weil Niemand Gewisses darüber weiß. Gerade das Geheimnißvolle reizt.
Selbst der Amtsrichter konnte keine Auskunft geben. Dagegen erklärte
er uns das Versammlungshaus der Papuas. Kein Weib darf die Baracke
betreten und vor allen Dingen nicht die große Trommel erblicken, auf
der sie das erzeugen, was als Heidenlärm bekannt ist. Solche Furcht
haben sie vor ihr, daß sie erschreckt fliehen, sobald darauf gebummert
wird. Ja, sie glauben, sie müßten sterben, wenn sie die Trommel blos
sähen. Solchen Aberglauben haben die Männer ersonnen, damit sie
ungestört ihre Feste und Schmausereien feiern können und keine Frau sie
von den Gelagen heimholt.
»Ganz wie bei uns mit Herren-Abenden,« sagte ich. »Aber die Vergeltung
rührt sich schon. Wie denken Sie über Frauenemancipation, Herr Vetter?«
»Ich bin für die Freiheit der Frauen,« entgegnete er höflich.
»Siehst Du,« stieß ich Onkel Fritz an. -- »Eben deshalb heirathet er
nicht,« sagte der.
Ich überhörte diese Unziemlichkeit, um uns nicht aufzuhalten. Denn
noch lag die Kolonial-Ausstellung vor, die als eine Darstellung von
Sansibar aufzufassen ist, in einer Mischung von afrikanischen Gebäuden
und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende Sache. »Wir müssen
festhalten, was wir haben,« sagte der Vetter, »ich freue mich, einen
Einblick in die Wichtigkeit unserer Kolonieen zu erlangen. Hätte die
Berliner Ausstellung nichts weiter gebracht, als diese Abtheilung, es
wäre genug, ihr zu danken. Aber das genaue Studium erfordert Tage.«
Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus giebt ein Bild von der
Production, dem Handel, dem Verkehr und der Lebensweise des Europäers
in unsern Schutzgebieten, vom Auswärtigen Amte hingebaut. Und sollte
man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, sind unten mit
ölgefüllten Becken umgeben, damit die Ameisen nicht hochkriegen und
Alles zernagen, was sie vorfinden. Und unten hat die Luft freien
Durchzug, die Fieberdünste wegzuwehen.
Drinnen die Möbel sind zum Theil aus dem schönen Neuguineaholz,
ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit Messingschrauben
zusammengehalten; ebenso sind Schlösser und Schlüssel aus Messing wegen
des Rostens. Jegliches ist für das Klima ausgetiftelt und zwar in
Berlin. Die Gesammteinrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer
mit gedecktem Tisch, worauf in Wachs geformt die köstlichen Früchte
lagen, die zur Speise dienen, und oben an der Decke die Punkah, ein
Riesenfächer, den an der Tafel Sitzenden Kühlung zuzuwehen. An den
Wänden die Gemälde schilderten die Gegenden, die Jagden und die
Schlachten mit den Feinden und was sonst sich malerisch in Oelfarbe
ausdrücken läßt, wie z. B. unsere Schutztruppe in graugerippten Sammt
und Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal schneidig.
Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs war besichtigungshaft. Einer
selbst war nicht drinn, wohl aber sein Bett mit Fliegenschleier, Nachts
die Mosquitos abzuwehren. Ich warf hin: »Wen das Gewissen nicht sticht,
der schlummert auch ohne Gazevorhänge. Gegen Wilde sei man milde.«
»Du sollst in der letzten Zeit mächtig unruhig liegen,« sagte Onkel
Fritz mir leise. -- »Ich wüßte nicht, wann ich Dir etwas vorgeschlafen
hätte?« gab ich zurück. -- »Auch nicht nöthig, ich seh Dir doch an,
daß Du nicht in Deiner gewohnten Gemüthsverfassung bist. Ist Kriehberg
endlich beseitigt?«
»Nicht eher, als bis die Papuas ihn am Spieß braten. Er wankt nicht. Er
behauptet, wir lögen ihm vor, daß Tante Lina ihr Geld fest verankert
hätte und will auf Entschädigung klagen, wegen des Aufwandes, den er
machen mußte, um standesgemäß mit Tante Lina und Ottilie aufzutreten.«
»Laß ihn klagen.« --
»Fritz, Alles -- nur nicht vor die Schranken. Siehst Du, Richter
können zu reizend sein, wie der Vetter, aber hängt ihnen den Talar um
und sie sind unsicher. Paß acht, Kriehberg kriegt Recht. Er geht ans
Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und mir die Kosten. Wie das
noch endet, weiß ich nicht. Mir steht der Verstand still.«
»Das merke ich. Warum legst Du dem Vetter den Fall nicht vor?«
»Der hat Ferien und will sich amüsiren.« --
»Wer sagt denn, daß er sich nicht darüber amüsirt?« --
Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, warum hat sie uns
sonst einen Amtsrichter in die Verwandtschaft gebracht? Auch sind
Ferien ohne jegliche Thätigkeit ungesund.
Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn man sich in
fremder Umgebung verlaufen hat und sieht plötzlich ein Wirthshaus. Wir
eilten den Anderen nach, die die Hospital-Einrichtung des Tropenhauses
in Augenschein nahmen.
Bei all dem Obst und den Fieberlüften, den Ameisen und Gewürmen und
Kämpfen können Krankheiten nicht ausbleiben und da ist denn der
»Deutsche Frauen-Verein für Krankenpflege in den Kolonieen«, der in
hilfreichster Weise für die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo
nichts zu haben ist, was Leidende benöthigen. Wie es in den Kolonieen
zugeht und wie die Frauen hier nun thätig sind, das erfährt man aus
der Vereinsschrift »Unter dem Rothen Kreuz«, die ich sofort bestelle.
O, wie viel können wir da wirken für unsere Landsleute und für die
Schwarzen. Güte bindet fester als Gewalt.
Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmückten
Tannenbaum entdeckt. Er stand groß und breit zwischen den anderen
Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn für putzende
Grünigkeit hielten. Der Baum war ein künstlicher aus Gedrath und grünen
Stoffnadelzweigen, täuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein
zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbüchse verpackt, nicht
größer als ein einigermaßener Regenschirm, daß er sicher verlöthet,
bis mitten in Afrika hinein versandt werden und überall um die
Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche
weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht
wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den
Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrüchte hängen daran und
in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht,
deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen,
was es bedeutet? »Deutsche Sitte,« wird ihnen gesagt. »Kommt und feiert
mit uns das Fest der Liebe.«
Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären achtlos
vorübergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel
Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hießen C. Nicolai Söhne
und wohnen in Hamburg. Er will überseeischen Geschäftsfreunden solche
Tannenbäume verehren. Er weiß, was er thut.
Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muß wohl
so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Männer, Weiber,
Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie
orientalische Musik überhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft
werden und Einer lernt Clarinette dazu.
»Nun, Schwager?« fragte Onkel Fritz. »Wie gefallen Dir die
Kolonialbrüder und Schwestern?« -- »Gar nicht,« sagte mein Karl, »was
haben wir von ihnen?«
[Illustration: Raucher]
»Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, die ihnen an
den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden sitzen, könnten aus
Deiner Fabrik stammen.« -- Mein Karl prüfte. »Es sind von meinen
halbwollenen,« sagte er, »die rothblaue Borde ist ein Versuch, der
nicht recht einschlug.« -- »Das ist eben der Segen der Kolonieen,
wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert
Meilen hinter dem Leipzigerstraßengeschmack zurück.« -- »Ganz zu
verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht,« erwiderte mein Mann.
-- »Karl,« sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger,
»wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann
der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen
durchgestochen.«
Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika etwas geneigter. --
Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es
zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und
ein über das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im
Pharaonenlande, wo wir unvergeßliche Wochen zubrachten? So getreu
ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern,
Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt. Wir schwelgten
über jedes, das wir als lieb Bekanntes begrüßen konnten. Es war mein
einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn
aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfüllt.
Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten
sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefähr
als wenn im Opernhaus großes Galla-Ballet neu ist. Sie wußten nicht,
daß der Orient allmählich untergeht, zerbröckelt und zerfällt, und
ahnen nicht, daß die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehört, ihn zu
vergolden. Ich sagte: »Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's
drin.« Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefaßte
irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer -- es ist
ja Horde die Bande, aber komisch und unverwüstlich -- seine rasch
gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann?
