Wißmanns Thätigkeit an der Küste nach der Rückkehr von Mpapua,
Buschiris Gefangennahme und die Unterwerfung Bana Heris.
Revisionsreise des Reichskommissars nach allen Stationen. -- Bana
Heri im Hinterland von Sadani. -- Der Verkehr wird durch seine Leute
behindert. -- Gefährdung der französischen Mission Mandera. --
Expedition gegen Bana Heri unter v. Zelewski. -- 600 Wassukuma als
Hilfstruppe. -- Selbständiges Vorgehen der Wassukuma nach Mandera.
-- 200 irreguläre Wadoë und Wakuara aus unserer Seite. -- Kleineres
Expeditionskorps unter Gravenreuth zur See in Sadani; Zelewski auf dem
Landwege. -- Hauptboma Bana Heris bei Mlembule bleibt unentdeckt. --
Besetzung von Mkwadja. -- Anlage einer Station daselbst. -- Vorstoß
des +Dr.+ Schmidt von Pangani nach Magila. -- Einwohnerschaft auf
deutscher Seite. -- Buschiri im Innern isoliert. -- Gerücht, Buschiri
wolle sich mit Bana Heri und Simbodja verbinden. -- +Dr.+ Schmidt
mit kleinem Expeditionskorps in Gewaltmärschen ins Innere, um Buschiri
den Weg zu verlegen. -- Einnahme des Dorfes Masiro. -- Buschiri
entkommt abermals. -- Die Eingeborenen überall freundlich gesinnt.
-- Buschiri vom Jumbe Magaya gefangen. -- Rückmarsch nach der Küste.
-- Buschiris Verhör, Verurteilung und Tod. -- Die aufständischen
Bagamoyo-Jumbes werden verurteilt. -- Günstige Entwicklung der
Verhältnisse auf den Küstenstationen. -- Neue Rüstungen Bana Heris.
-- Rekognoszierungstour des Verfassers gegen Bana Heri im Hinterland
von Sadani. -- Angriff auf die Boma von Mlembule. -- Rückmarsch nach
der Küste. -- Wißmann zieht alle verfügbaren Streitkräfte zusammen zum
Angriff auf Bana Heri. -- Mlembule in heftigem Gefecht erobert. --
Bana Heri zieht sich nach Palamakaa zurück. -- Einrichtung der Station
Sadani unter dem Verfasser. -- Rekognoszierungsexpeditionen unter von
Gravenreuth und dem Verfasser. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt
zu Simbodja. -- Anlage eines Postens am Kilimandscharo. -- Gefechte
um Palamakaa. -- Eroberung der Boma. -- Zersprengung der Macht Bana
Heris. -- Kleinere Expeditionen um Pangani. -- Uebergabe Bana Heris in
Sadani.
Die nächstliegende Aufgabe des Reichskommissars nach seiner Rückkehr
aus dem Innern und nach Erledigung der laufenden Geschäfte war
eine Revisionsreise an der Küste. Ihr Zweck war eine Besichtigung
der Stationen, auf denen Wißmann durch den Augenschein sich von den
inzwischen gemachten Fortschritten überzeugen wollte, um seine weiteren
Pläne nach dem Zustande der Stationen und der etwaigen Notwendigkeit
der Besetzung derselben einzurichten.
Das Ergebnis dieser Besichtigung war ein sehr erfreuliches. Überall
war wie vor der Expedition so auch während derselben wacker an dem
Ausbau der Stationen weiter gearbeitet worden; die Beziehungen der
Stationschefs zur Bevölkerung waren im weiteren Umkreise auf einen
Teil des Hinterlandes ausgedehnt, speziell das Hinterland von Bagamoyo
und Daressalam war nach Besiegung der Mafitis vollkommen beruhigt.
Wißmann konnte telegraphisch nach Berlin berichten, daß die große
Karawanenstraße von Bagamoyo nach den Seen wieder für den Verkehr offen
stände.
Nur im Hinterlande von Sadani ließen die Verhältnisse noch sehr vieles
zu wünschen übrig. Hier hatte sich der bereits früher erwähnte Bana
Heri, der Machthaber von Usegua festgesetzt, jeden Verkehr mit der
Küste unterbrochen und brandschatzte die aus Unkenntnis den Sadani-Weg
benutzenden Karawanen. Boten von Mpapua, die auf dem kürzeren Wege
durch Usegua nach Bagamoyo gingen, Leute der französischen Mission
wurden von ihm gefangen genommen und ihrer Waren beraubt. Später, nach
der Einnahme der Hauptstellung Bana Heris fanden wir in seiner Hütte
verschiedene von ihm abgefangene Briefe von uns und von der Station
Mpapua vor. Selbst der Dhau-Verkehr vor Sadani und im Wami wurde durch
Bana Heris Leute unsicher gemacht.
Major Wißmann beschloß daher ein abermaliges Vorgehen gegen Bana Heri
und setzte den Beginn der Unternehmungen gegen ihn ursprünglich auf
den 10. November fest; doch veranlaßte die Bitte der französischen
Mission Wißmann, die Unternehmung schon früher zu beginnen, da die
Missionsstation Mandera in Usegua von den Scharen Bana Heris aufs
ernsteste gefährdet wurde.
Der Führer des Expeditions-Korps, Chef v. Zelewski, erhielt Befehl,
mit dem aus vier Kompagnien formierten Korps direkt auf Mandera
vorzugehen, sämtliche feindliche und befestigte Dörfer anzugreifen und
zu zerstören, um dadurch Bana Heri seiner Stützpunkte im Hinterlande zu
berauben, die Mission zu sichern und den Verkehr wieder zu ermöglichen.
Dem Expeditionskorps wurde die früher bereits erwähnte Karawane der
Wassukuma unter ihrem Führer Tscherekesa beigegeben, da dieser mit den
erwachsenen Wassukuma sich bereitwilligst in gleicher Weise, wie es
früher während des Aufstandes die Waniamuesi gethan, zur Verfügung der
Deutschen stellte.
Während der Zeit der Anwesenheit der Karawane in Bagamoyo hatte
Tscherekesa Gelegenheit gehabt zu sehen, daß gute von ihm geleistete
Dienste von uns anerkannt wurden, daß es die erste Aufgabe des
Reichskommissariats in jener Zeit war, Handel und Wandel nicht
nur an der Küste, sondern besonders im Hinterland an den großen
Karawanenstraßen wieder zu heben, daß er somit seinen Vorteil auf
unserer Seite zu suchen habe. Außerdem hatten die Wassukuma zu Bagamoyo
vielfach Gelegenheit zu Verdienst. Besonders aber hatte die Art und
Weise mitgewirkt, mit der es der stellvertretende Stationschef zu
Bagamoyo, Hauptmann Richelmann verstanden, mit der Karawane und den
Leuten umzugehen.
Das zwischen uns und den Wassukuma hergestellte gute Verhältnis war um
so bemerkenswerter, als bei Ausbruch des Aufstandes gerade Tscherekesa,
der Führer jener Karawane, sich bereit erklärt hatte, seine Macht
auf die Seite der Rebellen zu stellen. -- Daß bei dem Entschluß
Tscherekesas, unter Zelewski nach Usegua mitzuziehen, auch zum großen
Teil Rücksichten auf Gewinn, auf gute Beute und Plünderung mitsprachen,
ist ja natürlich.
Die Wassukuma, welche er stellte, 600 an der Zahl, wurden mit
Vorderlader-Gewehren und genügender Munition versehen und in einzelne
Trupps eingeteilt, von denen jeder, um ihn als unseren Freund kenntlich
zu machen, eine schwarz-weiß-rote Flagge mit sich führte.
Die Wassukuma hatten auf dem Wege nach Mandera zwischen dem
Expeditionskorps und der Küste zu marschieren und hatten ebenfalls den
Auftrag, überall wo sie Widerstand fänden, einzuschreiten und die
Dörfer gründlich zu zerstören.
Auf der andern Seite des Expeditionskorps, also westlich desselben
marschierte ein ebenfalls aus freiwilligen Irregulären bestehender
Trupp von 200 Wadoë und Wakuara.
