Nicht das Verhältnis eines Gegenstandes in seinem Stilcharakter zur
Wirkung der nächsten architektonischen Umgebung, auch nicht der Umstand,
ob der Gegenstand heute noch den ihm zukommenden Zweck erfüllt, war für
seine Erhaltung maßgebend, sondern einzig und allein die Tatsache seines
Vorhandenseins. Bei den scheinbar unbedeutenden Gegenständen fiel das
kirchen- und lokalgeschichtliche Interesse ins Gewicht. Eine besondere
Beachtung wurde auch dem Standort der Gegenstände zugewendet. Gerade bei
denjenigen Inventarstücken, welche ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet
sind, ist die Beibehaltung des alten Standortes von großer Wichtigkeit.
Die historische Beziehung zur Kirche, welche meist nur aus dem Standorte
zu erkennen ist, erhebt den Gegenstand über die Bedeutung eines bloßen
Museumsobjektes.
Hervorzuheben ist, daß die Restaurierung der Statuen durch Abnahme
der starken Tünchkruste mit dem Gewinn bunter Fassung und feiner
Modellierung belohnt wurde, und daß bei vielen Werken Feststellungen
bezüglich der Enstehungszeit und Autorschaft gemacht werden konnten.
Die Ergänzungen der Bildhauerarbeiten, die Wiederherstellung der
Faßmalereien und die Renovierung der Wand- und Tafelgemälde wurden
vorgebildeten Kräften anvertraut. Nur zwei Gruppen von Inventarstücken
mußten aus finanziellen Gründen vorerst zurückgestellt werden, die
Wandteppiche und die Glasgemälde.
Den Bestand des Inventars hatte Heideloff wesentlich geschmälert.
Die Mittelschiffemporen, die Kanzel und der Hauptaltar, aus der
Barockzeit stammend, mußten seinen auf Stilreinheit gerichteten
Wiederherstellungsabsichten weichen. Kanzel und Altar wurden durch
Neuschöpfungen im Stile der Spätgotik ersetzt. Mit der Entfernung des
neuen Altars erklärte sich der Bauauschuß einverstanden; man begnügte
sich damit, anstatt des Altaraufsatzes einen der wertvollen Gobelins
hinter der Mensa anzubringen und darüber die Kreuzigungsgruppe von
Veit Stoß aufzustellen. Die reich geschnitzte Kanzel wurde belassen.
Das Fehlen der langen Mittelschiffemporen wird man nicht zu beklagen
brauchen. Denn nach Kupferstichen zu schließen, hatten sie keine
künstlerischen Vorzüge aufzuweisen und standen der von ihnen verdeckten
kunstgeschichtlich interessanten Triforiengalerie jedenfalls bedeutend
nach.
Das Restaurierungswerk im ganzen betrachtet muß eine hervorragende,
in Anbetracht der Qualität eine vorbildliche Tat genannt werden. Mit
weiser, freiwillig auferlegter Zurückhaltung, dem vornehmsten Gebot
der Denkmalpflege, hat die Bauleitung bei Lösung der gestellten
Aufgaben verfahren. Die hier in der Praxis verwirklichten Anschauungen
wird selbst der eifrigste Gegner, wenn er im konkreten Fall
Restaurierungsbedürftigkeit und vollendete Ausführung gegenüberstellt,
als richtig anerkennen müssen.
