[Illustration: TAFEL I. Ansicht des Ostchores.]
DIE SEBALDUSKIRCHE IN NÜRNBERG
IHRE BAUGESCHICHTE UND
IHRE KUNSTDENKMALE
VON
FRIEDRICH WILHELM HOFFMANN
ÜBERARBEITET UND ERGÄNZT VON
TH. HAMPE, E. MUMMENHOFF, JOS. SCHMITZ
MIT 15 TAFELN, ZUM TEIL NACH DEN UNTER PROFESSOR
DR. v. HAUBERRISSER GEFERTIGTEN PLANZEICHNUNGEN
UND 144 ABBILDUNGEN IM TEXT
MIT UNTERSTÜTZUNG HERAUSGEGEBEN
DER VOM VEREIN FÜR
STADTGEMEINDE GESCHICHTE DER
NÜRNBERG STADT NÜRNBERG
WIEN
VERLAG VON GERLACH & WIEDLING
1912
DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.
Vorwort.
Im Frühjahr 1897 faßte der Ausschuß des Vereines für Geschichte der
Stadt Nürnberg auf Anregung seines Vorstandes den wichtigen Beschluß,
aus Anlaß des herannahenden Abschlusses des großen Unternehmens der
Wiederinstandsetzung der St. Sebaldkirche in Nürnberg eine umfassende,
reich illustrierte Geschichte dieses herrlichen Bauwerkes gleichsam
zum Abschluß des Restaurationswerkes herauszugeben. Es sollte den
Mitgliedern des Vereines und allen Freunden Nürnberger Kunst und
Geschichte in Wort und Bild die Entstehung und Entwicklung des
ehrwürdigen Gotteshauses mit seinen zahllosen Kunstschätzen eingehend
geschildert und ein zuverlässiger Bericht über seine Wiedererneuerung
durch die lebende Generation gegeben werden, so wie zehn Jahre vorher
der Verein aus Anlaß des teilweisen Umbaues und der Erweiterung des
Nürnberger Rathauses durch den unvergeßlichen August v. Essenwein und
seinen getreuen Mitarbeiter, den städtischen Architekten und jetzigen
Baurat Heinrich Wallraff, eine reich illustrierte, vom Stadtarchivar
Ernst Mummenhoff verfaßte Geschichte des wichtigsten Profanbauwerkes der
Stadt, des Rathauses, mit finanzieller Unterstützung der städtischen
Kollegien herausgegeben hatte. Gleichwie diese schöne Publikation dem
Verein allenthalben Ehre und Anerkennung eingetragen hatte, hoffte
der Ausschuß sich ein Verdienst zu erwerben, wenn er auch das große
Unternehmen der Restauration der St. Sebaldkirche nicht unbeachtet
vorübergehen lassen, sondern nach besten Kräften zum Ruhme der um
sie am meisten verdienten Männer, des vortrefflichen Kirchenrates
Friedrich Michahelles und der Restauratoren Prof. Georg v. Hauberrisser
und Professor Joseph Schmitz, beitragen würde. In der Tat fand auch
dieser Gedanke überall Anklang. Aber niemand ahnte damals, welchen
Schwierigkeiten seine Durchführung begegnen und wie viel Zeit vergehen
würde, bis diese Geschichte der St. Sebaldkirche das Licht der Welt
erblicken würde.
Wohl wissend, daß seine eigenen Kräfte zur Durchführung eines so großen
Unternehmens nicht ausreichen würden, bemühte sich der Verein vor allem,
sich auch in diesem Falle des Einverständnisses und der materiellen
Unterstützung der städtischen Kollegien zu versichern. Bereitwillig
und in dankenswerter Liberalität wurde der Bitte des Vereines von
seiten der städtischen Kollegien entsprochen. Im Oktober 1897 wurde
dem Vorstand die erfreuliche Mitteilung, daß die städtischen Kollegien
beschlossen hätten, dem Verein zur Herausgabe eines illustrierten
Prachtwerks über die St. Sebaldkirche für jedes der Jahre 1898, 1899 und
1900 einen Zuschuß von 1500 Mark aus der Stadtkasse unter bestimmten
Voraussetzungen zu bewilligen.