Wir haben bereits früher erwähnt, daß auch diese zuerst auf Seiten der
Rebellen standen, aber nach den ersten Siegen Wißmanns den Frieden
von uns erbaten und nun offen auf unserer Seite gegen ihre einstigen
Verbündeten kämpften. Auch sie erhielten von uns Gewehre und Munition
und hatten die Aufgabe, die Expedition Zelewski in ihrer linken Flanke
zu sichern.
Sämtliche Hilfstruppen waren, wie erwähnt, dahin instruiert, daß sie
angreifen sollten, wo ihnen mit Feindseligkeiten entgegengetreten
würde; gegen Befestigungen sollten sie selbständig vorgehen, und nur,
wenn sie sich außer Stande sähen, mit Erfolg eine zu starke Boma
anzugreifen, sollten sie Meldung an den Chef von Zelewski erstatten,
damit dieser dann mit dem Expeditionskorps selbst eingreifen könnte.
Außer diesem unter der Führung von Zelewski stehenden Expeditionskorps
von vier Kompagnien, hatte der Reichskommissar noch ein kleineres
Expeditionskorps aus der bis dahin am stärksten besetzten Station
Pangani herausgezogen und unter den Befehl des Chefs von Gravenreuth
gestellt. Dieses kleine Expeditionskorps wurde am 8. November auf dem
Dampfer »München« eingeschifft und nach Sadani gebracht, wo auch die
Kriegsschiffe auf Bitten des Reichskommissars zusammengezogen waren, um
eventuell für das Eingreifen an der Küste mit zur Verfügung stehen zu
können.
Die Landung zu Sadani fand noch am Tage der Ankunft, den 8. November
statt, und zwar nach Verabredung mit dem ältesten Offizier der Marine,
Kapitän Voß, gemeinsam mit einem Landungscorps der kaiserlichen Marine.
Der der Landung entgegengesetzte Widerstand von Seiten der Rebellen
war nur sehr gering. Die landenden Truppen erhielten Feuer von einer
fünf Mann starken Patrouille, die sich indessen sofort auf Ndumi
zurückzog. Auch das Terrain um Sadani selbst war frei von Rebellen,
die, von Westen durch das starke Expeditionskorps und die Irregulären
bedrängt, in nördlicher Richtung davonzogen. Es wurde infolgedessen
von dem gelandeten Expeditionskorps der Schutztruppe ein Platz für das
Lager ausgewählt und dies in der bei uns auf Märschen üblichen Weise
hergestellt. Während der Nacht wurde von einem flüchtig vorbeiziehenden
Rebellentrupp noch eine Salve ins Lager hineingeschossen, jedoch ohne
Erfolg.
Tags darauf, den 9. November traf das Expeditionskorps unter Zelewski
in Sadani ein. Schon vom frühen Morgen an wurde, da sein Eintreffen an
diesem Tage erwartet wurde, eifrig nach ihm vom Lager bei Sadani aus
ausgeguckt.
Um 10 Uhr Vormittags erblickte man in dem in weiter Ferne aufsteigenden
Rauch eines angezündeten Dorfes das erste Zeichen des Herannahens der
Expedition. Bald darauf bezeichneten weiter aufsteigende Rauchwolken
den Weg der verschiedenen Teile der Expedition Zelewski, bis um 2 Uhr
auch Ndumi, das letzte Dorf in der Nähe von Sadani, zwei Stunden von
diesem entfernt, in Flammen aufging. Es war dies derjenige Ort, in dem
Wißmann im Jahre 1883 nach seiner ersten Durchquerung Afrikas von Bana
Heri aufs freundlichste empfangen und bewirtet wurde, derselbe Ort,
wo auch der Verfasser nach schwerer Verwundung auf seiner im Eingang
dieses Buches geschilderten Expedition von den Eingeborenen freundlich
aufgenommen und speziell von Bana Heri und seinem Sohne Abdallah
gastlich bewirtet wurde. Der planmäßige Widerstand Bana Heris und der
Fanatismus seiner Leute hatte indes diese rauhe, in solchen Fällen in
Afrika aber notwendige Art der Kriegsführung, die in der planmäßigen
Verwüstung des Landes und dem Niederbrennen der Dörfer besteht,
heraufbeschworen.
Nach seinem Eintreffen berichtete Chef von Zelewski, daß er auf seinem
Marsche bis nach Mandera, der Südgrenze Useguas, alles friedlich
gefunden habe. Von da ab habe er fünf zum Teil stark befestigte Dörfer
unter Verlust von zwei Toten und fünf schwer Verwundeten eingenommen.
Der Feind habe große Verluste gehabt und flüchte nach Norden.
Die Hilfstruppen hatten ebenfalls Gelegenheit gefunden, an einzelnen
Plätzen einzugreifen. Sie waren auch, wie sich allerdings erst später
herausstellte, auf die im folgenden zu erwähnende Boma Bana Heris in
Mlembule gestoßen, dort aber zurückgeschlagen worden. Da ihnen diese
Stellung der Rebellen zu stark erschien, als daß sie annahmen, dieselbe
würde von uns genommen werden, und da sie sofort das Hasenpanier
ergriffen hatten, glaubten sie am schlauesten zu handeln, wenn sie
überhaupt über diese Befestigung nichts verlauten ließen. So blieb uns,
da auch Zelewski selbst nichts von jener Stellung Bana Heris erfuhr,
dieser überaus feste Stützpunkt und die darin befindliche bedeutende
Macht vor der Hand gänzlich verborgen. Der letztere Umstand wirkte zur
Ausführung einer Maßregel mit, welche sich später als Mißgriff erwies.
Die Nachricht, daß Sadani von Bana Heri und seinen Leuten wieder
besetzt sei, hatte sich als falsch erwiesen; ein kaum nennenswerter
Widerstand war hier gefunden worden. Das Lager von Mlembule blieb in
Folge der Dummheit der Irregulären unbekannt. Ein großer Teil des
Handels mußte naturgemäß jetzt statt nach Sadani nach Mkwadja gehen und
so beschloß der Reichskommissar, statt Sadani den letzteren Platz zu
besetzen. Chef Freiherr von Gravenreuth sollte mit der Kompagnie, die
am 8. in Sadani gelandet war, und den Wassukuma die Küste entlang nach
Mkwadja marschieren, und Zelewski mit seinem Expeditionskorps, das von
48 Stunden 32 marschiert und gefochten hatte, am nächsten Tage dorthin
folgen, während der Kommandant selbst beabsichtigte, nach Erledigung
der in Sansibar und Bagamoyo seiner harrenden Arbeiten am 13. November
nach Mkwadja zu kommen. Für die Besetzung dieses Ortes sprach noch der
Umstand, daß von Mkwadja ein starker Schmuggel nach Sansibar und Pemba
hin betrieben wurde.
Der Marsch Gravenreuths ging, da die Dörfer an der Küste alle verlassen
waren, von Sadani aus in friedlichster Weise von statten. Schwierig
indes war das Passieren der vielen sich zwischen Sadani und Mkwadja
von der Küste ins Land hineinziehenden Creeks. Die beiden ersten
derselben konnten durchwatet werden, während ein dritter Creek, der
sich unmittelbar südlich von Mkwadja befindet, größere Hindernisse
bot. Eine vorausgesandte Patrouille unter dem Chef Frhrn. von Bülow
und Premierlieutenant Böhlau versuchte den Creek zu durchschwimmen,
aber sowohl die beiden genannten Offiziere, wie auch einige Askaris
wurden durch den starken Strom ins Meer hinausgetrieben und nur der
großen Schwimmfertigkeit der betreffenden gelang es, das Land wieder zu
erreichen; ein Askari ertrank. Erst beim Eintritt von Niedrig-Wasser
konnte der tiefe und breite Creek passiert werden.
Unmittelbar darauf wurde von der Kompagnie unter Gravenreuth der Ort
Mkwadja, in dem sich einige Araber festgesetzt hatten, welche die
Spitze der Expedition mit einem anhaltenden Feuer empfingen, genommen
und die Aufständischen daraus vertrieben. Die Befestigungsarbeiten
in der Station wurden sogleich in Angriff genommen und durch die
thatkräftige Unterstützung der Marine unter dem liebenswürdigen,
stets entgegenkommenden Kapitän Voß sehr gefördert. 60 Mann von der
Schutztruppe unter dem Kommando des Chefs von Bülow, der sechs Wochen
später durch Lieutenant von Perbandt ersetzt wurde, blieben als
Besatzung zurück.
