8. Ich werde auch meinen Leuten diese Bedingungen mitteilen und dafür
sorgen, daß dieselben genau eingehalten werden.«
Hiermit war der Friede geschlossen. End und Maschemba schüttelten
sich gegenseitig die Hand, und jeder marschierte ruhig nach Hause.
Die nächste Zeit hat gelehrt, daß die Abschließung jenes Friedens
von großem Nutzen für uns gewesen ist. Wir wurden der Notwendigkeit
enthoben, im Süden eine große Macht aufzuwenden und konnten dieselbe
gerade im letztvergangenen Jahre an anderer Stelle einsetzen.
Es hat sich der Handels-Verkehr im Süden gehoben und ist dort bislang
die in so vielen andern Gegenden unseres Schutzgebietes bedrohte Ruhe
aufrecht erhalten worden, ein Verdienst, das ohne Zweifel auf das
politische Verhalten des Chefs End, der, von einem perniziösen Fieber
kaum genesen, jene Expedition antrat, zurückzuführen ist.
Bis zum April 1891 waren auch die Stationen des Südens, Kilwa, Lindi
und Mikindani im großen und ganzen fertiggestellt worden. Die Station
Lindi hatte der frühere Chef der Verwaltungsabteilung Frhr. von
Eberstein übernommen. --
Im Norden unserer Interessen-Sphäre wurde noch in den letzten Monaten
der Thätigkeit des Reichskommissars das Einschreiten desselben
notwendig, um die stark gefährdete Sicherheit auf der von Pangani
nach dem Kilimandscharo und von dort aus nach dem Viktoriasee
weiterführenden Karawanenstraße wieder herzustellen.
Der Häuptling Sinna von Kiboscho hatte in seinem Dorfe die deutsche
Flagge niedergeholt, beschimpft und sich ausdrücklich geweigert, die
deutsche Herrschaft anzuerkennen. Wir waren von diesem Vorgange unter
anderm durch die englische Regierung von Taveta aus unterrichtet
worden. Die Post des Wißmannschen Agenten in Moschi, Herrn von Eltz,
war zwei Mal vom Häuptling Manamate abgefangen worden. Der Jumbe
Kihungwe von Kihogwe hatte in der gröbsten Weise sich gegen den
Stationschef von Masinde, Lieutenant Stenzler, vergangen, das deutsche
Ansehen im Hinterland von Pangani und Tanga erschien schwer geschädigt.
So sah sich der Reichskommissar zur Unternehmung einer Expedition von
Pangani aus nach dem Kilimandscharo veranlaßt. Die Expeditionstruppen
wurden in Pangani vereinigt, wobei leider bei der Ausschiffung
derselben und der Passage über die Barre des Panganiflusses nach dem
Kentern eines Bootes der deutsche Unteroffizier Löppki mit 5 Sudanesen
ertrank.
Der Marsch ging von Pangani zunächst nach Masinde. Hier wurde die
Expedition, nachdem noch aus dieser Station einige disponible
Truppen herausgezogen waren, definitiv zusammengestellt, und zwar
zählte das unter den Befehl des Chef Johannes gestellte, aus
einer Sudanesen-Compagnie und zwei Zulukompagnien bestehende
Expeditionskorps 380 Mann. Außer Major von Wißmann, seinem
Adjutanten +Dr.+ Bumiller, Lieutenant Heymons und dem Führer
des Expeditionskorps Chef Johannes nahmen folgende Offiziere an
der Expedition teil: Lieutenants Sulzer, v. Zitzewitz, Prince,
Assistenzarzt +Dr.+ Steuber, Proviantmeister de la Frémoire und 7
deutsche Unteroffiziere.
Kurz vor dem Abmarsch der Expedition von Masinde traf noch Herr v.
Eltz, der Wißmannsche Agent vom Kilimandscharo, dem erhaltenen Befehle
gemäß ein, berichtete über die Verhältnisse daselbst und erhielt den
Befehl, an der Expedition teilzunehmen.
Das nächste Ziel war das Dorf des aufsässigen Kihungwe, das nach
Passierung des 30 Meter breiten Mkomasiflusses erreicht wurde. Sogleich
bei der Ankunft der Karawane am Fluß hatte Kihungwe durch Abgesandte
seine unbedingte Unterwerfung unter den Reichskommissar und den
Stationschef von Masinde ankündigen lassen. Nachdem beim Dorfe Kihungwe
ein Lager bezogen war, wurde der genannte Häuptling zum Schauri
berufen. Wißmann sah von einer Bestrafung des Häuptlings, der von jetzt
an völlige Unterwerfung versprach, ab und setzte nur in jener Ortschaft
einen neuen Akida, einen Sohn des durchaus gehorsamen Simbodja ein.
Die Erledigung dieser Angelegenheit hatte die Expedition zu einer
Abweichung von dem gewöhnlichen Karawanenwege veranlaßt, und wählte
Wißmann nunmehr den Weg längs des Ostabhanges des Pare-Gebirges über
Ndungu, Gonja, Kissiwani und von dort quer über das Hochplateau des
Pare-Gebirges über Kisingo nach Pare Mabua; von hier aus wurde das hohe
Ugweno-Gebirge überschritten, und gelangte die Truppe alsdann wieder
auf die alte Karawanenstraße von Pangani nach dem Kilimandscharo.
Bis Kissiwani hatte die Expedition kaum mit Schwierigkeiten zu
kämpfen, da die Gegend wasserreich und leidlich bebaut, die Bewohner
friedlich und entgegenkommend waren. In Kissiwani wurde am 27.
Januar der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers von den deutschen
sowohl wie von den farbigen Soldaten gefeiert. Nachdem die Truppe
durch das Entgegenkommen des Häuptlings von Kissiwani auf drei Tage
sich verproviantiert hatte, wurde am 28. Januar der Marsch über das
Gebirgs-Plateau fortgesetzt. Großer Wassermangel und die völlig
unbewohnte Gegend machten die Märsche recht beschwerlich. Am 30.