Die Anhänger der absoluten Stilreinheit sind zwar bis auf einige
Unheilbare, die erfreulicherweise auf die heutige Entwicklung der
Restaurierungsmethode ohne Einfluß sind, ausgestorben. Aber schon
machen sich ernsthafte Bestrebungen geltend, welche unter Hinweis auf
das Verhalten früherer Jahrhunderte gegenüber restaurierungsbedürftigen
Denkmälern einer Ergänzung im Stilcharakter der Gegenwart auch
bei der Außenarchitektur unter allen Umständen das Wort reden. Es
erscheint unverständlich, wie hier das Vorgehen früherer Epochen
als mustergültiges Beispiel empfohlen werden kann. So sehr auch den
Alten gedankt werden muß, daß sie bei dem geringen Verständnis für
vorausgegangene Stilperioden keine Lust verspürten, gegebenen Falls in
der ihnen fremd gewordenen Formensprache Ergänzungen vorzunehmen --
solche Fälle finden sich zwar auch in der Kunstgeschichte, jedoch nur
vereinzelt --, so wenig wird begriffen, warum nun mit einem Male all die
vielen Erfahrungen und gründlichen Kenntnisse, die man sich im Laufe des
vorigen Jahrhunderts auf dem weiten Gebiete des Restaurierungswesens
durch gründliches Studium der eigenartigen mittelalterlichen
Konstruktionsmethoden besonders in der Steinmetztechnik verschafft
hat, beiseite zu legen sind. Man sollte sich vielmehr darüber freuen,
daß solche Erfolge erzielt wurden, und durch Gründung von Schulen für
Fortpflanzung, Vermehrung und weitere Verbreitung der erworbenen
Fähigkeiten Sorge tragen. Angenommen, unsere Zeit wäre in der zweifellos
glücklichen Lage, über eigene Ausdrucksformen in der Kunst zu verfügen,
welche auf gleicher Höhe mit den historisch gewordenen früheren
Stilarten stünden: was wäre mit der Anwendung dieses Stiles z. B. bei
der Restaurierung des Ostchores erreicht worden? Es hätte zunächst
auf die mancherlei aufgefundenen Überreste, welche eine Restauration
der alten Mauerkrone leicht ermöglichten, verzichtet und, um den
ästhetisch unbedingt notwendigen Abschluß herzustellen, eine Bekrönung
oder ein Dachgesims geschaffen werden müssen, welche keineswegs in den
günstigen organischen Zusammenhang mit der Architektur des vorhandenen
Mauerwerkes zu bringen gewesen wäre wie die rekonstruierte Galerie.
Anders freilich würde die Sache liegen, wenn es sich um die Neuschöpfung
eines selbständigen Bauteiles, etwa einer Sakristei, oder um Anschaffung
eines neuen Inventarstückes, eines Altares, gehandelt hätte. Hier müßte
individuelle künstlerische Eigenart zum Ausdruck kommen.[69]
Man vergißt anscheinend auch, daß das Vorgehen früherer Zeiten bei
reparaturbedürftigen Denkmälern große Nachteile hatte. Wurden Bauten
in jeweils modernem Stil ergänzt oder umgebaut, dann ließ man nicht
immer die gebührende Rücksicht walten und entfernte oft mehr, als der
Billigkeit entsprach. Defekte Statuen vollends, auch solche in gutem
Zustande, wurden dem Zeitgeschmack gemäß abgeändert, meist verstümmelt
oder, wenn sie nicht mehr gefallen wollten, vernichtet, defekte Gemälde
wanderten im günstigsten Fall auf den Speicher, gewöhnlich wurden sie
verschleudert oder übermalt, so daß sie in dem einen wie in dem anderen
Fall unrettbar verloren waren. Gewiß keine empfehlenswerten Maßnahmen!
Die Bedeutung als nachahmenswerte Leistung gebührt dem nunmehr fertigen
Werke der Wiederherstellung der Sebalduskirche auch deswegen, weil
sich die Restaurierung nicht nur auf den Bau und die wenigen vom
protestantischen Kultus benötigten Inventargegenstände, sondern auf die
gesamte ungemein reichhaltige Ausstattung erstreckt hat. Wohl selten
wird Gelegenheit geboten, einen Bau von der Stellung der Sebalduskirche
und zugleich eine solche Fülle von Meisterwerken nach pietätvollen
Prinzipien unter berufener Leitung zu restaurieren und unter so
günstigen Umständen die Arbeit zu vollenden. Ein ganz besonderes
Verdienst gebührt hiebei dem kunstsinnigen Pfarrer von St. Sebald,
Kirchenrat Friedrich Michahelles, der die Vollendung des Werkes nicht
mehr erleben sollte. Einen wesentlichen Beitrag zu dem Werke lieferte im
übrigen die Unterstützung des Nürnberger Patriziats. Ist es ihm schon
zu danken, daß in den späteren Jahrhunderten, als der stets wechselnde
Zeitgeschmack, namentlich in den Gegenden des Protestantismus, zu
ungunsten der Kunsterzeugnisse des Mittelalters sich äußerte, in
Nürnberg soviel wie möglich von den Werken der Väter gerettet wurde,
so war es diesmal ebenfalls Lokalpatriotismus im besten Sinne des
Wortes, welcher es, ohne große Opfer zu scheuen, zustande brachte,
die prächtigen Familienstiftungen in ihrer Gesamtheit in altem Glanze
erstehen zu lassen.