Schon vor dieser Zeit hatte von Pangani aus, wo um die englische
Missionsstation Magila herum eine große Ansammlung von Rebellen
stattgefunden hatte, der dortige Stations-Chef +Dr+. Schmidt einen
siegreichen Vorstoß unternommen. Nachdem er sich durch Kundschafter
über die örtlichen Verhältnisse genau informiert, hatte er mit 100
Mann das Rebellenlager, welches nach den Angaben der Eingeborenen 1000
Mann in sich bergen sollte, durch einen überraschenden Bajonettangriff
genommen und die Gegner mit einem Verlust von 30 Toten geworfen,
während diesseits nur Verwundungen zu verzeichnen waren. Dieser Erfolg
wirkte bestimmend auf die Bewohner des Hinterlandes von Pangani ein,
die von nun an ihren Vorteil darin sahen, zur Station zu halten. Auch
Simbodja, der durch die Gefangennahme des +Dr+. Meyer und Baumann
bekannte, mächtige Häuptling im Hinterlande von Pangani, hatte seine
Absicht kund gegeben, sich dem Reichskommissar zu unterwerfen.
Buschiri war durch den Erfolg Gravenreuths bei Jombo vollkommen
isoliert worden. Die Mafiti, welche bis dahin fest an einen Sieg
Buschiris geglaubt und nun seinetwegen so starke Verluste erlitten
hatten, außerdem ihren beim Einfall in Usaramo gemachten Raub nicht
einmal hatten in Sicherheit bringen können, waren seine Feinde geworden
und er mußte versuchen, sich ihrer Rache zu entziehen.
Buschiri wandte sich zunächst nordwärts und hielt sich in Nguru
versteckt. Während dieser Zeit gelang es uns nicht, irgend welche
sicheren Nachrichten über seinen Aufenthalt zu erhalten. Es wurde
bereits die Befürchtung laut, es könne ihm gelungen sein, unter
Umgehung von Mpapua nach Tabora durchzukommen, um hier den Widerstand
der Araber gegen uns zu organisieren. Da plötzlich traf in Pangani die
Nachricht ein, Buschiri wolle sich mit Bana Heri und dem Häuptling
Simbodja verbinden und mit diesen die Station Pangani angreifen. Diese
Nachricht wurde durch den uns freundlich gesinnten Häuptling Mohammed
Soa dahin berichtigt, daß Buschiri sich in Muenda an der Grenze von
Nguru mit den noch bei ihm gebliebenen Arabern und 50 Eingeborenen in
einem Lager verschanzt, und daß er zu Simbodja Boten gesandt habe,
um diesen zu einem gemeinsamen Vorstoß gegen die Küste zu überreden.
Der Stationschef von Pangani, dessen Thätigkeit die überaus schnelle
und günstige Entwickelung der Verhältnisse um Pangani insbesondere
zuzuschreiben ist, erkannte, daß, wenn Buschiri im Hinterlande einen
Stützpunkt für seine Pläne fände, die größte Gefahr vorhanden sei, daß
alles bisher Erreichte mit einem Schlage wieder vernichtet würde.
Um dieser Gefahr vorzubeugen, setzte +Dr+. Schmidt ein
Expeditionskorps aus der Stationsbesatzung zusammen und brach mit
diesem am 2. Dezember in Eilmärschen von Pangani auf, um Buschiri
den Weg nach Masinde zum Häuptling Simbodja zu verlegen. Nach zwei
Gewaltmärschen kam die Expedition im Dorfe des Häuptlings Masiro an,
welcher Buschiri mit Lebensmitteln unterstützt und ihm einen Esel
geschenkt hatte. Das Dorf wurde zerstört und der Weitermarsch nach
Muenda fortgesetzt. Kurz vor diesem Platz machte Schmidt Halt, erteilte
dem Lieutenant Ramsay den Befehl mit einem Teil des Expeditionskorps
das Lager nach Westen hin zu umgehen und von der Westseite aus dann
gegen dasselbe vorzudringen, während er sich selbst mit dem Gros des
Expeditionskorps an der Ostseite hielt.
Der Angriff wurde für Mitternacht festgesetzt. Niemand sollte außer
im äußersten Notfall einen Schuß abgeben, jeder Lärm, jedes Geräusch
sollte vermieden werden, um die Überrumpelung möglichst vollständig
zu machen. +Dr.+ Schmidt drang mit den Askaris von der Ostseite
ein. Diese hatten den Befehl, sofort auf die durch Ortskundige gezeigte
Hütte Buschiris vorzudringen und diesen hierin festzunehmen. Aber
ein planloses Schießen der Askaris warnte den Rebellenführer und gab
ihm abermals Gelegenheit, noch im letzten Momente zu entkommen. Ohne
die von +Dr.+ Schmidt aufs strengste verbotene Schießerei wäre
der Coup vollkommen gelungen und Buschiri schon damals in unsere
Hände gefallen. Von den eindringenden Truppen wurden die Leute im
Lager, soweit sie nicht im letzten Augenblick noch entflohen waren,
niedergemacht, und es zeigte sich am nächsten Morgen, daß der Feind 28
Tote, darunter viele Araber auf dem Platze gelassen hatte. Von unserer
Seite wurde ein Zulu und zwei Suaheli leicht verwundet.
Tags darauf zog +Dr.+ Schmidt nach Manamgato, einem Orte in
der Nähe von Muenda, wohin Buschiri geflüchtet und wo er von den
Eingeborenen erschlagen sein sollte. Bei der Rekognoszierung der
Leiche stellte es sich indes heraus, daß es nicht Buschiri, sondern
einer der andern, in seiner Begleitung befindlich gewesenen Araber
war. +Dr.+ Schmidt ging sodann mit zwei Kompagnieen nach Makororo
zurück, um von hier aus weitere Nachforschungen anzustellen. Bereits
vorher hatte Schmidt in der ganzen Umgegend bekannt gemacht, daß es
verboten sei, Buschiri aufzunehmen, daß derjenige, welcher dies dennoch
thäte, von ihm als Rebell behandelt würde, wer ihn dagegen festnehme,
solle reichlich belohnt werden.
Am 7. Dezember traf denn auch die Nachricht von Jumbe Magaya ein,
daß Buschiri zu Quamkoro an der Grenze von Nguru gefangen genommen
sei. In zweitägigem Parforcemarsch ging es nun nach Quamkoro. Der
Jumbe kam der Expedition schon entgegen und führte dann +Dr.+
Schmidt und die Offiziere der Expedition sofort nach der Hütte, in der
Buschiri gefangen lag. Bei der Flucht aus der Boma von Muenda hatte
Buschiri alles verloren und blos sich selbst, nur mit einem Lendentuch
bekleidet, gerettet. In diesem Zustande fand man ihn in der dunklen
Hütte vor, Hände und Füße mit schweren Eisenketten gefesselt, den Hals
in eine Sklavengabel eingezwängt. Die herbeikommenden Askaris, welche
mehrfach gegen Buschiri gefochten hatten, erkannten ihn sofort, und
+Dr.+ Schmidt unterhielt sich mit Buschiri, der bereitwillig über
alles Auskunft erteilte und seiner Verwunderung über das plötzliche
Erscheinen der Deutschen hier an der Grenze von Nguru Ausdruck gab.
Der Marsch nach der Küste wurde am nächsten Morgen angetreten und
hierbei selbstverständlich Buschiri sowohl auf dem Marsche wie im Lager
auf das sorgfältigste stets von Europäern bewacht. Für den Marsch wurde
ihm ein Esel als Reittier gegeben, zu beiden Seiten gingen Soldaten;
in der Nacht schlief Buschiri im Zelte des Führers der Expedition, in
welchem sich gleichzeitig die Lagerwache mit einem Europäer befand.