Januar wurde der Jipe-See erreicht, dessen Gestade sich ebenso wie das
eben durchquerte Hochplateau durch großen Wildreichtum auszeichnen.
An diesem Tage stieß die Truppe unvermutet auf Massai, welche den
Schrecken der dortigen Bevölkerung bilden.
Beim ersten Begegnen mit der imponierenden, militärischen Expedition
zogen sich die Massai in eiliger Flucht zurück, bald aber kamen sie
in das bei Pare Mabua belegene Lager, wurden immer zutraulicher und
schließlich sogar so unverschämt, daß sie das Verlangen stellten, die
Truppe möge den Lagerplatz räumen, damit sie dort ihr Vieh tränken
könnten; andernfalls würden sie Gewalt anwenden.
Als Erwiderung darauf ließ Wißmann in der Nähe weidende Rinderherden
der Massai in das Lager treiben und erklärte ihnen, dies sei die Strafe
für ihre Ungehörigkeit. Dieses entschiedene Benehmen verfehlte seine
Wirkung nicht. Die Massai, welche an dieser Stelle allerdings über
kaum 150 Krieger verfügten, legten sich nunmehr aufs Unterhandeln und
erlangten auch durch ihre Bitten die Rückgabe ihres Viehes bis auf
wenige Ochsen und Ziegen, welche der Truppe für den eigenen Gebrauch
zugewiesen waren.
Am 31. Januar und 1. Februar überschritt die Expedition das sehr steile
und äußerst beschwerliche Ugweno-Gebirge. Der Aufstieg wurde bedeutend
dadurch erschwert, daß Alles, selbst die Geschütze und schwersten
Lasten, die steilen Pfade hinaufgetragen werden mußte.
Der Hinabmarsch zur Pangani-Ebene ging naturgemäß leichter von statten.
Nach dreitägigem Marsche durch die wildreiche Pangani-Ebene und nach
Überschreiten des dort schon ziemlich wasserreichen Pangani-Flusses
gelangte die Expedition am 3. Februar nach Aruscha Tschini. Die
Bewohner dieses Gebietes, welches in dem vom Ronga-, Weriweri- und
Pangani-Flusse gebildeten Dreieck liegt, hatten sich vor nicht langer
Zeit an einem Überfall beteiligt, den die Leute von Aruscha ju gegen
die Wapare unternommen hatten. Wißmanns Agent, Herr von Eltz, hatte
ihnen Bestrafung in Aussicht gestellt. Auf den Befehl Wißmanns wurden
daher zwei Waruscha, die sich zur Begrüßung im Lager eingefunden
hatten, als Geiseln zurückbehalten und als Sühne eine Strafzahlung
in Vieh und die Herausgabe der bei dem Raubzuge gemachten Gefangenen
gefordert. Doch schien eine Lösung der Frage auf friedlichem Wege kaum
möglich zu sein.
Die durch die jungen Waruscha vertretene Kriegspartei stimmte die ganze
Nacht ihr Kriegsgeheul an und verweigerte jegliches Eingehen auf die
Forderungen. Erst auf die nochmaligen Vorstellungen Wißmanns überwog
nach langwierigen Schauris die Friedenspartei der Waruscha, und sie
erklärten sich bereit, die gestellten Bedingungen zu erfüllen. Das
Abkommen wurde dadurch bekräftigt, daß die Ältesten der Waruscha mit
zwei der deutschen Offiziere Blutsfreundschaft schlossen.
Sodann wurde der Marsch nach Moschi, dem Wohnsitz des
deutschfreundlichen Sultans Mandara fortgesetzt. Auf dem Moschiberge
hatte von Eltz bereits die ersten Vorbereitungen zur Anlage einer
festen Station getroffen. Nach einem Ruhetage wurde dieselbe unter
Heranziehung der vielen Träger so stark befestigt, daß sie selbst von
einer geringen Besatzung zu halten war.
Gelegentlich eines Besuches des Majors von Wißmann beim Sultan Mandara
wurde der schon lange geplante Kriegszug gegen Sultan Sinna von
Kiboscho vorbereitet. Derselbe hatte, wie bereits erwähnt, die deutsche
Flagge heruntergerissen und führte an deren Stelle jetzt die rote
Flagge des Sultans von Sansibar. Zunächst befahl Wißmann dem Sultan
Mandara, einen Teil seiner Wadschaggakrieger zu dem bevorstehenden
Kriegszuge zu stellen, weniger in der Absicht, daß sie thätig am
Kampfe teilnehmen sollten, als um sie nach erfolgter Entscheidung zur
Ausbeutung des Sieges zu verwenden.
Denn vermöge ihrer genauen Landeskenntnis konnten die Wadschagga mit
Leichtigkeit dem fliehenden Gegner folgen und das in dortiger Gegend
sehr zahlreiche Vieh zusammentreiben.
Jeder der neuen Bundesgenossen erhielt, um ihn vom Feinde unterscheiden
zu können, eine weiße Binde um den Oberarm, außerdem wurden sie
angewiesen, auf etwaigen Anruf mit »Mandara« zu antworten. An die
einzelnen Haufen wurden schwarz-weiß-rote Fahnen ausgegeben, jeder
Haufen wurde von einem Führer befehligt. Das Kommando über jene Krieger
wurde Herrn von Eltz übergeben, der sich durch die Führer mit den
einzelnen Haufen verständigte.
Da Wißmann von vornherein beabsichtigte, nach erfolgter Niederwerfung
Sinnas wieder nach Moschi zurückzukehren, wurde die mitzunehmende
Bagage auf das mindeste Maß beschränkt. Außer wenigen Lasten
für Proviant gingen nur noch Träger für die Geschütze und die
Artilleriemunition mit.
