_Herr und Frau Gabor_.
=Frau Gabor=
... Man hatte einen Sündenbock nötig. Man durfte die überall
lautwerdenden Anschuldigungen nicht auf sich beruhen lassen. Und nun
mein Kind das Unglück gehabt, den Zöpfen im richtigen Moment in den
Schuß zu laufen, nun soll ich, die eigene Mutter, das Werk seiner
Henker vollenden helfen? -- Bewahre mich Gott davor!
=Herr Gabor=
-- Ich habe deine geistvolle Erziehungsmethode vierzehn Jahre
schweigend mit angeseh’n. Sie widersprach meinen Begriffen. Ich hatte
von jeher der Überzeugung gelebt, ein Kind sei kein Spielzeug; ein
Kind habe Anspruch auf unsern heiligsten Ernst. Aber ich sagte mir,
wenn der Geist und die Grazie des Einen die ernsten Grundsätze eines
Andern zu ersetzen im stande sind, so mögen sie den ernsten Grundsätzen
vorzuziehen sein. -- -- Ich mache dir keinen Vorwurf, Fanny. Aber
vertritt mir den Weg nicht, wenn ich dein und mein Unrecht an dem
Jungen gutzumachen suche!
=Frau Gabor=
Ich vertrete dir den Weg, so lange ein Tropfen warmen Blutes in
mir wallt! In der Korrektionsanstalt ist mein Kind verloren. Eine
Verbrechernatur mag sich in solchen Instituten bessern lassen. Ich weiß
es nicht. Ein gutgearteter Mensch wird so gewiß zum Verbrecher darin,
wie die Pflanze verkommt, der du Luft und Sonne entziehst. Ich bin mir
keines Unrechtes bewußt. Ich danke heute wie immer dem Himmel, daß er
mir den Weg gezeigt, in meinem Kinde einen rechtlichen Charakter und
eine edle Denkungsweise zu wecken. Was hat er denn so Schreckliches
getan? Es soll mir nicht einfallen, ihn entschuldigen zu wollen --
daran, daß man ihn aus der Schule gejagt trägt er keine Schuld! Und
wär’ es sein Verschulden, so hat er es ja gebüßt. Du magst das alles
besser wissen. Du magst theoretisch vollkommen im Rechte sein. Aber ich
kann mir mein einziges Kind nicht gewaltsam in den Tod jagen lassen!
=Herr Gabor=
Das hängt nicht von uns ab, Fanny. -- Das ist ein Risiko, das wir mit
unserem Glück auf uns genommen. Wer zu schwach für den Marsch ist,
bleibt am Wege. Und es ist schließlich das Schlimmste nicht, wenn
das Unausbleibliche zeitig kommt. Möge uns der Himmel davor behüten!
Unsere Pflicht ist es, den Wankenden zu festigen, so lange die Vernunft
Mittel weiß. -- Daß man ihn aus der Schule gejagt, ist nicht seine
Schuld. Wenn man ihn nicht aus der Schule gejagt hätte, es wäre auch
seine Schuld nicht! -- Du bist zu leichtherzig. Du erblickst vorwitzige
Tändelei, wo es sich um Grundschäden des Charakters handelt. Ihr Frauen
seid nicht berufen, über solche Dinge zu urteilen. Wer _das_ schreiben
kann, was Melchior schreibt, der muß im innersten Kern seines Wesens
angefault sein. Das Mark ist ergriffen. Eine halbwegs gesunde Natur
läßt sich zu so etwas nicht herbei. Wir sind alle keine Heiligen;
jeder von uns irrt vom schnurgeraden Pfad ab. Seine Schrift hingegen
vertritt das _Prinzip_. Seine Schrift entspricht keinem zufälligen
gelegentlichen Fehltritt; sie dokumentiert mit schaudererregender
Deutlichkeit den aufrichtig gehegten _Vorsatz_, jene natürliche
Veranlagung, jenen Hang zum _Unmoralischen_, weil es das Unmoralische
ist. Seine Schrift manifestiert jene exzeptionelle geistige Korruption,
die wir Juristen mit dem Ausdruck „_moralischer Irrsinn_“ bezeichnen.
-- Ob sich gegen seinen Zustand etwas ausrichten läßt, vermag ich
nicht zu sagen. _Wenn_ wir uns einen Hoffnungsschimmer bewahren wollen,
und in erster Linie unser fleckenloses Gewissen als die Eltern des
Betreffenden, so ist es Zeit für uns, mit Entschiedenheit und mit allem
Ernste ans Werk zu gehen. -- Laß uns nicht länger streiten, Fanny! Ich
fühle, wie schwer es dir wird. Ich weiß, daß du ihn vergötterst, weil
er so ganz deinem genialischen Naturell entspricht. Sei stärker als du!
Zeig’ dich deinem Sohn gegenüber endlich einmal selbstlos!
=Frau Gabor=
Hilf mir Gott, wie läßt sich dagegen aufkommen! -- Man muß ein _Mann_
sein, um so sprechen zu können! Man muß ein _Mann_ sein, um sich so
vom toten Buchstaben verblenden lassen zu können! Man muß ein _Mann_
sein, um so blind das in die Augen Springende nicht zu sehn! -- Ich
habe gewissenhaft und besonnen an Melchior gehandelt vom ersten Tag
an, da ich ihn für die Eindrücke seiner Umgebung empfänglich fand.
Sind wir denn für den _Zufall_ verantwortlich?! Dir kann morgen ein
Dachziegel auf den Kopf fallen, und dann kommt dein Freund -- dein
Vater, und statt deine Wunde zu pflegen, setzt er den Fuß auf dich!
-- Ich lasse mein Kind nicht vor meinen Augen hinmorden. Dafür bin
ich seine Mutter. -- Es ist unfaßbar! Es ist gar nicht zu glauben!