In Pangani wurde +Dr.+ Schmidt mit dem Expeditionskorps
natürlich auf das freudigste begrüßt und allseitig zu seinem nicht zu
unterschätzenden Erfolge beglückwünscht.
Dieser Erfolg war dadurch nicht geringer geworden, daß die Eingeborenen
schließlich Buschiri selbst ausgeliefert hatten; Schmidt hatte es eben
verstanden, die Bevölkerung so für sich zu gewinnen, daß sie endlich
gegen den früher so mächtigen Rebellenführer Partei nahm.
Da Schmidt schon während des Marsches durch Eilboten Nachricht nach
der Küste und von da an den Reichskommissar gesandt hatte, kam Wißmann
tags nach der Ankunft des Expeditionskorps in Pangani an und begab sich
sofort in das Gefängnis zu Buschiri. Der Rebellenführer antwortete
auf die Fragen des Reichskommissars völlig unbefangen und gab alle
Auskunft über die gegen uns gelieferten Gefechte sowohl wie über die
Organisation des Aufstandes gegen die ostafrikanische Gesellschaft und
die Absichten, welche er selbst (Buschiri) hierbei verfolgt hatte. Eine
längstgehegte Vermutung unsererseits erhielt durch Buschiris Angaben
Betätigung, nämlich, daß er vom Sultan von Sansibar zum Vorgehen gegen
die Deutschen ermutigt, ja daß ihm von demselben sogar angeboten
worden sei, er solle nach gutem Erfolge zum Vezir der Küste gemacht
werden. Belege für die Wahrheit dieser Aussage konnte Buschiri indes
nicht beibringen. In Verlegenheit geriet er, als ihm seine großen
Schandthaten vorgehalten wurden, besonders sein Verhalten gegen den in
den ersten Kapiteln erwähnten Handwerker Dunia, dem er seiner Zeit die
beiden Hände abhacken ließ. Trotz allem glaubte Buschiri fest, daß er
vom Reichskommissar begnadigt werden würde; er hatte sogar gebeten,
ihn als Offizier in die Schutztruppe einzustellen, und versprochen,
er würde dann ebenso wacker für uns kämpfen, als er früher gegen uns
gefochten hätte.
Nach dem langen Verhör im Gefängnis durch den Reichskommissar bat
Buschiri bei Eintritt der Abenddämmerung, als es Zeit wurde zum
mohammedanischen Sechsuhrgebete, ihn allein zu lassen, damit er den
Vorschriften seiner Religion gerecht werden könnte.
Am folgenden Tage wurde ihm sein Todesurteil bekannt gemacht, das
er, obgleich es ihm unerwartet kam, doch gefaßt entgegennahm. Die
Hinrichtung war auf den 15. Dezember, nachmittags 4 Uhr angesetzt.
Dicht bei der Station in Pangani war auf einem freien Platz ein Galgen
hergerichtet worden; um ihn herum nahmen die Truppen Aufstellung. Nach
der Ankunft des Kommandanten mit seinem Stabe wurde Buschiri aus dem
Gefängnis vorgeführt. Die feste Haltung, welche er bis dahin bewahrt
hatte, verließ ihn hier vollständig. Als das Todesurteil durch den
Adjutanten +Dr.+ Bumiller verlesen war, und eben der Kopf des
Verurteilten durch die Schlinge gesteckt werden sollte, verlangte
Buschiri nochmals den Reichskommissar zu sprechen: er habe noch
sehr wichtige Enthüllungen zu machen. Diese Enthüllungen bestanden
nur darin, daß er alle seine Schuld auf seinen treuesten Anhänger,
den bereits öfter erwähnten Komorenser Jehasi, abwälzen wollte.
Insbesondere behauptete er, Jehasi sei es gewesen, der mit Makanda
zusammen die Mafiti geholt und zum Vorgehen gegen die Küste bewogen
habe. Buschiri glaubte hierdurch sein Leben zu retten, erreichte jedoch
nur, daß er, nachdem er namentlich bei Beginn des Aufstandes und in
vielen Kämpfen Zeichen seiner Bravour und seines Organisationstalentes
gegeben hatte, nun angesichts des Todes als Feigling der Verachtung
anheimfiel.
Viel gefaßter zeigten sich die meisten anderen zum Tode durch den
Strang verurteilten gläubigen Mohammedaner. Verfasser selbst hat die
meisten, nachdem sie den Kopf freiwillig in die Schlinge gesteckt
hatten, noch die Worte sagen hören: »Ich sterbe als guter
Mohammedaner!«
Daß gegen Buschiri keine Gnade geübt wurde, war natürlich. Der ganze
Aufstand hatte sich an seinen Namen geknüpft; solange er lebte,
lag immer die Gefahr nahe, daß sich auf ihn die Hoffnungen der
Unzufriedenen richten und in ihm eine Unterstützung finden würden.
Seine Begnadigung wäre zudem ohne den geringsten Wert für uns gewesen;
denn eine Macht hatte Buschiri nur nach seinem ersten ephemeren Erfolge
im Aufstand gehabt; als der Erfolg sich von ihm abwandte, war er ebenso
einflußlos wie früher. Die großen Araber ließen ihn fallen und nur
besitzloses Gesindel scharte sich um ihn. Seine Angaben, daß er gute
Verbindungen zu den Aufständischen von Kilwa und zu Bana Heri hätte,
und daß er daher dem Reichskommissar von großem Nutzen sein könne,
waren erlogen. So lag kein Grund für den Reichskommissar vor, dem
Rebellenführer die wohlverdiente Strafe zu erlassen.
Im Lager Buschiris waren noch die Bagamoyo-Jumbes Bomboma, Malela und
Pori mit 30 Männern und 200 Weibern und Kindern gefangen genommen
und auf ihren Wunsch vom Reichskommissar von Pangani nach Bagamoyo
geschickt worden. Von den Gefangenen wurden nach stattgehabter
Untersuchung drei, nämlich Bomboma, Malela, weil sie sich bis zuletzt
erbittert und verstockt gegen uns gezeigt hatten, und endlich derjenige
Mann unter den Anhängern Buschiris, der, wie jetzt festgestellt wurde,
im April dem Handwerker Dunia die Hände im Lager Buschiris abgeschlagen
hatte, zum Tode durch den Strang verurteilt und am Galgen bei der
Station Bagamoyo aufgeknüpft. --
Inzwischen hatte auch Herr von Gravenreuth auf seiner bereits erwähnten
Expedition, unterstützt von Leuten, welche ihm der bereits früher
erwähnte Häuptling Kingo von Morogro gestellt hatte, im Innern auf
Buschiri gefahndet. Gravenreuth nahm den Aussagen der Kundschafter
zufolge an, daß Buschiri weiter im Innern von Usegua und Nguru sich
aufhalte. Einige Dörfer, die zu Buschiri und Bana Heri gehalten hatten,
wurden bestraft. Im übrigen hatte Gravenreuth die französischen
Missionsstationen Tununguo, Morogro und Mhonda besucht und überall, sei
es durch strafendes Einschreiten, sei es durch friedliches Schauri für
die Stärkung unseres Ansehens im Innern gewirkt.
Auch auf allen andern Küstenstationen entwickelten sich die
Verhältnisse in durchaus befriedigender Weise. In Tanga war es dem
Stationschef Krenzler gelungen, durch einen friedlichen Zug bis zur
englischen Missionsstation Magila die Ruhe vollkommen zu sichern, und
er hatte den Küstenplatz Tangata besetzt. In Pangani, wo nebenher
die Stationsarbeiten gut vorgeschritten waren und ihrer Vollendung
entgegengingen, bewiesen die eben erwähnten Ereignisse und die Stimmung
der Eingeborenen, welche sich ja schließlich selbst gegen die Rebellen
wandten, am besten die dort gemachten Fortschritte. Der im Bezirk von
Daressalam noch unsichere Küstenplatz Kisiju wurde von Chef Leue und
Lieutenant Johannes genommen und ein berüchtigter Araber gefangen, der
in Daressalam aufgehängt wurde. An Stelle des in Mpapua verstorbenen
Lieutenant v. Medem wurde im Januar 1890 der Chef v. Bülow als
Stationschef nach Mpapua geschickt.