»Ackerstraße,« sagten sie, als wenn Berliner Schusterjungen gefärbt
wären.
Es wird eben so viel gefälscht, daß die Leute bald an nichts Echtes
mehr glauben.
So etwas verdrießt. Und gar zu viel Handel und Unfug treiben sie. Nicht
die Egypter, nein die wirklich aus der Ackerstraße mit einem Tarbusch
auf dem Kopfe und Pantinen im Benehmen.
Der Vetter verstand, das Echte vom Unechten zu scheiden, und Erika war
wie in der Welt der Phantasie, die nahm das Ganze, wie es sich bot. Mit
den Beiden die Bazargassen zu durchwandern, das war ein Vergnügen. Ich
zeigte ihnen die vergitterten Haremsfenster. -- »Arme Frauen,« sagte
Erika.
Und in der Arena, die Beduinen auf ihren arabischen Pferden, wie sie
daherstürmten und aus ihren langen Flinten schossen. Selbst Onkel
Fritz meinte: »Hier könnte Renz auf die hohe Schule gehen.« Und der
Hochzeitszug mit Kameelen und Sänften und dem farbigen Egyptervolk. Wer
das sah, kann sagen, er hat ein Stück Orient gesehen.
Und alles das, die ganze Stadt doch nur ein Sommertagtraum. Wo jetzt
die Moscheen stehn und die krummen Straßen Kairo sich hinziehen,
grünen im nächsten Frühjahr die Kornfelder und wo der Muezzin zum Gebet
rief, singt die Lerche. Kein Edfu-Tempel, keine Pyramide mehr, dahin,
dahin. Und der Wind, der die Palmen nicht mehr findet, eilt weiter
über die märkische Ebene, wie er gewohnt ist von jeher. Dann sind die
Egypter bei den ihrigen und erzählen von Berlin Kebir, dem großen
gewaltigen Berlin, und wir erzählen uns von der Märchenstadt am Nil,
die zu Besuch war an der Spree.
[Illustration: Schießender Araber]
Die Pyramiden sind ein Weltwunder des Alterthums. Daß sie mit Sack und
Pack auf Reisen gehen, das ist ein Weltwunder unserer Zeit. Was unsere
Nachkommen wohl anstellen, um die Vergangenheit zu überbieten? Denn
mehr als Radschlagen kann der Mensch nicht.
[Illustration: Titel-Dekoration]
Glückliche Leute.
[Illustration]
Noch einige Tage und mein Hotel steht leer. Der letzte Gast, der
Vetter Amtsrichter, muß wieder in Dienst. Daß ein so liebenswürdiger,
hochgebildeter Mann von Verbrechen leben muß! Aber andererseits, wenn
blos Edles auf Erden begangen würde, wären die gesammte Jurisprudenz
brodlos, und es sähe für reich betöchterte Familien noch flauer aus
als jetzt, wo zum Aufziehen gebildeter Weiblichkeit die Gelegenheiten
immer massenhafter, die zum Versorgen jedoch immer zählbarer werden. Da
steckt es.
Wir sehen ihn ungern scheiden und hoffen von nun an in regerem Verkehr
zu bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und dann auf längere Wochen.
Die Uhren ticken freilich ihren gleichen Schritt, aber die Zeit wird
eilsamer im Alter, und Wochen fliehen wie Tage und die Tage wie kurze
Stunden. Kaum hatten wir uns über das erste Grün gefreut, und nun
fielen schon gelbe Blätter hier und da. Und doch war der Sommer nicht
eigentlich heiß gewesen, ausgenommen für mich. Mir war nicht schlecht
eingekachelt worden.
Doch das war vorbei.
Ottilie schrieb mir reumüthige Briefe. Es war ja auch nicht 'was,
durchzubrennen, während ich mich in ihren Angelegenheiten Reisegefahren
aussetzte, aber indem sie um Verzeihung flehte und schriftlich über
sich nachzudenken gezwungen war, kam sie zu der Erkenntniß ihrer
Unvollkommenheiten, und den Gewinn schlage ich als ihre beste Mitgift
an. Auch Musjeh Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel
ein und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn böse sein?