Eine zur Bearbeitung des Textes geeignete wissenschaftliche Kraft wurde
in der Person eines jüngeren Kunsthistorikers gewonnen, der, frei über
seine Zeit verfügend, seine ganze Kraft der Aufgabe widmen konnte, des
Dr. Friedrich Hoffmann in München. Nach dem mit ihm abgeschlossenen
Vertrage sollte das Werk nach drei Jahren im Manuskript druckfertig
vorliegen.
Allein durch eine ganze Reihe widriger, hier nicht näher zu erörternder
Umstände wurde die programmäßige Fertigstellung des Werkes um Jahre
verzögert. Besonders hinderlich stand der Förderung der Arbeit
entgegen, daß Dr. =Hoffmann= nicht, wie man doch hätte erwarten müssen,
seinen Wohnsitz in Nürnberg nahm, wo er in beständiger Fühlung mit
dem Bauwerke selbst und dem bauleitendem Architekten sowie unter der
Aufsicht der niedergesetzten Kommission viel eher seine Aufgabe hätte
bewältigen können, sondern in München blieb. Ein weiteres Haupthindernis
eines rüstigen Fortschreitens der Arbeit war die Annahme einer
Assistentenstelle am bayrischen Nationalmuseum durch Dr. =Hoffmann= im
Jahre 1898, infolgedessen er nur einen verhältnismäßig geringen Teil
seiner Zeit und Kraft auf die übernommene umfassende Aufgabe verwenden
konnte.
Da die Fortführung der Arbeit nach und nach immer mehr ins Stocken
geriet und schließlich sogar das Erscheinen des Werkes in Frage gestellt
wurde, sah sich der Vereinsausschuß gezwungen, von dem ihm vertraglich
eingeräumten Rechte, die Vollendung des Werkes selbst in die Hand
zu nehmen, Gebrauch zu machen, und übertrug im September 1909 die
Durchführung der erforderlichen Abänderungs- und Ergänzungsarbeiten
einer aus den Herren Direktor Dr. =Hampe=, Archivrat Dr. =Mummenhoff=
und Professor =Schmitz= bestehenden Subkommission, die schon seither
die Arbeit vom kunsthistorischen, historischen und architektonischen
Standpunkte aus einer eingehenden und sorgfältigen Prüfung unterzogen
hatte.
Das Werk wurde jetzt nochmals durchgeprüft, und es war dann keine
geringe Arbeit und Mühe, welche die Abänderung des Textes, die
Ausmerzung der Irrtümer und Mängel, die teilweise völlige Umgestaltung
ganzer Partien und die mannigfachen Ergänzungen, zumal des Inventars,
welch letztere schwierige und zeitraubende Arbeit die Herren Direktor
=Hampe= und Professor =Schmitz= ausschließlich auf sich nahmen, endlich
die gänzliche Umarbeitung des Urkunden- und Regestenteiles erforderten.
Gern wären die Überarbeiter in den Änderungen und Ergänzungen noch
weiter gegangen, aber sie hielten sich dazu nur im äußersten Notfall
für berechtigt und wollten noch tiefere Eingriffe in die Arbeit des
eigentlichen Verfassers vermeiden. Vor allem auch mußten sie auf die
Beibringung weiteren Quellenmateriales verzichten, und so wird sich
denn in Zukunft noch so manches zur Geschichte der Sebalduskirche
beischaffen lassen, das der Verfasser nicht gebracht hat. Aber alles zu
geben, was oft in ganz versteckten Quellen ruht, ist wohl ein Ding der
Unmöglichkeit, zumal bei einem Werke, das auf Jahrhunderte zurückgeht.
Trotz so vieler Hindernisse, die sich dem Werke in den Weg stellten,
und trotz aller Widrigkeiten, die oft alle Hoffnung auf das endliche
Zustandekommen schwinden ließen, liegt es nun doch, wenn auch erst nach
jahrelanger Verzögerung, in einer Gestalt vor, die hohen Anforderungen
genügen dürfte. Auch hier darf man wohl sagen, wenn man das Werk und
seine schöne, ja glänzende Ausstattung durch die bewährte Firma Gerlach
& Wiedling ins Auge faßt: Ende gut, alles gut!
Freuen wir uns deshalb, daß es dem opferwilligen Zusammenwirken einer
Reihe von berufenen Kräften endlich gelungen ist, ein der herrlichen
St. Sebaldkirche würdiges Buch zustande zu bringen.
