Und dann war plötzlich wieder alles Begreifen ausgelöscht -- nur noch
eine träge dämmernde Sehnsucht nach diesem Haus, das sie lieb hatte, in
das sie hätte zurücklaufen mögen, wie eine Katze, die man fortgetragen
hat. --
Und immer ging sie mechanisch weiter, den endlosen zugeschneiten Weg
hinauf.
Dann kam das Gasthaus.
Sie mußte die Wirtsleute erst herausklopfen. Es waren freundliche Bauern,
die sich in ihrem rauhen jütischen Dialekt nicht genug über die Ankunft
einer Dame erstaunen konnten. Es schien, als gäbe es für diese Wirtschaft
nichts Verwunderlicheres, als einen Gast!
Esther wurde in die Familienwohnstube geführt. Dort mußte sie sofort ein
paar riesige Filzsocken für die nassen Stiefel eintauschen. Die Wirtin
befahl das mit einer Autorität, die jeden Widerspruch vergeblich machte.
Dann wurde ihr ein Kübel voll schwarzbraunem Thee zudiktiert.
Über dem Sofa hing das Bild des deutschen Kaisers neben einem andern, das
die Photographie eines jungen Soldaten, wahrscheinlich der Sohn des
Hauses, umgeben von allerlei »Scenen aus dem Soldatenleben« enthielt. Als
Überschrift prangten die Worte: »Aus meiner Soldatenzeit.«
Die Frau folgte Esthers Blicken, dann erklärte sie entschuldigend, er, der
Sohn, wollte »das« dort haben. Und voll Groll und Verachtung: »Seit er
gedient hat, ist er ja ein Deutscher!«
Der Wirt, der mit einer langen Pfeife jenseits des Tisches saß, zog die
Stirn in kummervolle Falten. Er sagte: »Die dort in Berlin, die werden
sich freuen, daß sie ihn herumgekriegt haben! Bei der Leibgarde ist er
gewesen -- so 'ne Schande!«
Esther bekam ein ganz böses Gewissen, daß sie sich nicht als Deutsche
eingeführt hatte; ganz gedankenlos hatte sie noch dänisch gesprochen. Sie
fühlte sich recht bedrückt im Gedanken an die warmen Filzsocken und das
Wohlwollen der Wirtin, die sie immer schlechtweg »Kind« anredete, -- das
alles wäre der Deutschen gewiß nicht zugefallen!
Und am nächsten Morgen gar, wie die Alte gehört hatte, daß Esther auch
der entsetzlichen Stadt patriotischer Verführung zureiste, gab es so viele
gute Wünsche und Ermahnungen, daß Esther vor Beschämung nicht mehr die
Augen aufzuschlagen wagte.
Aber sie konnte doch wirklich nicht jetzt auf einmal mit ihrer
Enttäuschung herauskommen?
* * * * *
Und gegen Abend gelangte Esther an ihr Reiseziel.
Die Droschke hielt vor einem hohen, eingezwängten Haus, dessen Eingang in
der Pracht verschiedenster Imitationen strahlte. Eine imitierte Eichenthür
öffnete sich in eine imitierte Marmorhalle, die mit imitierten Gobelins
und imitierter Glasmalerei ausgestattet war.
Der Hausmeister bemächtigte sich des Koffers, und in feierlich langsamer
Fahrt hob sich der Lift zu seinem Endziel, der fünften Etage.
»Also hier wohnt Fräulein Schulze?«
»Jawoll, klingeln Sie man!«
Nach einer Weile kam ein ältliches, verblaßtes Mädchen und öffnete. Sie
führte Esther über einen kurzen, düsteren Flur, der nur in einer Ecke
durch ein kleines stark riechendes Lämpchen erhellt wurde und dann durch
ein langgestrecktes Zimmer.
»Bei uns müssen wir immer durch die Berliner Stube gehn,« erläuterte
das Mädchen.
Eine große, starke Dame in Lahmannkleidung sah Esther mit unverhohlener
Neugier nach und erwiderte ihren Gruß mit einem resoluten Nicken.
Dagegen bemerkte sie erst im Hinausgehen, daß sich ein kleines,
dunkelgekleidetes Geschöpf auf sie zu bewegte.