Verliebte sind unzurechnungsfähig, und Rudolph mußte man lassen, daß
er verhältnißmäßig vernünftig gehandelt hatte, wenn man sich es recht
benahm. Denn wie verliebt war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten.
Schöne Gestalt hat große Gewalt.
Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht so wie Rudolph,
sondern mehr mit Geldnebengedanken.
Ich fragte den Vetter Amtsrichter: »Wenn Einer von Einer schriftliche
Indizien verwahrt und derselbe beabsichtigt, wenn diejenige demjenigen,
der dieselben besitzt, denjenigen vorzieht, welchen dieselbe später
kennen lernte, mit denselben zu schikaniren und derselbe sich nicht
entblödet in das Ja vor dem Geistlichen hineinzufahren. Darf derselbe
das?«
Der Vetter entgegnete: »Ich habe Sie nicht ganz verstanden, verehrte
Cousine.«
»Das wundert mich, ich gab mir doch Mühe, Amtsstil zu reden.«
»Der ist bisweilen selbst ergrauten Actenlesern zu viereckig, als daß
sie daraus klug würden. Aber wenn Sie die Güte haben, mir den Fall in
der gewöhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe ich, Ihnen Auskunft
geben zu können. Und wenn ich bitten darf, ohne Voreingenommenheit und
ohne Beschönigung.«
»Zu beschönigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, ein Subject.«
»Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.«
»Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch für Rudolphen, und von dem hab'
ich kein Sterbens-Atom erwähnt.«
»Ahem!« sagte der Vetter. »Liebe Cousine, so kommen wir nicht weiter.
Also zunächst der genannte Kriehberg. In welchem Verhältnis stehen Sie
zu ihm?«
»Herr Vetter, solche Fragen muß ich mir dringend verbitten. Ueberhaupt
Kriehberg! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaranzetter stände,
als mit ihm.«
»Ich verstehe. Waren Sie von Anfang an derselben Meinung?«
»Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die
Freundschaft!« Und nun erzählte ich ihm von den Berichten und von
Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in
ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien,
als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens
Entführung und Kriehberg's Herausforderungsgelüsten, die sich sogar bis
auf mein Lamm von Mann erstreckten. »Warum ist es nicht möglich, das
Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten?« fragte ich.
»Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die höher steht als das
Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtücke ist der Zweikampf.
Wer sich an die Ehre wagt, wisse, daß er sein Leben auf's Spiel setzt.«
»Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.«
»Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des
Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen
oder das seinige lassen als Sühne. Wie es sich fügt.«
Die Antwort hätte ich mir denken können; die Schmisse des Herrn Vetter
-- sie stehen ihm nicht übel zu Gesicht -- sagen ja offenkundig, daß er
schon als Jüngling mannhaft für sich eintrat.
Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der
technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb
fragte ich: »Es existiren doch Festungen. Ist keine frei für Kriehberg,
ehe er beleidigt und zwar mit lebenslänglicher Beköstigung?«
»Nein,« sagte der Vetter, »die Freiheit eines Menschen einzuschränken
ist nicht gestattet.«
»Aber wenn man doch weiß, daß er Unheil anrichten wird?«
»Auch dann nicht.«
»Warum leben wir nicht mehr in Alt-Berlin, Herr Vetter? Damals saß die
Senge loser als heute.«
»Sie machen sich unnöthige Sorge. Wenn das Fräulein die Verlobung
rückgängig machen will, werden wir ausreichende Gründe finden. Er
vermag ihr keinen Unterhalt zu bieten, sein exaltirtes Wesen deutet
auf geistige Störung. Ist ihm irgend ein verschrobener Verwandter
nachzuweisen, liefern wir ihn den Psychiatern aus.«
»Ist das sehr etwas Schlimmes?«
»Bei einem Anhänger Lombroso's ist er so gut wie verloren, dem genügt
schon eine dämliche Kinderfrau zur erblichen Belastung bis ins vierte
Glied.«
»Das ist Alles recht schön; aber wer hindert ihn, das Glück der Beiden
durch seine Unvernunft zu stören? Und da Ottilie nicht frei von Schuld
ist, welch' ein Brautstand wird das, welch' eine Ehe? Das ist meine
Behauptung. Und solche Verbrechen an Glück und Freude sind straflos?«
Dies sah der Vetter ein. Glück muß rein sein, sonst ist es kein Glück.