In Dankbarkeit sei zunächst der städtischen Kollegien gedacht, die
durch Gewährung einer bedeutenden finanziellen Unterstützung erst
das Zustandekommen des Werkes ermöglichten. Besonderer Dank gebührt
ferner dem ersten Direktor am Germanischen Museum, Herrn Dr. v.
=Bezold=, der als Vertreter der Kommission zunächst dem Bearbeiter
als sachverständiger Berater beigegeben war, in welcher Funktion er
dann durch den damaligen Konservator am Germanischen Museum und
nunmehrigen Direktor des Bayrischen Nationalmuseums in München,
Herrn Dr. =Stegmann=, in dankenswerter Weise abgelöst wurde, ferner
den Verwaltungen der Archive, Bibliotheken und Anstalten, welche
bereitwilligst dem Bearbeiter die einschlägigen Materialien zur
Verfügung stellten, und nicht minder der Verwaltung des vereinigten
protestantischen Kirchenvermögens wie dem kgl. Pfarramt St. Sebald,
welche vielen und oft einschneidenden Wünschen des Vereines, wie z. B.
der Bitte um Gestattung von Nachgrabungen in der Kirche, unbedenklich
Rechnung trugen und so das Unternehmen ganz wesentlich förderten,
endlich all den Gönnern, die durch ihre freiwilligen Beiträge die Kosten
der Aufgrabungen deckten. Prof. Dr. Georg Ritter v. =Hauberrisser= in
München hat sich das besondere Verdienst erworben, daß er die während
der Restaurierung gefertigten Pläne und Werkzeichnungen zur Verfügung
stellte, um ihre Vervielfältigung für das Buch zu ermöglichen. Prof.
Jos. =Schmitz= hat dem Werke in allen Stadien seines Entstehens sein
tatkräftiges Interesse zugewandt, die so wichtigen Ausgrabungen
geleitet, den Bearbeiter vielfach beraten und auf die Auswahl und
Vervielfältigungsart der Illustrationen Einfluß geübt.
Dem Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg ist es endlich auch
gelungen, in der Firma =Gerlach & Wiedling=, Buch-, Kunst- und
Musikalienverlag in Wien, Verleger zu finden, die bereit waren, dem
Druck und der künstlerischen Ausstattung des Werkes diejenige Sorgfalt
angedeihen zu lassen, die ihren längst anerkannten Ruf begründet hat.
Noch eines Mannes müssen wir in Wehmut gedenken, der viele Jahre
hindurch dem Werke seine Kraft und Fürsorge widmete und dessen
unermüdlicher Beharrlichkeit und nie nachlassender Geduld es gelang,
dasselbe, wenn es ins Stocken geraten, wieder flott zu machen, und
der, als gar sein Erscheinen in Frage gestellt war, als ein bewährter
Steuermann doch alles wieder zum Besten lenkte, des langjährigen ersten
Vorstandes des Vereines Dr. Georg Freiherrn v. =Kreß=. Leider sehen
seine Augen das vollendete Werk nicht mehr, um dessen Zustandekommen er
sich so große Verdienste erworben hat. Wir aber müssen es immer wieder
rückhaltslos anerkennen, daß er, hier wie sonst, um alles und jedes
besorgt und bemüht, seine ganze Kraft einsetzte, um dem Vereine zu
dienen und das gesteckte Ziel zu erreichen.
So möge denn das Buch hinausgehen und nicht nur den Ruhm der
kunstsinnigen Vorfahren verkünden, die einst die Vaterstadt mit dem
herrlichen Bauwerk der St. Sebaldkirche schmückten, sondern auch den des
lebenden Geschlechtes, das den Mut besaß, rechtzeitig seinem Verfall
Einhalt zu tun und den Nachkommen den Besitz der hohen ethischen,
kulturellen und künstlerischen Werte, die das ehrwürdige Baudenkmal
darstellt und umschließt, auf Jahrhunderte hinaus zu sichern.
=Nürnberg=, im Januar 1912.