Am 11. Februar 1891, nachmittags 2 Uhr, marschierten die Truppen, 300
Mann stark, von Moschi ab und bezogen abends um 6 Uhr an einem kleinen
Flusse Lager im Walde. Die Nachrichten, welche hier über des Feindes
Stärke und Stellung eingingen, waren, wie sich später herausstellte,
teilweise unrichtig. Seine Stärke, die man auf 600 bis 800 Mann angab,
entsprach zwar den thatsächlichen Verhältnissen, auch daß der Gegner
fast durchgängig mit Gewehren, unter denen viele Hinterlader, bewaffnet
sei, bestätigte sich. Hingegen war die Nachricht falsch, daß die
Munition des Feindes sehr knapp bemessen und die von ihm angelegte
Befestigung derart sei, daß sie nicht nur von den umliegenden Höhen
eingesehen werden könnte, sondern daß auch der direkten Annäherung an
dieselbe keine größeren Schwierigkeiten im Wege ständen. Gerade nach
den letztgenannten Nachrichten konnte eigentlich niemand an ernsteren
Widerstand denken.
Am 15. Februar 5 Uhr früh wurde in folgender Marschordnung
aufgebrochen:
Vortrupp: 1. Sudanesenkompagnie, Artillerie;
Haupttrupp: 2. und 3. Sudanesenkompagnie, Sanitätsdetachement,
Bagage mit Bedeckung.
Hinter der Bagage folgten die irregulären Haufen der Wadschagga.
Der Weg führte zunächst durch dichten Busch, der allmählich in
schönen, hochstämmigen Wald überging. Dicht am Walde befanden sich
zahlreiche, etwa 5 m tiefe und unten spitz zugehende Elephantengruben.
Es erforderte die ganze Aufmerksamkeit der Führer, um diese sehr
geschickt bedeckten Gruben aufzufinden und freizulegen, damit seitwärts
vom Wege gehende Leute nicht in Gefahr kamen. Auf dem Wege waren
ferner vom Feinde Beschwörungsmittel, sogenannte Daua, angebracht,
meistens aus kleinen Erdhaufen bestehend, in welche Hölzchen oder
Federn eingesteckt waren. Die abergläubischen Wadschagga machten immer
große Seitensprünge, wenn sie an einer derartigen, verzauberten Daua
anlangten, die schwarzen Soldaten indessen, an dergleichen schon von
früher gewöhnt, schritten weniger rücksichtsvoll darüber hinweg.
Nach vierstündigem Marsche trat die Spitze der Kolonne aus dem Walde
heraus und gelangte in die gut bebaute und bewässerte Landschaft
Kiboscho. Das Gelände ist daselbst außerordentlich coupiert und
bedeckt. Ein schmaler Bergrücken folgt dem andern. Der größte Teil
derselben ist mit Bananen bewachsen. Da diese sehr eng zusammenstehen
und von halber Höhe an mit üppigem Blätterwuchs geschmückt sind,
verschließt ein derartiger Wald jegliche Übersicht, erschwert das
Vorwärtskommen und bietet dem Gegner alle nur mögliche Deckung.
Beim Ersteigen des ersten Bergrückens fiel ein Schuß in der rechten
Flanke, wahrscheinlich ein Signalschuß, dann war wieder Alles ruhig.
Noch zwei weitere Höhen wurden erklommen, als die Spitze an einem
Punkte anlangte, welcher einen freien Ausblick nach der nächstgelegenen
Anhöhe gewährte. Die letztere war ganz unbewachsen; auf dem Rücken
derselben befanden sich tief eingeschnittene Gräben, aus welchen heraus
alsbald vom Feinde ein ziemlich lebhaftes Feuer eröffnet wurde.
Offenbar handelte es sich hier jedoch nur um eine vorgeschobene
Stellung, denn der Gegner räumte dieselbe, als von der vorn
befindlichen Sudanesen-Kompagnie jenes im übrigen wirkungslose Feuer
mit einigen Salven erwidert war.
Der Vormarsch wurde fortgesetzt. Als der soeben vom Feinde verlassene
Berg erreicht war, hatte man abermals einen Höhenrücken vor sich,
welcher, von beträchtlicherer Höhe als die zuletzt passierten, mit
dichtem Bananenwalde bestanden war. Von dort aus war das Kriegsgeheul
einer zahlreichen Menschenmenge deutlich hörbar, auch konnte man aus
den Baumspitzen heraus einen Signalmast mit roter Fahne erkennen. Major
v. Wißmann schloß aus diesen Anzeichen, daß dort der Hauptwiderstand
des Gegners zu suchen wäre, wenngleich man von der angekündigten und
beschriebenen Verteidigungsboma nichts erblicken konnte.
Nachdem die Truppen sich hinter der Anhöhe gesammelt hatten, gab
Wißmann seinen Gefechtsbefehl derart, daß auf die vorliegende
feindliche Stellung ein direkter Vorstoß in zwei Kolonnen gemacht
werden sollte.
Rechter Flügel: 1. Sudanesenkompagnie, Artillerie; 2. Zulukompagnie.
Linker Flügel: 3. Zulukompagnie.
Die Bagage erhielt Befehl, auf dem rückwärts gelegenen Bergrücken zu
halten, woselbst sich auch die Wadschaggakrieger sammeln sollten; das
Sanitätsdetachement folgte der vorrückenden Truppe. Beide Kolonnen
traten gleichzeitig den Vormarsch an.
Mit vorgenommenen Schützenlinien wurden die Truppen die steile Schlucht
hinuntergeführt und klommen an der andern Seite durch den Bananenwald
wieder herauf. Hier empfing sie ein heftiges Feuer des Gegners aus
ziemlicher Nähe. Die ersten Verluste waren zu verzeichnen.