In der zweiten Hälfte des Dezember 1889 drangen Nachrichten über
weitere Rüstungen Bana Heris im Hinterlande von Sadani und Mkwadja
zu unsern Ohren. Wißmann, der um diese Zeit des Pascha wegen öfters
nach Bagamoyo kam, erteilte mir den Auftrag, ein Expeditionskorps aus
den in Bagamoyo verfügbaren Kräften und einem Teil der in Pangani
befindlichen Expeditionstruppen zusammenzustellen und mit diesem eine
Rekognoszierung im Hinterlande von Sadani und Mkwadja zu unternehmen,
wenn möglich Bana Heri zu schlagen und nach Süden abzudrängen. Es
standen mir zur Verfügung an Offizieren die Herren Chef v. Bülow,
Lieutenant Johannes, Lieutenant Fischer und Deckoffizier Illich;
ferner eine Anzahl deutscher Unteroffiziere und 250 Soldaten. Ein
Teil wurde unter Bülows Führung von Bagamoyo nach Mkwadja gebracht,
der andere von mir in Pangani, wohin ich mich am 24. Dezember begab,
in der Weihnachtsnacht eingeschifft und am Vormittag des 25. Dezember
ebenfalls in Mkwadja gelandet.
Am Nachmittag desselben Tages trat ich mit meiner vollzählig
versammelten und mit Patronen, sonst aber nur mit dem
allernotwendigsten Proviant (Zelte, Feldbetten, Reittiere u. s. w.
wurden nicht mitgenommen) versehenen Expedition den Vormarsch nach
Westen an. Die Zusammensetzung war folgende: Suaheli-Askari unter
Deckoffizier Illich, eine Zulu-Kompagnie unter Chef v. Bülow, dazu
Lieutenant Fischer, die kombinierte Sudanesen- und Zulu-Kompagnie
unter Lieutenant Johannes, das Maxim-Gun unter Feldwebel Schulte.
Während des größten Teils der Nacht wurde marschiert, in der Absicht
überall möglichst unverhofft zu erscheinen. Diese Absicht wurde jedoch
vereitelt, denn die Leute Bana Heris hatten durch Kundschafter schon
von unserer Landung in Mkwadja erfahren und erwarteten uns. Sie warfen
sich uns immer in kleinen Trupps entgegen, belästigten uns in unsern
Lagern und Ruheplätzen bei Tage und bei Nacht, wurden aber überall in
die Flucht gejagt. Immerhin gewannen sie auf diese Weise ganz genaue
Kenntnis von unsern Bewegungen.
Am 26. Dezember nachmittags wurde Lieutenant Fischer von einem so
schweren Sonnenstich betroffen, daß er von uns eigentlich schon
aufgegeben wurde. Nur der aufopfernden Pflege des sehr verdienten
Lazarettgehülfen Grucza gelang es, ihn durchzubringen, so daß er, wenn
auch in bewußtlosem Zustande, mit uns einige Tage später an der Küste
ankam und von dort nach Sansibar überführt werden konnte. Wir machten
inzwischen mehrere Gefangene und zwangen diese, uns Führerdienste zu
leisten, wobei sie wiederholt den vergeblichen Versuch machten, uns
irre zu führen. Das wurde erst anders, als wir ihnen etwas unsanft
bedeuteten, sie möchten im eigenen Interesse nicht mehr vom rechten
Wege zur Boma Bana Heris, die wir als Ziel im Auge hatten, abweichen.
Sie behaupteten indessen alle, eine solche Boma gebe es überhaupt
nicht, Bana Heris Leute seien alle zerstreut.
Als ich, nachdem ich von der ursprünglich westlichen Richtung nach
Süden abgebogen war, am späten Nachmittag des 27. Dezember mit der Tête
der Expedition auf den Höhen nördlich von Mlembule eintraf, erhielten
wir plötzlich heftiges Feuer, und zwar wie wir aus dem Pfeifen
der Kugeln hörten, zum größten Teil aus Hinterladern (fast alles
Snider-Gewehre) von sämtlichen die Höhe umgebenden Waldlisieren. Ich
ließ die bei mir befindliche Abteilung, die Askari unter Illich, das
Feuer gegen die Rebellen sofort eröffnen, und das Maxim-Gun, das gleich
dahinter folgte, durch den Feldwebel Schulte in Thätigkeit setzen. Auch
die Abteilungen unter Bülow und Johannes entwickelten sich, sobald sie
herangekommen waren, und es gelang bald, die westlichen und südlichen
Lisieren zu säubern, wobei die Rebellen sehr erhebliche Verluste
erlitten.
Schon begann ich zu glauben, die Mitteilung unserer gefangenen Führer,
die Leute Bana Heris seien im Gelände überall zerstreut und hätten
ihre Hauptmacht nicht in einer befestigten Stellung versammelt, sei
richtig, da die Rebellen sich uns in dem allerdings sehr coupierten,
aber doch nicht befestigten Terrain mit Feuerwaffen entgegenstellten.
Ich sandte Herrn von Bülow mit 50 Mann zur Verfolgung der in hellen
Haufen fliehenden Feinde nach Süden, und Lieutenant Johannes nach
Westen. Ich selbst setzte mit den übrigen Soldaten der Kompagnie von
Bülow, den Askaris und dem Maxim-Gun das Feuer gegen die im Osten und
Südosten noch standhaltenden Gegner fort. Als ich endlich auch diese
in ungeregelter Flucht in der Richtung auf Sadani zu davoneilen sah,
wollte ich eben die Verfolgung dahin aufnehmen nachdem ich den übrigen
Abteilungen sowie der hinter uns befindlichen, von den Sudanesen
gestellten Bedeckung für den bewußtlosen Lieutenant Fischer und dem
Gepäck unter Führung eines Europäers Sadani als Sammelpunkt angegeben.
Da eilte plötzlich ein ganzer Haufen Zulus von der Bülowschen
Kompagnie aus der gegenüberliegenden Lisiere heraus. Außerdem kam
ein Mann mit einer schriftlichen Meldung von Herrn von Bülow, seine
Abteilung habe sich plötzlich bei der Verfolgung der Fliehenden vor
einer starken Buschboma befunden; er habe sofort durch die noch offene
Thür hineinstürmen wollen, habe aber heftiges Feuer erhalten und dabei
den Sergeanten Ludwig und vier Zulus verloren. Die andern Zulus seien,
durch diesen plötzlichen Verlust und das heftige Feuer entmutigt, feige
geflohen; er allein mit acht Zulus halte noch vor der Boma.
Da Lieutenant Johannes mit seiner Abteilung weiter westlich noch mit
der Säuberung des Geländes beschäftigt war, waren nur disponibel die
Askari, 50 Zulus und das Maxim-Gun; mit diesen eilte ich sofort an die
Stelle, wo die Boma sein sollte, Herrn von Bülow zu Hilfe. Dieser hatte
inzwischen unter dem heftigsten feindlichen Feuer auf seinen Schultern
den gefallenen Sergeanten Ludwig bis etwa 50 Schritt von der Boma
zurückgetragen.