$Dr. Ernst Mummenhoff$,
1. Vorsitzender.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Einleitung 11
I. Der romanische Bau, etwa 1225-1273 13
II. Die gotische Bauperiode 39
1. Die Erweiterung der Seitenschiffe und die Umbauten am
Querschiff und Westchor. 1309-1361 39
2. Der Ostchor. 1361-1379 48
3. Der Umbau der Türme. 1345, 1481-1484, 1489, 1490 67
III. Die Restaurierungen der Kirche 75
1. Die Restaurierungen der Kirche bis zur Neuzeit 75
2. Das Restaurierungswerk der Neuzeit. 1888-1906 79
3. Bericht der Bauleitung über die Wiederherstellung des
Äußern. 1888-1904 85
4. Bericht der Bauleitung über die Instandsetzung des
Innern. 1903-1906 104
5. Nachtrag vom 15. Januar 1912 127
IV. Das Inventar der Kirche 129
1. Altäre und Kanzel 129
2. Die Plastik 138
A. Die Plastik am Außenbau 140
B. Die Plastik im Innern 153
3. Die Gemälde 168
4. Die Glasgemälde 177
5. Gedenktafeln, Totenschilder, Stuhlwerk, Orgeln und Glocken 187
6. Altargeräte, Wandteppiche, Paramente 196
7. Sammlung alter Skulpturen- und Baureste. -- Büchersammlung 206
Urkundliche Beilagen 213
Anmerkungen 226
Chronologische Übersicht 234
Verzeichnis der Abbildungen 243
Verzeichnis der Personen, Orte und wichtigsten Sachen 246
Einleitung.
An Stelle der jetzigen Pfarrkirche St. Sebald in Nürnberg stand
ursprünglich eine Kapelle, dem hl. Petrus geweiht. Ein urkundlicher
Beleg kann hierfür nicht beigebracht werden, allein die älteren
Chroniken berichten hiervon in übereinstimmender Weise und andererseits
spricht für die Wahrheit jener Behauptung der Umstand, daß der Bau
von St. Sebald erst dem 13. Jahrhundert seine Entstehung verdankt,
während Nürnberg schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts den Rang einer
Stadt besaß, und daß man in der späteren Pfarrkirche zur Aufnahme von
Reliquien des hl. Petrus und zum Zweck seiner besonderen Verehrung durch
Anlage eines eigenen Westchors einen entsprechenden Raum schuf. Denn so
jung auch Nürnberg im Verhältnis zu anderen hervorragenden deutschen
Städten des Mittelalters war, in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts
war es schon ein ansehnlicher Ort; hatte doch der fränkische Kaiser
Heinrich III. (1039-1056)[1] -- wenn auch nur vorübergehend -- den Markt
von Fürth dorthin verlegt und er sowie sein Nachfolger Nürnberg mehrmals
zum Aufenthalt erwählt. Selbstverständlich besaß die Gemeinde in jener
Zeit zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse ein Gotteshaus.
Dieses Gotteshaus war aller Wahrscheinlichkeit nach nur eine Kapelle;
von einem größeren Kirchenbau würden in Gestalt von Mauerresten oder
handschriftlichen Nachrichten noch Zeugen zu finden sein. Aber auch
nicht zu klein wird man sich jene Kapelle vorstellen dürfen. Trotz der
raschen Entwicklung Nürnbergs und der starken Zunahme seiner Bevölkerung
im Laufe des 12. Jahrhunderts hatte die Kapelle genügt. Obschon nun die
hohe Verehrung des hl. Sebald in Nürnberg uns bereits für den Beginn der
siebziger Jahre des 11. Jahrhunderts bezeugt ist, verstrich doch noch
über ein Jahrhundert, bis man zur Erbauung eines ihm besonders geweihten
Gotteshauses schritt. Die alte Kapelle blieb dem hl. Petrus zubenannt.
Von dem Aussehen der Kapelle ist nichts bekannt. Auch nichts von
der Zeit ihrer Gründung. Auffällig will aber der Name des Heiligen
erscheinen, dem sie geweiht war; er kann vielleicht über die Zeit der
Erbauung Aufschluß geben. Wie eben erwähnt, fanden Reliquien des
hl. Petrus auch in der Sebalduskirche eine Unterkunftstätte, der
Westchor wurde hierzu ausersehen, und, wie im I. Kapitel dargelegt
wird, steht die doppelchörige Anlage von St. Sebald im engsten
Zusammenhang mit dem Bau des Bamberger Domes. Auch in Bamberg ist der
Westchor dem hl. Petrus geweiht, während der eigentliche Schutzpatron,
dem der Ostchor eingeräumt ist, nicht Petrus, sondern Georg heißt.
