Und da war alles vergessen, was schwer auf ihr gelegen.
»Die Schönheit,« dachte sie nur, »die Schönheit!«
Auf der Höhe des Berges küßt der Mann in der Tracht eines fahrenden
Sängers das Weib. Ganz zart berührt er ihre nackte Schönheit. Seine
Augen sind geschlossen, um den Mund die Keuschheit des Betenden. Und über
allem der stille, ruhende Ausdruck der Erlösung.
In dichter Fülle schlingen sich Rosen unter der goldenen Leiste hin, die
den Abschluß des Bildes angiebt. Schwere brokatene Vorhänge, die in
ihrer massigen Farbenauftragung den Vordergrund bilden, sind wie vor einem
Heiligenbild zurückgezogen.
»Auf freier Höhe« heißt das Bild.
Und Esther stand davor und sah bald in den zart verblassenden Himmel, von
dem sich eine kleine zitternde Birke abhebt -- und dann auf die ruhige
Schönheit der Frau, die mit einem entrückten Ausdruck ins Weite sieht,
und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, in dem noch die Qualen
verflossener Jugendzweifel zu kennen sind hinter der Ruhe der Befreiung.
Endlich riß sie sich los.
Und es war, als sei noch einmal ihre Seele im Erblühen gewesen unter dem
tiefen Eindruck der Schönheit.
Sie sagte sich: das ist es, was ich einmal können will -- Aber giebt es
denn noch etwas zu wollen, wenn das geschaffen ist? Ist nicht alles damit
ausgesprochen, so daß jedes, was noch kommen kann, nur ein Stammeln und
Nachbeten bleibt?
Und dann kam eine kurze Zwischenzeit, die ein scheues Glück für sie
brachte.
An jedem Tag ging sie zu den Schaufenstern der Kunsthandlung. Und dort
stand sie vor dem Bild, das in ihr die Sehnsucht geweckt hatte, auf die
freien Höhen der Kunst zu gelangen.
Immer wieder ging sie dorthin und träumte von einem kühlen, lichten
Glück -- von der klaren, sanften Erlösung aus bedrückendem Menschentum
-- durch die Kunst. --
Aber die Kunst will die freie Lust und den heißen Lebenswillen eines
übervollen Herzens, und es heißt ihre Göttlichkeit beleidigen, wenn
man ihr auf den Trümmern eines zerbrochenen Schicksals den Tempel erbauen
will. --
Als einmal das Bild nicht mehr im Fenster hing, sank Esther müde in sich
zusammen -- wie beim Erlöschen des Lichts.
* * * * *
Noch in den ersten Tagen des März erweiterte sich Fräulein Schulzes
Pension um einen neuen Gast.
Um seinetwillen hatte man eine Tafel in den alten Ausziehetisch eingefügt,
und der Braten erschien fortan auf einer noch pomphafteren Schüssel als
bisher und lag in einem förmlichen Wald von Petersilienkraut versteckt,
der seine Blätter üppig über den Schüsselrand hängen ließ.
Ja, Fräulein Schulze wußte, was sie dem Rufe ihrer Pension schuldig war.
Ihr kleines, bleiches Gesicht unter dem Spitzentuch erstrahlte förmlich
bei der Vorstellung: »Fräulein von Preller -- Schriftstellerin.«
Fräulein von Preller hatte ihren Platz zwischen Esther und der Ärztin
bekommen.
Esther sah flüchtig auf und begegnete dunklen Augen mit einem guten Blick,
die den Haupteindruck in dem etwas fahlen Gesicht machten. Der Mund war
stark und tiefgekerbt in den Winkeln. Es war eine ursprünglich rohe Form,
die beim Sprechen durch den Ausdruck von Grazie und Lieblichkeit veredelt
wurde.
Die Doktor Obenauf nahm gleich Beschlag von ihrer Tischnachbarin.
»Sie kommen hierher, um Studien in der Großstadt zu machen, nicht
wahr? O, da könnte ich Sie mit Verhältnissen bekannt machen -- mit
Verhältnissen --!«
Sie ließ durch einen Augenaufschlag die Art dieser Verhältnisse ahnen,
fuhr jedoch, als keine Nachfrage entstand, von selbst mit einer Schilderung
fort:
»Ich sage Ihnen, da kommt man manchmal in Häuser -- Menschliche Wohnungen
-- nein! menschliche Wohnungen ist nicht der passende Ausdruck für solche
Viehställe!
Denken Sie mal, da hat man kürzlich ein Gesetz erlassen, daß es
verboten ist Schweine und Geflügel auf der Etage zu halten. Denn es ist
vorgekommen, daß man in einem Zimmer den Hausherrn, die Hausfrau, zwei
erwachsene Töchter, einen Zimmerherrn und ein Schwein einquartiert
fand --
Faktisch, ich sage Ihnen: das alles ganz gemütlich in einem Zimmer!