Angesteckt von der Mutlosigkeit und Verzagtheit ihrer Kameraden waren
auch meine eigenen Zulus durchaus nicht vorzubringen, ja nicht einmal
zum Ausschwärmen in gerader Linie zu bewegen. Das Feuer des Maxim-Gun
und unsere Salven schienen ohne jede Wirkung auf die Boma zu sein,
obgleich wir, Bülow, Illich, Schulte mit dem Geschütz und ich nur etwa
25 Schritt von den Pallisaden entfernt standen, deren Thür inzwischen
wieder verbarrikadiert war. Das ununterbrochene Schnellfeuer aus der
Boma heraus auf uns, die wir ganz ungedeckt auf dem schmalen zur Boma
führenden Pfade standen, hatte trotz der lächerlich geringen Entfernung
minimale Wirkung, da die Kugeln alle viel zu hoch gingen. Der Eintritt
der Dämmerung, bis zu der wir vor der Boma feuernd gestanden hatten,
-- d. h. wir Offiziere und Unteroffiziere und die Suaheli Askari,
während die Zulus weiter hinten vorsichtig gedeckt lagen --, sowie
auch unsere Verluste machten unsern schleunigen Abmarsch in freieres
Terrain nötig. Glücklicherweise traf bald die Abteilung Johannes ein;
dieselbe erhielt, da sie am meisten intakt und ohne Verluste war, auch
zur Hälfte aus den aufs Beste bewährten Sudanesen bestand, den Befehl,
den Rückzug zu decken. Die Arrieregarde aus den Sudanesen schlug die
Rebellen, welche das Gelände geschickt benutzend auf uns noch feuerten,
zurück, und war so trotz der unter den Zulus, dem Hauptkontingent
meiner Truppe, eingerissenen Panik ein durchaus geordneter Rückzug
ermöglicht. Weiter östlich in freierem Terrain blieben wir dann
vollkommen unbehelligt und setzten unsern Marsch über Sadani nach
Mkwadja fort, das wir am Nachmittage erreichten. Hier erfüllten
wir die traurige Pflicht, dem braven Sergeanten Ludwig die letzten
militärischen Ehren zu erweisen. Außer ihm waren auf unserer Seite noch
neun Mann gefallen, ebensoviel waren außerdem verwundet. Die Verluste
der Rebellen betrugen nach ihrer eigenen späteren Angabe ungefähr 50
Tote und eine Masse Verwundeter.
War das Gefecht auch ein unglückliches gewesen, so war doch ein
Zweck meiner Expedition erreicht, nämlich die Stellung Bana Heris zu
rekognoszieren, welche bisher noch von keiner unserer Expeditionen
berührt worden war. Bald fand sich eine Fahrgelegenheit nach Sansibar,
mit der ich Lieutenant Johannes absandte, um Major Wißmann Bericht
zu erstatten und den Lieutenant Fischer ins Lazarett überzuführen.
In seinem Bericht an den Reichskanzler über dieses erste Gefecht bei
Mlembule sagt der Reichskommissar unter anderm:
»Wenn dieses Gefecht als für uns ungünstig verlaufen hingestellt
werden muß, so kann man der Truppe, die einen Kranken und einen toten
Weißen und neun verwundete Soldaten aus dem Gefecht trug und sich bei
Dunkelheit geordnet zunächst zur Küste hinab und am nächsten Tage nach
Mkwadja zurückzog, in Berücksichtigung ihres erst kurzen Bestehens
Anerkennung nicht versagen. Sobald ich Meldung über oben berichtetes
Gefecht erhielt, traf ich Maßregeln zum nachhaltigen Angriff auf Bana
Heri.«
Wißmann zog alsbald alle disponibeln Truppen vor Sadani zusammen und
es kam zu uns S. M. S. »Sperber«, um uns mit den intakten Truppen von
Mkwadja an Bord zu nehmen und auf die Rhede nach Sadani zu bringen.
Die Truppen wurden gelandet, ohne daß die Rebellen uns zu hindern oder
auch nur zu stören versucht hätten. Wißmann suchte sogleich einen
Platz für die sich als notwendig erweisende Station aus, und wir
befestigten daselbst zunächst das von den gesamten Truppen bezogene
Lager in provisorischer Weise. Im Ganzen hatten wir 500 Soldaten
zur Verfügung, 40 Europäer und fünf Geschütze (ein Maxim-Gun, zwei
4,7 +cm+ und zwei 6 +cm+ Geschütze). Die Leute wurden in
zwei Bataillone eingeteilt, das eine bestehend aus einer Sudanesen-
und drei Zulu-Kompagnien unter Chef von Zelewski, das andere unter
meinem Kommando, zusammengesetzt aus zwei Sudanesen-Kompagnien und den
vereinigten Suaheli-Askari. Die Tage bis zum 3. Januar 1890 wurden dazu
benutzt, die Truppen ordentlich einzuexerzieren und in die Hand ihrer
zum Teil neuen Führer zu arbeiten. Besondere Mühe wurde natürlich nach
den Erfahrungen bei Mlembule auf die Zulus verwendet.
Eine von mir mit Lieutenant Johannes und 80 Mann unternommene
Rekognoszierung konstatierte, daß die Rebellen uns in der bewußten
Buschboma erwarteten. Der 4. Januar war vom Reichskommissar zum Angriff
bestimmt worden. Die Marschordnung war folgende: 1) 2. Bataillon unter
meinem Kommando, 2) Artillerie unter Chef Krenzler, 3) 1. Bataillon
unter von Zelewski.
Um 4 Uhr morgens brachen wir von Sadani auf, und kurz nach 6 Uhr trafen
wir in Mlembule ein. Mit einem Bajonettangriff nahm ich zunächst eine
unterhalb der Bana Heri'schen Buschboma gelegene ehemalige Befestigung
ein, deren Palissaden die Aufständischen niedergerissen hatten, damit
wir bei unserm Angriff hier nicht einen Stützpunkt und Deckung fänden.
Um diese trefflich gelegene Position, von der aus einzelne Teile
der Boma bequem zu sehen waren, entwickelte Wißmann seine Truppen.
Unmittelbar bei jener Befestigung marschierte ich mit meinem Bataillon
auf, rechts davon die Artillerie und Zelewski. Wir erhielten heftiges
Feuer, wieder meist aus Hinterladergewehren, aus der etwa 400 +m+
entfernten Boma und hatten auch gleich einige Verwundete. Es folgte
ein 3-1/2stündiges Feuergefecht, teils Zugsalven, teils Einzelfeuer
der Europäer; letzteres besonders, wenn es darauf ankam, bei der Boma
auftauchende feindliche Trupps wirksam zu beschießen; endlich Feuer der
Artillerie, die sich zunächst mit Granaten einschoß und dann Shrapnels
aus den 6 +cm+ Geschützen aufsetzte, welche gute Sprengpunkte
erzielten. Nichtsdestoweniger hielten die Aufständischen in der Boma
aus; allerdings wurde nach 2-1/2 Stunden ihr Feuer etwas schwächer. Es
war wie wir später erfuhren, auf den Abzug einer Waniamuesikarawane
zurückzuführen, welche Bana Heri auf dem Sadani-Wege abgefangen und
zu seiner Unterstützung mit Gewalt gezwungen hatte. Ein Teil der
feindlichen Wasegua umging, gedeckt durch das Dickicht, welches
unsern linken Flügel und die Boma deckte, unsere Stellung, so daß wir
plötzlich von hinten Feuer erhielten. Wir brachten dieses aber mit
einigen Salven sofort zum Schweigen. Das Feuer aus der Boma war immer
noch heftig genug. In einzelnen Pausen hörten wir, wie es auch damals
bei meinem ersten Angriff der Fall gewesen war, einen Vorbeter in der
Boma zu Allah rufen, und die Menge von Zeit zu Zeit einfallen mit dem
bekannten +Allah Allah ill Allah+.
Noch nie war uns während des Aufstandes ein solcher Fanatismus
entgegengetreten. Bana Heri hatte es wohl verstanden, ihn zu schüren,
und die Leute so zum Kampfeseifer gegen uns anzuspornen. Nach
3-1/2stündigem Feuer, als uns die Munition bereits knapp zu werden
anfing, wurde die Sudanesen-Kompagnie des Zelewskischen Bataillons
unter Führung des Lieutenants End nach links detachiert, um einen
Weg, der nach der Boma führte, und den besten Angriffspunkt zu
rekognoszieren. Der Süden und Südosten schien am wenigsten befestigt
zu sein, während der Westen, wo wir das erste Mal angriffen, die
stärkste Seite der Boma bildete. Als von der ersten Kompagnie die
Meldung geschickt wurde, daß von der linken Flanke ein Weg nach der
Boma führe, sandte mich der Major dahin, um nach Hinzutritt der
Kompagnie End zu meinem Bataillon mit diesem den Sturm zu unternehmen.