Dasselbe gilt beinahe von allen Kirchenbauten in Bayern und Schwaben,
welche, um das Jahr 1000 gegründet, mit dem Dom von Bamberg in naher
Verwandtschaft stehen: den Ausgangspunkt bildet Augsburg, es folgen
St. Emmeram und Obermünster in Regensburg, von wo aus durch Vermittlung
des Kaisers Heinrich II., des ehemaligen Herzogs von Bayern, Bamberg
beeinflußt worden ist. Die basilikale Anlage, bei welcher der
Schwerpunkt nach Westen verlegt ist, wird direkt auf die Petersbasilika
in Rom zurückgeführt. Nur scheint diese Epoche der Baukunst, zu deren
wichtigen Vertretern auch Mainz (978-1009) und Worms (996-1016)
zählen, mehr den Charakter einer Mode zu tragen als den einer für die
Folgezeit wichtigen Entwicklungsstufe. Der Bau von Westchören oder
gar westlichen Querhäusern wurde bald wieder aufgegeben und damit kam
auch sonderbarerweise die Verehrung des Schutzpatrons von Rom wieder
in Wegfall. Denselben noch nicht genügend bekannten Gründen, welchen
jene befremdliche Abart von der Tradition des Bauwesens ihre Entstehung
verdankt, wird man auch die Gründung der Kapelle St. Peter zuschreiben
dürfen. Hier muß noch darauf hingewiesen werden, daß die Mutterkirche
dieser Kapelle und der späteren Sebalduskirche, die Pfarrkirche zu
Poppenreuth, ebenfalls dem hl. Petrus geweiht ist.
Der Platz, auf dem die Peterskapelle stand, wird sich ungefähr mit dem
des Westchors der jetzigen Sebalduskirche gedeckt haben. Die Stelle
bedeutete nach ihrer früheren Beschaffenheit, wie sich jetzt unschwer
erkennen läßt, gegenüber dem östlich, südlich und westlich angrenzenden
Gelände eine Erhebung, welche nach Osten nur wenig, nach Süden und
Westen steiler abfiel. Nach Norden hatte die Erhebung Anschluß an den
mit der Burg bekrönten Kegel, sie bildete gleichsam den südlichen in
das sandige und sumpfige Nordufer der Pegnitz vorgeschobenen Ausläufer
des Burgberges. An dem gegen den Fluß sich neigenden Südabhang der Burg
siedelte sich nach und nach die Stadt an, vermied jedoch den weichen
Boden der Pegnitzufer; die Kapelle St. Peter war somit eine Zeit lang
der das Südende der Ansiedlung bezeichnende Punkt und lag ungefähr in
der Mitte dieser Grenze an dem Knotenpunkte der alten Handelsstraßen.
[Illustration: TAFEL II. Grundrisse und Details des romanischen Baues.]
I.
Der romanische Bau, etwa 1225-1273.
Am 1. Oktober des Jahres 1256 erteilte Bischof Heinrich von Bamberg
einen Ablaß allen jenen Christgläubigen, welche die Pfarrkirche St.
Sebald zu Nürnberg am Tag ihrer Einweihung und an den Tagen ihrer
Patrone St. Peter und Paul und St. Sebald besuchen und Almosen spenden
würden.
Dies ist im wesentlichen der Inhalt der für die ältere Baugeschichte von
St. Sebald wichtigsten Urkunde.[I]
[I] Siehe Beilage 2.
Aus dem Text des in lateinischer Sprache abgefaßten Ablaßbriefes ist
auf den ersten Blick nicht ersichtlich, was der Ausdruck »Tag der
Einweihung«: _dies dedicationis_ bedeuten soll. Handelt es sich hier um
die Einweihungsfeier selbst oder um die Wiederkehr des Einweihungstages?
In letzterem Falle würde die Einweihung der Kirche schon =vor= dem 1.
