Ich wenigstens möchte einen solchen Versuch mir nicht zutrauen.«

Doktorin Obenauf lachte dröhnend. »_Das_ müssen Sie sich aber

abgewöhnen, wenn Sie Schriftstellerin sein wollen! Man muß alles sehen

können! Leute mit Nerven taugen nichts!« schrie sie, so daß die kleine

Musikschülerin entsetzt zusammenzuckte.

Ehrhard, Baron von Dunkelmann lächelte überlegen.

Als keine Antwort von seiten der Angeredeten erfolgte, knüpfte Doktorin

Obenauf mit einer neuen Frage an:

»Sie können gewiß gar nichts vertragen, nicht wahr?

Da müßten Sie sich mal zur Abhärtung die Bilder in einem meiner

medizinischen Werke betrachten! Donnerwetter, da würden Sie schön Ihre

Nerven bekommen!

Die könnten Sie nicht ansehen -- und da die Fräulein Franzenius auch

nicht, -- das versichere ich Ihnen!«

Die beiden also Zusammengestellten betrachteten sich unwillkürlich

lächelnd. Dann wandte sich Fräulein von Preller zu der Doktorin.

»Sie könnten vielleicht in Ihren Voraussetzungen recht haben, Fräulein

Doktor,« sagte sie. »Darin nämlich, daß es nicht das Ziel meiner

Wünsche ist, physiologische Abnormitäten mit Wohlgefallen betrachten

zu lernen. Im übrigen kann ich Sie aber über den Zustand meiner Nerven

vollkommen beruhigen.«

Die Obenauf fühlte nun doch eine Zurückweisung durch und lenkte ein:

»Wie wollen Sie denn aber als Schriftstellerin das Leben, wie es nun

einmal ist, richtig beschreiben, wenn Sie sich vor jedem dritten Eindruck

fürchten?«

»Ich glaube, so viele Schriftsteller es giebt, aus so viel verschiedenen

Gründen schreiben sie -- und eben so verschiedenartig sind die Eindrücke,

die sie dazu veranlassen. Ich kenne zum Beispiel ein junges Mädchen, der

es möglich ist, sich jeden Kummer wegzuschreiben. Manchmal fängt sie

weinend an und über dem Arbeiten wird sie ganz froh und ruhig. Ihren

Sachen sieht man es aber keineswegs an, daß sie alle unter Thränen und

Traurigkeit entstanden sind -- sie reden alle von dem, wohin sich nur eines

Menschen Sehnsucht gern verlieren mag.«

»Das ist aber nicht das richtige. So egoistische Leute, die nur für sich

allein was schaffen, sind keine Künstler,« erklärte die Ärztin. »Die

Kunst muß social sein in allererster Linie.«

»Es mag wohl sein, daß sie keine wirkliche Künstlerin ist,« sagte

Fräulein von Preller. »Man kommt ja oft ganz von ungefähr zu seinem

Titel -- So verdanke ich ihn im Augenblick nur Fräulein Schulzes

Liebenswürdigkeit die --«

»Aber gnädiges Fräulein!« rief hier Fräulein Schulze ganz ängstlich,

»entschuldigen Sie doch, aber ich habe Ihnen heute selbst einen Brief

gebracht, der so adressiert war!«

Fräulein von Preller lachte. »Ja dann wird am Ende so eine fremde

Redaktion besser wissen, was ich bin, als ich selbst!

Den Titel aber überlasse ich trotzdem lieber denen, die sich einen Beruf

aus dem machen, was mir etwa nur -- Erleichterung ist.«

Da bekam die Ärztin ein ganz strenges Gesicht. Sie drückte ihren

ausgestreckten Zeigefinger in die Schulter ihrer Nachbarin und fragte

ausdrucksvoll: »Jetzt sagen Sie mir aber mal, mein bestes Fräulein, mit

welchem Recht machen Sie mit ihren leichtsinnigen Anschauungen da

denen Konkurrenz, die von nützlichen und angebrachten Dingen aus

selbstgeschöpfter Erfahrung zu reden wissen, und die auch die

Unannehmlichkeiten ihres Berufs nicht scheuen?«

Da bekam das junge Mädchen einen ganz eigen hoheitsvollen und abweisenden

Ausdruck.

Es giebt Menschen, die ihre Wahrheiten in keiner Stunde der Intimität

verraten, denen es aber nicht darauf ankommt, sie in freier Willkür

gleichsam denen vor die Füße zu werfen, die ihnen mit unverständigen

Angriffen begegnet sind. Es ist das ein unerklärliches Bedürfnis, sich

gerade da auszusprechen, wo man gewiß ist, tauben Ohren zu begegnen.

So sagte sie: »Ich schreibe, weil es so viele Dinge giebt, nach denen ich

mich sehne -- Und ich schreibe, weil ich alles das loswerden will, was in

meinem Leben traurig und verfehlt gewesen ist.

Zu lange und zu schwer an den Dingen tragen entkräftet -- da wird man

ihrer ledig -- in der Kunst --

Und Ideale giebt es, die sind schön und zart über die Maßen -- aber sie

taugen nicht in das Leben -- da trägt man sie hinüber in die Kunst.

Denn es gilt vor allem, das Leben zu hüten, weil nur von einem ganzen

Menschen ganze Kunst kommen kann.

Aber sollte es dennoch eine Wahl geben zwischen Leben und Kunst, so würde

ich immer sagen, ›das Leben ist das bessere -- das Leben!‹«

»Welche Lästerung der Kunst!« schrie die Ärztin entsetzt, wandte sich

ab und vertiefte sich fortan nur mehr in die Genüsse, die der Wald aus

Petersilienkraut verbarg.

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 49 / 93 题