Dritte Szene

_Herr und Frau Gabor_.

=Frau Gabor=

... Man hatte einen Sündenbock nötig. Man durfte die überall

lautwerdenden Anschuldigungen nicht auf sich beruhen lassen. Und nun

mein Kind das Unglück gehabt, den Zöpfen im richtigen Moment in den

Schuß zu laufen, nun soll ich, die eigene Mutter, das Werk seiner

Henker vollenden helfen? -- Bewahre mich Gott davor!

=Herr Gabor=

-- Ich habe deine geistvolle Erziehungsmethode vierzehn Jahre

schweigend mit angeseh’n. Sie widersprach meinen Begriffen. Ich hatte

von jeher der Überzeugung gelebt, ein Kind sei kein Spielzeug; ein

Kind habe Anspruch auf unsern heiligsten Ernst. Aber ich sagte mir,

wenn der Geist und die Grazie des Einen die ernsten Grundsätze eines

Andern zu ersetzen im stande sind, so mögen sie den ernsten Grundsätzen

vorzuziehen sein. -- -- Ich mache dir keinen Vorwurf, Fanny. Aber

vertritt mir den Weg nicht, wenn ich dein und mein Unrecht an dem

Jungen gutzumachen suche!

=Frau Gabor=

Ich vertrete dir den Weg, so lange ein Tropfen warmen Blutes in

mir wallt! In der Korrektionsanstalt ist mein Kind verloren. Eine

Verbrechernatur mag sich in solchen Instituten bessern lassen. Ich weiß

es nicht. Ein gutgearteter Mensch wird so gewiß zum Verbrecher darin,

wie die Pflanze verkommt, der du Luft und Sonne entziehst. Ich bin mir

keines Unrechtes bewußt. Ich danke heute wie immer dem Himmel, daß er

mir den Weg gezeigt, in meinem Kinde einen rechtlichen Charakter und

eine edle Denkungsweise zu wecken. Was hat er denn so Schreckliches

getan? Es soll mir nicht einfallen, ihn entschuldigen zu wollen --

daran, daß man ihn aus der Schule gejagt trägt er keine Schuld! Und

wär’ es sein Verschulden, so hat er es ja gebüßt. Du magst das alles

besser wissen. Du magst theoretisch vollkommen im Rechte sein. Aber ich

kann mir mein einziges Kind nicht gewaltsam in den Tod jagen lassen!

=Herr Gabor=

Das hängt nicht von uns ab, Fanny. -- Das ist ein Risiko, das wir mit

unserem Glück auf uns genommen. Wer zu schwach für den Marsch ist,

bleibt am Wege. Und es ist schließlich das Schlimmste nicht, wenn

das Unausbleibliche zeitig kommt. Möge uns der Himmel davor behüten!

Unsere Pflicht ist es, den Wankenden zu festigen, so lange die Vernunft

Mittel weiß. -- Daß man ihn aus der Schule gejagt, ist nicht seine

Schuld. Wenn man ihn nicht aus der Schule gejagt hätte, es wäre auch

seine Schuld nicht! -- Du bist zu leichtherzig. Du erblickst vorwitzige

Tändelei, wo es sich um Grundschäden des Charakters handelt. Ihr Frauen

seid nicht berufen, über solche Dinge zu urteilen. Wer _das_ schreiben

kann, was Melchior schreibt, der muß im innersten Kern seines Wesens

angefault sein. Das Mark ist ergriffen. Eine halbwegs gesunde Natur

läßt sich zu so etwas nicht herbei. Wir sind alle keine Heiligen;

jeder von uns irrt vom schnurgeraden Pfad ab. Seine Schrift hingegen

vertritt das _Prinzip_. Seine Schrift entspricht keinem zufälligen

gelegentlichen Fehltritt; sie dokumentiert mit schaudererregender

Deutlichkeit den aufrichtig gehegten _Vorsatz_, jene natürliche

Veranlagung, jenen Hang zum _Unmoralischen_, weil es das Unmoralische

ist. Seine Schrift manifestiert jene exzeptionelle geistige Korruption,

die wir Juristen mit dem Ausdruck „_moralischer Irrsinn_“ bezeichnen.