Oktober 1256 -- sei es nun unmittelbar oder ein oder mehrere Jahre
vorher -- stattgefunden haben und die Kirche als eine zu jenem Zeitpunkt
vollendete oder wenigstens in einem ihrer Hauptteile vollendete zu
betrachten sein. In ersterem Falle wäre die Einweihung der Kirche
erst =nach= dem 1. Oktober 1256, und zwar bald nach diesem Termin
anzusetzen.[2]
Der Inhalt unserer Urkunde ist in einfacher, schlichter Form
vorgetragen. Der Bischof von Bamberg entbietet zunächst allen
Christgläubigen, welche von dieser Ablaßeröffnung Kenntnis erhalten,
seinen Gruß, spricht dann von dem Wert werktätiger Liebe und kündigt
allen denen, welche die Kirche St. Sebald an den eingangs erwähnten drei
Tagen besuchen und Almosen spenden, einen Nachlaß ihrer Sündenstrafen
an. Der Inhalt ist überaus kurz und bündig. Es fehlt jegliche
Zutat, welche als charakteristisches Kennzeichen dieser Urkunde zum
Unterschiede von anderen, gewöhnlichen Ablaßurkunden gedeutet werden
könnte. Demnach scheint es keine Urkunde zu sein, die aus Anlaß der
feierlichen Einweihung der Kirche ausgefertigt wurde, ja es darf
als ziemlich sicher gelten, daß mit dem _dies dedicationis_ der
alljährlich wiederkehrende Kirchweihtag gemeint ist. Denn es müßte doch
andernfalls vom Bau oder dessen Vollendung die Rede sein, oder es wären
Feierlichkeiten erwähnt, die gelegentlich der Einweihung abgehalten
werden, oder es wären die geistlichen Würdenträger aufgezählt, welche
der Feier beiwohnen. Kein Wort verlautet von alledem. Oder man müßte
doch erwarten, daß der Tag der Einweihung besonders hervorgehoben wird;
im Gegenteil, abgesehen davon, daß er überhaupt nur allein genannt sein
sollte, wird er aufgeführt im Verein mit zwei anderen Tagen, und es wird
ihm gewissermaßen die gleiche Bedeutung wie diesen zuerkannt.
Außerdem spricht für eine gewöhnliche Ablaßurkunde noch der Umstand,
daß mit den beiden Tagen St. Peter und Paul und St. Sebald nicht nur
die ersten auf das Datum der Urkunde folgenden Heiligentage gemeint
sein können, sondern auch die des übernächsten Jahres und der folgenden
Jahre mitinbegriffen sein müssen. Denn ein bestimmtes Jahr ist nicht
bezeichnet. Und dann wäre es doch sehr auffällig, daß man, falls es
sich in der Urkunde um die Feier der Einweihung handeln sollte, gerade
jene beiden Tage, so enge sie auch mit der Kirchengeschichte von
St. Sebald verknüpft sind, gewählt hätte, obwohl zwischen ihnen und dem
Datum der Urkunde ein Zeitraum von mindestens drei Vierteljahren (vom
1. Oktober bis 29. Juni, beziehungsweise 19. August) liegt. Und was für
jene beiden Tage gilt, muß auch für den _dies dedicationis_ in Anspruch
genommen werden: derselbe ist hier soviel wie »der stets wiederkehrende
Kirchweihtag«.
Für die Baugeschichte von St. Sebald ergibt sich somit aus den
bisherigen Erörterungen: Als der Bischof von Bamberg am 1. Oktober 1256
jenen Ablaß für die Kirche St. Sebald ankündigte, war die Kirche bereits
eingeweiht und dem Gottesdienst übergeben.
Das gewonnene Ergebnis muß nun aber nicht unbedingt so gedeutet werden,
als wäre der ältere Bau in allen seinen Teilen vollendet gewesen; es ist
sehr wohl möglich, daß der Bau damals nur in einem seiner Hauptteile
fertig war, in welchem vorerst provisorisch bis zur Vollendung des
ganzen Bauwerkes Gottesdienst abgehalten wurde. Bekanntlich zog sich
im Mittelalter die Vollendung von Kirchenbauten oft sehr lange hin,
die größeren Bauten nahmen stets Jahrzehnte in Anspruch, mußten, wenn
die Mittel ausgingen, längere Unterbrechungen erleiden, und so kam es
häufig, daß man, um dem religiösen Bedürfnis der Gemeinde zu genügen,
den zuerst in Angriff genommenen und am weitesten gediehenen Bauteil --
in der Regel war es der Ostchor -- für sich einweihte und Gottesdienst
darin abhielt. St. Sebald war im Jahre 1256 offenbar in dem gleichen
oder wenigstens in einem ähnlichen Zustande.[II]
[II] Dr. Hoffmann ist zwar der Ansicht, daß die Nennung der =beiden=
Patrone der Kirche in der Urkunde vom 1. Oktober 1256 die
Fertigstellung der =beiden= ihnen geweihten =Chöre=, also auch
des Westchores, bereits voraussetze, somit der Tenor der Urkunde
gegen die oben geltend gemachte Auffassung spreche. Die mit
der Überarbeitung des Manuskriptes betraute Kommission konnte
sich indessen dieser Ansicht um so weniger anschließen, als
der Ablaßbrief vom 17. August 1274 deutlich von einer am 9.