Er ließ sich Kriehberg's Adresse von mir geben, von ihm selbst zu
erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigennutz. -- »Von jedem
etwas,« sagte ich »halb sauer und halb mit Essig.« --
Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippel klüger, aber auch
nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Abstandssumme zurücktreten und
Ottiliens Briefe herabrücken.
Es waren man blos 5000 Mark, mehr nicht. Und die sollte ich berappen.
Wer sonst?
Ottilie verfügte nicht über so viel. Und Rudolph konnte doch unmöglich
seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor dem Rest sitzen.
Oder Tante Lina.
Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran.
Machte ich mir wirklich ungelegte Eier, wie der Vetter meinte: »Genau
genommen, geht Sie die ganze Angelegenheit gar nichts an.«
Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel Fritz sagte
es auch. Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens und Rudolphs Zukunft
zur Herzensfreude geworden. Daran lag es, daß ich Unheil von ihnen zu
wenden suchte, was jedoch erschwert wurde durch Ottiliens Rückkehr.
Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl und mich kennen
zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert werden.
Und wenn wir rufen: »Hoch lebe das Brautpaar!« und Kriehberg stürzt
herein und vollführt Aufruhr? Oder schießt gar? Und keiner mag an
die Stunde zurückdenken, die sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung
in's Leben hineinstrahlt, wenn trübe Tage kommen. Weder Rudolph noch
Ottilie. Und können sie auch nicht vergessen.
Ich setzte mich hin und weinte.
Dorette meldete Besuch.
»Ich kann Niemanden empfangen, ich habe Migräne.«
»Det paßt jrade. Der Herr is ooch wat Feines.«
»Mein Mann ist im Kontor.«
»Nee, er will bei Madame,« sagte Dorette und hielt mir die Karte hin.
Dorette hatte die Thür halb aufgelassen. »Verzeihen Sie, wenn ich
ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen.«
»Ich blickte hin, der Herr war mir fremd... und doch bekannt. Wo hatte
ich ihn gesehen? Richtig, auf der Ausstellung. Er war es, Johannes
Viedt.«
»Sie kommen von Tante Lina?« fragte ich, ohne die
Vorstellungsförmlichkeiten zu erledigen.
»Ich bringe Grüße von ihr. Und um kurz zu sein, sie hat mich gebeten,
einem jungen Manne in seinem Fortkommen drüben behilflich zu sein,
einem Architekten...«
»Ja, ja,« unterbrach ich ihn. »Kriehberg heißt er, eine
außerordentliche Kraft...«
»Freut mich zu hören. Für einen tüchtigen Baumeister ist bei uns ein
lohnendes Feld. Ich selbst habe große Unternehmungen vor in St. Louis.
Sein Weg ist gemacht, wenn er sein Fach versteht.«
»Besser als die anderen, er baut Ihnen Alles.«
»Sonderbar, und doch kämpft er mit Schwierigkeiten?«
»Wo soll er hier seine Kräfte entfalten? Aber drüben in dem freien
Lande wird er Bedeutendes leisten.«
»Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an ihm... wie eine
Mutter.«
»Das fiel mir nie auf. Aber wer weiß?«
Er schwieg.
»Sie spricht nicht über ihre Vergangenheit,« fing ich an. »Und doch
spürt man aus Allem, daß sie ein verlorenes Leben betrauert. Deshalb
ist sie mitunter so verbittert, und wiederum weich zu anderer Zeit. Ist
es ihr Wunsch, dem jungen Mann fortzuhelfen... ich würde ihn erfüllen,
wenn es an mir läge... so bald wie möglich... vielleicht ist es die
einzige Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies
nachfühle.«
»Das macht Ihrem Herzen Ehre,« sagte Herr Johannes Viedt.