Bis zu meinem Eintreffen an der Boma, das ich möglichst gedeckt
bewerkstelligen sollte, wollte er das gesamte Feuer der Artillerie und
des Zelewskischen Bataillons gegen die Gegner richten, um sie noch
im letzten Augenblick, soviel als möglich, zu erschüttern, und uns so
den Sturm zu erleichtern. In dem Moment, wo ich an die Boma so nahe
herangekommen wäre, daß ich mit dem Bajonett vorzugehen beabsichtigte,
sollte ich durch dreimaliges Schwenken der vorangetragenen Fahne
ihm ein Zeichen geben, daß das Feuer einzustellen sei. Wenn der
Sturm gelungen sei, sollte ich die deutsche Flagge an den Palissaden
aufpflanzen.
Alles geschah wie verabredet. Wir gingen gedeckt im Grunde vor, bis
wir 30 Schritt vor der Boma auftauchten und das Signal mit der Flagge
gaben. Aus der Boma wurden wir mit einem anhaltenden Schnellfeuer
empfangen, das mehrere Verwundungen herbeiführte, und zwar, da die
Gegner diesmal zu tief schossen, nur Beinverwundungen. Ein Sudanese z.
B. hatte vier Schüsse durch seine Beine. Nachdem wir noch eine Salve
in die Boma geschossen hatten, ging es mit Hurrah vorwärts, worauf wir
zunächst ebenfalls ein höhnisches Hurrah aus der Boma zurück erhielten.
Es gelang jedoch, an verschiedenen Stellen Bresche zu reißen und in die
Boma einzudringen, voran die zu meinem Stabe als Ordonnanz-Offiziere
gehörenden Herren (Jahnke und v. Eltz) mit mir und die Europäer der
unter uns rühmlichst bekannten Kompagnie End, gleich darauf Illich mit
den Askari und die anderen Kompagnien.
Es war die härteste Arbeit, die bisher jemals bei der Einnahme einer
feindlichen Stellung von den Truppen geleistet war. Bei unserem
Eindringen flohen aber die letzten Gegner aus der Boma ins Dickicht der
Umgebung. Die Freude über das Gelingen war unter den Soldaten so groß,
daß sie, des Unterschiedes zwischen Offizier und Soldaten vergessend,
alle zu uns, ihren Vorgesetzten, kamen und uns die Hände schüttelten,
um sich gewissermaßen bei uns zu bedanken, während wir doch schließlich
das, was wir geleistet, lediglich der Bravour unserer schwarzen
Truppen, speziell der Sudanesen, zu verdanken hatten. In der Boma
fanden wir eine große Anzahl Sprengstücke und Shrapnelkugeln, welche
bewiesen, wie wirksam das Feuer unserer Artillerie gewesen war, und wie
gut sich Chef Krenzler mit seinen Geschützen eingeschossen hatte.
Der Feind hatte sehr große Verluste gehabt, sodaß es zum ersten
Male ihm nicht gelungen war, alle seine Toten mitfortzunehmen. Die
intakteren Zulukompagnien wurden zur Verfolgung ausgesandt, die
übrigens bei dem ungemein schwierigen Terrain von nur geringem Erfolge
war, während wir an die Plünderung und Zerstörung der Boma gingen. Bei
dem Gefecht hatten wir unsererseits 11 Verwundete, unter ihnen ein
Europäer, der leicht verwundete +Dr.+ Stuhlmann. Der Sergeant
Tanner hatte das Unglück, daß ihm beim Laden eines Geschützes eine
Granate den Arm zerriß. Tags darauf erlag er seinen Verletzungen.
Über die Boma sagt der Bericht des Reichskommissars folgendes:
»Die Boma war die stärkste, die ich je gesehen. Hinter 4 +m+ hohen
starken Palissaden waren mannshohe Erddeckungen aufgeworfen, die auch
unseren Granaten widerstanden hatten. An den Ecken waren reguläre
Bastionen erbaut, vor den Palissaden war ein freies Schußfeld von ca.
20 +m+, an das sich ringsherum die dichte, fast undurchdringliche
Urwalddschungel schloß. Das Lager war bedeckt mit abgeschossenen
Patronenhülsen, die bewiesen, daß der Feind hauptsächlich mit
Hinterladern bewaffnet gewesen war. Der Feind hatte mit großer Bravour
ausgehalten, jeder Baum in der Boma hatte eine große Anzahl von
Schüssen aufzuweisen; die Shrapnels und Granatsplitter lagen überall im
Lager umher. Leichen, die man nicht mehr hatte in den Wald schleppen
können, zeigten Massen von Wunden.«
Und weiter:
»Der Kampf von Mlembule ist der erbittertste, den ich während der Zeit
meines Wirkens hier geführt habe. Es erklärt sich dies aus folgenden
Gründen. Bei der ersten kriegerischen Expedition, die ich durch
Süd-Usegua gehen ließ, war die beschriebene Befestigung Mlembule nicht
gefunden worden. Bana Heri hatte dagegen wahrscheinlich geglaubt, daß
sie uns zu stark gewesen sei, um sie anzugreifen. Der Glaube an die
Uneinnehmbarkeit hatte sich gesteigert durch den bereits gemeldeten
abgeschlagenen Angriff meiner Truppen am 27. Dezember. Vor acht Jahren
hatte Bana Heri die Truppen des Sultans Said Bargasch geschlagen.
Bana Heri ist niemals besiegt worden. Er erkannte die Oberhoheit des
Sultans von Sansibar an, soweit es ihm paßte, und erhielt jährlich
Geschenke vom Sultan. Er hat sich nie Wali, sondern stets Sultan von
Usegua genannt, und hatte, was besonders merkwürdig ist, während
der Zeit des Aufstandes begonnen, eine Art religiöses Band um seine
Anhänger zu schlingen. Aus diesen Gründen hat auch wohl Bana Heri meine
mehrmals wiederholte Aufforderung, mit mir in Friedensverhandlungen zu
treten, zurückgewiesen. Daß er Sadani nicht halten konnte, begründete
er durch das große Übergewicht unserer Kriegsschiffe, wie überhaupt
an der ganzen Küste die Ansicht herrschte, daß wir wohl unter den
Geschützen der Marine oder mit weißen Soldaten ihnen überlegen seien,
aber nicht im Lande, bis ich durch die Reise nach Mpapua und mehrere
Gefechte im Innern ihnen diese Hoffnung nahm. Jetzt ist der Glaube
an die Unbesiegbarkeit Bana Heris gründlich zerstört. Man hielt
überall Mlembule für uneinnehmbar und kannte die große und besonders
wohl bewaffnete Macht Bana Heris. Ein Zeichen dafür, wie ergeben die
Südusegua ihrem Fürsten waren oder wie sehr sie ihn bisher fürchteten,
ist der Umstand, daß es solange Zeit gelang, uns über den Verbleib
und die Maßnahmen Bana Heris zu täuschen. Wir erfuhren stets, er
treibe sich flüchtig im Lande umher, während er mit großem Fleiß und
Geschick seine Befestigungen verstärkte. Außer der Besetzung von Sadani
lasse ich die Schlupfwinkel für Dhaus an der Küste durch stationierte
Fahrzeuge beobachten. Die Munition wird Bana Heri ziemlich ausgegangen
sein.«
In den ersten Tagen nach der Erstürmung der Boma zu Mlembule ließ
Wißmann den größten Teil des Expeditionskorps noch in Sadani
versammelt, um, wie er es überall bei der Anlage von Stationen gethan,
ihn zu den Befestigungsarbeiten heranzuziehen. Das war hier um so
notwendiger, als der seit einiger Zeit gänzlich eingeäscherte Ort und
die Umgegend im Umkreise von mehreren Meilen vollkommen von Menschen
verlassen war, und der Platz nur von den Europäern und Truppen der
Station wie einigen wenigen farbigen Handwerkern, die wir von andern
Plätzen her engagiert hatten, bewohnt wurde. Ich erhielt den Befehl
über die Station Sadani und wurde zugleich Chef des neu begründeten
Distrikts der Stationsbereiche von Sadani und Mkwadja. Derselbe wurde
im Süden durch den Wami begrenzt, wo der Distrikt Bagamoyo begann. Da
Sadani nur als kleine Station geplant war, wurde die Umfassung ziemlich
klein erbaut, und der Raum innerhalb derselben nach Möglichkeit für
die Unterbringung der Europäer und der nötigen Gebäude ausgenutzt. In
zwei Monaten gelang es mir, die Bauten im großen und ganzen fertig zu
stellen.
