Man sagt, wenn sich die zwanziger Jahre aus einem Menschenleben
winden, fangen die Reibungen an zwischen natürlichem Denken und
dunklem Trieb. Es beginnt ein Aufruhr im Innern. Über die Dämme, die
die Erziehung notdürftig aufgebaut hat, bricht das Blut und je nach
der Festigkeit des Betroffenen folgt einer solchen Krise eine
Zerrüttung, ja nicht selten ein zeitweiser gänzlicher Zusammenbruch
und nur langsam, unter Weh und Qual, stellt sich das Gleichgewicht
wieder ein.--
Glücklich derjenige, der von früh auf Menschen, Bücher, Winke,
Erfahrungen und Anleitungen kennenlernte, die seinen Horizont
erweiterten und ihm einigermaßen dazu verhalfen, solchen
Erschütterungen nicht ganz wehrlos zu begegnen.
Alle aber, die von Kind auf nichts anderes kennenlernen, als daß
dieser oder jener geschickte Handgriff, diese Finte oder jene schwer
erlernbare Körperhaltung die Mühe der Arbeit erleichtern, haben wenig
Zeit, sich gegen solche innere Überfälle zu wappnen. Es ist wahr, auch
sie überwinden. Aber sie leiden mehr darunter und werden ärger
mitgenommen von solchen Qualen. Der Schmerz fällt hier mit schwererer
Wucht nieder auf arglose, unvorbereitete Herzen. Die Jahre verfließen
verbraucht und wenig sinnvoll für solche Menschen. Sie stehen meist
unvermerktmitten im Gestrüpp plötzlich hervorbrechender Gefühle,
kämpfen blindlings gegen ihre Dämonie, werden überwältigt davon und
fallen schließlich in gänzliche Lethargie.--
Johann Krill fiel so in den Rachen der Welt.
Sein Vater war Zimmermann auf einem Dorfe, seine Mutter Bauernmagd.
Auf einmal war dieses Kind da und man mußte notgedrungen heiraten. Man
frettete sich gerade so durch gegen Taglohn. Wenn das Akkordmähen zur
Erntezeit anfing, war es am besten. Zimmererarbeiten gab es wenig. Hin
und wieder Baumfällen und Holzspalten im staatlichen Forst, das war
ziemlich alles.
Es hieß eben: "Nicht krank sein!" und "Sich nach der Decke strecken!"
--Kinder solcher Eltern, noch dazu "ledige", haben nichts Gutes bei den
Bauern. Es heißt aufstehen mit den Knechten um vier Uhr früh, zugreifen
und den anderen an Flinkheit nichts nachgeben und den Mund halten. Die
Knochen schmerzen am Anfang, aber das verliert sich mit der Zeit.--
Nach seiner Schulentlassung kam Johann zu einem Schlosser im nahen
Marktflecken zur Lehre. Jetzt waren es Hammerstiele und Eisenstangen
oder Wellblechstücke, mit denen man warf oder zuschlug. Und wehe, wenn
der Vater eine Klage hörte! Sein Ochsenziemer, der stets neben dem
Handtuch am Ofen hing, war furchtbar.
Nun, es kam schließlich die Gesellenprüfung und der Achtzehnjährige
ging auf die Wanderschaft. Als gutgelernter, sehniger Arbeiter landete
er dann nach ungefähr fünf Jahren in dieser Stadt und fand Stellung in
einer Fabrik. Es war ein Riesenwerk, man verdiente gut und hatte keinen
schweren Posten geschnappt.
An einem Abend--es war Sommer und Samstag--kam Johann in seinem Zimmer
an, wusch sich, zog seinen Sonntagsanzug an und steckte Geld zu sich.
Er bummelte erstmalig wie ein freier Mensch in aufgefrischter Stimmung
durch die Straßen, besah sich das bunte Treiben, trank in verschiedenen
Lokalen und als diese geschlossen wurden, trottete er, auf einmal
merkwürdig überwach und unruhig, die "Fleischgasse" auf und nieder.
Diese Straße hieß eigentlich "Fleuschgasse", getauft nach dem
Namen eines verdienten Ehrenbürgers der Stadt, aber seitdem die
Polizei verfügt hatte, daß sich nur hier die professionellen
Prostituierten auf und ab bewegen durften, hatten Volksmund und üble
Nachrede den harmlosen Namen "Fleusch" in den anzüglichen "Fleisch"
umgewandelt.
Johann Krill brauchte sich nicht sonderlich anzustrengen. Schon nach
kurzer Zeit redete ihn eine süßliche Stimme an und besinnungslos
folgte er. Zum erstenmal in seinem Leben fiel der junge Mann in eine
vollkommene Verwirrung. Eine ganz fremde Luftschicht umschwelte ihn.
Er wußte nicht mehr, ging oder schwebte er. Durch all seine Glieder
flog und flammte es. Er sah alles doppelt, hörte jedes Geräusch wie
aus weiter Ferne und wußte nicht, was es war. Wie ein Hitzklumpen fiel
sein Körper auf eine schwammige Teigmasse und ertrank darin. Es biß
sich jemand fest an ihm. Es lachte.
Langsam kehrte alles wieder zurück, wurde deutlicher und war ein
grünliches Zimmer, ein Gesicht, das breit auseinandergeflossen vor ihm
lag.