Zur Erhaltung der ruinösen Originale, Statuen, Reliefs und der kleineren
Bauglieder, welche durch Kopien ersetzt werden mußten, wurde von der
Bauleitung ein kleines Museum gegründet, welches in der Westkrypta als
Lapidarium und im oberen Stockwerke der großen Sakristei Unterkunft
gefunden hat. Ein anderer Teil der Statuen ist in der Kirche selbst
untergebracht. Im oberen Stockwerke der Sakristei wurden als weitere
Sammlungsgegenstände Modelle, zeichnerische und photographische
Aufnahmen der Kirche in ihrem vorgefundenen Zustand beigefügt. Das
angehäufte und systematisch geordnete Anschauungsmaterial gestattet
einen vortrefflichen Einblick in die Tätigkeit der Bauleitung und
die von ihr angewendeten Grundsätze und Methoden.[70] Über dieses
kleine Museum der Denkmalsplage, wie man es nennen könnte, wird etwas
ausführlicher noch weiter unten zu handeln sein.
Wir lassen nunmehr die Berichte der Bauleitung über die
Wiederherstellungsarbeiten in ihrem Wortlaute folgen.
3. Bericht der Bauleitung über die Wiederherstellung des Äußeren.
1888-1904.
=1888-1889.= Die seit dem Jahre 1882 im Gange befindlichen umfangreichen
Vorarbeiten zur Wiederherstellung der Sebalduskirche waren im Jahre 1888
so weit gediehen, daß die Verwaltung des Vereinigten protestantischen
Kirchenvermögens die Inangriffnahme des Werkes beschließen konnte.
Professor =von Hauberisser= in München sandte daher im Juli dieses
Jahres den Unterzeichneten nach Nürnberg, um die Leitung der baulichen
Arbeiten an Ort und Stelle zu übernehmen. Professor von Hauberisser
selbst traf alle künstlerischen und technischen Dispositionen während
periodischer Besuche in Nürnberg.
Die Kirchenverwaltung wählte aus ihrer Mitte einen =Ausschuß=, der über
alle vorzunehmenden Bauarbeiten beraten und Beschluß fassen sollte.
Es gehörten ihm unter dem Vorsitze des ersten Pfarrers von St. Sebald
Friedr. =Michahelles= folgende Herren an: Fabrikbesitzer von Forster,
Baumeister Goll, Justizrat Hilpert, Schlossermeister Leibold, Ingenieur
Rupprecht und Magistratsrat Tauber.
Für die große, auf lange Jahre hinaus projektierte Unternehmung
erwies sich die Errichtung einer =Bauhütte= als erforderlich, die als
zweistöckiges Fachwerkgebäude neben dem südlichen Turm errichtet wurde
und die Zeichenzimmer enthielt, während ein östlicher Flügelbau die
Steinmetzwerkstätte und Schmiede aufnahm.
Ursprünglich hatte die Absicht bestanden, mit der Wiederherstellung
eines Strebepfeilers am Ostchor zu beginnen. Allein die fortschreitende
Verwitterung der Pfeilerendigungen dort und die Rücksicht auf eine
größere Einheitlichkeit des Betriebes empfahlen, als ersten Bauabschnitt
die Wiederherstellung der =Chorgalerie= und ihrer Pfeilerspitzen in
Arbeit zu nehmen.