»O, bitte.« -- Wie er sich wohl meine Erröthung deutete?
»Wo ist der junge Mann? Von Ihnen würde ich Auskunft erhalten...«
»Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. Ich werde Ihnen
Herrn Kriehberg senden.«
»Kaiserhof, Zimmer fünfundvierzig.«
»Soll geschehen.«
»Ich danke Ihnen.«
Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach Kriehberg.
Glücklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht in rosenfarbner Laune.
Er sollte Miethe abladen und es fehlten ihm die Groschen.
»So weit sind Sie herunter und doch noch zu Pferde?« rüffelte ich ihn
an. »Noch immer keine Einsicht? Und nun schleunigst mit Ihnen nach
dem Kaiserhof, da ist einer von den amerikanischen Naböbbern, Sie
mitzunehmen zum Cementanrühren und was Sie sonst vom Bau los haben.
Aber so können Sie nicht antreten....«
»Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen?«
»Nee,« sagte ich, »aber wir können sie einlösen.«
»Würden Sie das?«
»Gewiß, aber erst her mit Ottiliens Briefen.«
»Sie legen mir eine Falle!«
»Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. Hier das
erbärmlichste Elend -- dort eine Zukunft, um die Sie Hunderte beneiden.
Und sie zögern auch nur eine Minute? Ich zähle bis drei. -- Mit drei
ist unwiderruflicher Schluß. Also: Eins!«
Er rührte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die Thür zu.
»Zwei! -- Freie Ueberfahrt nach den Goldbergen. Sogleich in
Thätigkeit!« -- Ich faßte den Thürgriff.
»Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei und...«
»Halt!«
»Na, sehen Sie!«
Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Dokumente. Auch die
Miethe wurde erledigt.
Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld ließ aus der Wechselei
mit seinen Hausleuten?
»Sie schreiben mir es wohl auf meine Arbeiten gut« -- Ob das
Bramsigkeit war den Leuten gegenüber oder Unverfrorenheit, daß er sich
solche Worte herausnahm, soll unentschieden bleiben, ich ließ ihn ohne
Antwort stehen. Mit dem war ich fertig.
[Illustration: Briefe]
»Aber er war noch lange nicht über das Wasser. Wenn Herr Viedt ihn
nicht mitnahm?«
Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts mehr anstiften.
Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich überschwänglich mit
himmlisch und entzückend, mit Liebe und Daseinswonne und Seligkeiten
und doch kein Satz aus dem Herzen, sondern aus Büchern, ebenso wie
ihre Wissenschaften eine bloße Behaltssache mit dem Kopfe; nichts
Innerliches. Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich
in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit
belernte. Nein, geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war die reine
Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, ohne einen Fleck
zu hinterlassen, obgleich man nie vorsichtig genug sein kann! Umgang
färbt ab.
Und doch der Schreck, als Kriehberg am Spätnachmittage erschien...
Natürlich Herrn Viedt vor den Kopf gestoßen und der Tanz beginnt von
Neuem, war meine feste Ueberzeugung.
Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen gehabt mit meinen
Leiden. Er war angenommen, am folgenden Tage ging es nach Hamburg und
von da in die neue Welt, neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken.
»Herr Kriehberg,« sagte ich, »daß Sie glauben, mir Dank schuldig zu
sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Reue an, im Uebrigen will ich
Ihren Dank nicht. Was ich für Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie
werden mir es wiedererstatten, wenn Sie in Dollars wühlen. Wir haben
blos geschäftlich miteinander zu thun. In meiner Zuneigung haben Sie
weder Sitz noch Stimme.«
»Wenn Sie wüßten, wie die Gesellschaft mich behandelt hat, diese
selbstsüchtige, verlogene Brut, die mir feindlich gesonnen ist von
jeher, die mich nie verstanden hat...«
»Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, daß Sie überall gegen
rennen. Sie wollen mehr für Ihr Bischen Können haben, als es werth
ist, das ist Ihr Zorn. Verstehen Sie die Welt, dann werden Sie wieder
verstanden werden.«
Das mochte er nicht hören, er empfahl sich mit einer kurzen Verbeugung
und verschwand. --