Von Widerwillen geschüttelt, sah sie auf ihn nieder, stand auf und trat
von ihm weg ans Fenster. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, das Zimmer
zu verlassen. Er sank stöhnend in sich zusammen.
Erst als sie eine ganze Weile darüber gedacht hatte, empfand sie, wie ihr
dieser peinliche Zwischenfall nun das Hierbleiben unmöglich machte. Sie
hatte Arne noch zu sehr als Nebenperson gefühlt.
Sie würde nun das Haus verlassen müssen -- und diese entsetzliche
Ungewißheit mit sich nehmen.
»Ja, es bleibt nichts andres, als daß ich gehe,« dachte sie. »Aber
wohin?«
Und sie horchte hinaus auf jeden Schritt, der durch das Haus schallte.
Würde er kommen?
Würde er einmal wieder da sein, wo alles von ihm sprach --: der Garten,
den er mit schweigsamer Fürsorge gepflegt hatte -- das Haus, das die
Geheimnisse seines schwermütigen Lebens barg?
Würde er wiederkommen und durfte sie noch ein Wort des Trostes für ihn
haben? --
Die junge Frau ging mit langsamen, schlürfenden Schritten über den Flur
und kam herein.
Sie trat auf Arne zu, der immer noch in sich zusammengesunken saß.
»Arne, du darfst dich nicht zu sehr dem Kummer hingeben,« sagte sie und
strich ihm über die Stirn.
Er nahm mit einer ritterlichen Bewegung ihre Hand, küßte sie und sagte:
»Du hast recht, Liebste.«
Seine Augen irrten dabei zu Esther. Die errötete tief, als trüge sie eine
Schuld. Sie verließ das Zimmer.
* * * * *
Gegen Abend kam der Postbote vorbei und brachte einen Brief für Esther.
Sie fühlte ihr Herz zusammenzucken und stille stehen, wie sie die
Aufschrift sah. Es war die Schrift Adam Rudes.
Sie riß den Umschlag auf und las:
»Du brauchst nicht mehr zu kommen. Eliza ist tot, und der dies schreibt,
lebt nicht mehr, wenn Du seinen Brief erhältst.
Ich weiß es: Gott nimmt mir mit dem Kind die letzte Pflicht, mit dieser
unseligen Liebe weiterzuleben. Das Meer soll mich aufnehmen.« --
Ganz so -- ohne Anrede und Unterschrift stand es da. Wie ein zorniger Ruf
-- wie eine Anklage?
Esther drehte den Bogen hin und her, als müßte sich noch etwas ganz
anderes -- irgend eine Aufklärung finden.
Erst dann begriff sie ganz: Sie hielt ja die letzten Worte eines Toten in
der Hand. --
Sie betrachtete den Poststempel: Der Brief war erst nach Deutschland
geschickt und dann an seinen Ausgangsort zurückgekehrt.
Esther ließ ihn fallen.
Sie dachte gar nicht daran, es den andern mitzuteilen.
Sie wußte nur noch eins: Sie gehörte zu dem, der ihr diese Worte aus dem
Tode nachsandte.
Sie nahm die Schuld auf sich.
Sie gehörte zu ihm.
* * * * *
Es waren die hellen, kurzen Sommernächte, die sich über das Land legen
und wie mit brennenden Küssen den Duft, den versehrend starken Duft aus
der Erde saugen.
Es waren jene Nächte, die sind wie ein Seufzer der blühenden Erde, die
ihren heißen, sehnsüchtigen Atem an die Brust des Himmels haucht.
Es waren jene Nächte, da Tod und Liebe einander in die Augen
lächeln. -- -- -- --
Als Esther über die Heide ging, war es noch hell um sie her, trotz der
späten Abendstunde.
Niemand wußte, daß sie das Haus verlassen.
In Eriksgaard gingen sie nur ratlos wie die Verdammten umher und kannten
noch nicht den Inhalt des Briefes --
Ja, den Inhalt des Briefes hätte sie ihnen wohl erst noch mitzuteilen
gehabt --
Gleichviel -- jetzt gab es kein Umkehren mehr.
Sie würden den Zettel schon selbst finden -- kein Umkehren gab es
mehr. --
In der Heide wühlte raschelnd der Nachtwind. Er roch nach dem weiten
salzigen Wasser und dem blühenden Kraut --
Wie Perlen waren die rötlichen Blüten ringsum verstreut.
Am Himmel stieg langsam und pomphaft das heiße Farbenspiel der Dämmerung
auf. Dann verblaßte es zögernd in die weiche, helle Tönung der Nacht.
Und Esther ging durch diese duftende, duftende Sommernacht, -- ja, wie
Garben mähte der Wind den Duft --
Sie ging, das Gesicht zum Himmel erhoben.
Sie ging und ging über die dämmerbleichen Hügel -- dort auf den
verschwimmenden Streifen des Wassers zu.
Sie wußte: Der vor ihr war denselben Weg gegangen.
Und sie sah vor sich das Ufer mit dem abgebrochenen Steg, der ziellos
hinausführte -- hinaus in die Unendlichkeit.