September 1273 stattgehabten Einweihung von Chor und Altar der
Sebalduskirche berichtet. Dieses Datum (1273) mit baulichen
Veränderungen anderer Art, die eine neue Weihe notwendig gemacht
hätten, in Zusammenhang zu bringen, wie es Dr. Hoffmann wollte,
schien der Kommission nicht angängig. Die das Innere der Kirche
wenig berührenden baulichen Veränderungen, die Dr. Hoffmann
im Auge hatte, nämlich der Ausbruch größerer Fenster und eine
mutmaßliche Veränderung der Dachform beim Westchor, boten zu
einer Neueinweihung sicherlich keine Veranlassung.
An Stelle der Kirche St. Sebald stand zuvor eine Kapelle, welche ebenso
wie ihre Mutterkirche, die Pfarrkirche in dem nordwestlich von Nürnberg
gelegenen, eine Stunde entfernten Poppenreuth, dem hl. Petrus geweiht
war.[3] Vom hl. Petrus wurden in jener Kapelle zweifellos Reliquien
aufbewahrt und verehrt. Mit der Zeit fand in Nürnberg auch der
hl. Sebald Verehrung, ja er machte bald dem hl. Petrus im Kult
bedeutende Konkurrenz. Auch von ihm besaß man Reliquien. Bei dem
stattlichen Neubau nun, welcher an die Stelle des bescheidenen
Kirchleins treten sollte, mußten beide Heilige die entsprechende
Berücksichtigung finden, und so entschloß man sich, für die neue Kirche
die doppelchörige Anlage zu wählen, um den Ostchor dem hl. Sebald, den
Westchor den Heiligen Petrus und Paulus weihen zu können.
Wenn nun, wie anzunehmen ist, jene alte Peterskapelle sich an der Stelle
des heutigen Westchores erhob und schwerlich abgebrochen wurde, bevor
durch Erbauung und Einweihung des Hauptteiles der neuen Kirche Ersatz
für die alte Kultstätte geschaffen war, so wird es verständlich, daß
mit dem Baue des Westchores kaum vor dem Jahre 1256 begonnen worden
sein kann. Über die Zeit seiner Vollendung unterrichtet uns ein uns
erhaltener Ablaßbrief vom 17. August 1274, in dem Bischof Berthold von
Bamberg allen jenen Gläubigen Ablaß gewährt, die sich am Kirchweihtage
jenes Jahres der Pfarrkirche des hl. Sebald zu Nürnberg, deren Chor und
Altar er am 9. September 1273 geweiht habe, christlich vorbereitet nahen
und daselbst ihre Almosen spenden würden.[III] Von dem gleichen Tage
ist auch ein Ablaßbrief Bischof Bertholds für die Maria Magdalenakirche
des Klaraklosters zu Nürnberg datiert, die nach dieser Urkunde einen
Tag nach der Konsekration des Westchores der Sebalduskirche, nämlich
am 10. September 1273 eingeweiht worden war. Die uns heute noch
erhaltenen romanischen Teile dieser späterhin vielfach umgebauten
Klarakirche zeigen mit den Architekturformen der Sebalduskirche so nahe
Verwandtschaft, daß auf die Tätigkeit der gleichen Werkleute bei beiden
Bauten mit voller Sicherheit geschlossen werden darf.
[III] Siehe Beilage 4.
