Arbeit -- Arbeit --

Nicht zur Seite schauen. Stumpf abgeschlossen nach innen -- gleichgültig

nach außen. Ein langsames, zähes Vorwärtskriechen -- ohne Kampf, ohne

Ehrgeiz, ohne Zielbewußtsein. -- -- -- --

Esther benutzte jede freie Zeit, besonders die langen Abende zu

Zeichenstudien.

In ihrem Lilienzimmer saß sie bei einer kleinen Stehlampe, die

fortwährend Petroleum aus dem Behälter schwitzte. Vom Nachbarzimmer

herüber drangen zuweilen vorsichtig gedämpfte Unterredungen des

schwindsüchtigen Brautpaars.

Fräulein Nancy schminkte sich jetzt seit einiger Zeit, und Herr Engel

lebte nur noch von Morphium.

Wenn sie miteinander sprachen, so schien es sich stets um irgend welche

Berechnungen zu handeln, die sie mit ihren rauhen, kranken Stimmen

aufstellten.

Esther mußte daran denken, daß sie einmal »halbverhungert« hier

aufgetaucht waren. Woher mochten sie kommen? Welchen Weg durch Entbehrungen

mußten sie gegangen sein?

Mißtrauisch und argwöhnisch zeigten sie sich gegen jeden, der sich ihnen

nicht feindlich näherte, denn sie glaubten sofort, der wollte etwas von

ihnen. Warum sollte er denn sonst auch freundlich sein?

Unter jenen hatten sie gelebt, die sich auf den Fußbreit Erde drängen,

den einer unter ihnen strauchelnd verliert. Sie hatten jeden Glauben an

uneigennützige Güte verloren. Güte war ihnen nichts als Dummheit

oder Verstellung. Selbst Fräulein Nancys Toilettenkünste mochten nicht

weiblicher Gefallsucht, sondern einzig dem Ehrgeiz entspringen, noch als

vollzählige Konkurrentin zu gelten -- vollwertig an Kraft und Gesundheit,

eine nicht zu übersehende Nummer unter denen, die neiden und beneidet

werden. Sie wollte bis zuletzt als Rivalin im Kampf um die Arbeit

mitrechnen.

Und doch gab es einen Funken von Güte auch unter ihnen. Das war die

seltsame Liebe, die sie für einander hatten, diese rührende, oft grotesk

wirkende Zärtlichkeit, deren unfreiwilliger Zeuge Esther zuweilen wurde.

Die Besorgnis, die einer für das Wohlsein des andern hatte, und die sich

oft im allernaivsten Materialismus ausdrückte.

Esther beschäftigte sich so viel mit dem möglichen Schicksal dieser

Nachbarschaft, daß sie es zuletzt förmlich noch zu allem andern sich

selbst auflud -- zu allem Dumpfen und Erdbedrückten, was sie schon zu

tragen hatte.

Mit den andern Bewohnern der Pension kam sie selten außer den Mahlzeiten

zusammen.

Da gab es ein »Fräulein Doktor«, die nächst dem Baron Ehrhard von

Dunkelmann den Stolz des Hauses bildete. Ja hier war sowohl der Geburtsadel

wie der Adel des Geistes vertreten, wie Fräulein Schulze Esther gleich

anfangs versicherte. Außerdem erschien noch eine kleine, zarte und sehr

bescheidene Musikschülerin bei Tisch, die Fräulein Schulzes Wohlwollen

unter der unausgesprochenen Voraussetzung besaß, daß sie sehr wenig aß.

Fräulein Doktor Obenauf, Assistentin an der Frauenklinik des Professors

D., führte zumeist die Unterhaltung. Sie war sehr aufgeklärt und benutzte

gewöhnlich die mittäglichen Zusammenkünfte, um auch der übrigen

Tischgesellschaft den Segen geistiger Freiheit zu gewähren.

»Stellen Sie sich einmal vor,« schrie sie mit ihrem weithintönenden

Organ, »wo sollte denn eine Seele sich verstecken? Das ist alles Humbug,

alles!

Glauben Sie nicht, ich habe genug Menschenleiber zersäbelt, um wissen zu

können, wo eine Seele Raum haben könnte? Da ist ganz einfach kein Platz

sage ich Ihnen, kein Platz!«

Fräulein Schulz, die eine Pastorentochter war, machte hier einen Einwand:

»Es glauben aber doch so viele Leute daran,« sagte sie und machte eine

abwartende schiefe Kopfbewegung.

»Glauben! Hahaha glauben! Als ob das nur der allergeringste Beweis

wäre!« trompetete die Obenauf. »Ich als Ärztin sage Ihnen, daß kein

Platz für eine Seele ist, und damit Punktum.«

»So, so -- ja gewiß,« sagte Fräulein Schulze und kroch in sich

zusammen. »Als Ärztin müssen Sie das natürlich wissen.«

Esther hielt sich gern von solchen Debatten fern. Die kleine

Musikschülerin schwieg, weil sie sich vor der Stimme der Ärztin zu

fürchten schien, und weil sie sich vielleicht auch noch nicht weiter

über seelische Angelegenheiten beunruhigt hatte. Der wirkliche Baron aber

lächelte vielsagend.

Man wußte sehr wenig über das Leben des Barons. Er hatte jedoch einmal

den Ausspruch gethan, daß ein Künstler die moralische Verpflichtung habe,

sich nie durch eine Ehe zu binden, denn in diesem Falle würde er durch

den heiligen Egoismus des Genies sowohl sich als seine Frau unglücklich

machen, denn er sei infolgedessen nicht fähig, die Verantwortung auch noch

für eine andre Individualität zu übernehmen.

Er sah sehr bewegt aus bei dieser Erklärung, und so schloß man fortan,

daß er selbst zu jenen leidgekrönten Egoisten gehöre. Sobald die

Rede auf eine Streitfrage der Kunst kam, mußte seine Autorität zur

Entscheidung aufgerufen werden.

Und er hatte dann eine ganz eigenartig rätselhafte Art, in der er seine

Aussprüche hervorbrachte.

»Die Dekadence vergleiche ich mit dem müden, rosigen Licht der

Ampel,« sagte er. »Und ist dieses gedämpfte Licht der Nacht nicht

sinnberückender als der grelle, plumpe Sonnenschein?«

Fräulein Schulze horchte andächtig auf, wagte aber nichts zu antworten,

weil sie befürchtete, es möchte vielleicht nicht zart genug ausfallen.

* * * * *

Zuweilen kamen die Briefe aus Dänemark. Esther öffnete sie immer wie

unter einer dumpfen Angst.

Es war kaum die Furcht vor schlimmen Nachrichten. Sie wußte ja, daß dort

alles in dem lieben alten Gleichmaß vor sich ging. Aber die Erinnerung

war es, die mit der Zeit immer mehr etwas unsäglich Bedrückendes für

sie hatte -- ein unbestimmtes Schuldbewußtsein kam nach und nach an Stelle

jenes Gefühls, nur nach einer Notwendigkeit gehandelt zu haben.

Aber hätte es denn für sie eine andere Möglichkeit überhaupt gegeben?

Hätte sie die Pflicht gehabt, dieses Verhältnis weiter zu tragen, weil

sie es einmal eingegangen war?

Ihre Begriffe begannen unsicher und schwankend zu werden.

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 42 / 93 题