Während Wißmanns Abwesenheit von Bagamoyo hatte der Kommandant des
»Sperber«, Kapitän Voß, -- der überhaupt in der ganzen Zeit seiner
Anwesenheit den Reichskommissar und uns alle aufs liebenswürdigste
unterstützt und das regste Interesse für unsere Kolonien bewiesen
hat -- selbst mit seinem Landungscorps die Station besetzt gehalten
und es so Wißmann ermöglicht, mit allen seinen Truppen bei Mlembule
einzugreifen. Vor Mkwadja, der Station des Herrn von Perbandt, die
unter Umständen ebenfalls einem Angriff Bana Heris ausgesetzt sein
konnte, lag die »Schwalbe«, unter dem ebenfalls in den ostafrikanischen
Küstenkämpfen vielgenannten und verdienten Korvettenkapitän Hirschberg.
Sperber und Schwalbe wechselten sich bei der vom Reichskommissar
erbetenen Blockierung der Küste in der nächsten Zeit ab, und sind
uns auch sonst vielfach von Nutzen gewesen. So hatten wir zum
Beispiel Gelegenheit kameradschaftlichen Verkehr zu pflegen, und in
Krankheitsfällen ward uns von Bord aus öfters ärztliche Hilfe zu Teil,
da wir in unserm Distrikt Sadani keinen Arzt hatten. --
Um über die weiteren Bewegungen Bana Heris zur Klarheit zu
gelangen, und den Sieg bei Mlembule auszunutzen, wurde Herr von
Gravenreuth mit 120 Mann und einer Verstärkung durch irreguläre
Truppen zur Rekognoszierung von Bagamoyo aus abgeschickt. Von meiner
Stationsbesatzung hatte ich ihm 50 Mann abgegeben, sodaß mir nur noch
80 Mann übrig blieben. Ich erhielt den Auftrag, soweit ich vermochte,
die Verbindung mit Herrn v. Gravenreuth aufrecht zu erhalten, und
ihn von Sadani aus, wenn er es wünschte, zu unterstützen. Durch
Patrouillen hatte ich festgestellt, daß Bana Heri in einem 5 Stunden
von Sadani entfernten Dorfe, namens Palamakaa, seine Leute gesammelt
hatte. Gravenreuth marschierte zunächst nach der Missionsstation
Mandera und teilte mir von hier aus durch Boten seine Absicht mit,
am 29. Januar die Rebellen in Palamakaa anzugreifen. Ich machte mich
daher schleunigst mit 30 Mann und 3 Europäern, dem Lieutenant v.
Arnim, Herrn von Nettelblatt, der als freiwilliger Krankenpfleger auf
meiner Station war, und dem Feldwebel Kay, dorthin auf den Weg, um zu
rekognoszieren. Als Führer dienten wieder unterwegs aufgegriffene
Eingeborene. Ich kam, wie beabsichtigt, am 29. früh dort an, dem Tage,
an dem Gravenreuth, seinem Schreiben gemäß, ursprünglich angreifen
wollte. Da ich jedoch nirgends etwas von ihm gewahrte, blieb mir
nichts übrig, als nach einigem Aufenthalte nach Sadani zurückzukehren.
Hier fand ich die Schwalbe vor, und war so in der Lage, ohne zu
große Sorge um die Sicherheit meiner Station, im ganzen 40 Mann aus
der Besatzung herauszuziehen, mit denen ich mich alsbald wieder auf
den Weg machte, in der Annahme, daß Gravenreuth sich vielleicht
durch unvorhergesehene Hindernisse verspätet habe und doch noch nach
Palamakaa kommen werde. Als ich auf einem andern Wege auf der Höhe
von Palamakaa anlangte, wurden wir aus den Büschen heraus von einem
größeren auf uns einstürmenden Trupp angegriffen, schlugen denselben
jedoch durch gutgezielte Salven zurück. Von Herrn von Gravenreuth war
wieder nichts zu sehen und zu hören. In Sadani empfing ich von ihm
einen Brief aus Mandera, vom 28. vormittags, er habe von Mandera aus
auf dem Wege nach Palamakaa einige kleinere zu Bana Heri haltende
Ortschaften genommen, sei bereits am 28., nicht wie er ursprünglich
wollte, am 29. auf den Höhen von Palamakaa angekommen, und dort heftig
von den Rebellen, die er auf 1200-1400 Mann schätze, angegriffen
worden. Dabei sei Sergeant Bauer schwer verwundet worden. Durch die
Stärke der gegnerischen Stellung, besonders aber durch die numerische
Überlegenheit der Feinde, sowie den Umstand, daß die Zulus abermals
versagten, sei er zum Rückzuge auf Mandera genötigt worden, der ihm,
als sein erstes Zurückweichen, freilich bitter genug angekommen sei. Er
müsse unter diesen Umständen auch ein gemeinsames Vorgehen gegen Bana
Heri für zwecklos erachten, und wolle nach Bagamoyo eilen, um von dort
aus Wißmann zu berichten. Es müsse wieder mit allen verfügbaren Truppen
eingegriffen werden. Lieutenant Langheld war von Herrn von Gravenreuth
zu Mandera in der Missionsstation zum Schutze derselben mit einer
kleinen Besatzung zurückgelassen worden.
Einige Zeit vorher hatte der Reichskommissar das Expeditionskorps unter
dem Kommando des Chefs +Dr.+ Schmidt von Pangani aus zu Simbodja
abmarschieren lassen, der ja, wie früher erwähnt, eine friedliche
Einigung mit uns wünschte. In Begleitung von +Dr.+ Schmidt befand
sich der Kilimandscharo-Reisende Ehlers, welcher mit Geschenken Sr.
Majestät des Kaisers zum Sultan Mandara wollte und Herr von Eltz,
welcher im Auftrage Wißmanns den kleinen Posten am Kilimandscharo
befehligen sollte.
+Dr.+ Schmidt hatte zunächst in Lewa, der bekannten Tabaksplantage,
eine Besatzung von 10 Mann unter Lieutenant von Behr zurückgelassen
zum Schutze der Angestellten der Plantagengesellschaft, welche ihre
Arbeiten wieder aufnehmen wollte. Von hier aus zog Schmidt weiter nach
Masinde, dem Hauptsitze Simbodjas, wo er am 6. Februar eintraf.
Die Verhandlungen führten dazu, daß Simbodja sich vollkommen unterwarf,
1000 Rupies in Geld und circa 2800 Rupies in Elfenbein als Strafe für
die Gefangennahme des +Dr.+ Meyer und +Dr.+ Baumann zahlte,
die in seinen Händen befindlichen Hinterlader zurückgab und sich zum
Gehorsam und zur Heeresfolge gegen uns verpflichtete. Andererseits
wurde ihm die verantwortliche Beaufsichtigung des nördlichen Teils von
Usambara übertragen gegen ein Gehalt von 100 Rupies oder etwa 150 Mark
monatlich. Die deutsche Flagge, welche Simbodja von nun an zu führen
hatte, wurde in Masinde gehißt.
Darauf ging +Dr.+ Schmidt auf der großen Karawanenstraße weiter
bis Gonja. Von hier aus zog dann Herr Otto Ehlers sowie Herr von Eltz
auf dem von nun an sicheren Wege zum Sultan Mandara weiter. Von Gonja
bog +Dr.+ Schmidt nach dem Umba ab und kehrte von dort nach der
Küste zurück. Er wurde hier bereits sehnlichst erwartet, da seine
Truppen in der Aktion gegen Palamakaa mit verwandt werden sollten.
Der Reichskommissar zog alle verfügbaren Truppen wiederum in Sadani
zusammen, so daß daselbst eine Macht von insgesamt 700 Mann mit
5 Geschützen versammelt war. Um, wenn möglich, überraschend zu
erscheinen, wurde in der Nacht vom 8. zum 9. März um 11 Uhr der
Abmarsch angetreten, in folgender Ordnung:
1. Avantgarde: die aus dem Distrikt Sadani herausgezogene
Stationsbesatzung (Rochus Schmidt);