Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die
Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen.
Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten,
ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber,
gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie
sich mit immer größerem Eifer hingab.
Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur
mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze
der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind.
Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede
Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose
Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall
zu beherrschen.
Denn was ein einziges Mal unwissend wohlgelungen ist, soll wieder und
wieder gelingen können unter der Leitung eines bewußten Willens. Das erst
ist Können -- Kunst!
Und so kam es, daß sie nach und nach mit ihrer ganzen Persönlichkeit
überging zur Arbeit.
Ihr Gefühlsleben schrumpfte gleichsam zusammen bis zu jenen kleinen
Alltagsempfindungen, die sozusagen zu den Anstandspflichten des Herzens
gehören.
Sie war Zuschauer, nichts als Zuschauer gegenüber dem Leben.
Und das Leben rächte sich, so daß ihr jeder menschliche Eindruck zur
hohlen, seelenlosen Karrikatur wurde.
* * * * *
In den freien Zeiten schlenderte sie oft durch die Straßen, ohne viel zu
denken. Zuweilen erregten die Vorübergehenden ihre Aufmerksamkeit.
Dann dachte sie noch einen Augenblick über sie nach, bis diese lässige
Müdigkeit alles mit Gleichgültigkeit zudeckte.
Und doch war es in diesen Stunden körperlicher und geistiger Abspannung,
daß ein Erlebnis an sie herantreten wollte.
Sie kam an einer der großen Kunsthandlungen vorüber, in deren
Schaufenstern an jedem Sonnabend eine neue Ausstellung für die kommende
Woche arrangiert wird.
Nach ihrer Gewohnheit blieb sie stehen, um die Bilder zu betrachten.