Schließlich, als er die Besinnung wieder hatte, verzog auch er das
Gesicht zu einem Lachen, wollte reden, begann zu schlottern, schmiß
seinen Kopf in ihre Brust und verschluckte das Weinen.
Erquickt darüber preßte ihn das Mädchen wild an ihre Brüste, nahm
seinen zerwühlten Kopf und hob ihn auf, zog ihn kosend immer wieder an
ihren dicklippigen Mund und küßte ihn unausgesetzt, daß er zuletzt
gänzlich machtlos mit sich geschehen ließ und auf einmal weinerlich
und wimmernd anfing, sein Leben zu erzählen. Stockend kamen ihm die
Worte, so, als besinne er sich immer erst, bevor er sie über die
Lippen lasse. Und beruhigt, fast ein wenig staunend saß das halbnackte
Mädchen da und hörte zu. Aber auf einmal stockte es wieder--und endete
und wieder griffen seine Arme aus, er umspannte sie, riß und zerrte an
ihr, daß sie aufkreischte.
"Nimm alles! Tu alles!" murmelte er verhalten, als sie seine Geldbörseaus
der Hose zog, drängte es ihr auf, dieses Geld, und beleckte ungeschlacht
ihren ganzen Leib wie ein durstiger Hirsch.
Und nicht nur das. Plötzlich klang sein Gemurmel wieder weinerlich und
in einem fort stöhnte er: "Du! Du! Ich hab dich so gern! Du--du! Ich
möcht dich heiraten. Ich arbeit', ich mach' alles. Du hast es gut bei
mir! Du! Du!"
Anfänglich schien es, als belustige sich das Mädchen über ihn. Sie zog
ihn an den Haaren und kitzelte ihn lachend. Dann aber, als seine
Wildheit immer mehr anschwoll und seine Züge einen fast irren,
düsteren Ausdruck annahmen, ließ sie das Spielen. In ihren schlaffen
Körper stieg mit einem Male eine Wärme. Überwältigt, zuckend sank sie
zurück, ihn umfangend. Sie, über die vielleicht Hunderte
hinweggegangen waren, umschlang diesen plumpen, ungeschlachten
Menschen und küßte ihn mit dem ganzen, hingegebenen Ernst echter
Liebe....
In der Frühe nach dieser wüsten Nacht rannte Johann in seinen
Sonntagskleidern zur Fabrik, wankte wie betrunken durch das zufällig
offene Tor und erschrak derart, als ihn der Portier anrief und fragte,
was er denn an einem Feiertag hier wolle, daß er sich wie ein
plötzlich ertappter Dieb umdrehte und wortlos davonjagte. Er lief
durch die Straßen mit eingezogenem Kopf, ging wieder langsamer, setzte
sich in irgendeine versteckte Nische und hielt seinen erhitzten Kopf
fest. Immer wieder mündete er in die "Fleischgasse", wagte es aber
nicht, hinaufzugehen zu seiner auf so eigentümliche Weise gewonnenen
Geliebten. Der Abend kam. Die Nacht fiel herab und er stellte sich an
die Ecke, wo er sie getroffen hatte, wartete und wartete. Und es
geschah etwas, was niemand gedacht hätte, etwas, was ebenso
unglaubwürdig wie wunderlich klingt--: Anna kam nicht. Sie stand an
keiner Ecke, war überhaupt nicht auf der ganzen Straße zu sehen. Sie
lag droben--so wie er sie verlassen hatte--im Bett, verstört,
zerbrochen und bekam erst wieder völliges Leben, als er nach langem
Kampf und mit vielen Finten zu ihr gelangt war.
Aufgefrischt schwang sie sich aus ihrer Lagerstatt, streichelte ihn
zärtlich und begehrend und sagte zuletzt muttergütig: "Ja, dich möcht
ich heiraten."
Beide standen benommen voreinander, ein jedes zitterte und sagte
nichts mehr.--
Seit dieser Zeit haßte man Johann in der Fabrik. Er verhielt sich wie
völlig verstummt und hatte stetsein Gesicht, als wolle er die ganze
Welt umbringen. Er arbeitete für drei. Und jeden Tag verließ er fast
fluchtartig nach der Arbeit die Fabrik und kam zu Anna. Als es endlich
ruchbar wurde, daß er sich verheiraten wolle und man es ihm sagte, ihn
beglückwünschte und leichte Anzüglichkeiten machte, wurde er rot his
hinter die Ohren und schlug verwirrt die Augen nieder.
"Ja! Ja!" schrie er dann auf wie ein brüllendes, gereiztes Tier, daß
die Fragenden halb verärgert und halb verblüfft "Oho!" herausstießen
und sich alle mit ihm verfeindeten.
Alle wunderten sich, daß er gar keine Anstalten zur Hochzeit traf. Er
hielt bei keinem seiner Arbeitskollegen um die Brautzeugenschaft an.
Finster hockte er während der Vesperzeit da und starrte dumm ins
Leere. Niemand wußte, ob er um einen freien Tag zur Erledigung seiner
Verehelichung gebeten hatte.
Drei Tage vor seiner Hochzeit kam er nicht mehr und wurde entlassen,
weil er auch kein Entschuldigungsschreiben schickte.--