»Verzeihen Sie -- ich bin Fräulein Schulze,« sagte die kleine Dame und
sah Esther fragend unter einem spanisch drapierten Kopfputz hervor an.
»Ich bin Esther Franzenius.« Esther mußte unwillkürlich dem kleinen
fragenden Gesicht der Spanierin zulächeln.
Fräulein Schulze machte ein paar ratlose Bewegungen nach rechts und links,
dann kam es ihr wie eine Erleuchtung: »Darf ich Sie nach Ihrem Zimmer
führen?« Und sie trippelte Esther und dem Kofferträger voran, zur Thür
hinaus, über einen langen und niedrigen Korridor, den man gar nicht in dem
prunkvoll imitierten Marmorpalais erwarten durfte, und öffnete die Thür
zu einem kleinen viereckigen Zimmerchen, das durch ein winziges schräges
Dachfenster nach dem Hof hinaus lag.
Während Fräulein Schulze noch ein paar Fragen über die »gute Reise« an
Esther richtete, bemühten sich das Mädchen und der Dienstmann, für den
Koffer einen Platz zu ermöglichen.
Endlich waren alle Ankunftsfeierlichkeiten bewältigt, und auch die
Spanierin verließ das Zimmer.
Esther nahm den Leuchter mit der dünnen übelriechenden Kerze
und beleuchtete ihre Umgebung. Da gab es nur die allernötigsten
Gebrauchsgegenstände, denen allen es wie ein Ausdruck schamhaftester
Dürftigkeit anhing. Und jedes Ding schien sich zu bemühen, etwas
anderes zu imitieren. Sogar das Bett hatte die Aufgabe, tagsüber ein
Sofa darzustellen, und der Waschtisch war unter dem Äußern einer Komode
verborgen. Als der Koffer untergebracht war, konnte man sich nur noch in
einer kleinen Schlangenlinie durch das Zimmer winden. Esther lehnte sich
unwillkürlich weit zum Fenster hinaus -- dort sah man in den Hof hinab,
wie in einen spärlich beleuchteten Schacht. Dann führte sie das Licht an
den Wänden entlang -- die Tapete trug ein Muster von lauter Lilien.
Eine stumpfe Trostlosigkeit überkam Esther in diesem imitierten
Liliengarten.
* * * * *
»Nancy! Nancy!«
Esther erwachte. Wer rief denn da? Und wo war sie?
Weshalb verflog doch so schnell der Traum von einem Frühlingsgarten und
dem weißen Haus im Mondlicht? -- Sie wollte so gern weiterschlafen. Sie
fürchtete das Erwachen. --
»Nancy! Nancy! Schläfst du noch?«
Das war wieder diese rauhe Stimme, und nun folgte ein endloser
Hustenanfall.
Esther sah sich um. Das war ja das Lilienzimmer. Diese kahlen und
dürftigen Gegenstände, die aussahen, als seien unzählige verschwiegene
Sorgen in sie gebettet, schienen ein kraftloses Grauen auszuströmen.
Nancy mußte inzwischen geantwortet haben, denn die gequälte Stimme des
Zimmernachbars begann von neuem: »Hast du gut geschlafen, Nancy? Wie
fühlst du dich heute?«
Und wieder nach einer Weile, während der Esther aufzustehen begann:
»Mußt du nicht über die Hofjagd referieren? Wir könnten zusammen einen
Wagen nehmen, wie?« -- Hier eine Pause für Nancys Antwort -- Und wieder:
»Nancy! Nancy! Mir fällt etwas Köstliches ein! Paß auf: Ein Wagen
kostet 10 Mark -- zu zahlen von meiner löblichen Redaktion! Ein Wagen
für dich zu 10 Mark -- haben deine Braven zu blechen. Daß wir uns
zusammenthun, geht niemanden was an. -- Bin ich nicht ein Rechengenie?!
Hahaha!!«
Und wieder ein gräulicher Hustenanfall.
Esther machte ihre Anwesenheit bemerkbar und die nachbarlichen Stimmen
verhandelten gedämpfter.
»Wer wohnt da nebenan?« fragte Esther das Mädchen, das Feuer machte. Es
baute mit virtuoser Vorsicht ein paar Holzspähne aneinander und deckte
das spärliche Flämmchen mit den drei für »eine Heizung« abgezählten
Preßkohlen.
