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Gebet am Jahrestage vom Tode des Vaters.
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„_Ehre deinen Vater und deine Mutter_“. So hast Du, Herr, es geboten in
Deiner heiligen Lehre. Aber die Ehrfurcht und die Liebe der Kinder zu
ihren Eltern sind nicht allein eingegraben in die Tafeln des Gesetzes. Du
hast sie auch eingegraben in die Tafeln unseres Herzens. Unverlöschlich
ist diese Schrift, unvergänglich ist diese Liebe, sie stirbt nicht im
Herzen des Kindes, wenn auch das Auge der Geliebten längst schon gebrochen
ist im Tode. Darum, o Herr, mein Gott, wirst Du es in Deiner eigenen Liebe
mir anrechnen, als ein Gebet zu Dir, wenn ich heut das Wort meiner Andacht
an den verklärten Geist meines Vaters richte, der bei Dir weilt, geborgen
im Schatten Deines Zeltes, gewürdigt des seligen Lebens in der Ewigkeit,
das Du als ewiges Anteil den Frommen bestimmt hast, die in Deinen Wegen
wandeln auf Erden.
Und so wende ich mich nun an dich, verklärter Geist meines lieben Vaters,
heute, da im Laufe des Jahres der Tag wiedergekehrt ist, der einst dich
abrief von unserer Seite, um dich einzuführen in deine himmlische Heimat.
Ach, ich muß vor dir aussprechen, wessen ich mich _erinnere_, was ich
glaube, und was ich hoffe.
Ich _erinnere_ mich heute, lieber Vater, an deine unendliche Liebe, mit
der du in den Tagen deines Lebens mich und alle die Deinen geliebt, wie
ihr Wohl dein höchster Wunsch, ihr Glück deine höchste Freude, ihre Tugend
dein höchster Stolz war. Ich _erinnere_ mich, lieber Vater, an deine
Treue, wie du für uns gesorgt und gearbeitet, gestrebt und gelitten hast
in unermüdeter Tätigkeit. Ich _erinnere_ mich heute, lieber Vater, an
deine Milde und Güte, wie du stets mit liebevollem Auge uns angeblickt,
wie du Nachsicht geübt mit unseren Schwächen und Mängeln, und wie du uns
Freuden und Genüsse darbotest, wo du sie zu ersinnen und zu schaffen
vermochtest. Ich _erinnere_ mich an deine weise Lehre, die es nie und
nimmer fehlen ließ, den Samen der Tugend und der Gottesfurcht in unsere
Herzen zu streuen. An alles dieses _erinnere_ ich mich, und wiederum steht
dein ganzes Wesen lebhaft vor meiner Seele. Ach, alles das ist
hingeschwunden in der Stunde deines Todes.
Meine _Erinnerung_ erfüllt mich mit Trauer, aber mein _Glauben_ erfüllt
mich mit Trost. Ich _glaube_, daß dein Geist nicht von uns geschieden ist
wie dein Körper, daß er, entledigt der Fesseln des Irdischen, frei und
glücklich ein neues Leben lebt im Reiche der Seligen, daß er auf uns
schaut und auf uns achtet, ich _glaube_, daß deine Liebe nicht gestorben
ist, daß sie fortlebt für uns, wie unsere Liebe für dich. Ich _glaube_,
daß wir nicht für die Ewigkeit getrennt sind, daß du uns nur vorangegangen
bist in das Land des ewigen Lebens, und daß du harrest, bis daß wir
kommen.
Und dieser Glauben, er gibt mir die _Hoffnung_, daß wir nicht ganz
entrückt sind dem Einflusse deiner väterlichen Liebe. Unsere menschliche
Erkenntnis vermag den Zusammenhang nicht zu bestimmen zwischen den Seelen
der Lebenden und denen der Abgeschiedenen, aber das menschliche Herz
vermag sein Dasein lebhaft zu empfinden. Was gibt es Süßeres, als das
Bewußtsein, daß du mich siehst, daß ich noch heute deine Zufriedenheit mir
erwerben, daß ich noch heute dich verehren kann. Und in diesem Glauben
_hoffe_ ich auch, daß du, verklärter Geist, ein Fürsprecher für mich und
für uns alle bist vor Gott.
Du aber, barmherziger Gott, o gewähre meinem lieben Vater die reinsten
Freuden himmlischer Seligkeit. Laß unser Gebet für sein ewiges Seelenheil
vor den Thron Deiner Barmherzigkeit gelangen und nimm es auf mit
Wohlgefallen. Gedenke seiner Seele all seine Tugend, die er geübt in den
Tagen seines Erdenwandels, und laß sie reiche Vergeltung finden in der
Ewigkeit, verlösche seine Schuld, wenn er gefehlt in seinem Wollen oder
seinem Tun auf Erden, und richte ihn nach Deiner Milde. O Herr, mein Gott,
womit kann ich des Herzens Innigkeit Dir bekunden? Dem Auge Deiner
Allwissenheit ist der geheimste Gedanke meines Herzens nicht verborgen.
Nicht bestechen will ich deine Gnade, nur befriedigen will ich den Drang
meines Gemütes durch die Gabe, die ich niederlege auf dem Altar der
Wohltätigkeit. Darum nimm wohlgefällig auf die Spende, die ich darbringe
für das Seelenheil meines Vaters. Amen!
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Gebet am Jahrestage vom Tode der Mutter.
