In einem kleinen schleswigschen Grenzort wollte Esther nach der
zehnstündigen Bahnfahrt übernachten.
Es war ein langer, mühseliger Weg von der Bahnstation bis zum Gasthof.
Esther ging ihn ganz allein, eine verschneite Landstraße hinauf, die nur
durch Räderspuren kenntlich war. Sie trug ihre kleine Reisetasche bald in
der einen, dann in der andern Hand. In der Kälte schmerzte der metallene
Griff ihre Finger.
Weithin über dem Schneeland stand ein purpurner Mond.
Ein schwacher, gläserner Klang kam aus dem Dorf herüber: die Turmuhr
schlug eine späte Abendstunde.
Esther ging immer langsamer. Eine schwere, herabziehende Müdigkeit
erfüllte sie mehr und mehr. Sie konnte kaum mehr denken, empfing nur dumpf
die Außeneindrücke, an die sich zerflatternde Reflektionen knüpften.
Neben der Straße lief ein halb zugeschneiter Graben. Da mußten im Sommer
die vielen Feldstiefmütterchen wachsen -- so immer zu hunderten auf einem
Fleck, daß es aussah, wie ein großer, schwellender Strauß. Aber jedes
Blümchen hat sein eignes ernstes Gesicht unter der violetten Haube --
und wenn der Wind ja einmal durch den Graben fährt, dann reiben sie
sich rischelnd aneinander, wie Kinder, die sich in die Ohren
flüstern -- -- -- --
Dicht und hoch lag jetzt der Schnee -- -- So ein paar Schritte zur Seite
machen und sich da hinein fallen lassen -- --