Nach Ersteigen der halben Anhöhe gelangten die beiden Kolonnen an die
bis dahin dem Auge völlig entzogene Boma des Feindes. Die letztere
war umgeben von einem 3 m breiten und 5 m tiefen Graben, an dessen
jenseitigem Rande sich eine starke Pallisadenwand erhob. Der innere
Teil der Boma bot ein so vollkommenes Gewirr von Gräben, Pallisaden,
Hecken, verrammelten Thoren, Fallgruben und sonstigen Hindernissen,
daß eine Orientierung in diesem Labyrinth für einen Fremden völlig
unmöglich war. An der Herstellung und Vollendung der gedachten
Verteidigungsanlagen müssen die Kiboscholeute schon Jahrzehnte
gearbeitet haben. Die Befestigungen waren nicht nach einem bestimmten
Plane angelegt, sondern sichtbar allmählich entstanden. Jedenfalls
boten dieselben ein ernstes Hindernis.
Es war erklärlich, daß bei dem Eindringen in die Boma die Verbindung
der beiden Kolonnen verloren ging; dieselben vereinigten sich erst
wieder im späteren Verlaufe des Gefechtes.
Auf dem rechten Flügel, den Major v. Wißmann in Person befehligte,
waren die vorn befindlichen Sudanesen zuerst in die Boma eingedrungen;
die große Ausdehnung der Befestigungsanlagen machte es bald nötig,
auch die zweite Zulukompagnie in das vordere Treffen hineinzuziehen.
Die rechte Flügelkolonne tastete, dem zerstreut fechtenden Gegner
folgend, um den äußeren Rand der ganzen Boma herum, bis sie ungefähr
den östlichsten Teil -- der Anmarsch geschah von Westen nach Osten --
erreicht hatte. Der sich entgegenstellende Feind, welcher häufig auf
20 bis 30 Schritte von irgend einer Hecke her sein Feuer abgab, wurde
an allen Punkten zurückgeworfen, nirgends wurde noch einheitlicher
Widerstand geleistet.
Major v. Wißmann sammelte daher an diesem Platze die Truppen der
rechten Kolonne und gab Befehl, auf das hörbare Salvenfeuer der linken
Flügelkolonne hin zu marschieren. Eine Orientierung nach Sicht war
vollständig ausgeschlossen, denn auch die mit Pallisaden umschlossenen,
zahlreichen inneren Höfe der Boma waren dicht mit Bananen bestanden.
Die Vereinigung mit dem linken Flügel gelang glücklich, denn um 11 Uhr
30 Minuten vormittags langte Wißmann unter fortwährenden Gefechten
mit der Tête seiner Abteilung auf einem freien Platze innerhalb
der Boma an, den kurz vorher die 3. Zulukompagnie erreicht hatte.
Diese Kompagnie, ursprünglich auf dem linken Flügel befindlich, war
ebenfalls auf die Boma gestoßen und zwar auf einen ganz besonders stark
befestigten und verbarrikadierten Teil derselben. Auch hier hatte sich
überall der Feind dem weiteren Vordringen entgegengestellt, und konnte
aus der Heftigkeit des geleisteten Widerstandes geschlossen werden,
daß hier die Hauptverteidigung der Boma zu suchen wäre. Dieser erste
Abschnitt des Gefechtes, d. h. bis zu dem Zeitpunkt, wo sich beide
Abteilungen auf dem freien Platze trafen, hatte etwa zwei Stunden
gedauert.
Die eingetretene Gefechtspause wurde zum Verbinden der Verwundeten
benutzt, die der vorrückenden Truppe nachgetragen werden mußten, da
sie sonst unfehlbar in die Hände der erbitterten Gegner gefallen wären.
Bis jetzt stellte sich deutscherseits der Verlust auf zwei Tote und elf
Verwundete, unter letzteren auch zwei Europäer, Feldwebel Nowack und
Unteroffizier Witte. Der gegnerische Verlust ließ sich zur Zeit auch
noch nicht annähernd feststellen.
Bald wurde vom Feinde, dem das Zeugnis einer beharrlichen Tapferkeit
und Kühnheit ausgestellt werden muß, das Gefecht wieder aufgenommen.
Das aus nächster Nähe von mehreren Seiten abgegebene Feuer bedingte,
den ungedeckten freien Platz zu verlassen und entweder das Gefecht für
heute abzubrechen, oder aber die Hauptbefestigung, die bisher noch
völlig unbetreten war, zu stürmen.
Wenn von Wißmann sich für den Abbruch des Gefechtes und Fortsetzung
desselben am nächsten Tage entschied, so war für seine Erwägungen
weniger die Rücksicht auf die schon stark ermatteten Truppen, als
der Umstand maßgebend, daß die Wadschagga-Krieger zu einer späteren
Verfolgung des Feindes nicht zur Hand waren. Nachdem von der Artillerie
noch einige Granaten aus dem 4,7 +cm+ Schnellfeuergeschütz in die
Befestigung hineingeschleudert waren, wurde der Rückzug nach der vorher
geschilderten Anhöhe angetreten.
Der Rückmarsch ging auf demselben Wege von statten, den die 3.
Zulukompagnie beim Eindringen in die Boma genommen hatte. Große
Schwierigkeiten machte der Transport der Verwundeten und Toten, sowie
das Tragen der beiden Geschütze.
Nach Ankunft auf der freigelegenen Höhe befahl Wißmann die Besetzung
der dort befindlichen Schützengräben. Die drei Kompagnien lagen
nebeneinander, Sudanesen auf dem rechten, 3. Zulukompagnie auf dem
linken Flügel. In der Mitte waren die beiden Geschütze in Stellung
gegangen, weiter hinter der Front hatte der Arzt seinen Verbandplatz
angelegt.
Schon die Arrieregarde wurde bei ihrem Abzug vom Feinde bedrängt.