Es wurde daher zunächst in der Höhe des Hauptgesimses an den vier
ersten Jochen bei der Brauttüre ein Gerüst und auf der Nordseite der
Sakristei ein gezimmerter Treppenturm aufgestellt. Aus verschiedenen
alten Nachrichten war bekannt, daß die Galerie im Jahre 1561 wegen
Baufälligkeit abgebrochen worden war; an ihrer Stelle hatte man damals
ein schweres steinernes Karniesgesims aufgesetzt und mittelst einer
Aufschiftung das Dach darüber gezogen.
Nun wurde diese Aufschiftung und das Gesims entfernt und letzteres
zur Anlage einer Umfassungsmauer um die Bauhütte benutzt. Beim
Aufbrechen der frei liegenden Mauerkrone fanden sich erfreulicherweise
am 7. November kleine =Reste der ursprünglichen Galerie=, aus deren
Zusammenstellung sowohl die frühere Form der Maßwerkfüllungen wie des
mit Zinnen besetzten Abdeckungsgesimses erkennbar waren (Abb. 33 und
139). In der Hoffnung auf weitere Funde wurde jetzt das bisher nur
bei vier Jochen angebrachte Gerüst um den ganzen Chor geführt, und es
konnten in der Tat auch die verschiedenen Formen, welche im Maßwerk bei
den einzelnen Jochen abwechselten, genau festgestellt werden.
Nach Beendigung der nötigen Aufnahmen und Vermessungen sowie der
Herstellung der Werkzeichnungen für die neuen Bauteile wurde mit der
Steinmetzarbeit begonnen, die für den Umfang der Galerie der Firma
Göschel & Alt, von welcher Joh. Göschel durch seine Arbeiten an der
Frauenkirche und dem Germanischen Nationalmuseum schon viele Erfahrungen
gesammelt hatte, in Akkord gegeben wurde. Es zeigte sich aber, daß für
solche Arbeiten der Regiebetrieb unter Verrechnung der Selbstkosten
seitens des ausführenden Meisters und mit prozentualem Zuschlage einer
Meistergebühr geeigneter ist; daher wurde in der Folge die Akkordarbeit
wieder aufgegeben. Die Werkhütte, die Gerüste und die hauptsächlichsten
Arbeitsgeräte waren ohnehin von der Kirchenverwaltung gestellt worden.
Auch die =Werksteine= wurden von der Bauleitung direkt bezogen. Da der
Stein aus der näheren Umgebung wegen seiner geringen Wetterbeständigkeit
und der Schwierigkeit, guten Kernfelsen zu erhalten, nicht in Frage
kommen konnte, wurde auf Grund einer von Professor Hauberrisser
und einigen Sachverständigen der Kirchenverwaltung ausgeführten
Inspektionsreise ein gelblicher Sandstein von Bayreuth (Buntsandstein
der Triasperiode) und ein rötlicher aus der Kulmbacher Gegend verwendet.
[Illustration: Abb. 33. Die aufgefundenen Reste der ehemaligen Galerie
am Ostchor.]
Hauptgewicht wurde darauf gelegt, daß der Stein rauhes Korn habe, damit
er in der zu erwartenden Patina sich den alten Steinen einfüge und nicht
wie dies z. B. beim Mainsandstein (siehe Frauenkirche) der Fall ist,
durch Beibehaltung seiner Naturfarbe einen zu großen Gegensatz zu seiner
Umgebung bilde.
Für die der Verwitterung sehr ausgesetzten Werkstücke, z. B. die
Maßwerke der Galerie, fand der harte und wetterbeständige =Quarzit= aus
Wendelstein Verwendung.
Mit der Herstellung der Modelle zu den ornamentalen Skulpturen, die in
einer der Bauhütte angefügten Modellkammer zur Ausführung kamen, wurde
der Bildhauer und Lehrer an der Kunstgewerbeschule G. Leistner betraut.
Die Untersuchung der oberen Chormauer führte auch zu einer unliebsamen
Entdeckung.
Aus den Balken, welche, auf der Mauerkrone aufliegend, den Dachstuhl
tragen, waren zu irgend einer Zeit in der Mitte größere Stücke
herausgeschnitten worden, so daß der gewaltige Dachstuhl durch den
radialen Schub die Mauern hinausgedrückt hatte. Schon zeigten sich bei
den Gewölben klaffende Risse. Es war daher notwendig, die Balken wieder
zu ergänzen und mit ihnen bei jedem Joch eiserne Verschlauderungen in
Verbindung zu bringen.
