Mux. Lene.
Mux: Herein! (Lene tritt ein.)
Wie, ihr? Was wollt ihr denn schon wieder?
Lene (flehend): Verzeiht die Worte, die ich zu euch sprach,
Gebt mir das Geld, das ich zurückgewiesen!
Mux: Nun, euer Stolz hat sich recht bald gebeugt.
Lene: Im Fieber liegt mein Kind, es ruft nach Dingen,
Die nur das Geld verschafft — o gebt es mir!
Vergeßt, was ich gesagt! Auf meinen Knien
Bitt’ ich euch’s ab, wenn ihr’s so haben wollt,
Nur helfet mir, o habt mit mir Erbarmen!
In wenig Tagen steht vielleicht mein Kind
Vor Gottes Richterstuhl und klagt mich an,
Daß ich die Liebe meinem Stolz geopfert.
Es stand in meiner Macht, die letzten Stunden
Ihm zu verschönen und ich tat es nicht;
Das soll nicht sein, das soll mein Kind nicht sagen
Und müßt’ ich mich erniedrigen so tief,
Daß mich von Stund’ an jeder Mensch verachtet,
Gott sieht mein Herz und hebt mich zu sich auf.
Ist doch nichts heiliger auf dieser Erde,
Als einer Mutter Liebe für ihr Kind,
Und was man tut in dieser Liebe Namen,
Das ist geheiligt. O, wie arm und klein
Dünkt mir der Stolz, der vorhin mich bewogen,
Das Geld zurückzuweisen, das ihr gabt.
Wie fühlt’ ich doch am Bette meines Kindes,
Wie alles irdisch ist, wie nur die Liebe
Vom Himmel kommt und wie in ihrem Feuer
Doch alles schmilzt, was von der Erde ist.
Da kehrt’ ich schnell zurück; zu euern Füßen
Leg’ ich gebrochen meinen Stolz nun hin (sie kniet nieder)
Und bitt’ euch recht, gebt jetzt mir jenes Geld.
Mux (hat ihr erregt zugehört und spricht mit erzwungener Rauheit):
Ihr hättet’s früher überlegen sollen,
Ich will nicht Spielball eurer Laune sein.
Lene: Ihr nennet’s Laune? Sehet ihr denn nicht,
Daß ein gemartert Herz das letzte opfert,
Was ihm geblieben ist: sein bißchen Stolz?
Wißt ihr denn nicht, was Elternliebe heißt?
Ihr habt ja selbst ein Kind, ein holdes Kind —
Denkt euch, es läg’ auf seinem Sterbebette
Und flehte euch um eine Labung an,
Ließt ihr da nicht all’ euern Hochmut fahren,
Gingt ihr zu euerm ärgsten Feinde nicht
Und flehtet ihn um Hilfe, könnt’ er helfen?
(In diesem Augenblick geht Lisbeth am Fenster vorbei und winkt dem
Vater weinend zu, er preßt ergriffen seine Hände an die Brust, da
erscheint wieder für einen Augenblick die Gestalt des Rothmantels an
der vorigen Stelle. Mux wendet sich zu Lene.)
Lisbeth (von draußen): Lebt wohl, mein Vater!
Mux (zu Lene): Seht, dort geht mein Kind,
Es gibt euch selber Antwort auf die Frage.
Ich schick’ als Bettlerin es in die Welt,
Weil es der Stimme seines Herzens folgte.
Lene: Das tatet ihr? Dann fleh’ im wohl umsonst,
Ich geb’ es auf, euch ferner noch zu bitten.
Mux: Gut, daß ihr’s einseht! Und nun schert euch heim
Zu eurem Balg, sonst stirbt er unterdessen.
Lene: Martin, ich fluch’ dir nicht, ich tat es nie
Und tu’ es heute weniger als je,
Ich sehe wohl, daß ich’s nicht nötig habe.
Du bist verflucht, du kennst die Liebe nicht,
Aus deinem Herzen hat sich Gott gelöset,
Gott ist die Liebe und du kennst sie nicht.
(Sie geht. Mux sinkt auf seinen Stuhl und vergräbt das Gesicht in
die Hände. Nach einer Weile richtet er sich auf.)