Um 1 Uhr nachmittags ging er seinerseits zum Angriff gegen die von
den Deutschen genommene Stellung vor. Ein weiteres Vordringen wurde
ihm jedoch alsbald durch die massenhaften Verluste verwehrt, die die
Kiboscholeute durch das in Thätigkeit gesetzte Maxim-Gun erlitten.
Ferner traf Wißmann die Anordnung, daß sämtliche Europäer ein
wohlgezieltes Schützenfeuer unterhalten sollten, während dessen die
schwarzen Soldaten mit Gewehr im Arm im Graben ruhten.
Bis etwa 4 Uhr nachmittags dauerte das gegenseitige Schützengefecht,
welches den Kiboscholeuten die empfindlichsten Verluste beigebracht
hat. Die relative Ruhe, die dann eintrat, wurde gegnerischerseits nur
durch einige Wagehälse gestört, die sich an die deutsche Stellung
heranschlichen, ihre Gewehre losknallten und ebenso schnell, wie sie
gekommen waren, wieder verschwanden.
In der Nacht blieben sämtliche Truppen ausgeschwärmt in den Gräben
liegen; einzeln liegende Posten waren noch 50 Schritt vorgeschoben. Um
12 Uhr wurde noch einmal das Maximgeschütz abgeschossen, was ein großes
Wutgeheul bei den Kiboscho-, Freudengesänge bei den am jenseitigen
Bergabhange lagernden Wadschagga-Kriegern hervorrief. An Ruhe und
Schlaf war kaum zu denken.
Am 13. Februar früh 5 Uhr bereits gab Wißmann seine Befehle für den
Sturm auf die Boma. Ein vorgesandter Zug der Sudanesenkompagnie hatte
erkundet, daß sich der ganze Feind wieder gesammelt habe und mit aller
Energie an der Wiederherstellung der Verteidigungsanlagen arbeite.
Die Sturmkolonne bestand aus drei Zügen, deren spezieller Befehl dem
Chef Johannes übertragen wurde. Dieser ging beim Eindringen in die noch
besetzt gefundene Boma ganz systematisch zu Werke. Während zwei Züge
den Feind unter beständigem Salvenfeuer hielten, mußte der dritte Zug
das soeben passierte Hindernis völlig um- und freilegen, so daß ein
geräumiger und breiter Weg geschaffen wurde. Alsdann erst wurde das
nächste Hindernis genommen. Schritt für Schritt gelangte die Kolonne
an die Hauptbefestigung, an welcher noch einmal zäherer Widerstand
geleistet wurde. Mit kühnem Anlauf wurde auch diese genommen, und
drangen die Truppen nunmehr unaufhaltsam in alle Häuser ein, speziell
in diejenigen, welche vom Sultan Sinna bewohnt waren. Mit dem Verluste
dieses Teils der Boma war das Schicksal des Tages entschieden.
Sobald die rote Flagge auf dem Signalmast niedergeholt war und
Rauchwolken aus dem Innern die Einnahme jener Befestigung verkündigten,
zogen die Kiboscho in eiliger Flucht nordwestlich in die Berge. Jetzt
bekamen auch die Wadschagga plötzlich großen Mut; sie stürzten sich in
hellen Haufen in die Boma, ein anderer Teil unternahm die Verfolgung
des fliehenden Gegners. Die Sinnaleute hatten an beiden Tagen mit
Erbitterung und großer Tapferkeit gefochten, viele Leichen bedeckten
den Boden. Vermöge ihrer guten Bewaffnung und der reichlichen Munition
waren sie im Stande, in ihrer vorzüglichen Befestigung bislang alle
Angriffe ihrer Gegner blutig abzuweisen. Sinnas Boma galt allgemein,
wie man jetzt von den Wadschagga hörte, als unüberwindlich. Um so
größer war natürlich auch die Freude über den errungenen Sieg, der
allerdings mit verhältnismäßig schweren Opfern erkämpft war. Außer
den oben angegebenen Verlusten waren noch 1 Toter und 6 Verwundete zu
beklagen; in Summa 3 Tote und 17 Verwundete. Der Verlust beim Feinde
belief sich allein auf 200 Tote.
Außerordentlich reich war die von den Wadschagga gemachte Beute.
Etwa 4000 Ochsen und 5000 Stück Kleinvieh wurden zusammengetrieben,
ferner gelangte eine Anzahl Speere und Schilde, Munition und Gewehre
zur Verteilung. Das Vieh wurde sofort auf verschiedenen Wegen in die
Landschaft Dschagga fortgetrieben, die Truppe blieb noch bis 11 Uhr
vormittags in ihrer Stellung und trat dann ebenfalls den Rückmarsch
auf Moschi an. Die aus der Sudanesenkompagnie bestehende Arriere-Garde
hatte noch ein unbedeutendes Gefecht mit versprengten Kiboscho, sonst
wurde der Rückmarsch, insbesondere der große Viehtransport, in keiner
Weise gestört. Am 14. Februar morgens kam die Truppe wieder in Moschi
an, empfangen von einer Gesandtschaft Mandaras, der seiner und der
Wadschagga Freude über den errungenen Sieg Ausdruck gab.
Die nächsten Tage in Moschi galten den Befestigungsarbeiten in der
Station und der Fürsorge für die Verwundeten. Von diesen erlag nur
ein Mann seinen Wunden, gewiß unter den außerordentlich schwierigen
Umständen und bei den geringen zu Gebote stehenden Mitteln ein Beweis
für die fachgemäße und opferwillige Krankenpflege.
Alsbald wurden an den überwundenen Sinna Boten abgesandt, welche die
Nachricht zurückbrachten, daß Sinna sich nunmehr endgültig unterwerfen
wolle und zu allen Bedingungen bereit sei; zugleich schickte er als
Zeichen seiner Ergebenheit einen 105 Pfund schweren Elfenbeinzahn.
