Inzwischen war er an der schmalen Brücke, nah vor dem Hügel angelangt,
auf dem das Söllingergehöft mit gelben Augen saß.
Der Bach murmelte gleichmäßig versunken.
Schweißtriefend zerrte Michael den Sack auf die Brücke, wollte--in
unseliger Verzweiflung blitzhaft an den Spott Söllingers denkend
--nachsehen. Da--da--wupp!--fiel der Sack in die Tiefe. Es platschte.
Breite Ringe warf das Wasser und jetzt plärrten plötzlich die Schweine
heulend auf. Es gurgelte etliche Male und war jäh grauenhaft still.
Mit einem furchtbaren Aufschrei sprang Michael ins Wasser, tappte wie
ein schwimmender Hund ungelenk auf der Oberfläche herum, weinte,
hustete, tauchte, schrie, brüllte.--
Am ändern Tage fischten die zwei Knechte des Bürgermeisters den leeren
zerrissenen Sack mit den Heugabeln aus dem Wasser und spießten ihn auf
einen Zaunpfahl vor Michaels Häuschen. Dann klopften sie. Aber niemand
gab an.--
Das ganze Dorf lachte knisternd.
Als man drei Tage niemanden aus--und eingehen sah beim Jürgert, schickte
Söllinger den Nachtwächter und Gemeindediener Peter Gsott hinaus. Der
klopfte wieder und wieder, drohte mit wütenden Flüchen, als niemand
angab und holte dann den Schmied zum Türöffnen.
Die beiden fanden Michael in der Schlafkammer ganz starr auf dem
Bettrand sitzend und wie irr ins Leere glotzend. Einen Augenblick
zwang ihnen dieser Zustand Schweigen ab. Endlich sagte der Schmied:
"Was hast' denn, daß' dich einsperrst, Michl?"
Aber der Angesprochene machte nur mit der Hand eine lahme, wegwerfende
Geste. "Deinen leeren Sack haben die Söllingerknecht' gefunden! Die
Ferkel selber sind ersoffen," sagte dann der Gemeindediener. Als beide
sahen, daß Michael beharrlich mit der gleichen Apathie antwortete,
gingen sie und meldeten dem Bürgermeister, daß der "spinnerte Kerl"
schon noch lebe. Er sei, meinten sie, nur ein wenig irr noch.--
Im Dorf ging daraufhin die Rede: "Der Michl hat's Spinnen angefangen
wegen der ersoffenen Ferkel."
Michael sah man nur ganz selten seit diesem Vorfall. Höchstenfalls bog
er einmal scheu ums Hauseck und eilte dem Wald zu.--
Um diese Zeit kam zum Bürgermeister Söllinger eine seltsame Nachricht
aus Amerika, betreffend die Familie Jürgert und deren Nachkommen. Der
Bauer, der sich, wie er sich ausdrückte, "darin nicht rechtauskannte",
schickte zum Pfarrer und dieser entzifferte endlich, daß die Familie
Jürgert (Überlebende oder Nachkommen) infolge des Todes eines Bruders
des verstorbenen Vaters Michaels zur Generalerbin einer außerordentlich
hohen Hinterlassenschaft in barem Geld eingesetzt sei und den Betrag
von einer Bank in Hamburg einverlangen könnte, sobald der Nachweis der
Erbberechtigung erbracht sei.--
Als der Pfarrer, der selber ein wenig zitterte, dies dem Söllinger
auseinandersetzte, erbleichte dieser sichtlichund sank wie vom Schlag
getroffen in einen Stuhl.
"Ruhig beibringen, ist das beste. Ich geh' selber zu ihm hinaus,"
sagte der Geistliche nach einigem Schweigen, nahm seinen Hut, steckte
das Papier zu sich und begab sich zu Michael.
Ins Haus getreten, bemerkte er diesen dösig neben dem Herd hockend,
und als der geistliche Herr in sanftem, vorsichtigem Tonfall seinen
Namen rief, sprang er plötzlich auf, schlüpfte, so schnell es nur
ging, furchtgepackt in das rußige Holzloch unter dem Ofen und gab
keinen Laut von sich. Eine gute Weile stand der Geistliche ratlos da.
Endlich fand er wieder zum Entschluß zurück.
"Geh heraus, Michl," sagte er sanft, "wir wollen wieder eine Kuh kaufen
und Ferkel."
