Mux. Joseph.
Joseph: Grüß Gott!
Mux: Ei, Joseph, bist du schon gesund?
Joseph: Wie man es nehmen will. Die Wunde zwar
Ist ganz geheilt, doch kann ich meine Hand
Zur Arbeit nie im Leben mehr gebrauchen;
’s ist zwar die linke nur, doch geht sie ab.
Mux: Das will ich meinen. Doch was willst du hier?
Joseph: Was ich hier will? Wie könnt ihr fragen, Meister?
Um Arbeit euch zu bitten kam ich her.
Mux: Um Arbeit, Joseph? Sahst du je im Leben
Schon einen Schlosser mit nur einer Hand?
Joseph: Das freilich nicht; auch nicht denselben Platz,
Den ich in eurer Werkstatt eingenommen,
Verlang’ ich jetzt; gebt einen andern mir!
Es gibt so viel zu tun in eurem Hause,
Was ich mit einer Hand noch leisten kann,
Ich lern’ es bald, mit ihr mich zu behelfen.
Mux: In meinem Hause duld’ ich keinen Krüppel.
Joseph: Mein Gott, daß ich das Wort ertragen muß,
Ich, der viel stärker noch als ihr gewesen.
Mux (höhnisch): Ja, ja, gewesen — eben nur gewesen.
Joseph: Könnt ihr in eurer Werkstatt mich nicht dulden,
So gebt mir außerhalb Beschäftigung,
Ich kann mich sicher vielfach nützlich machen.
Mux: Du warst ein Schlosser; kannst du’s weiter sein,
So wie du’s warst, dann magst du wieder bleiben,
Doch and’re Arbeit hab’ ich nicht für dich.
Joseph (sichtlich mit sich kämpfend):
Hört, Meister, mich! Ich will es gerne glauben,
Daß euch ein Arbeiter zuwider ist,
Der nicht so schafft, wie er wohl schaffen sollte,
Allein ......
Mux: Was zögerst du? So sprich doch weiter.
Joseph: Verzeiht, mir fällt das Sprechen gar so schwer,
Soll eine Bitte von den Lippen gleiten,
Und schwer zur Bitte kann die Hände falten,
Wer je den Hammer schwang mit starker Hand,
Wem hartes Eisen sich gefügig zeigte;
Doch tu’ ich’s, Meister, jetzt und bitte euch,
Laßt aus Erbarmen mich in eurem Hause.
Mux: So so, du bettelst? Hast du deinen Lohn
Bis auf den letzten Groschen denn vergeudet?
Du warst ja glänzend doch bei mir bezahlt.
Joseph: Ich bat euch nicht aus Not, ich hab’ genug,
Mein Leben viele Monde noch zu fristen,
Doch bin ich so an — euer Haus gewöhnt.
Mux: Du wirst auch an ein and’res dich gewöhnen.
Joseph: Ihr schlagt die Bitte ab? So lebet wohl!
(Er wendet sich zum Gehen, Mux ruft ihm nach.)
Mux: Halt! Steh, du feiger, heuchlerischer Bursche!
Du rühmtest dich, daß du das Eisen zwangst,
Und wagst es nicht, die Wahrheit zu gestehen
Aus Furcht vor meiner Faust. Sprich nun, was ist’s,
Das dich an dieses Haus so enge fesselt,
Bin ich’s vielleicht, ist’s meines Namens Ruf?
Joseph: Ihr scheltet feige mich und heuchlerisch,
Da kann ich denn nicht länger mehr nun schweigen;
Um meinetwillen schwieg ich sicher nicht,
Ich schwieg um jener willen, die ich liebe.
Doch ist das Mädchen meiner Liebe wert,
So mag es mutig auch die Unbill tragen,
Die ihm erwachsen wird aus dieser Liebe.
Ich liebe eure Tochter, wißt es nun!
Um ihretwillen sprach ich jene Bitte,
Um ihretwillen zwang ich meinen Mund
Zu Worten, die ich niemals sonst gesprochen.
Mux: Du hast’s gewagt, dein Auge zu erheben
Zu meiner Tochter? Du, des Henkers Sohn,
Den ich aus Mitleid in mein Haus genommen,
Weil niemand anderer ihn nehmen wollt’?
Joseph: Aus Mitleid? Ihr? Ich glaubt’ es einstens auch —
Bald wußt’ ich’s besser — nur Berechnung war’s.
Ihr wußtet nur zu gut, daß ich für euch
Nicht nur ein Lehrling, nicht ein Diener nur,
Daß ich ein Sklave würde sein aus Furcht,
Von eurer Schwelle auch verjagt zu werden.
So jung ich war, ich kannte wohl den Fluch,
Mit dem des Vaters Handwerk mich belastet;
Ihr hieltet schlechter mich als einen Hund —
Wie gern hätt’ ich mit einem Hund getauscht!
Ich knirschte mit den Zähnen, doch ich schwieg
Und blieb bei euch; und eure harten Schläge
Ich gab dem Amboß härter sie zurück,
Das stärkte mich an Körper und Gemüt;
Dann fühlt’ ich nimmer mich so arm und klein.
Wenn ich den Hammer schwang, dann war ich Herrscher.
Und still im Herzen hatt’ ich mir’s gelobt,
Euch gleich zu werden an Geschicklichkeit.
Was ich geworden, dank’ ich eurer Härte;
Die mich verachtet, mußten bald mich rühmen,
Und stieß den Knaben man von Haus zu Haus,
Und wollte keiner ihn als Lehrling nehmen,
Man hätte wohl ein Auge zugedrückt,
Wenn als Geselle er dann eingetreten.
Selbst ihr gewannt es endlich über euch,
So schwer’s euch ward, das Zeugnis mir zu geben,
Daß meine Arbeit ohne Tadel sei,
Selbst ihr bezahltet endlich mir den Lohn,
Den and’re für gering’res zwar empfingen,
Doch war’s ein Lohn. Ich war nun endlich frei,
Und was der Knabe glühend einst ersehnte —
Fesseln abzustreifen — ich konnt’s tun;
So meinte ich, doch längst mit andern Ketten
War unbewußt ich an dies Haus gebunden,
Ob sie aus Rosen auch geflochten waren,
Sie hielten fester als das Eisen doch —
Liebe war’s, die mich ergriffen hatte.
Im Dunkel dieses düstern Hauses war
Doch auch ein Stern, doch auch ein Sonnenstrahl,
Der Hoffnung gab, erleuchtete, erwärmte —
Und das war Lisbeth, euer holdes Kind.
Mux: Noch einmal wagst du es, von ihr zu sprechen?
Geh, sage ich, wenn dir dein Leben lieb,
Eh’ ich vergesse, daß ein Krüppel du,
Eh’ ich vergesse, daß sich selbst beschimpft,
Wer sich vergreift an dem Geächteten.
Joseph (wild): Schweigt, sag’ ich euch! Ich werd’ an euch zum Mörder!
Wär’t ihr der Vater der Geliebten nicht,
Ich würf’ mit einer Hand euch an die Mauer,
Daß ihr dort klebtet bis zum jüngsten Tag.
Mux (höhnend): Wie ich dir dankbar bin für deine Schonung,
Du armer Tropf!
(Er geht durch die Tür links hinaus.)