Im Dorf ging ein Schweigen um. Langsam verbreitete sich die Kunde von
Michaels Erbschaft. Betroffenen Gesichts raunten sich die Bauern die
Neuigkeit zu.--
Der Baumeister von Greinau, Michael Lindinger mit Namen, wurde ins
Pfarrhaus geladen. Michael lächelte schräg, als der Mann eintrat und
beauftragte ihn, einen Plan für ein neues Haus zu bringen. Trotz der
Einwendungen des Pfarrers wurde der Umbau des alten Anwesens abgelehnt.
Michaels Rede war jetzt sicher geworden, fast bestimmt.
"Ein neues Haus muß her!" sagte er beharrlich.
Und der andere Michael erwiderte pfiffig: "Ja--schon lieber was Neues
als Flickwerk. Das taugt ein paar Jahr', dann geht's wieder von vorn'
an."
Diese Beipflichtung entwaffnete den Geistlichen. Der Plan wurde
gefertigt. Der Auftrag gegeben. Die ehemalige Pfremdinger-Hütte
krachte zusammen mit allem, was sie barg. So hatte es Michael
gewünscht, steif und fest. Alles Dawider des Pfarrers nützte nichts.
Krachte zusammen.
Und die Dörfler standen herum, schwiegen, staunten, starrten. Vom
Pfarrhausfenster aus überschaute Michael den Vorgang.
Auf einmal begann der Hausrist zu wanken, bröckelte, krachte. Die
Herumstehenden rannten auseinander und zuletzt war minutenlang eine
ungeheure Staubwolke. Dann, als es wieder lichter geworden war, lag
ein riesiger Trümmerhaufen da.
Deutlich sah Michael, wie einige die Köpfe schüttelten. Eine Weite
dehnte seine Brust.
"Das ist nicht recht," rief der Pfarrer hinter ihm. Michael hatte ihn
nicht eintreten hören und riß sich erschrocken herum. Reglos und stumm
standen sich die beiden gegenüber.--
Seitdem begegnete Michael seinem Pfleger mit verstocktem Schweigen.
Mied ihn.--
Der Bau wurde begonnen. Jeden Abend kam Lindinger ins Pfarrhaus und
berichtete über den Stand, machte Vorschläge, legte Rechnungen vor.
Sein fast beteuerndes, sich immer wiederholendes: "S'ist wahnwitzig
teuer, die Sach', wahnwitzig teuer," ließ Michel lächeln.
"Macht nichts, macht gar nichts," erwiderte er stets.
"Ja--es ist gut, daß' wieder Arbeit gibt," meinte dann der
Maurermeister meistens und ging. Kaum war er draußen, schrumpfte
Michaels Gestalt im Lehnstuhl zusammen. Das Kinn schob sich vor. Nur
die Pupillen kreisten im Raum.--
An einem der Abende, als eben der Maurermeister das Zimmer Michaels
verlassen hatte, trat der Pfarrer ein. Michael erhob sich und wandte
ihm den Rücken zu.--
"Gelobt sei Jesus Christus!" brachte der Geistliche nach einigem
Schweigen heraus.
Ohne sich umzuwenden, nickte Michael. Dann ging er ans Fenster,
deutete in die Talmulde, die der erste Mond silbern bestrich.
"Hähähä--hä! Wird hoch der Turm, hoch!" keuchte er, reckte den Kopf
störrisch vor, nahe an die Scheibe: "Wenn man ganz droben ist, müssen
schon die Wolken angehen!"
Unschlüssig stand der Geistliche. Schwieg.
"Zum Söllinger kann ich hinunterschaun und aufs ganze Dorf!" redete
Michael weiter, ohne ihn zu achten.
"Die zwei Kirchenfenster?" fragte endlich der Geistliche fast
schüchtern und hielt plötzlich mitten im Wort inne, als sich Michael
nunmehr hastig umwandte.
"Zwei ...?! Sechs! Sechs Fenster ...--und neue Glocken, damit ich's
hör' in der Früh!" überflügelte dieser ihn, "da muß die Luft zittern,
wenn die läuten!--Schafft sie an! Morgen! Gleich! Gleich! Und drei
neue Meßgewänder!--Müssen fertig sein zum Jahrtag meiner Mutter!
