XI

Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die

Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen.

Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten,

ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber,

gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie

sich mit immer größerem Eifer hingab.

Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur

mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze

der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind.

Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede

Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose

Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall

zu beherrschen.

Denn was ein einziges Mal unwissend wohlgelungen ist, soll wieder und

wieder gelingen können unter der Leitung eines bewußten Willens. Das erst

ist Können -- Kunst!

Und so kam es, daß sie nach und nach mit ihrer ganzen Persönlichkeit

überging zur Arbeit.

Ihr Gefühlsleben schrumpfte gleichsam zusammen bis zu jenen kleinen

Alltagsempfindungen, die sozusagen zu den Anstandspflichten des Herzens

gehören.

Sie war Zuschauer, nichts als Zuschauer gegenüber dem Leben.

Und das Leben rächte sich, so daß ihr jeder menschliche Eindruck zur

hohlen, seelenlosen Karrikatur wurde.

* * * * *

In den freien Zeiten schlenderte sie oft durch die Straßen, ohne viel zu

denken. Zuweilen erregten die Vorübergehenden ihre Aufmerksamkeit.

Dann dachte sie noch einen Augenblick über sie nach, bis diese lässige

Müdigkeit alles mit Gleichgültigkeit zudeckte.

Und doch war es in diesen Stunden körperlicher und geistiger Abspannung,

daß ein Erlebnis an sie herantreten wollte.

Sie kam an einer der großen Kunsthandlungen vorüber, in deren

Schaufenstern an jedem Sonnabend eine neue Ausstellung für die kommende

Woche arrangiert wird.

Nach ihrer Gewohnheit blieb sie stehen, um die Bilder zu betrachten.

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 45 / 93 题