Fünfte Szene

Ein _Schlafgemach_. -- _Frau Bergmann_, _Ina Müller_ und Medizinalrat

Dr. _v. Brausepulver_. -- _Wendla_ im Bett.

=Dr. von Brausepulver=

Wie alt sind Sie denn eigentlich?

=Wendla=

Vierzehn ein halb.

=Dr. von Brausepulver=

Ich verordne die _Blaud_’schen Pillen seit fünfzehn Jahren und habe in

einer großen Anzahl von Fällen die eklatantesten Erfolge beobachtet.

Ich ziehe sie dem Lebertran und den Stahlweinen vor. Beginnen sie mit

drei bis vier Pillen pro Tag und steigern Sie so rasch Sie es eben

vertragen. Dem Fräulein Elfriede Baronesse von Witzleben hatte ich

verordnet, jeden dritten Tag um eine Pille zu steigern. Die Baronesse

hatte mich mißverstanden und steigerte jeden Tag um drei Pillen. Nach

kaum drei Wochen schon konnte sich die Baronesse mit ihrer Frau Mama

zur Nachkur nach Pyrmont begeben. -- Von ermüdenden Spaziergängen und

Extramahlzeiten dispensiere ich Sie. Dafür versprechen Sie mir, liebes

Kind, sich um so fleißiger Bewegung machen zu wollen und ungeniert

Nahrung zu fordern, sobald sich die Lust dazu wieder einstellt.

Dann werden diese Herzbeklemmungen bald nachlassen -- und der

Kopfschmerz, das Frösteln, der Schwindel -- und unsere schrecklichen

Verdauungsstörungen. Fräulein Elfriede Baronesse von Witzleben genoß

schon acht Tage nach begonnener Kur ein ganzes Brathühnchen mit jungen

Pellkartoffeln zum Frühstück.

=Frau Bergmann=

Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten, Herr Medizinalrat?

=Dr. von Brausepulver=

Ich danke Ihnen, liebe Frau Bergmann. Mein Wagen wartet. Lassen Sie

sich’s nicht so zu Herzen gehen. In wenigen Wochen ist unsere liebe

kleine Patientin wieder frisch und munter wie eine Gazelle. Seien Sie

getrost. -- Guten Tag, Frau Bergmann. Guten Tag, liebes Kind. Guten

Tag, meine Damen. Guten Tag. (Frau Bergmann geleitet ihn vor die Tür.)

=Ina=

(am Fenster)

-- Nun färbt sich eure Platane schon wieder bunt. -- Siehst du’s vom

Bett aus? -- Eine kurze Pracht, kaum recht der Freude wert, wie man

sie so kommen und gehen sieht. -- Ich muß nun auch bald gehen. Müller

erwartet mich vor der Post und ich muß zuvor noch zur Schneiderin.

Mucki bekommt seine ersten Höschen, und Karl soll einen neuen

Trikotanzug auf den Winter haben.

=Wendla=

Manchmal wird mir so selig -- alles Freude und Sonnenglanz. Hätt’ ich

geahnt, daß es einem so wohl um’s Herz werden kann! Ich möchte hinaus,

im Abendschein über die Wiesen gehn, Himmelsschlüssel suchen den Fluß

entlang und mich an’s Ufer setzen und träumen ... Und dann kommt das

_Zahnweh_, und ich meine, daß ich morgen am Tag sterben muß; mir wird

heiß und kalt, vor den Augen verdunkelt sich’s, und dann flattert das

Untier herein -- -- -- So oft ich aufwache, seh’ ich Mutter weinen. O,

das tut mir so weh -- ich kann’s dir nicht sagen, Ina!

=Ina=

-- Soll ich dir nicht das Kopfkissen höher legen?

=Frau Bergmann=

(kommt zurück)

Er meint, das Erbrechen werde sich auch geben; und du sollst dann nur

ruhig wieder aufstehn ... Ich glaube auch, es ist besser, wenn du bald

wieder aufstehst, Wendla.

=Ina=

Bis ich das nächste Mal vorspreche, springst du vielleicht schon

wieder im Haus herum. -- Leb’ wohl, Mutter. Ich muß durchaus noch zur

Schneiderin. Behüt’ dich Gott, liebe Wendla. (Küßt sie) Recht, recht

baldige Besserung!

=Wendla=

Leb’ wohl, Ina. -- Bring’ mir Himmelsschlüssel mit, wenn du

wiederkommst. Adieu. Grüße deine Jungens von mir.

(Ina ab.)

=Wendla=

Was hat er noch gesagt, Mutter, als er draußen war?

=Frau Bergmann=

Er hat nichts gesagt. -- Er sagte, Fräulein von Witzleben habe auch zu

Ohnmachten geneigt. Es sei das fast immer so bei der Bleichsucht.

=Wendla=

Hat er gesagt, Mutter, daß ich die Bleichsucht habe?

=Frau Bergmann=

Du sollest Milch trinken und Fleisch und Gemüse essen, wenn der Appetit

zurückgekehrt sei.

=Wendla=

O Mutter, Mutter, ich glaube, ich habe nicht die Bleichsucht....

=Frau Bergmann=

Du hast die Bleichsucht, Kind. Sei ruhig, Wendla, sei ruhig; du hast

die Bleichsucht.

=Wendla=

Nein, Mutter, nein! Ich weiß es. Ich fühl’ es. Ich habe nicht die

Bleichsucht. Ich habe die Wassersucht ...

=Frau Bergmann=

Du hast die Bleichsucht. Er hat ja gesagt, daß du die Bleichsucht hast.

Beruhige dich, Mädchen. Es wird besser werden.

=Wendla=

Es wird nicht besser werden. Ich habe die Wassersucht. Ich muß sterben,

Mutter. -- O Mutter, ich muß sterben!

=Frau Bergmann=

Du mußt nicht sterben, Kind! Du mußt nicht sterben..... Barmherziger

Himmel, du mußt nicht sterben!

=Wendla=

Aber warum weinst du dann so jammervoll?

=Frau Bergmann=

Du mußt nicht sterben -- Kind! Du hast nicht die Wassersucht. Du hast

ein Kind, Mädchen! Du hast ein Kind! -- O, warum hast du mir das getan!

=Wendla=

-- ich habe dir nichts getan --

=Frau Bergmann=

O leugne nicht noch, Wendla! -- Ich weiß alles. Sieh’, ich hätt’ es

nicht vermocht, dir ein Wort zu sagen. -- Wendla, meine Wendla ...!

=Wendla=

Aber das ist ja nicht möglich, Mutter. Ich bin ja doch nicht

verheiratet ...!

=Frau Bergmann=

Großer, gewaltiger Gott --, das ist’s ja, daß du nicht verheiratet

bist! Das ist ja das Fürchterliche! -- Wendla, Wendla, Wendla, was hast

du getan!!

=Wendla=

Ich weiß es, weiß Gott, nicht mehr! Wir lagen im Heu.... Ich habe

keinen Menschen auf dieser Welt geliebt als nur dich, Mutter.

=Frau Bergmann=

Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie · 第 37 / 59 题