Michael räkelte sich erst und schlüpfte dann vollends aus dem Loch.
Seine Blicke waren mit einer schmerzvollen Bitthaftigkeit auf den
Pfarrer gerichtet.
"Und dein Häusl, Michl, das werden wir auch wieder richten lassen. Es
ist arg baufällig," ermunterte dieser den Zögernden. Und als Michael
endlich aufrecht stand, nahm ihn der Gottesmann mild am Arm und zog
ihn sacht hinaus ins Freie.
Frische Frühe lag üher den Feldern. Die Wiesen dufteten schwer. Die
Sonne stieg langsam in die Mittagshöhe.--
Wie zwei Kranke schritten die beiden dahin. Der Söllinger wagte nicht
herauszutreten, als sie vorbeikamen. Er lugte nur schweigend durchs
Fenster.
Im Pfarrhaus angekommen, sagte der Geistliche zu Michael: "Du mußt
jetzt eine Zeitlang bei mir bleiben. Die Marie wird dir ein Zimmer
einrichten, bis dein Häusl fertig ist. Bis dahin ist auch wieder
Viehmarkt in Greinau."
Und als verstünde er von alledem nichts, als höre er nur eine
erleichternde Melodie aus den Worten, stand Michael da und schwieg.
Allmählich glättete sich sein bangvolles Gesicht und eine aufatmende
Ruhe glänzte in seinen Augen.
Drei stille Wochen glitten him. Jeden Tag saßen die zwei zusammen in
der Pfarrstube oder gingen wohl manchmal im Garten umher. Langsam
wurde Michael ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit konnte man ein böses
Aufblitzen auf seinem knöchernen, schweigend gefalteten Gesicht
wahrnehmen. Die väterliche Arglosigkeit seines Pflegers aber machte
ihn nach und nach etwas zutraulicher und offener. Manchmal des Abends,
wenn der Geistliche aus einem Betbuch laut einige Stellen vorlas, hob
der Häusler den Kopf und lauschte sichtlich aufmerksamer. Ein
friedlicher Hauch hob Stück für Stück von dem Feindseligen ab, das
hinter den Falten brütete, und lebendiger kreisten seine Augen.
Endlich nach einem Monat eröffnete der Pfarrer seinem Pflegling die
Nachricht aus Amerika.
Michael hörte stumm zu. Er schien anfänglich nicht zu begreifen. Dies
erkennend, legte der Geistliche das Papier auf den Tisch.
"Du bist jetzt ein reicher, sehr reicher Mann geworden, Michl," sagte
er, "du kannst dir hundert Kühe kaufen, ein Haus und soviel Ferkel,
als du willst. Es ist von jetzt ab keiner mehr im ganzen Umkreis, der
nur ein Drittel soviel Geld hat wie du. Begreifst du? Gott hat dir
geholfen. Es geht alles seinen gerechten Gang, wenn er es will."
Michael schien die letzten Worte nicht mehr zu hören. Seine Augen
waren auf einmal weit geworden. Eine Gier flackerte in ihnen und der
ganze Ausdruck seines Gesichts war plötzlich völlig verändert.
"Ich--ich kann also auch das Söllingerhaus und das vom Reinalther
kaufen?" fragte er hastig und gedämpft.
"Das kannst du, wenn sie wollen," nickte der Geistliche, "du kannst
zehn solche Häuser kaufen, wenn du willst."
"Zehn....!?" stieß Michael lauernd heraus und bohrte seine Blicke in
die Augen des Pfarrers.
"Es ist sehr viel Geld," gab der zurück.
"Und," fuhr Michael noch leiser, fiebernd vor Unruhe, scheu, als
lausche an den Wänden irgendein ungebetener Gast, fort: "Und ich
krieg' das ganze Geld in die Hand. Ich brauch' nur schreiben lassen?"
"Ja, wenn Du willst."
"Ja ...!! Ja, gleich! Gleich! Ich will!" schrie Michael verhalten.
"Gut," sagte der Pfarrer und ging an den Tisch, "ich schreibe."
"Und ... und die Häuser vom Söllinger und--und vom Reinalther?" fragte
Michael beharrlich.
"Die ...? Ich kann mit ihnen reden," antwortete der Geistliche, während
er schrieb. Dann ließ er Michael unterzeichnen.--