mich alten Klotz zu tragen;
Ich bin fürwahr ein kläglicher Gesell.
Doch wißt ihr, Mux, das find’ ich doch nicht klug,
Daß ihr Geschäft und Haus sogleich verkauftet;
So jäh als euch der Wandertrieb erfaßte,
So jäh wird er verschwinden und ihr sitzt
Dann in der Fremde, einsam und verlassen.
Griesenpeck: Ach! Einsam und verlassen! Redet nicht!
Was, Meister Mux, ich hab’ nicht fehlgeraten,
Wenn ich vermut’, daß ihr zu Lisbeth geht.
Mux: Was euch nicht einfällt! Kennt ihr mich so wenig,
Daß ihr vermeint, ich lauf’ der Dirne nach,
Die mich so leichten Herzens einst verlassen?
Gerl: Mit leichtem Herzen tat sie’s wahrlich nicht.
Bei meiner Grete war sie damals drüben
Und sagt’ ihr Lebewohl; da schluchzte sie,
Daß einen Stein es hätt’ erbarmen müssen.
Mux: Ihr tat der Abschied von der Freundin weh.
Gerl: Nein, das war’s nicht, sie klagte nur um euch,
Und daß ihr sie ließt geh’n ohn’ euren Segen.
Mux: Nun, sei’s wie’s will, laßt die Geschichten ruhn.
Griesenpeck: Sagt’s ehrlich, Mux, es ist ja keine Schande —
Ihr geht zu eurer Tochter?
Mux: Hört doch auf!
Ich wüßt ja nicht einmal, wo ich sie finde.
Gerl: Drum geht ihr eben auf die Wanderschaft.
Mux: Meint ihr, daß ich die halbe Welt durchlaufe
Und nach der ungerat’nen Tochter such’?
Griesenpeck: Die halbe Welt braucht ihr nicht zu durchlaufen,
Mir dünkt, ich hätte einmal was gehört,
Daß sie nach Nürnberg ist mit ihrem Joseph.
Mux: Dann wißt ihr mehr als ich. Mich kümmert’s nicht.
Griesenpeck: Verstellt euch nicht zu eurem eignen Schaden!
Seht, damals hießen wenige es gut,
Daß ihr sie ziehen ließt. Im ersten Zorne
Tut man gar manches, was man dann bereut,
Nur will man selber sich’s nicht eingestehen
Und läßt die Jahre drüberhin vergehn,
Man läßt die Kluft, die man mit einem Worte
Im Anfang hätte überbrücken können,
Stets weiter werden. Doch ein guter Mensch
Besiegt zuletzt den Feind im eig’nen Herzen,
Den finstern Trotz und gibt der Liebe Raum.
Freund Mux, ich seh’s zu meiner großen Freude,
Daß ihr so hart nicht seid, als es oft scheint,
Ihr schämt euch nur für euere Gefühle,
Das ist nicht klug, denn man verkennt euch oft.
Mux: Ihr gebt euch Müh’, mich innen zu vergolden,
(Wehmütig) Wenn es euch Freude macht, so mag’s drum sein,
Mir ist’s ja lieb, denkt jemand gut von mir,
Ich wollte nur, daß ich es auch verdiente.
Griesenpeck: O, ihr verdient’s, es steckt ein guter Kern
In eurer rauhen Schale, nur ist sie
Oft allzu rauh, drum sucht niemand den Kern.
Gerl: Wann geht ihr fort?
Mux: In aller Morgenfrühe,
Eh noch mein Nachfolger hier Einzug hält
Und ehe die Gesellen noch erwachen;
Mir ist nichts so zuwider auf der Welt
Als das Begrüßen und das Abschiednehmen.
Gerl: Von uns müßt ihr euch’s doch gefallen lassen,
Denn wir geleiten euch ein Stück des Wegs.
Mux: O, laßt das, Freunde! Freut’s mich auch von euch,
So will ich doch das Opfer nicht verlangen,
Daß ihr um vier Uhr aus den Federn kriecht
Um meinetwillen, denn ich geh’ so früh’.
Griesenpeck: Dies einemal wird es uns doch nicht schaden,
Wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehn.
Gerl: Dann müssen wir uns heute früher trennen,
Daß uns das Aufstehn nicht zu sauer fällt.
Griesenpeck: Der Mux bleibt gern ein Stündchen wohl allein,
Nimmt Abschied von den alten Mauern da
Und den Erinnerungen, die sie bergen.
Gerl: Doch wenn ihr morgen wollt in aller Stille
Von Hause gehn, dann müssen wir euch heut’
Das Abschiedslied noch singen. Griesenpeck,
Könnt’ ihr sie noch, die alte, schöne Weise,
Die man zu uns’rer Zeit den Burschen sang,
Wenn in die Welt auf Wanderschaft sie zogen.
Griesenpeck: Wer, der im Leben einmal sie gehört,
Kann sie vergessen? Ruft sie doch zurück
Der goldnen Jugend himmlisch schöne Tage.
Gerl: So stimmt ihn an, den ernsten, schönen Sang.
(Sie singen.)
O zieh’ nur froh und mutig fort
Ins weite, weite Land,
Dich hält doch an der Heimat fest
Ein unsichtbares Band.
Und ist die Fremde noch so schön,
Die Heimat noch so arm,
Du sehnst dich nach der Heimat doch
Wie nach dem Mutterarm.
Ward dir auch in der Fremde Glück
Und in der Heimat Schmerz,
Ein unfaßbares Sehnen zieht
Dich dennoch heimatwärts.
Wo du den ersten Traum geträumt
Und sprachst dein erst Gebet,
Der Ort bleibt immer heilig dir,
Sein Bild dir nie vergeht.
Hat jede Liebe dich getäuscht
und warfst du alles fort,
Das eine hältst du ewig fest,
Die Lieb’ zum Heimatsort.
O zieh’ nur froh und mutig fort,
Ins weite, weite Land,
Dich hält doch an der Heimat fest
Ein unsichtbares Band.
(Dies Lied kann auch hinter der Szene als eine Art Ständchen gesungen
werden. In diesem Falle bleiben die weiter oben in Klammer
gesetzten Worte weg. Regiebemerkung.)
Mux (tief gerührt, ergreift über den Tisch die Hände der beiden
Männer):
Dank’ euch, ihr Freunde, für den schönen Sang —
Ja, in die Heimat will ich wiederkehren,
Aus der ich kam — wenn es mein Schicksal will.
Und laßt euch danken nun für eure Freundschaft,
Ihr standet treu zu mir in allen Tagen,
Ward ihr auch immer meiner Meinung nicht
Und hießt nicht alles gut, was ich begann.
Griesenpeck: Das ist der Männerfreundschaft Sinn und Zeichen,
Daß sie nicht Sklavin jeder Laune ist
Und von der Meinung weiß den Mann zu scheiden.
Mux: Denkt meiner auch, wenn ihr mich nimmer seht.
Gerl: Ach, spart die trüben Worte euch bis morgen,
Um gutes Angedenken bittet man
Erst in der allerletzten Scheidestunde.
Griesenpeck: Wir sehn uns morgen noch. Nun schlaft recht wohl
Zum letzten Male unter diesem Dache,
Das euch so viele Jahre treu geschirmt.
Gerl: Gut’ Nacht!
Griesenpeck: Auf Wiedersehen!
Mux: Lebet wohl!
(Er geleitet sie mit der Laterne hinaus, nach einer Weile kehrt er
zurück.)