Bestellt's! Bestellt's auch gleich!--Gleich!"
Wie von einem wilden Strudel dahergetragen stürzten die Worte
heraus.--
Mit sehr ernstem Gesicht verließ der Pfarrer fast traumwandlerisch das
Zimmer. Lange noch hörte ihn die Marie im Zimmer auf- und abgehen und
laut beten.
Klare, kalte Märztage zeigten das hereinbrechende Frühjahr an.
Michael ging manchmal aus. Selten suchte er den Bau auf. Nie beschritt
er ihn. Immer bog er scheu ums Dorf und stapfte auf die Sandgrube zu,
aus der man den Kies für sein Haus holte. Es schien ihn dort etwas zu
interessieren. Er stand meistens oben am Rand und überschaute die
zackige Mulde.
Böhmen und Italiener arbeiteten auf Taglohn dort und sprengten hin und
wieder einen Felsen, wenn an einer Stelle der Kies ausging.--
Eben lud man wieder. Michael war ganz nah herangekommen, stand wie
witternd, mit spähendem, vorgebeugtem Kopf da und sah aufmerksam auf
jede Bewegung des Lademeisters.
"Und das--das reißt alles ein?--Mit einem Krach?" fragte er diesen
gespannt. Der Mann nickte und murmelte ein paar unverständliche Worte.
Dann entzündete er ein Streichholz und steckte die Zündschnur an.
Alles rannte aus der Grube, wartete bis es knallte.
Als dies geschehen war und die Leute wieder in die Grube zurückgingen,
sah man Michael im Türrahmen des Werkmeisterhauses stehen. Er ließ
sich das Pulver zeigen, rieb es merkwürdig lange auf seiner flachen
Hand und sagte harmlos zum Werkmeister: "Und so ein Staub hat's
drinnen, daß alles in die Luft fliegt?--Hm--hm--hm!" Ging wieder.--
Der Nachtwächter Peter Gsott glaubte bemerkt zu haben, daß eine
männliche Gestalt am Rand der Sandgrube auftauchte, sich schwarz vom
bleichen Mondhimmel abhob, dann aber plötzlich, wie in den Erdboden
gesunken, verschwand.
Der Werkmeister schimpfte die Sprenger, daß sie soviel Pulver
brauchten. Es entstand ein Streit. Ein Italiener brüllte, daß die
ganze Grube hallte. Auf einmal kam man ins Handgemenge. Ein
furchtbares Raufen entstand. Der Werkmeister bekam einen Schlag auf
den Kopf und mußte ins Krankenhaus gebracht werden. Am ändern Tag
verhafteten die Gendarmen von Greinau zwei Böhmen und einen Italiener,
der beim Söllinger auf der Tenne logierte. Er hatte sich im
Taubenschlag verkrochen und als man ihn herunterholte, stieß er
furchtbare Drohungen auf den Bürgermeister aus, die aber niemand
verstand. Anscheinend glaubte er, die Leute hätten ihn verraten.
Michael begegnete der Haftkolonne und sah sich die drei Burschen sehr
genau an. Später trat er ins Bürgermeisterhaus und öffnete die
Stubentür hastig. Der Söllinger war im Augenblick so erstaunt, daß er
förmlich aufschrak und kein Wort fand. Säulenstarr stand er da und
heftete seinen Blick auf den nähertretenden Michael. Gemessen kam
dieser heran, ganz nahe und eine ungeheure Spannung lag in seinem
Gang.
"Gibst dein Haus nicht her?" fragte er den stummen Bauern lauernd.
"Nicht?" wiederholte er, als der verneinte und maß ihn scharf von der
Brust bis zur Stirn.
"Ich ...!?" fand endlich der Söllinger das Wort.
"Ja?"
"Solang ich leb' nicht!" schrie der Bürgermeister schroff, als wolle
er sagen: "Was willst denn du auf einmal bei mir?"
"Es paßt mir nicht vor meinem Turm," sagte Michael tonlos und spröde
und lächelte höhnisch in sich hinein. Draußen, vor der Tür, hörte er
noch den Schlag der Söllingerfaust auf die Tischplatte.