Auch den großen Westgiebel entlang wurden die auf beiden Seiten
ausgewichenen Strebepfeiler durch eine starke Verschlauderung wieder
verbunden.
In der Werkhütte nahmen die Steinmetzarbeiten Winter und Sommer über
einen guten Fortgang, so daß am 14. Oktober 1889 der =erste Stein= zur
Galerie bei der Ecke über dem Brauttor versetzt werden konnte. Die
übrigen Versetzarbeiten wurden bis zum Ende des Jahres fortgesetzt.
=1890.= Die Versetzarbeiten an der =Chorgalerie= wurden durch die
Witterungsverhältnisse so begünstigt, daß selbst den Winter hindurch
keine Unterbrechung stattfand.
Im Februar konnten schon an den ersten Jochen die neuhergestellten
Arbeiten von den Gerüsten befreit werden. Der fahrbare Aufzugskran wurde
jeweilig zu den neuen Arbeitstellen weiter geschoben.
Die Rinnenanlage hinter der Galerie war in solidester Weise unter
Verwendung von starkem Kupfer herzustellen und wurde zum Schutze
mit Holzrosten belegt. Auch die Wasserspeier erhielten eine
Kupferausfütterung.
Entsprechend den äußeren Arbeiten mußte auch der Betrieb in der Hütte
gefördert werden. Dazu erwies sich eine Erweiterung der Bauhütte als
erforderlich, die als ein seitlicher Anbau an der Ostseite der Bauhütte
zur Ausführung kam, so daß etwa 46 Steinmetzen untergebracht werden
konnten.
Da unter den bezogenen Werksteinen viele vorhandener Stiche und gröberer
Toneinsprengungen wegen ausgeschossen werden mußten, wurden verschiedene
Versuche mit neuen Bezugsquellen aus der Gegend von Aschaffenburg und
von Lahr in Baden, und zwar mit wechselndem Erfolg gemacht. Am besten
bewährte sich immer der Wendelsteiner Quarzit, dessen Bearbeitung jedoch
wegen seiner Härte große Kosten verursachte.
Im Juni war die Chorgalerie schon zur Hälfte fertiggestellt.
Professor Hauberrisser war wiederholt zur Besprechung aller baulichen
Dispositionen anwesend; auch fanden zu gleichem Zwecke verschiedene
Sitzungen des Bauausschusses statt. Im November besichtigte
Kultusminister von Müller die Bauarbeiten. Am 4. Dezember konnte in
feierlicher Weise die Aufsetzung des letzten Steines der Galerie beim
westlichen Pfeiler an der Südseite stattfinden. Stadtpfarrer Lotholz
legte als Vorstand der Kirchenverwaltung bei dieser Gelegenheit
eine Urkunde über dem nunmehr vollendeten ersten Bauabschnitt der
Wiederherstellung in den Schlußstein ein.
Die Bauleitung, welche mit ihren zeichnerischen und
Projektierungsarbeiten naturgemäß den Ausführungsarbeiten stets voraus
sein mußte, hatte unterdessen die Aufnahmen der Strebepfeiler am Ostchor
hergestellt und für diese Abwechslungsarbeiten die erforderlichen
Vorarbeiten eingeleitet.
Zimmermeister Steger, der die Gerüstarbeiten bisher ausgeführt hatte,
war in diesem Jahre gestorben. An seiner Stelle wurde Zimmermeister F.
Birkmann mit den weiteren Zimmerarbeiten beauftragt.
=1891.= Bezüglich der Wiederherstellung der =Strebepfeiler am Ostchor=
war ursprünglich geplant, nur einzelne schadhafte Stellen durch
Einsetzen von mehr oder weniger großen »Vierungen« auszubessern. Es
stellte sich jedoch bei näherer Untersuchung eine so starke Verwitterung
aller Profilierungen und Skulpturen heraus, daß bei jedem Pfeiler
ungefähr fünfzig Werkstücke ganz neu ersetzt werden mußten (Abb. 34),
wobei jedesmal 2-1/2-3 m hohe Teile des Pfeilers bis in die eigentliche
Umfassungsmauer hinein auszubrechen waren.
