=Martha=
Kannst du dir denken, Thea, was Mama damit meinte?
=Thea=
Ich nicht. -- Du, Wendla?
=Wendla=
Ich hätte sie einfach gefragt.
=Martha=
Ich lag auf der Erde und schrie und heulte. Da kommt Papa. Ritsch --
das Hemd herunter. Ich zur Türe hinaus. Da habe man’s! Ich wolle nun
wohl so auf die Straße hinunter....
=Wendla=
Das ist doch gar nicht wahr, Martha.
=Martha=
Ich fror. Ich schloß auf. Ich habe die ganze Nacht im Sack schlafen
müssen.
=Thea=
Ich könnte meiner Lebtag in keinem Sack schlafen!
=Wendla=
Ich möchte ganz gern mal für dich in deinem Sack schlafen.
=Martha=
Wenn man nur nicht geschlagen wird.
=Thea=
Aber man erstickt doch darin!
=Martha=
Der Kopf bleibt frei. Unter dem Kinn wird zugebunden.
=Thea=
Und dann schlagen sie dich?
=Martha=
Nein. Nur wenn etwas Besonderes vorliegt.
=Wendla=
Womit schlägt man dich, Martha?
=Martha=
Ach was -- mit allerhand. -- Hält es deine Mutter auch für unanständig,
im Bett ein Stück Brot zu essen?
=Wendla=
Nein, nein.
=Martha=
Ich glaube immer, sie haben doch ihre Freude -- wenn sie auch nichts
davon sagen. -- Wenn ich einmal Kinder habe, ich lasse sie aufwachsen
wie das Unkraut in unserem Blumengarten. Um das kümmert sich niemand,
und es steht so hoch, so dicht -- während die Rosen in den Beeten an
ihren Stöcken mit jedem Sommer kümmerlicher blühn.
=Thea=
Wenn ich Kinder habe, kleid’ ich sie ganz in Rosa. Rosahüte,
Rosakleidchen, Rosaschuhe. Nur die Strümpfe -- die Strümpfe schwarz
wie die Nacht! Wenn ich dann spazieren gehe, laß ich sie vor mir
hermarschieren. -- Und du, Wendla?
=Wendla=
Wißt ihr denn, ob ihr welche bekommt?
=Thea=
Warum sollten wir keine bekommen?
=Martha=
Tante Euphemia hat allerdings auch keine.
=Thea=
Gänschen! -- weil sie nicht _verheiratet_ ist.
=Wendla=
Tante Bauer war dreimal verheiratet und hat nicht ein einziges.
=Martha=
-- Wenn du welche bekommst, Wendla, was möchtest du lieber, Knaben oder
Mädchen?
=Wendla=
Jungens! Jungens!
=Thea=
Ich auch Jungens!
=Martha=
Ich auch. Lieber zwanzig Jungens als drei Mädchen.
=Thea=
Mädchen sind langweilig!
=Martha=
Wenn ich nicht schon ein Mädchen geworden wäre, ich würde es heute
gewiß nicht mehr.
=Wendla=
Das ist, glaube ich, Geschmacksache, Martha! Ich freue mich jeden Tag,
daß ich Mädchen bin. Glaub’ mir, ich wollte mit keinem Königssohn
tauschen. -- Darum möchte ich aber doch nur Buben!
=Thea=
Das ist doch Unsinn, lauter Unsinn, Wendla!
=Wendla=
Aber ich bitte dich, Kind, es muß doch tausendmal erhebender sein, von
einem Manne geliebt zu werden, als von einem Mädchen!
=Thea=
Du wirst doch nicht behaupten wollen, Forstreferendar Pfälle liebe
Melitta mehr als sie ihn!
=Wendla=
Das will ich wohl, Thea! -- Pfälle ist stolz. Pfälle ist stolz darauf,
daß er Forstreferendar ist -- denn Pfälle hat nichts. -- Melitta ist
_selig_, weil sie zehntausendmal mehr bekommt, als sie ist.
=Martha=
Bist du nicht stolz auf dich, Wendla?
=Wendla=
Das wäre doch einfältig.
=Martha=
Wie wollt’ ich stolz sein an deiner Stelle.
=Thea=
Sieh’ doch nur, wie sie die Füße setzt -- wie sie geradaus schaut --
wie sie sich hält, Martha! -- Wenn das nicht Stolz ist!
=Wendla=
Wozu nur?! Ich bin so glücklich, Mädchen zu sein; wenn ich kein Mädchen
wär’, brächt’ ich mich um, um das nächste Mal ...
=Melchior=
(geht vorüber und grüßt)
=Thea=
Er hat einen wundervollen Kopf.
=Martha=
So denke ich mir den jungen Alexander, als er zu Aristoteles in die
Schule ging.
=Thea=
Du lieber Gott, die griechische Geschichte! -- Ich weiß nur noch,
wie Sokrates in der Tonne lag, als ihm Alexander den Eselsschatten
verkaufte.
=Wendla=
Er soll der Drittbeste in seiner Klasse sein.
=Thea=
Professor Knochenbruch sagt, wenn er wollte, könnte er Primus sein.
=Martha=
Er hat eine schöne Stirne, aber sein Freund hat einen seelenvolleren
Blick.
=Thea=
Moritz Stiefel? -- Ist das eine Schlafmütze!
=Martha=
Ich habe mich immer ganz gut mit ihm unterhalten.
=Thea=
Er blamiert einen, wo man ihn trifft. Auf dem Kinderball bei Rilows
bot er mir Pralinees an. Denke dir, Wendla, die waren weich und warm.
Ist das nicht ...? -- Er sagte, er habe sie zu lang in der Hosentasche
gehabt.
=Wendla=
Denke dir, Melchi Gabor sagte mir damals, er glaube an nichts -- nicht
an Gott, nicht an ein Jenseits -- an gar nichts mehr in dieser Welt.