Der Ordonnanzreiter Peter Nirgend ritt durch den peitschenden Schnee.
Das Pferd dampfte. Die Lenden spritzten Blut. Fiebernd bog sich der
furchtsame Rücken im Galopp.--
Hauptmann und Oberleutnant der Baukompagnienempfingen den Heransprengenden
mit mürrischen Gesichtern.
"Meldung vom Stab der Eisenbahntruppen!" keuchte Nirgend. Nur mit Mühe
konnte er sich stramm halten.
Hastig öffnete der Hauptmann den Umschlag, überflog mit unterdrückter
Entrüstung das Papier und sah auf den Oberleutnant, reichte es ihm.
"Hm!" brummte er kopfschüttelnd. "Hm!" machte der Oberleutnant
gleichfalls achselzuckend und ratlos.
Dann stiegen beide in den Kanzleiwagen.
Peter Nirgend führte sein schweißtriefendes Pferd auf und ab. Aus den
Quartierwagen der Mannschaft glotzten mißmutige Gesichter.
"Geht's vor?" fragte einer.
"Der Hund!" knurrten etliche dumpf, als Nirgend nickte. Der
Kanzleiunteroffizier rief aus dem Wagen, übergab ihm die Rückmeldung
an den Stab. Der gefrorene Boden klapperte unter den ausgreifenden
Hufen des Pferdes. Schneewolken staubten auf und nichts mehr sah
man.--
Ein abermaliger Befehl des Stabes bestimmte unverzügliche Aufnahme der
Arbeit und sofortige Herstellung der Verbindungslinie mit den Fronten.
Schon tags darauf meldeten die vorgeschickten Kompagnien schwere
Verluste. Die fünfzehnhundert Russen weigerten sich, aus ihrem Bauzug
zu gehen. Man prügelte sie heraus. Aber am selben Abend noch mußten
die Züge zurückrollen. Viele Wagen waren zerstört. Die Eisenbahnlinie
überall ramponiert.
Die ganze Nacht schrie es die Züge entlang. Neue Wagen wurden
eingeschoben. Unaufhörlich wurde rangiert.--
Am andern Mittag raunte es von Ohr zu Ohr: "Es geht wieder vor!" Es
ging ein Gerücht herum von einem scharfen Aufeinanderprallen zwischen
Major und Hauptmann. Kurz darauf hieß es: "Antreten zum Appell!" Vor
den gepferchten Reihen der zum abermaligen Vorrücken bestimmten
Truppen hakte ein fremder Offizier auf und ab und hielt eine
schwunghafte Rede. "Das deutsche Wesen darf nicht untergehen! Hurra!
Hurra! Hurra!" schloß er und alles brüllte mit. Wie ein einziger
Tierlaut klang's.
"Fürs Vaterland!" murrte einer zynisch beim Auseinandergehen.
"Für den Pour le mérite!" brummte ein bärtiger Kerl und sah
herausfordernd auf die lethargischen Gesichter der Kameraden.
"Kotze!--Sich den Schwanz verbrennen ist die einzige Rettung!"
murmelte der Mannschaftskoch stoisch.
"Nulpe! Wo denn?--Wenn weit und breit kein Puff ist!?" warf ihm der
Vagabund Tümpel hin und spuckte in großem Bogen durchs offene Fenster.
Tief am Nachmittag ächzten die Bauzüge abermals finster in die
schneeige, verlassene Gegend hinaus.
Am zweiten Tag, als Nirgend von den Kompagnien zum Stab zurückritt,
knallten Schüsse hinter ihm her. Einer davon streifte leicht seinen
rechten Arm.
"Hu-u-und!" surrte es langgedehnt durch die kalten Nebelschwaden und
lief ihm nach wie ein unterirdisches Grollen.
Gegen Morgen tauchten auf einmal die gelben Lichter der Bauzuglokomotiven
auf und kamen zischend näher. Die vierzehnte Kompagnie war his auf zirka
hundert Mann aufgerieben, und die fünfzehnte hatte gleichfalls zahlreiche
Verwundete und Tote. Die Russen hatten in der allgemeinen Panik des
Zurückflutens die Fluchtergriffen und irrten rudelweise in den
Schneefeldern herum.--
Nirgend trat dumpf ins Leutnantszimmer des Stabsbureaus, straffte
seine Glieder und sagte: "Zur Stelle!"
Der schmächtige, elegante Offizier drehte sich wippend, etwas nervös
herum, maß den Hereingetretenen von oben his unten und fragte: "Na,--und?"
"Man hat mich angeschossen," sagte Nirgend unvermittelt.
"Ja--und?"
"Es waren welche von uns, Herr Leutnant."
Die gepflegten, spitzen Augenbrauen des Offiziers griffen zuckend in
die plötzlich streng gefaltete Stirn.
"Quatsch!--Woraus schließen Sie denn das;" rief er wegwerfend.
"Weil jeder wütend ist," sagte der Meldereiter einfach.
"Halten Sie Ihr Maul, Sie Lümmel!--Was bilden Sie sich eigentlich
ein!" belferte der Leutnant drohend und schnellte auf.
"Ich rede nicht um meinethalben," erzählte Nirgend ruhig und schaute
dem Schimpfenden entschlossen ins Gesicht, "aber um den Pour le merite
geht keiner mehr vor. Ich reite nicht mehr!"