Ida warf über die Schulter einen verächtlichen Blick auf das
Nachbarzimmer. »Ach, das ist man bloß Redakteur Engel,« sagte sie im Ton
würdevollster Herablassung.
»Ist der Herr sehr leidend?«
»Ja -- er hat es auf der Brust. Seine Verlobte, das Fräulein Maceday
auch. Schon den ganzen Winter. Und wie sie zu uns gekommen sind, sahen sie
auch halbverhungert aus. Das Fräulein wohnt ja doch neben ihm, und sie
pflegen sich immer nur einer den andern.«
»Aber das ist ja schrecklich,« sagte Esther in bedauerndem Entsetzen
unwillkürlich vor sich hin.
Das Mädchen mißverstand die Worte. Es wurde plötzlich vertraulich und
gesprächig. »Ja, nicht wahr, Fräulein? Uns ist das auch recht peinlich.
Verlobt sind sie und wohnen Thür an Thür! -- Und dann wollen sie sich
immer noch das Essen allein besorgen! Sie können es gar nicht billig genug
kriegen. Und was für Sachen sie dann kochen! Ach Gotte doch! puh!«
Ein unbestimmter Ekel -- vor diesem Geschwätz -- vor ihrer ganzen Umgebung
-- vor der Lage, in der sie sich befand, erfüllte Esther. Sie verließ
die Stube und ging nach dem Eßzimmer, um zu frühstücken. Auf dem
Gang begegnete ihr eine kleine abgehärmte Person mit den glühroten
Backenknochen der Schwindsucht. Sie sah auf Esther mit glänzenden,
argwöhnischen Augen.
Und Esther hätte ihr etwas Gutes sagen mögen -- irgend eine kleine,
gleichgültige Freundlichkeit erweisen. Sie grüßte höflich. Die andere
dankte kurz, abweisend, höhnisch.
Esther fiel eine kleine Begebenheit aus ihrer Kindheit ein: Wenn sie zur
Schule ging, kam sie immer an einem vergitterten Hof vorüber, an dessen
Thür ein mageres, jämmerliches Hündchen stand und giftig auf die
Vorübergehenden bellte. Dann warfen die Jungen mit Steinen nach ihm,
reizten und höhnten es; das nahm es aber nur wie die gebührende Antwort
auf sein Gebell entgegen. Das Tier that Esther so leid. Sie versuchte es
einmal, sich ihm freundlich zu nähern, es zu streicheln. Da geriet es aber
ganz außer sich vor Wut. Und jedesmal, wenn Esther wieder vorüberging,
wußte es sich in seinem Zorn gar nicht mehr zu lassen. Es hatte
die Freundlichkeit augenscheinlich als unvergeßliche Beleidigung
empfunden. --
»So 'ne einjebildte Jöhre!« hörte Esther das Fräulein Nancy noch
in der Stube des Verlobten in accentuiertem Berliner Jargon
ausrufen. -- -- -- --
Das war der Beginn der freiwillig angetretenen Epoche der Arbeit und
Entbehrung.
Später gab es Stunden, in denen Esther sich fragte, warum sie nicht einmal
den Versuch gemacht hatte, diese besonders antipathische Umgebung mit einer
andern zu vertauschen. Und sie kam auf die wunderliche Erklärung, daß die
Macht des Ekels sie fesselte.
Ja, wir haben diese seltsam kraftlosen Zeiten, in denen wir wie gelähmt
vom Abscheu und unfähig zur Gegenwehr, auf eine krankhafte Weise angezogen
auf das starren müssen, was unsern Ekel erregt.
Wir sind unfähig, uns durch einen Entschluß loszureißen, ja irgend einen
Entschluß zu fassen vermögen wir nicht einmal. Nur noch ein alter Wille
leiert sich mechanisch in stumpfen Handlungen ab. Wie im Traum gehen wir da
-- und das kraftlose Entsetzen des Traumes bedrückt uns, während wir ganz
im geheimen eine andere Wirklichkeit wie die Ahnung des Erwachens in uns
tragen. Und so versäumen wir die Empörung gegen das Traumschicksal.
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