-- Ob sich gegen seinen Zustand etwas ausrichten läßt, vermag ich

nicht zu sagen. _Wenn_ wir uns einen Hoffnungsschimmer bewahren wollen,

und in erster Linie unser fleckenloses Gewissen als die Eltern des

Betreffenden, so ist es Zeit für uns, mit Entschiedenheit und mit allem

Ernste ans Werk zu gehen. -- Laß uns nicht länger streiten, Fanny! Ich

fühle, wie schwer es dir wird. Ich weiß, daß du ihn vergötterst, weil

er so ganz deinem genialischen Naturell entspricht. Sei stärker als du!

Zeig’ dich deinem Sohn gegenüber endlich einmal selbstlos!

=Frau Gabor=

Hilf mir Gott, wie läßt sich dagegen aufkommen! -- Man muß ein _Mann_

sein, um so sprechen zu können! Man muß ein _Mann_ sein, um sich so

vom toten Buchstaben verblenden lassen zu können! Man muß ein _Mann_

sein, um so blind das in die Augen Springende nicht zu sehn! -- Ich

habe gewissenhaft und besonnen an Melchior gehandelt vom ersten Tag

an, da ich ihn für die Eindrücke seiner Umgebung empfänglich fand.

Sind wir denn für den _Zufall_ verantwortlich?! Dir kann morgen ein

Dachziegel auf den Kopf fallen, und dann kommt dein Freund -- dein

Vater, und statt deine Wunde zu pflegen, setzt er den Fuß auf dich!

-- Ich lasse mein Kind nicht vor meinen Augen hinmorden. Dafür bin

ich seine Mutter. -- Es ist unfaßbar! Es ist gar nicht zu glauben!

Was schreibt er denn in aller Welt! Ist’s denn nicht der eklatanteste

Beweis für seine Harmlosigkeit, für seine Dummheit, für seine kindliche

Unberührtheit, daß er so etwas schreiben kann! -- Man muß keine Ahnung

von Menschenkenntnis besitzen -- man muß ein vollständig entseelter

Bureaukrat oder ganz nur Beschränktheit sein, um hier moralische

Korruption zu wittern! -- -- Sag’ was du willst. Wenn du Melchior in

die Korrektionsanstalt bringst, dann sind _wir_ geschieden! Und dann

laß mich sehen, ob ich nicht irgendwo in der Welt Hilfe und Mittel

finde, mein Kind seinem Untergange zu entreißen.

=Herr Gabor=

Du wirst dich drein schicken müssen -- wenn nicht heute, dann morgen.

Leicht wird es keinem, mit dem Unglück zu diskontieren. Ich werde dir

zur Seite stehen, und wenn dein Mut zu erliegen droht, keine Mühe und

kein Opfer scheuen, dir das Herz zu entlasten. Ich sehe die Zukunft so

grau, so wolkig -- es fehlte nur noch, daß auch du mir noch verloren

gingst.

=Frau Gabor=

Ich sehe ihn nicht wieder; ich sehe ihn nicht wieder. Er erträgt das

Gemeine nicht. Er findet sich nicht ab mit dem Schmutz. Er zerbricht

den Zwang; das entsetzlichste Beispiel schwebt ihm vor Augen! -- Und

sehe ich ihn wieder -- Gott, Gott, dieses frühlingsfrohe Herz -- sein

helles Lachen -- alles, alles -- seine kindliche Entschlossenheit,

mutig zu kämpfen für Gut und Recht -- o dieser Morgenhimmel, wie ich

ihn licht und rein in seiner Seele gehegt als mein höchstes Gut.....