Wißmann zeigte sich geneigt, die Bitte um Frieden zu erfüllen. Sinna
mußte einen Teil seines Gebietes an früher von ihm vertriebene
Häuptlinge abtreten und seinen Gehorsam der deutschen Verwaltung
geloben. Daraufhin wurden ihm die Gefangenen ausgeliefert und das Recht
zur Führung der deutschen Flagge erteilt.
Blitzschnell verbreitete sich die Nachricht von diesem Siege der
Deutschen nach allen Seiten hin, und die umliegenden Stämme sandten
Gesandte, um dem Reichskommissar ihre Ergebenheit zu bezeugen. Auch mit
den Waruscha, die ihren Wohnsitz am Meru-Berge hatten, suchte Wißmann
auf friedlichem Wege eine Einigung zu Stande zu bringen, indem er
ihnen für ihre Räubereien eine Strafzahlung in Elfenbein und Rindvieh
auferlegte.
Am 19. Februar gelangten Nachrichten über Übergriffe der Massai an den
Reichskommissar nach Moschi. Es handelte sich um eine Expedition eines
Baron von Langenn, welcher mit Genehmigung des Reichskommissars nach
dem Kilimandscharo wollte. In Kissiwani angekommen, hatte er gehört,
daß die Massai gedroht hätten, sich für die ihnen von den Deutschen
zugefügte Unbill rächen zu wollen. Infolgedessen zog sich Herr von
Langenn nach Masinde zurück und bat von hier aus den Reichskommissar
um Hülfe. Da dieser indes nicht in der Lage war, dem Ansuchen durch
Abtrennung einer größeren Truppenabteilung von seiner Macht zu
entsprechen, mußte Herr von Langenn auf die baldige Rückkehr des
Reichskommissars vertröstet werden.
Erst am 26. Februar konnte nach Abschluß der Befestigungsarbeiten
und der Verhandlungen mit den umwohnenden Häuptlingen der Rückmarsch
angetreten werden und zwar über Aruscha Tschini, den Pangani entlang
nach Manamates Dorf am Pare-Gebirge. Am 4. März gedachte sich Wißmann
hier mit dem Stationschef von Masinde, der den Befehl erhalten
hatte, sich an diesem Tage mit seinen Truppen hier einzufinden,
zu vereinigen. Den etwa vorüberziehenden Massai-Horden sollte mit
Schonung und Rucksicht gegenüber getreten werden, bis durch offenbare
Feindseligkeiten eine friedliche Lösung ausgeschlossen erschien.
Aruscha Tschini wurde am 28. Februar erreicht. Die guten Früchte der
damals von Major von Wißmann an den Tag gelegten Friedensliebe blieben
nicht aus; die Verproviantierung der Truppe, die auf drei volle Tage
nötig wurde, stieß nicht im geringsten auf Schwierigkeiten. Die
Waruscha kam allen an sie herantretenden Forderungen bereitwilligst
entgegen.
Am 1. März marschierte Wißmann von Aruscha Tschini ab und überschritt
bald darauf den Pangani. Der weitere Weg führte durch nackte, öde
Salzsteppe; bis zu Manamates Wohnsitz war auf weitere Lebensmittel
nicht zu rechnen. Die Marschzeiten wurden infolgedessen vergrößert, 3
Tage lang vor- und nachmittags marschiert. Die Expedition kreuzte hier
eine nach dem Szogoni-Gebirge ziehende Massai-Horde, die man gemäß dem
bereits erwähnten Befehl unbehelligt ziehen ließ.
Am 3. März abends traf die Expedition bei dem Häuptling Manamate ein
und konnte sich hier endlich aufs neue verproviantieren. Für den
folgenden Tag, der zum Ruhetag für die stark angestrengte Truppe
bestimmt wurde, war der Stationschef von Masinde erwartet. Derselbe
traf indessen nicht ein; gerüchtweise verlautete, daß die Massai den
Weg nach Masinde versperrt hätten. Auch der Häuptling Manamate klagte
über die Massai, daß sie die friedlichen Bewohner überfielen, ihnen ihr
Vieh wegnähmen und die größten Grausamkeiten verübten.
Außerdem traf vom Stationschef von Masinde, der einer Erkrankung
wegen den Marsch nicht hatte unternehmen können, die briefliche
Nachricht ein, daß die Massai bis über Gonja vorgedrungen seien und
ihm eine Kriegskeule als Zeichen der Kriegserklärung gesandt hätten.
Infolgedessen beschloß Wißmann, von Masinde aus eine stärkere Abteilung
nach Moschi zurückzusenden. Da ihn selbst dringende Geschäfte zur
Rückkehr an die Küste, wo der neue Gouverneur bald eintreffen sollte,
zwangen, übergab er das Kommando über 200 Mann dem Chef Johannes
und befahl ihm, auf seinem Hin- und Rückmarsch die Massai überall
anzugreifen und auf das nachdrücklichste zu züchtigen.
Chef Johannes traf auf dem Marsche über Gonja, Kissiwani und den
Jipe-See nach Moschi noch einige Stämme der Massai. Er griff sie
überall mit Erfolg an, und dadurch, daß er ihre Kraale zerstörte,
ihre Herden fortnahm und viele der Massai-Krieger tödtete, zwang er
sie endgültig jene Gegend zu verlassen und sich westlich über den
Panganifluß zurückzuziehen, sodaß nunmehr die Sicherheit auf der
wichtigen Karawanenstraße von Pangani nach dem Kilimandscharo wieder
völlig hergestellt war.
Major von Wißmann zog von Masinde in Eilmärschen zur Küste und langte
nach 4-1/2 Tagen am 13. März, also nach zweimonatlicher Abwesenheit, in
Pangani an.
Die Expedition hatte auch den Erfolg, daß die Häuptlinge, welche bis
dahin die deutsche Herrschaft nicht anerkannt, sondern verhöhnt hatten,
die deutsche Macht nunmehr empfanden und sich dem Reichskommissar auf
Gnade und Ungnade unterwarfen.