[Illustration: Abb. 34. Ostchorpartie nach der Restaurierung.]
Da hierdurch der Strebepfeiler, der die Gewölbe stützen sollte, jeden
Halt verloren haben würde, so war die Anbringung einer eisernen
Stützkonstruktion erforderlich, zu welcher Direktor Rieppel einen
Entwurf herstellte. Derselbe gedachte zuerst mit einer 10 m hohen
eisernen Stütze vom Straßenniveau aus den oberen Pfeiler abzufangen,
hielt aber dann den Gedanken Professor Hauberrissers fest, den oberen
Pfeiler auf den unteren mittels einer Eisenkonstruktion abzustützen,
welche jedesmal nur die Höhe des erforderlichen Ausbruches hatte.
Die Hütte hatte schon im Anfang des Jahres mit der Bearbeitung der
Werkstücke zu den Pfeilern, und zwar zunächst der großen Kreuzblumen und
Riesen begonnen.
Im Oktober waren alle Vorbereitungen so weit gediehen, daß auf der
Nordseite die Abstützung zum ersten Male aufgestellt werden und die
Auswechslung vor sich gehen konnte. Im Inneren sollte ein Zeiger, der
sich mittels Hebelübersetzung einer Millimeterteilung entlang bewegte,
jede kleinste Veränderung des Mauerwerkes anzeigen.
Mit Steinmetzmeister Göschel war schon im Jahre 1890 ein Vertrag über
die Wiederherstellung eines Pfeilers abgeschlossen, welcher im April auf
vier weitere und im Oktober auf sämtliche Pfeiler ausgedehnt wurde.
Die vielen Abweichungen in den architektonischen Formen sowohl wie
in den Maßverhältnissen der Strebepfeiler wurden bei der Erneuerung
sorfältig festgehalten, wobei auf charakteristische Wiedergabe der
Profilierungen wie der Ornamentation großer Wert gelegt wurde.
Professor Hauberrisser lud den Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg
im April zu einer Besichtigung der Arbeiten in der Bauhütte ein, und im
August stattete die in Nürnberg tagende Hauptversammlung der deutschen
Architekten der Sebalduskirche einen Besuch ab.
[Illustration: Abb. 35. Neuer Verkündigungsengel am Ostchor.]
=1892.= Die Wiederherstellungsarbeiten an den =Ostchorpfeilern= wurden
in diesem Jahre in der Weise fortgeführt, daß zu gleicher Zeit an den
Pfeilern selbst die fertigen Werkstücke unter jedesmaliger Verwendung
der Stützkonstruktion versetzt und in der Hütte für die weiteren Pfeiler
die neuen Werksteine bearbeitet wurden.
Daneben wurden auch die vielen außerordentlich reich durchgebildeten
=Baldachine=, von welchen jeder Pfeiler sieben Stück aufweist, und die
nachträglich leicht versetzt werden konnten, in Arbeit genommen. Als
Steinmaterial kam hiezu der in Obernkirchen bei Bückeburg gebrochene
harte und wetterbeständige, dabei ziemlich feinkörnige Sandstein zur
Verwendung.
An =Statuen= fanden sich unter den Baldachinen im ganzen nur vier vor.
Nämlich auf der Vorderseite zwei Propheten, die stark verwittert waren
und nach erfolgter Ergänzung kopiert wurden, sowie im Osten =Maria=
und =Sebaldus= an einem Joche, welches ursprünglich durch eine vor dem
Fenster angebrachte plastische Darstellung ausgezeichnet gewesen zu
sein scheint. Diese beiden Statuen, welche in Anbetracht ihres guten
Erhaltungszustandes unverändert blieben, zeigen =farbigen Hintergrund=
mit aufgemalten Engelfiguren. Für die unter den übrigen Baldachinen
fehlenden Statuen fertigte Stadtpfarrer Michahelles ein Verzeichnis an,
nach welchem in der unteren Reihe die Hauptpersonen des Alten und in der
oberen Reihe die des Neuen Testamentes zur Darstellung kommen sollten.
