Der Schnee lag tief. Langsam ging es vorwärts.
"Was macht man eigentlich mit mir?" fragte Peter Nirgend auf einmal
steif stehenbleibend. Es antwortete niemand.
"Los--los!" brummte der Unteroffizier vorne wie für sich. Die Soldaten
schoben den Gefangenen weiter.
"Er hat euch geschunden his aufs Blut.--Ihr habt es selbst gesagt, daß
ihr nicht mehr mitmachen wollt," sagte Peter beharrlich und stemmte
sich gegen die schiebenden Hände.
"Los--los! Wir möchten auch zur Ruh kommen!" stieß der Unteroffizier
abermals murmelnd heraus und machte eine halbe Wendung.
Einer der Soldaten setzte dem Häftling das Knie in den Rücken.
"Gibt doch bloß Arrest, Mensch!" sagte der Unteroffizier beiläufig.
Peter Nirgend ließ nach. Man watete wieder weiter.
Die lange, geschwertete Linie eines spärlichen Lichtes stach durchs
Dunkel. Das war das Gemeindehaus, wo der Arrest abgesessen wurde.
Landstürmler versahen dort den Dienst.
"Ihr kriecht, bis man euch die Kugel in den Leib jagt!" knirschte
Peter.
Schweigen.
Der Unteroffizier schlug mit der Faust an die Gemeindehaustür. Mit
hochgehobener Petroleumlampe erschien der verschlafene Sergeant in
ihrem Rahmen. Der Trupp trat in die wohligwarme Wachstube. Zwei
Landstürmler hoben schläfrig ihre Oberkörper auf den Pritschen, rieben
sich die Augen. Einer davon stieg herab und nahm den Schlüsselbund,
winkte Peter.
"Kommt vors Kriegsgericht! Befehlsverweigerung!" sagte der Unteroffizier
zum Sergeant, der den Einlieferungsschein unterschrieb. Eine leise
Verachtung schwang mit den Worten mit. Der Landstürmler führte den
Häftling in die letzte Zelle. "Kamerad, leg dich gleich hin und wickle
dich fest ein. Es ist kalt," sagte er und trat aus der Zelle, schloß ab.
Peter Nirgend blieb lauschend stehen.
Jetzt hörte man die Leute vorne im Korridor. Er ging an die Tür, schlug
fest mit den Fäusten an dieselbe, schrie: "Ich muß dem Herrn Unteroffizier
noch was ausrichten!"
Und sein ganzer Körper zitterte.
Der Trupp kam den Korridor entlang, öffnete.
"Was ist's denn?" fragte der Unteroffizier ärgerlich und trat ein. Die
anderen blieben draußen.
"Werde ich erschossen?" fragte Peter unvermittelt.
"Quatsch! Festung wird's geben!" räsonierte der Unteroffizier: "Was
wollen Sie denn?"
"Da--da ist eine Blutlache!" rief Peter hastig und deutete auf die
Bodenfläche hinter der Pritsche. Der Unteroffizier trat einen Schritt
näher heran und beugte sich vornüber, hinter die Pritschenecke. Jetzt
war der Lichtkreis der Taschenlaterne nur noch ganz klein in der
Nische. Peter machte einen ruckhaften Satz, stemmte blitzschnell sein
Knie auf den Rücken des Korporals und schnitt mit aller Gewalt in
dessen Hals, tiefer--tiefer. Das warme Blut rann üher seine Finger.
Der Körper des Ermordeten gab nach, hing schräg üher die Pritsche.
Die anderen stürzten herein und warfen sich auf Peter, schlugen auf
ihn ein, his er liegenblieb.
Ihn überleuchtend, sagte ein Soldat zum Gefesselten: "Hund! Morgen
stehst du an der Wand!"
Peter Nirgend schloß die Augen.
Nach einer ziemlichen Weile wurde die Tür wieder aufgeriegelt. Wieder
erschien der hochgehobene Arm des Sergeanten mit der Petroleumlampe,
nur diesmal sehr zitternd. Offiziere traten ein. Einer beugte sich
über den Toten am Boden. Dann trugen zwei Soldaten die Leiche hinaus.
"Was haben Sie denn da gemacht!?" fragte der Major Peter.
Der schwieg. Kopfschütteln. Ein Soldat trat ein, stand stramm, erzählte
den Hergang.
"Sowas heißt sich deutscher Soldat!" schnarrte der Leutnant beflissen.
Inzwischen trug man ein Tischchen herein. Die Lampe wurde daraufgestellt
und der Gerichtsoffizier nahm das Protokoll auf. Nach der Vernehmung des
gänzlich gebeugten, zusammengefallenen Sergeanten und des anderen Soldaten,
trat der Leutnant abermals an Peter heran, stieß ihn: "Und Sie?"
"Was haben Sie anzugeben?" rief der Gerichtsoffizier gleichfalls über
den Tisch.
Keine Antwort kam.
"Kerl!"
Schweigen.
Das Protokoll wurde verlesen.
"Geben Sie das zu?" fragte der Gerichtsoffizier den Angeklagten.
Dieser nickte stumm.
Kopfschüttelnd verließen die Offiziere den Raum. Zwei Soldaten der
Baukompagnie 14 mit bajonettbepflanzten Gewehren blieben zurück. Der
Tisch mit der Petroleumlampe gleichfalls.--
"Schuft!" knurrte einer der Wächter und versetzte Peter einen Stoß in
den Leib. "Du sollst unsere Überstunden schmecken, Hund!" fluchte der
andere und schlug ihm die Faust ins Gesicht.
Müde geworden, setzten sich die zwei Wachhabenden auf das trockene
Flecklein des Bodens und zündeten sich Zigaretten an.
"Kamerad! Einen Zug! Einen Zug!" wimmerte mit einem Male Peter
flehend.
"Ah?" rief der Raucher hämisch, ging an den Gefesselten heran und
hielt ihm die rauchende Zigarette unter die Nase: "Riecht gut, Herr
Halsabschneider, hm?"
"Laß ihn doch! Er ist nicht wert, daß man ihn anschaut!" brummte der
andere Soldat. Aber der Angesprochene ließ sich nicht abhalten.