Bislang war von den meisten Reisenden der von Mombassa aus über
Taveta ins Innere führende Weg als der sicherere gewählt worden, da
die von Pangani ausgehende Straße meist von Massai-Horden gesperrt
wurde. Die letztere Straße erreichte durch Wißmanns Zug annähernd
dieselbe Sicherheit, wie die von Bagamoyo und Sadani ausgehenden
Karawanenstraßen, da nunmehr auch hier die Jumbes die deutsche Flagge
führten, teilweise auch in deutschem Solde und deutscher Abhängigkeit
waren. --
Während Wißmann auf der Kilimandscharo-Expedition sich im Innern
befand, drangen nach Bagamoyo an Chef Leue, der im Auftrage des
Reichskommissars die Geschäfte während der Zeit der Expedition führte,
beunruhigende Nachrichten von der Station Mpapua und Hülferufe von
der französischen Missionsstation Longa und von den Wasagara des
Mukondogua-Thales. Hier hatten die Wahehe wiederum einen Einfall
gemacht, Dörfer zerstört, Eingeborene getötet oder als Sklaven
weggeführt. Chef Leue raffte, was er an Truppen aus den Stationen der
Küste noch irgend herausziehen konnte, zusammen und schickte unter dem
Befehl des Chefs Ramsay eine Expedition nach der bedrohten Gegend aus.
Bei der geringen Macht, die Ramsay zur Verfügung stand, mußte er es
sich angelegen sein lassen, auf friedlichem Wege die Angelegenheit mit
den Wahehe zu ordnen, und er hatte das Glück, daß bei seiner Ankunft
in Kondoa die Wahehe ihm bereits Gesandtschaften entgegenschickten,
ihre Unterwerfung anzeigten und sich bereit erklärten, die gemachten
Gefangenen auszuliefern, außerdem eine ziemlich erhebliche Summe als
Strafe in Rindvieh und Elfenbein zu zahlen. Ramsay gab den Wahehe
auf, eine Gesandtschaft nach Bagamoyo zu schicken, um hier endgültig
dem Reichskommissar ihre Unterwerfung anzuzeigen; er konnte nachdem
für jetzt die Ordnung wieder hergestellt war, den Rückmarsch nach
Bagamoyo antreten. Der Hoffnung, daß die Schwierigkeiten mit einem
ausschließlich von Raub und Krieg lebenden Volke, wie den Wahehe,
durch einen Vertrag ein für alle Mal beseitigt seien, konnte man sich
allerdings nicht hingeben. Das konnte nur durch nachhaltigere Mittel
und bedeutenden Kraftaufwand erreicht werden und mußte der nächsten
Zeit vorbehalten bleiben.
Nach Wißmanns Ankunft an der Küste blieb diesem nur noch eine kurze
Spanne Zeit, um die Übergabe der Geschäfte an den im Anfang April
erwarteten Gouverneur von Soden vorzubereiten. Wir kommen auf die
Übergabe des Gouvernements in einem der nächsten Kapitel zurück, führen
aber hier bereits den folgenden Teil des Schlußberichtes des Majors v.
Wißmann an, der geeignet ist, in gedrängter Form einen Überblick über
das, was in den zwei Jahren seines Kommissoriums von Wißmann erreicht
wurde, zu geben:
»Die ostafrikanische Küste ist zurückerobert und ihr Besitz derartig
gesichert durch Anlage von Befestigungswerken und Kommunikationen, daß
dieselbe mit einem im Verhältnis zur Größe des Landes äußerst geringen
Truppenkontingent gegen alle Eventualitäten behauptet werden kann. Die
großen Karawanenstraßen sind auf weite Strecken gesichert und unser
Machteinfluß bis an die äußersten Grenzen unsers Gebietes ausgedehnt,
dem deutschen Namen bis dorthin Achtung und Respekt verschafft
worden. Im Norden ist das Hinterland von Tanga und Pangani bis zum
Kilimandscharo hinauf als endgültig gesichert anzusehen. Die große
Straße von Bagamoyo und Sadani aus ist bis Mpapua gesichert und eine
weitere Sicherung in Uniamuesi von Emin Pascha und Stokes eingeleitet.
Nur in Ugogo, wo Handelskarawanen noch des Öfteren gefährdet werden,
bleibt eine Lücke auszufüllen. Auch im Süden unserer Besitzung ist,
seitdem Maschemba sich unterworfen hat, das nächste Hinterland
beruhigt. Nur eine schwarze Truppe war der rastlosen kriegerischen
Thätigkeit, wie sie sich hier entfalten mußte, gewachsen. Die im
Verhältnis zu der gewaltigen Ausdehnung unseres Gebietes verschwindende
Truppenstärke bedingte ein ununterbrochenes Hin- und Herziehen ohne
Rücksicht auf die klimatischen Verhältnisse.
Diesem Umstande sind die meisten Verluste an europäischem Personal
zuzuschreiben. Die von vornherein verfolgte Taktik, den Feind bei allen
Gefechten durch einen kräftig eingeleiteten und schnell ausgeführten
Angriff moralisch zu überwältigen, bewahrte die Truppen stets vor
großen Verlusten im Gefechte selbst.
Immerhin sind die Verluste, wie vorher erwähnt hauptsächlich durch die
Strapazen in dem Ungewohnten Klima, verhältnismäßig größer als bei
einem europäischen Kriege. Der Gesamtverlust der Truppe im Gefecht
(Tote und Verwundete) beträgt 21 Europäer und 151 Farbige, was bei
Zugrundelegung einer Kombattantenstärke von 150 Europäern und 1200
Farbigen für erstere einen Verlust von 14, für letztere von 12-1/2
Prozent bedeutet. Die Verluste der Truppe an Toten überhaupt betragen
20 Europäer und 208 Farbige, was für eine Gesamtstärke von 200
Europäern und 1800 Farbigen (einschließlich der Nichtkombattanten) für
erstere 10, für letztere 11-1/2 Prozent ausmacht.