Als im November der Kultusminister die Kirche wieder besuchte, waren
auf der Nordseite die Auswechslungsarbeiten an sechs Pfeilern bereits
vorgenommen, jedoch fehlten noch die neuen Baldachine, die sehr viele
Arbeit erforderten.
Da eine Reihe von Familien und Privatpersonen die Stiftung je eines
Pfeilers übernahm, so wurde an jedem Pfeiler eine diesbezügliche
Inschrift oder ein Wappen angebracht, während die wertvollsten =alten
Steinreste= in der Westkrypta zu einem =Lapidarium= vereinigt wurden
(Abb. 139).
Beim Abbruch eines der großen Baldachine auf der Nordostseite fand sich
eingeklemmt in der zwischen Baldachin und Wand befindlichen Spalte ein
kleines Erzgußwappen mit Steinmetzzeichen (Abb. 26). Allem Anscheine
nach ist das Wappen durch Zufall in diese Vertiefung hineingefallen,
nachdem es zuvor an der 1561 abgebrochenen Galerie befestigt war. Bei
dem dargestellten Steinmetzzeichen kann es sich nur um den =Meister des
Ostchores= handeln.
=1893.= Auch das Jahr 1893 wurde durch die umfangreichen Arbeiten an
den Ostchorstrebepfeilern ausgefüllt, ohne daß sie ganz beendigt werden
konnten. Doch ging alles in bester Weise ohne Störung und Unfall von
statten.
Zu den =Statuen= an den Pfeilern fertigte, nachdem Stadtpfarrer
Michahelles sein Verzeichnis auf eine Anregung des Vereins für
Geschichte der Stadt Nürnberg einer Änderung unterzogen hatte, Bildhauer
Leistner die Modelle. Die Ausführung geschah in der Hütte in Kelheimer
und Offenstettener Kalkstein (Abb. 35).
[Illustration: Abb. 36 Konsole mit Ritter an einem nördlichen Pfeiler
des Ostchors.]
[Illustration: Abb. 37. Konsole mit Ritterfräulein an einem nördlichen
Pfeiler des Ostchors.]
Am Ende des Jahres waren bis auf die aus dem nördlichen Sakristeidach
herausragenden Pfeiler die Hauptauswechslungsarbeiten an den
Ostchorstrebepfeilern fertiggestellt. Nur fehlten noch die meisten
Baldachine.
Die Bauleitung hatte sich unterdessen schon seit einiger Zeit mit
den Aufnahmen und Plänen für die Wiederherstellung des =nördlichen
Seitenschiffes= beschäftigt (Abb. 38, 39). Die Untersuchungen ergaben
über die frühere Gestalt interessante Aufschlüsse.[17] Das Seitenschiff
war nämlich ursprünglich mit einer durchbrochenen =Galerie= bekrönt und
mit =Kapellendächern= versehen, d. h. hinter den die einzelnen Joche
abschließenden Giebeln waren Satteldächer angebracht, die an ein das
ganze Seitenschiff überdeckendes Pultdach anstießen. Es wurden sowohl
die Form dieser Dächer wie auch ihre eigenartigen =Entwässerungsanlagen=
nach Entfernung der Backsteinmauerungen aufgefunden. Leider waren diese
Abwässerungen, besonders dem Schnee gegenüber, nicht praktisch. Die
Dächer wurden nach den vorhandenen Spuren bald, wahrscheinlich im 16.
Jahrhundert, abgetragen, und an ihre Stelle trat ein einziges großes
=Pultdach=, das jedoch die Fenster des Mittelschiffes zu drei Vierteln
verdeckte und den inneren Raum stark verdunkelte.
Zu jener Zeit werden wohl auch die Galerie- und Giebelspitzen
ähnlich wie beim Ostchor wegen der auf das mangelhafte Material
zurückzuführenden Baufälligkeit abgetragen worden sein.