Was schreibt er denn in aller Welt! Ist’s denn nicht der eklatanteste
Beweis für seine Harmlosigkeit, für seine Dummheit, für seine kindliche
Unberührtheit, daß er so etwas schreiben kann! -- Man muß keine Ahnung
von Menschenkenntnis besitzen -- man muß ein vollständig entseelter
Bureaukrat oder ganz nur Beschränktheit sein, um hier moralische
Korruption zu wittern! -- -- Sag’ was du willst. Wenn du Melchior in
die Korrektionsanstalt bringst, dann sind _wir_ geschieden! Und dann
laß mich sehen, ob ich nicht irgendwo in der Welt Hilfe und Mittel
finde, mein Kind seinem Untergange zu entreißen.
=Herr Gabor=
Du wirst dich drein schicken müssen -- wenn nicht heute, dann morgen.
Leicht wird es keinem, mit dem Unglück zu diskontieren. Ich werde dir
zur Seite stehen, und wenn dein Mut zu erliegen droht, keine Mühe und
kein Opfer scheuen, dir das Herz zu entlasten. Ich sehe die Zukunft so
grau, so wolkig -- es fehlte nur noch, daß auch du mir noch verloren
gingst.
=Frau Gabor=
Ich sehe ihn nicht wieder; ich sehe ihn nicht wieder. Er erträgt das
Gemeine nicht. Er findet sich nicht ab mit dem Schmutz. Er zerbricht
den Zwang; das entsetzlichste Beispiel schwebt ihm vor Augen! -- Und
sehe ich ihn wieder -- Gott, Gott, dieses frühlingsfrohe Herz -- sein
helles Lachen -- alles, alles -- seine kindliche Entschlossenheit,
mutig zu kämpfen für Gut und Recht -- o dieser Morgenhimmel, wie ich
ihn licht und rein in seiner Seele gehegt als mein höchstes Gut.....
Halte dich an mich, wenn das Unrecht um Sühne schreit! Halte dich an
mich! Verfahre mit mir wie du willst! _Ich_ trage die Schuld. -- Aber
laß deine fürchterliche Hand von dem Kind weg.
=Herr Gabor=
_Er_ hat sich vergangen!
=Frau Gabor=
_Er hat sich nicht vergangen!_
=Herr Gabor=
Er hat sich vergangen! -- -- -- Ich hätte alles darum gegeben, es
deiner grenzenlosen Liebe ersparen zu dürfen. -- -- Heute morgen kommt
eine Frau zu mir, vergeistert, kaum ihrer Sprache mächtig, mit diesem
Brief in der Hand -- einem Brief an ihre fünfzehnjährige Tochter. Aus
dummer Neugierde habe sie ihn erbrochen; das Mädchen war nicht zu Haus.
-- In dem Briefe erklärt Melchior dem fünfzehnjährigen Kind, daß ihm
seine Handlungsweise keine Ruhe lasse, er habe sich an ihr versündigt
etc. etc., werde indessen natürlich für alles einstehen. Sie möge sich
nicht grämen, auch wenn sie Folgen spüre. Er sei bereits auf dem Wege
Hilfe zu schaffen; seine Relegation erleichtere ihm das. Der ehemalige
Fehltritt könne noch zu ihrem Glücke führen -- und was des unsinnigen
Gewäsches mehr ist.
=Frau Gabor=
Unmöglich!!
=Herr Gabor=
Der Brief ist gefälscht. Es liegt Betrug vor. Man sucht sich seine
stadtbekannte Relegation nutzbar zu machen. Ich habe mit dem
Jungen noch nicht gesprochen -- aber sieh bitte die Hand! Sieh die
Schreibweise!
=Frau Gabor=
Ein unerhörtes, schamloses Bubenstück!
=Herr Gabor=
Das fürchte ich!
=Frau Gabor=
Nein, nein -- nie und nimmer!
=Herr Gabor=
Um so besser wird es für uns sein. -- Die Frau fragt mich händeringend,
was sie tun solle. Ich sagte ihr, sie solle ihre fünfzehnjährige
Tochter nicht auf Heuböden herumklettern lassen. Den Brief hat sie
mir glücklicherweise dagelassen. -- Schicken wir Melchior nun auf ein
anderes Gymnasium, wo er nicht einmal unter elterlicher Aufsicht steht,
so haben wir in drei Wochen den nämlichen Fall -- neue Relegation --
sein frühlingsfreudiges Herz gewöhnt sich nachgerade daran. -- Sag’
mir, Fanny, wo soll ich hin mit dem Jungen?!
=Frau Gabor=
-- In die Korrektionsanstalt --
=Herr Gabor=
In die ...?
=Frau Gabor=
... Korrektionsanstalt!
=Herr Gabor=
Er findet dort in erster Linie, was ihm zu Hause ungerechterweise
vorenthalten wurde; eherne Disziplin, Grundsätze, und einen moralischen
Zwang, dem er sich unter allen Umständen zu fügen hat. -- Im übrigen
ist die Korrektionsanstalt nicht der Ort des Schreckens, den du
dir darunter denkst. Das Hauptgewicht legt man in der Anstalt auf
Entwicklung einer christlichen Denk- und Empfindungsweise. Der Junge
lernt dort endlich, das _Gute_ wollen statt des _Interessanten_, und
bei seinen Handlungen nicht sein Naturell, sondern das _Gesetz_ in
Frage ziehen. -- -- Vor einer halben Stunde erhalte ich ein Telegramm
von meinem Bruder, das mir die Aussagen der Frau bestätigt. Melchior
hat sich ihm anvertraut und ihn um 200 Mark zur Flucht nach England
gebeten ...
=Frau Gabor=
(bedeckt ihr Gesicht)
Barmherziger Himmel!