Esther kam langsam auf sie zu. »Lydia!«

Das Mädchen griff sich nach dem Herzen. Dann schritt sie zögernd die

Stufen hinunter in den Garten, während Esther unwillkürlich stehen blieb.

»Ach du, mir war es, als müßtest du da sein,« sagte Lydia. »Deshalb

bin ich herausgekommen.«

Sie gaben sich die Hand, denn es waren nie nähere Zärtlichkeiten zwischen

ihnen üblich gewesen. Aber Esther fühlte die ganze alte Treue in dieser

einfachen Begrüßung.

Dann gingen sie miteinander, sich noch immer bei der Hand haltend, ins Haus

hinein.

»Ich bringe sie Euch!« sagte Lydia, und Esther sah die beiden zusammen,

die sie in Gedanken hatte trennen wollen.

Sie waren schöner noch geworden -- beide. Und es schien, als könne man

sich keinen ohne den andern denken. Sie paßten zusammen, wie ein Bildwerk,

das der Künstler aus einem einzigen Marmorblock gemeißelt.

Fast schien es, daß eine körperliche Ähnlichkeit zwischen ihnen

entstanden war.

Maria nahm die Schwester in ihre zarten Arme und küßte sie. Esther

fühlte einen warmen, schmeichelnden Hauch im Gesicht.

Wie war es doch? War sie nicht gekommen, um dieser da das Glück zu rauben?

Das alles lag so fern.

Sie fühlte sich auf eine neue, feinere Art eins mit ihnen allen. Das

tödliche Begehren schwieg.

»Wie schön, daß Sie gekommen sind, Esther,« sagte Lothar.

Esther fühlte etwas Fremdes an ihm -- vielleicht, daß seine Freudigkeit

leichter, harmloser als früher war. Er hatte ja auch im Glück gelebt.

»Ja, wir wollen es jetzt gut miteinander haben -- und nie wieder gehst du

fort, Schwesterlein, ja? Versprich uns das!«

Und Maria hob sich ein wenig auf die Fußspitzen, während ihre Hände

auf Esthers Schultern ruhten. So waren sie gleich groß, daß sich die

Gesichter gegenüberstanden. Maria lächelte zärtlich.

»Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin, wieder hier zu sein,« sagte

Esther.

»Ja -- nicht wahr? Ich habe nie begreifen können, daß du fort

mochtest.«

Nun mußte Esther erzählen. Sie wunderte sich selbst, wenn sie so

leicht über die vielen Kleinigkeiten reden konnte, die teils aus einem

allzubedeutungsvollen Leben stammten, teils aus jener toten Zeit, wo alles

Äußerliche an ihr vorüberging, wie ein gelesenes Wort, das nicht zum

Herzen dringt.

Zuweilen begegnete sie Lydias gutem Lächeln.

»Aber ich will nun zum Vater,« sagte Esther.

Ach richtig, der Vater! Ihn hatte man ja ganz vergessen.

»Mein liebes Kind -- mein liebes Kind,« sagte der alte Franzenius immer

wieder und schüttelte seiner Tochter die Hand.

»Vater --« Esther sprach es ganz leise, gleichsam, wie um sich zu

erinnern.

»Wie geht es dir denn, mein liebes Kind?« Er besann sich sehr, um etwas

zu reden. Eigentlich gab es ja gar nichts zwischen ihnen, was sie sich

mitteilen mußten. Sie hatten eben nur immer nebeneinander hergelebt und

nur das besprochen, was der Alltag mit sich führte. --

Und dann saßen sie alle zusammen um den großen runden Tisch. Und Lydia

hatte die Theemaschine vor sich und sah sehr hausmütterlich aus. Alle

behandelten sie mit sehr viel Respekt und zugleich mit einer Art, als ob

sie ganz schrecklich abhängig von ihr wären.

Lydia hatte Würde bekommen.

Es lag etwas Zufriedenes, Beglücktes über einem jeden von ihnen. Esther

fühlte, hier war sie nicht entbehrt worden.

* * * * *

Am nächsten Tag ging sie mit Maria durch den Garten.

Maria ließ die knospenschweren Zweige durch ihre Finger gleiten. »Bald

werden wir Blüten haben,« sagte sie. »Und auch heiraten können wir

dann.«

Esther traf es so tief und schneidend. Sie hätte sich aufbäumen mögen,

wie ein verwundetes Tier.

Sie blieb vor Maria stehen.

»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen --«

Maria sah ihr ruhig und unschuldig ins Gesicht.

Nun mußte sie der Schwester gestehen, daß sie gekommen war, um ihr

den Geliebten zu nehmen. Ja, das mußte sie jetzt, damit es ehrlich war,

zwischen ihnen.

»Hör' mich, Maria, ich muß dir etwas sagen,« wiederholte sie zögernd.

Und dann zitterte ihr Blick fort von den klaren, fragenden Augen der andern

-- und sie ging wortlos weiter.

»Was war es, das du mir sagen wolltest?« fragte Maria neben ihr

hinschreitend.

»Nichts -- o, nichts von Bedeutung.«

»Arme Esther, du siehst so gequält aus -- du mußt viel gelitten

haben,« sagte die schöne Maria. Und über ihr wiegten sich segnend die

blütenverheißenden Zweige, und die Blümlein freuten sich, wenn sie das

Kleid der Allerschönsten streifte. --

Lothar kam in den Garten. Und wie von je suchten seine Augen Marias

gesegnetes Angesicht. Aber nicht mit dem müden, schweren Ausdruck von

einst kam er zu ihr -- die Frohheit und Sicherheit des Glückes hatte auch

ihn durchdrungen.

Esther dachte: wir sind uns so viel fremder geworden. Ich muß ihm ja nicht

mehr wie damals mit Schmerzen folgen -- er ist glücklich.

Und das Gefühl der Einsamkeit, das vor der ersten Heimatsfreude

zurückgewichen war, durchdrang sie wieder.

Nie wird es sich aus einem Menschen löschen, wenn er einsam gewesen ist in

jener bittern, schweren, sehnsüchtigen Einsamkeit, die zu keusch ist, um

nach »Menschen« zu greifen.

Die lieber ihr Leid trägt, als sich an ihrer Schmerzen Heiligkeit

vergreift.

Und die doch so arm und tiefgebeugt werden kann, daß sie sich sehnt, mit

weggewandtem Gesicht die Hand auszustrecken, bettelnd, ohne den Geber

zu sehen -- um dann doch immer nur die Gabe verschmäht aus den Händen

gleiten zu lassen.

Denn heiliger sind alle Schmerzen der Sehnsucht, als jede Erfüllung aus

fremder Hand. --

Und sie dachte: Ich möchte dich hinabziehen zu meinen Schmerzen, zu meinen

Entbehrungen und Kümmernissen. Nur daß ich dich für mich allein hätte.

Du bist mir fremd geworden in deinem Glück. Ich aber sehne mich nach

Schmerz und Erdenschwere an deiner Seite.

Alle Güte war von ihr gewichen. Sie sah auch nicht die Lieblichkeit der

Schwester mehr.

Sie sah Lothar mit einem dunklen Blick an. »Ich muß dich zu mir sehnen

können,« dachte sie.

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 60 / 93 题