erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzählt
hatte. »Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,«
schloß ich, »an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.«
Der Vetter lächelte. »Keine mächtigere Gunst als Frauengunst,« sagte
er. »Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder
angebracht werden muß, da er selbst sich meistens unmöglich macht. So
einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm
gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren
und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die
Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und
hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!«
»Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir
sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg längst verscherzt. Aber sagen
Sie selbst, hätten Sie es über sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu
behindern? Schließlich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch
ändern.«
»Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.«
»Für seine Zukünftige wäre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder
auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen,
wie sie's anfängt« --
Mein Karl mußte noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich
Ottilie bei mir hatte.
Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wußte, ob
es Schelte gäbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Bräutigam. In
seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede für fähig zu halten, traute sie
mir nicht wohl zu, aber wäre inhaltlose Höflichkeit nicht eben so hart
gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie fürchtete, ob
ich doch nicht...
Nein. Als sie zögernd dastand und ihre Blicke schüchtern baten,
breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend.
»Kind, Kind, es ist Alles gut,« sagte ich und flüsterte ganz leise:
»Alles, Alles.«
Sie mußte verstanden haben, was ich meinte. Nun ließ sie mich erst
recht nicht los.
»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben,« wandte ich mich an Rudolph.
»Sie sind mir der Rechte. Sie versprechen mir, keine Thorheiten zu
begehen -- ja, das haben Sie -- und kaum bin ich aus der Sehatmosphäre,
entführen Sie Ottilie.«
»Das war doch keine Thorheit.«
Als er das sagte, lachte er über das ganze Gesicht. Und ich... ich
lachte mit. --
Herrn Braun's Eltern waren im Hôtel de Rome abgestiegen, mein
Pfuschhôtel konnte ich ihnen nicht gut anbieten; sie sind es vornehm
gewohnt, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, sie einmal in richtiger
Berliner Manier bei uns zu sehen, mit warmem Abendbrot, einfach und
gediegen und dafür lieber etwas reichlich. Die Leute sind wirklich
nette Leute. Obgleich so reich, mußte ihr Sohn von der Pike auf dienen,
arbeiten und schlossern und schmieden und zeichnen und rechnen, als
hätte er nichts zu erwarten. Und deshalb hatte er auch die Freiheit
nach seinem Herzen zu wählen. Er konnte etwas und stand auf eigenen
Füßen.
[Illustration: Bären]
Und dabei die Ungermann, des älteren Herrn Brauns' Schwester.
Familienäpfel fallen doch manchmal sehr weit vom Stamm. Oder aber
Ungermann hat sie schädlich angewöhnt. Der ist nach keiner Richtung
empfehlenswerth. Denn anstatt von meinem Karl einen größeren Posten zu
kaufen, hat er eine Lappalie bestellt und unserem Konkurrenten alle
verregnete Waare billig abgenommen und sonst noch viel dazu. So etwas
gehört sich nicht. --
Braun's besuchten die Ausstellung nicht des Vergnügens wegen,
sondern in wichtigster Absicht. Es galt, dem Sohn ein eigenes Heim
einzurichten, und wo konnte das Zubehör besser ergründet und beschafft
werden, als da, wo das Beste und Schönste nahe bei einander war?
Das höchste Ziel des heutigen Menschen ist eine eigene Villa. Ottilie
hatte es erreicht. Die Pläne waren bereits entworfen, die Ausstattung
stand fertig in den Hallen der Ausstellung. Wir brauchten blos
aussuchen. Brauns _senior_ bezahlte.
Wie ganz anders doch die einzelnen Gegenstände erscheinen, wenn sie
erworben werden sollen und nicht als gewerbliche Anstauungsleistungen
ermüden. Und Möbel haben wir gewählt: propper! Die Villa wird kostbar.
--
Auch die Hochzeitsreise ist bereits geographisch abgesteckt, mit Madrid
als Endpunkt. Nun kommt Ottilie dahin, und kann die spanische Residenz
mit ihrer Examensarbeit vergleichen. Rudolph sucht eben jeden ihrer
Wünsche zu erfüllen, selbst den weitesten. Wenn sie nur nicht verwöhnt
wird. Aber Mama Brauns ist eine kluge Frau. Und Ottilie ordnet sich ihr
unter aus freien Stücken. Sie hat ja eine Mutter in ihr wieder.
Als ich mit Ottilie allein war, am ersten Abend nach ihrer Rückkehr
sagte ich: »Reich mir mal die Schweden und mach die Ofenthür auf.«
Nachdem sie dies gethan, hielt ich ihr ein Päckchen Papiere hin und
fragte: »Kennst Du diese?«
»Meine Briefe!« rief sie verlegen.
