_Thea_, _Wendla_ und _Martha_ kommen Arm in Arm die _Straße_ herauf
=Martha=
Wie einem das Wasser ins Schuhwerk dringt!
=Wendla=
Wie einem der Wind um die Wangen saust!
=Thea=
Wie einem das Herz hämmert!
=Wendla=
Geh’n wir zur Brücke hinaus! Ilse sagte der Fluß führe Sträucher und
Bäume. Die Jungens haben ein Floß auf dem Wasser. Melchi Gabor soll
gestern abend beinah ertrunken sein.
=Thea=
O der kann schwimmen!
=Martha=
Das will ich meinen, Kind!
=Wendla=
Wenn er nicht hätte schwimmen können, wäre er wohl sicher ertrunken!
=Thea=
Dein Zopf geht auf, Martha; dein Zopf geht auf!
=Martha=
Puh -- laß ihn aufgehn! Er ärgert mich so Tag und Nacht. Kurze Haare
tragen wie du darf ich nicht, das Haar offen tragen wie Wendla darf ich
nicht, Ponyhaare tragen darf ich nicht, und zu Hause muß ich mir gar
die Frisur machen -- alles der Tanten wegen!
=Wendla=
Ich bringe morgen eine Schere mit in die Religionsstunde. Während du
„Wohl dem, der nicht wandelt“ rezitierst, werd’ ich ihn abschneiden.
=Martha=
Um Gotteswillen, Wendla! Papa schlägt mich krumm, und Mama sperrt mich
drei Nächte ins Kohlenloch.
=Wendla=
Womit schlägt er dich, Martha?
=Martha=
Manchmal ist es mir, es müßte ihnen doch etwas abgehen, wenn sie keinen
so schlechtgearteten Balg hätten wie ich.
=Thea=
Aber Mädchen!
=Martha=
Hast du dir nicht auch ein himmelblaues Band durch die Hemdpasse ziehen
dürfen?
=Thea=
Rosa Atlas! Mama behauptet, Rosa stehe mir bei meinen pechschwarzen
Augen.
=Martha=
Mir stand Blau reizend! -- Mama riß mich am Zopf zum Bett heraus. So
-- fiel ich mit den Händen voraus auf die Diele. -- Mama betet nämlich
Abend für Abend mit uns....
=Wendla=
Ich an deiner Stelle wäre ihnen längst in die Welt hinausgelaufen.
=Martha=
... Da habe man’s, worauf ich ausgehe! -- Da habe man’s ja! -- Aber
sie wolle schon sehen -- o sie wolle noch sehen! -- Meiner Mutter
wenigstens solle ich einmal keine Vorwürfe machen können....
=Thea=