Erst allmählich, nach Wiedergewinnung verschiedener Küstenpunkte, nach
Vergrößerung des Sanitätspersonals, nach Durchführung der Impfung aller
Truppen konnte die ärztliche Pflege der Truppe eine wirksamere werden,
aber erst, nachdem die Unterkunftsräume ausgebaut und die Erdarbeiten,
die eine Entwickelung des Malaria-Bazillus begünstigen, beendet waren,
wurde der allgemeine Gesundheitszustand ein bedeutend besserer.
Gute Unterkunft schützte vor Malaria, Desinfektion und Maßnahmen
zur Erlangung guten Trinkwassers vor Dyssenterie, Impfung vor
Pockenerkrankungen, den drei die Gruppen am meisten gefährdenden
Krankheiten. Jetzt, wo die kriegerischen Strapazen zum größten
Teil überwunden sind, und durch die Fürsorge der Regierung das
Sanitätspersonal für das kommende Jahr um das doppelte verstärkt ist,
wird der Gesundheitszustand sich jedenfalls weiterhin bedeutend
bessern.
Was die Erfolge der friedlichen Arbeit anbetrifft, so mußten die durch
die militärische Thätigkeit auf Seiten der Eingeborenen entstandene
Furcht und Scheu zunächst gehoben werden.
Strenge Gerechtigkeit und Wohlwollen von Seiten der Europäer der
Schutztruppe, die unterdes mit den Sitten und Gewohnheiten der Inder,
Araber und Neger mehr und mehr vertraut geworden waren, und strenge
Überwachung der Unbestechlichkeit der farbigen Beamten erzeugten bald
Vertrauen, wo früher Furcht gewaltet hatte. Das erste Zeichen von einem
Gefühl der Sicherheit unter unserm Schutz war die massenhafte Rückkehr
der während des Krieges Geflohenen und Ausgewanderten.
Während wir beim Beginn der Expedition in Bagamoyo täglich ungefähr ein
Dutzend Leute verpflegten, die zu alt und krank gewesen wären, um mit
den Anderen zu entfliehen, hat jetzt schon Bagamoyo mindestens seine
alte Bevölkerungszahl wieder erreicht.
Es fällt jedem Fremden mit Erstaunen auf, wie jeder Europäer auf
der Straße in unseren Küstenorten freundlich und vertraulich von
überall begrüßt wird. Araber und Belutschen, Banianen, Hindus
und Parsis, Goanesen, Suaheli-Sklaven und Karawanenleute aus dem
Innern, griechische und Levantiner Händler, sogar Chinesen fühlen
sich im lebhaft zurückgekehrten Handel und Verkehr sicher unter der
deutschen Flagge. Der Druck des früher herrschenden Arabers, des seine
Kapitalmacht mißbrauchenden Inders hat aufgehört. Die Erpressungen der
bisherigen Walis, Kadis und Jumbes, die, da sie von ihrer Regierung
unbesoldet blieben, sich selbst bezahlt machen mußten, sind einer
unparteiischen und unbestechlichen Rechtspflege und Polizei gewichen.
Der Sklave findet sein Recht wie der Herr. Durch möglichst seltenen
Wechsel in den Stellen der Stationschefs wurde bei diesen das regste
Interesse an dem Wachstum ihrer Stationen und Distrikte erzielt und
damit manche Einrichtung zum Vorteil des Handels, zu hygienischen und
Verschönerungszwecken.
Die Zerstörungen in manchen Küstenstädten in der ersten Periode des
Aufstandes durch die Granaten der Marine erlaubten nachhaltiges
Durchgreifen beim Wiederaufbau. Es wurden breite, gerade Straßen
angelegt, Brücken und Wasserleitungen erbaut, Sümpfe trocken gelegt,
Markthallen eingerichtet, Straßenbeleuchtung durchgeführt, offene
Plätze freigehalten und durch Gartenanlagen verschönert, sowie durch
entsprechende polizeiliche Aufsicht auf Ordnung, Reinlichkeit und
Sicherheit hingewirkt. Für Unterkunft der Karawanen sind Karawansereien
errichtet, und kürzlich ist der Grundstein für das erste Hospital für
Eingeborene (unsere bisherigen Krankenhäuser und die schwarze Truppe
eingerichtet) und die erste Schule für die Kinder der indischen Händler
gelegt worden. Die bevorstehende Ankunft des letzten der drei Fahrzeuge
der Küstenlinie wird hoffentlich recht bald ein allgemein erwünschtes
regelmäßiges Anlaufen der Küstenplätze ermöglichen und ebenso ist zu
hoffen, daß den Vorarbeiten für die Eisenbahnen die Vollendung bald
folgen möchte.
Die allgemeine Wiederaufnahme des Feldbaues seit dem Wiedereintritt
der friedlichen Verhältnisse, das Wiederaufblühen des Karawanenhandels
nach erfolgter Sicherung der Straßen und jede nur mögliche Maßnahme
zur Förderung des Handels müssen eine allmähliche Abnahme der unserer
neuen Kolonie gebrachten Opfer bringen, müssen, wenn wir nachhaltig
weiter arbeiten an dem Schaffen neuer wertvoller Exportprodukte durch
Plantagenbau, auch mit der Zeit für unsere Opfer Zinsen tragen. Jeder
Europäer, der während des Aufstandes unsere Küste gesehen hat und sie
jetzt nach nur zweijähriger Arbeit wiedersieht, muß die Überzeugung
gewinnen, daß diese Schlüsse nicht optimistisch sind, sondern das
Resultat sachlicher Beobachtung.