»Deine Jugend-Dummheit. Von ihr soll nichts bleiben, als Staub und
Asche. Weg und aus!«
Wie der Ofen voller Flammen prasselte, sagte ich: »Schade, daß wir
Deine Wissenschaften nicht mit eins verbrennen können, oder ergiebst Du
Dich ihnen auch noch ferner?«
»Nein, nein!« erwiderte sie rasch.
»Du hast noch manches nachzuholen, wobei Dir die Wissenschaft im
Wege ist. Du mußt Hausstand studiren und Nahrungsmittel lernen und
Dienstmädchen regieren und...«
»Meinen Rudolph glücklich machen.«
»Kind, das ist das einfachste von der Welt: Liebe ihn mehr als Dich.«
Sie faltete unwillkürlich die Hände und senkte schweigend das Haupt.
Ich küßte sie.
Wenn ein Engel durch das Gemach flog, weiß ich wohin er ging mit dem
stillen Gebet um Liebe. --
Die Verlobungsfeier fand in dem runden Thurmgemach im Hauptrestaurant
statt. Auf der Ausstellung hatten die jungen Leute sich gefunden,
dort wollte Rudolph uns alle an seinem Bräutigamsglück theilnehmen
lassen. Wir kamen auch sämmtlich -- Sanitätsraths hatten eigens nur
dürftig zu Mittag gegessen -- und Butsch und Frau hatte er gebeten,
war sie doch sein Compagnon. Daß heißt Antheil wollte er nicht, das war
Scherz gewesen, dagegen die Barometer-Idee der Butschen hatte er beim
Patentamt gehißt. Zweitausend und hundertundfünfzig Mark hatte sie nach
Abzug der Musterschutz-Auslagen bekommen und für später waren Procente
in Aussicht.
Sie, die Butschen, strahlte, als ich ihr zu dem Erfolge gratulirte.
»Wer hätte das für möglich gedacht?« sagte sie, »aber es ist so. Butsch
will, daß ich noch ein Mädchen halte und blos noch sitze und erfinde.«
»Haben Sie denn schon wieder etwas?«
»Ach nee und wenn ich noch so blödsinnig nachdenke. Und Butsch thut es
auch nicht gut. Der wird schon en ganzer Simulante.«
»Wie so?«
»Na ja, er simulirt in eins weg Barometer. Aber er bringt sie nicht zum
Hacken.«
»Daß er nur sein Geschäft nicht darüber versäumt. Am Vorbei-Erfinden
ist schon mancher zu Grunde gegangen.«
»Ach nee, da paßt er auf. Seine Weiße ist die Beste überall in der
Gegend. Es kommt auch kein Tropfen Wasser mehr mang, als muß. Er will
nicht an Ausstellungsfremden verdienen, wie viele thun. Butsch weiß,
was er der Ehre Berlins schuldig ist.«
»Ja, ja,« sagte ich. »Es hat so jeder seine Ehre.«
»Wie meinen Sie das?«
»Liebe Butschen, so ausgezeichnet Sie auch im Erfinden sind, die
Fragen der socialen Gesellschaft zu lösen muthe ich Ihnen nicht zu und
wenn Sie noch drei Mädchen nähmen. Auch ist hier nicht der Ort für
dergleichen. Kommen Sie, es geht zu Tisch. Wir werden vergnügt sein, so
recht von Herzen vergnügt.«
»Buchholzen! Sie treffen doch immer die Gefühle Anderer mitten auf den
Kopf. Wenn Eine vor Lust krieschen möchte, bin ich es. Blos ich habe
Bange, daß Butsch zu viel kriegt. Dann singt er. Passen Sie auf, er
singt.«
Wir aßen und tranken und waren froh. Es war zu hübsch. Und so schön
auch Gemach und Tafel waren, mit Blumen und kostbarem Gedeck, das
schönste war doch das Brautpaar. Und wir Alle freuten uns an ihrem
Glück.
Als es dunkelte, begann draußen die Illumination. Wir traten an
die Fenster und blickten auf den lichtumrankten See, auf den
Flammen-Springbrunnen und das Hauptgebäude, das wie ein Riesenschloß in
feurigen Umrissen gegen den Nachthimmel stand. Und die Töne der Musik
drangen herauf in jubelnden Weisen.
»Ein Fest der Arbeit ist die Ausstellung,« sagte der alte Herr Brauns.
»Möge allzeit Segen ruhen auf redlicher Arbeit, sie ist die Kraft des
Vaterlandes.«
Rudolph winkte. Die Lohndiener brachten frisch gefüllte Gläser mit
Dressel's bestem Rheinwein.
»Der Deutschen Arbeit in Deutschem Wein!« rief er, »Ihr gilt dieses
Glas.« Und dann noch eins:
»Auf das, was wir lieben!«
Und Herr Butsch stimmte an:
»Hoch soll'n sie leben. Dreimal hoch!«
[Illustration: Zum Wohl!]
Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a/S.
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