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Allgerechter! Allgütiger! Vernimm heute in Gnade und Barmherzigkeit ein
Gebet aus meinem Munde, das hervorgeht aus der lebhaftesten, aus der
tiefsten Empfindung meines Herzens. Heut an dem Jahrestage jenes traurigen
Tages, an dem Dein unerforschlicher Ratschluß das Teuerste auf Erden, die
inniggeliebte Mutter, von meiner Seite nahm, so daß ich fortan ihre
leibliche Nähe entbehren mußte und entbehren muß für die ganze Zeit meines
Wandels in dieser Zeitlichkeit, vernimm heute mein inniges Gebet für das
ewige Heil der geliebten Seele. O gütiger Vater im Himmel, schenke meiner
Mutter jetzt und allezeit die reinste Seligkeit des ewigen Lebens bei Dir,
daß sie in himmlischer Wonne Vergeltung finde für alles, was sie auf Erden
verdient, für alles, was sie auf Erden gelitten hat. Vergelte mit Deiner
Liebe ihrer Seele die Liebe, die sie in diesem Leben so reichlich
gespendet und um sich verbreitet hat. Laß ihre Seele in der Ewigkeit
Genüge finden für alles Streben, das unbefriedigt geblieben ist auf Erden
und stärke mich und alle die ihrigen mit dem Geiste der Tugend und
Rechtschaffenheit, der Weisheit und Gottesfurcht, auf daß ihr seliger
Geist jederzeit mit Befriedigung auf uns zu blicken vermöge. Amen!
Du aber, verklärte, geliebte Seele, vernimm mit Wohlgefallen den Ausspruch
meines Mundes, der mein inniges Andenken an dich bekunden soll. Lebhaft
steht heute, du liebe Mutter, dein Bild vor meinem Auge, wie du mit Güte
und Zärtlichkeit auf mich und alle die Deinen geblickt, wie du für uns
gedacht, gesorgt, wie du uns geleitet und gelehrt, wie du so ganz für uns
gelebt hast.
Da muß ich es wohl empfinden, daß ich von dir nicht ganz getrennt bin, daß
du von mir nicht ganz geschieden bist, daß du _lebst_, auch in meiner Nähe
_lebst_, denn du bist in meinem Herzen geblieben. Das Band der Liebe, das
dich mit uns vereinte, ist nicht zerrissen und nicht aufgelöst. Noch
vermag ich dir wohlgefällig zu sein, noch vermag ich, dich zu verehren,
noch vermag ich deine Zufriedenheit mir zu erwerben. Ja, auch noch vermag
ich es, zu bereuen, wenn ich dich betrübt, wenn ich deine Treue und
Hingebung verkannt und die Ehrerbietung gegen Dich verletzt habe, und auch
jetzt noch wirst du im Reiche der Seligkeit es freundlich hören, wenn ich
für alles um Verzeihung dich bitte, wodurch ich einst dein edles Herz
verletzt habe.
O, so sei auch du eine Fürsprecherin für mich und die Meinigen alle vor
dem Throne des Allmächtigen, daß Gottes Güte von uns wende Gefahr, Trübsal
und Not, daß er unser Bestreben segne, reinen Herzens zu wandeln vor ihm
und vor den Menschen, damit wir immer und immer so leben, wie du es
gewollt, wie du es uns gelehrt hast. Des himmlischen Vaters Barmherzigkeit
sei mit uns auf Erden und mit dir in der Ewigkeit. Amen!
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Dasselbe
(für eine Frühverwaiste.)
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Mit Andacht und Trauer erfüllt der heutige Tag meine Seele. Ach, es ist
der Tag, an dem ich das herrlichste der Erdengüter verloren habe, ehe ich
es vermochte, die Größe des Verlustes zu ermessen. Heut ist der Tag, an
welchem meine Mutter eingegangen ist in das Reich der Ewigkeit, um die
Seligkeit der Gerechten zu genießen. Verlassen aber bin ich auf Erden, nie
dringt der liebliche Mutterblick in mein Auge, nie koset mit mir die
liebliche Hand der Mutter, nie beglückt mich das himmlische Gefühl, ihre
Zufriedenheit zu erwerben, die Zärtlichkeit zu verdienen. Ach, das ist ein
trauriges, bitteres Los! Aber eines tröstet mich, eines empfinde ich, daß
ich sie dennoch liebe, und daß auch mir ihre Liebe nicht fehlt. Mit
Begeisterung habe ich seit meiner Kindheit Tagen jedes Wort vernommen, das
von ihr und ihrer Güte und Lieblichkeit mir Kunde gab, und noch heute
erregt kein Gedanke mich lebhafter, als die Vorstellung, daß ihr seliger
Geist mir nahe sei, mich beachte, mich beschütze, mich liebe.
O, Herr mein Gott! Allgütiger Vater! Nie habe ich in meinem Leben meiner
Mutter Freude bereiten, nie meine kindliche Liebe ihr beweisen können. O,
so nimm Du mein Gebet nun wohlgefällig auf, das ich für ihr ewiges
Seelenheil an dich richte. Schenke ihr alle Freuden, die das Reich der
Ewigkeit allen tugendhaften Seelen gewährt.
Du aber, geliebte Seele meiner Mutter, schaue freundlich aus dem Paradiese
auf dein treues Kind. Sei eine holde Fürsprecherin für mich (und für
meinen Vater und für die Unsrigen alle) vor dem Throne Gottes, daß er
seine Gnade und seine Barmherzigkeit nicht von uns wende. Ich will so gern
es glauben, daß du es schon bis heutigentags für mich gewesen bist, o,
dann fehlt mir auch die Freude nicht, dir dankbar zu sein.
Ehren will ich dich in meinem ganzen Leben durch meine Liebe, durch meine
eigene Ehrbarkeit und durch mein inniges Andenken. Amen!
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