Halte dich an mich, wenn das Unrecht um Sühne schreit! Halte dich an

mich! Verfahre mit mir wie du willst! _Ich_ trage die Schuld. -- Aber

laß deine fürchterliche Hand von dem Kind weg.

=Herr Gabor=

_Er_ hat sich vergangen!

=Frau Gabor=

_Er hat sich nicht vergangen!_

=Herr Gabor=

Er hat sich vergangen! -- -- -- Ich hätte alles darum gegeben, es

deiner grenzenlosen Liebe ersparen zu dürfen. -- -- Heute morgen kommt

eine Frau zu mir, vergeistert, kaum ihrer Sprache mächtig, mit diesem

Brief in der Hand -- einem Brief an ihre fünfzehnjährige Tochter. Aus

dummer Neugierde habe sie ihn erbrochen; das Mädchen war nicht zu Haus.

-- In dem Briefe erklärt Melchior dem fünfzehnjährigen Kind, daß ihm

seine Handlungsweise keine Ruhe lasse, er habe sich an ihr versündigt

etc. etc., werde indessen natürlich für alles einstehen. Sie möge sich

nicht grämen, auch wenn sie Folgen spüre. Er sei bereits auf dem Wege

Hilfe zu schaffen; seine Relegation erleichtere ihm das. Der ehemalige

Fehltritt könne noch zu ihrem Glücke führen -- und was des unsinnigen

Gewäsches mehr ist.

=Frau Gabor=

Unmöglich!!

=Herr Gabor=

Der Brief ist gefälscht. Es liegt Betrug vor. Man sucht sich seine

stadtbekannte Relegation nutzbar zu machen. Ich habe mit dem

Jungen noch nicht gesprochen -- aber sieh bitte die Hand! Sieh die

Schreibweise!

=Frau Gabor=

Ein unerhörtes, schamloses Bubenstück!

=Herr Gabor=

Das fürchte ich!

=Frau Gabor=

Nein, nein -- nie und nimmer!

=Herr Gabor=

Um so besser wird es für uns sein. -- Die Frau fragt mich händeringend,

was sie tun solle. Ich sagte ihr, sie solle ihre fünfzehnjährige

Tochter nicht auf Heuböden herumklettern lassen. Den Brief hat sie

mir glücklicherweise dagelassen. -- Schicken wir Melchior nun auf ein

anderes Gymnasium, wo er nicht einmal unter elterlicher Aufsicht steht,

so haben wir in drei Wochen den nämlichen Fall -- neue Relegation --

sein frühlingsfreudiges Herz gewöhnt sich nachgerade daran. -- Sag’

mir, Fanny, wo soll ich hin mit dem Jungen?!

=Frau Gabor=

-- In die Korrektionsanstalt --

=Herr Gabor=

In die ...?

=Frau Gabor=

... Korrektionsanstalt!

=Herr Gabor=

Er findet dort in erster Linie, was ihm zu Hause ungerechterweise

vorenthalten wurde; eherne Disziplin, Grundsätze, und einen moralischen

Zwang, dem er sich unter allen Umständen zu fügen hat. -- Im übrigen

ist die Korrektionsanstalt nicht der Ort des Schreckens, den du

dir darunter denkst. Das Hauptgewicht legt man in der Anstalt auf

Entwicklung einer christlichen Denk- und Empfindungsweise. Der Junge

lernt dort endlich, das _Gute_ wollen statt des _Interessanten_, und

bei seinen Handlungen nicht sein Naturell, sondern das _Gesetz_ in

Frage ziehen. -- -- Vor einer halben Stunde erhalte ich ein Telegramm

von meinem Bruder, das mir die Aussagen der Frau bestätigt. Melchior

hat sich ihm anvertraut und ihn um 200 Mark zur Flucht nach England

gebeten ...

=Frau Gabor=

(bedeckt ihr Gesicht)

Barmherziger Himmel!

Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie · 第 35 / 59 题