"Wasss!!" zischte es durch die warme Zimmerluft.
Matratzenfeder. Die Tür des anderen Zimmers wurde ruckhaft aufgerissen.
"Wasss!--Was ist da!?" schnarrte der Major und machte einen Schritt
auf Nirgend zu. Schon riß sich der Leutnant schlank und stramm herum,
wollte melden. Aber der Soldat kam ihm zuvor, sagte, zum Major
gewendet, mit der gleichen, einfachen Ruhe: "Ich reite nicht mehr,
Herr Major! Um einen Pour le mérite geht keiner mehr vor, sagen alle!"
Einen Moment fielen die beiden Offiziere fast auseinander. Dann
schrien sie, bellten drohend: "Hinaus! Hi-naus! Sie Schweinehund!"
Ganz korrekt drehte sich Nirgend um und ging aus dem Zimmer. In der
angrenzenden Schreibstube wurde fieberhaft gearbeitet. Jeder saß
geduckt da und kaum einer wagte aufzuschauen. Nur einige ängstliche
Blicke trafen den Hindurchschreitenden. Der Stab nistete in einem
einstöckigen Gelehrtenhaus. In den unteren Räumen waren die Bureaus,
oberhalb die Schlafzimmer der Offiziere und auf dem Dachboden hausten
die Mannschaften. Dort angelangt, legte Nirgend sich so wie er war
aufs Stroh und zündete sich eine Zigarette an.
Es war merkwürdig, heute kam keiner zu Bett. Düster glomm der spärlich
helle Kreis der brennenden Zigarette im Dunkel. Wie in einer
verlassenen Totengruft lag man hier. Langsam fielen die Minuten von
der Decke herab.
Eine lange Zeit verging.
Dann knarrten Schritte die Treppe herauf, kamen näher. Es mußten
mehrere Leute sein. Peter Nirgend rührte sich nicht.
Die Tür wurde geöffnet. Im Lichtkreis einer Taschenlaterne tauchte
undeutlich die Gestalt des Leutnants auf. Dahinter mußten noch einige
Leute stehen. Zwei Seitengewehre funkelten zur Höhe.
Nirgend erhob sich ohne Hast. Irgendeine dunkle, breite Gestalt tappte
herein, tastete herum und entzündete die Lampe. Jetzt traten der
Leutnant und die zwei Soldaten mit den aufgepflanzten Seitengewehren
an den Tisch, wo der Unteroffizier, der Licht gemacht hatte, stand.
Der Leutnant verlas etwas von sofortiger Inhaftierung und Überweisung
an ein Kriegsgericht, faltete den Bogen wieder, sah Nirgend flüchtig
an und sagte zum Unteroffizier: "Wenn er in fünf Minuten nicht folgt,
wenden Sie Gewalt an!"
"Zu Befehl, Herr Leutnant!" antwortete der strammgestandene Korporal.
"Naja!" sagte der Leutnant und ging.
Einige Augenblicke standen sich die Soldaten schweigend gegenüber.
"Kamerad!--Mensch?" brachte der Unteroffizier endlich heraus, stockte
aber plötzlich und sagte dumpfer: "Packen Sie Ihre Sachen zusammen und
kommen Sie."
"Seid ihr Vierzehner?" fragte Nirgend unbeweglich. Keine Antwort.
Keine Bewegung der anderen. Starr standen die drei.
"Gestern nacht habt ihr auf mich geschossen--einer von eurer Kompagnie
war's!--Weil ich den Befehl zu euch brachte zum Vorrücken.--Einen
Denkzettel habt ihr dem Major geben wollen--jetzt macht ihr drei
wieder die Handlanger der Ordensjäger!" stieß Nirgend heraus.
Keine Bewegung. Schweigen. Starr standen die drei. Wie glatte, finstere
Glassturze. Alles rutschte an ihnen herab.
Man stand selber unter einem solchen Glassturz. Gespannt his aufs
äußerste mußte man an sich halten. Eine einzige Bewegung--und alles
konnte zusammenfallen, klirrte herab. Und--?
Und man stand ohnmächtig, ausgeliefert und vereinsamt zwischen den
anderen. Die nackten Arme halfen nichts. Nicht einmal zu einer
Umschlingung, denn man rutschte ab. Fiel hin und war ein Häuflein
nichts.
Und was war geschehen?
Nichts!
Die nackten Arme halfen nichts! Gar nichts!
Nur die Kartätschen der Feinde, Hekatomben auseinandergerissener Leiber.
Das Unerträgliche. Die Sinnlosigkeit führte zum Sinn zurück.
"Wollen Sie den Befehl befolgen?!" rief der Unteroffizier jetzt.
"Ja!" schrie Nirgend fast überlaut: "Ja--am liebsten würde ich wieder
hinausreiten zu euch. Immer vor! Immer vor müßtet ihr--für den Pour le
mérite!"
"Los--los!" plapperte der Unteroffizier verärgert, "reden Sie nicht!
Los!"
"Ja!" bellte Nirgend abermals, "das ist das deutsche Wesen!"
"Marsch!" brüllte der Unteroffizier: "Vorwärts jetzt!" Und zog ihn in
die Mitte.