In der nördlichen Hälfte des von Mauern umgrenzten Gebietes der Stadt
Nürnberg, nahezu in der Mitte zwischen Burg und Pegnitz, erhebt sich
der vornehme Bau der Pfarrkirche von St. Sebald. Mit dem mächtigen
Ostchor und den überschlanken spitzen Türmen beherrscht er einen großen
Teil der Stadt, ja er ist eines jener Bauwerke, welche dem Stadtbild
sein charakteristisches Gepräge verleihen. Denn so reich auch Nürnberg
ist an hochragenden Kirchen, Türmen und steilen Giebeln, die Burg, St.
Sebald und St. Lorenz sind diejenigen Bauwerke, welche auch auf weite
Entfernung hin die dominierende Rolle spielen und besonders nach Osten
oder Westen der alten Reichsstadt eine geradezu prächtige Silhouette
verleihen.
Der Bau von St. Sebald ist ein Werk des Mittelalters, und zwar ein
Werk mehrerer Jahrhunderte. Die oberen Teile der Türme sind Zeugen der
spätesten Gotik, die Seitenschiffe und vor allen Dingen der stattliche
Ostchor -- abgesehen von den Mauern des westlichen Joches -- entstammen
dem 14. Jahrhundert und die übrigen Teile des Baues, insbesondere das
Mittelschiff, die unteren Turmgeschosse und der Westchor, sind Werke des
13. Jahrhunderts. Die dem 13. Jahrhundert angehörenden Bauteile sind als
die Überreste einer ehemals einheitlichen Kirche anzusehen (Taf. II und
III).
Wir beschränken uns im folgenden auf diese älteren Bauteile und
versuchen eine vollständige Rekonstruktion der früheren Kirche.[4]
Der Westchor ist intakt geblieben bis auf die drei mittleren
spitzbogigen Fenster der polygonen Apsis, welche in späterer Zeit
ausgebrochen wurden an Stelle von rundbogigen Fenstern mit ebensolchen
Oberfenstern, wie sie sich noch neben den Türmen in der Nord- und
Südwand der Apsis unverändert erhalten haben.
Das Dach des Westchores wurde später erhöht, und zwar zu gleicher Zeit,
als auch das Dach und damit der Giebel des Mittelschiffes erhöht wurde.
Unter dem Dach des Westchores kann man sowohl den Ansatz des früheren
Westchordaches als auch das Dachgesims des Mittelschiffwestgiebels und
den darunter hinlaufenden Rundbogenfries erkennen.
Von den Türmen gehören die vier unteren Stockwerke zum alten Bau. Das
nächstfolgende Stockwerk enthält beim nördlichen Turm zwar auch älteres
Mauerwerk und Teile eines Rundbogenfrieses, wurde jedoch vielleicht
schon im 14., wahrscheinlich aber erst zu Ende des 15. Jahrhunderts mit
teilweiser Verwendung des bisherigen Mauerwerkes und des Frieses erhöht.
Es ist anzunehmen, daß das fünfte Stockwerk des nördlichen Turmes etwa
die Höhe des nächst unteren Stockwerkes gehabt hat und zugleich das
letzte Stockwerk war. Aus vierseitigen Helmen von mittlerer Höhe werden
die Turmdächer bestanden haben.
Das Mittelschiff ist, abgesehen von der schon erwähnten Abänderung des
Daches und der Giebel, völlig unverändert geblieben.
Die jetzigen Seitenschiffe stammen, wie bereits hervorgehoben, aus dem
14. Jahrhundert. Ausdehnung und Gestalt der älteren Seitenschiffe lassen
sich ziemlich genau bestimmen.
An der östlichen Mauer des nördlichen wie des südlichen Turmes sind
Spuren eines früheren Dachgesimses wahrzunehmen, welches in der Höhe der
Fensterbänke des Mittelschiffes beginnt und bedeutend steiler verläuft
als das jetzige Dach. Die gleichen Spuren finden sich auch am anderen
Ende der Seitenschiffe, nämlich an der Westwand des jetzigen Ostchores
oder ehemaligen Querschiffes vor. Nur sind weder hier noch dort die
unteren Enden der Gesimse sichtbar, da sie durch das Gewölbmauerwerk
der später erhöhten und erweiterten Seitenschiffe verdeckt werden.
Dagegen ist das Kaffgesims an den beiden westlichen Strebepfeilern des
Querhauses noch erhalten.
Den notwendigen Aufschluß über die Breite der alten Seitenschiffe bieten
erst im Innern der Kirche die die Turmhallen von den Seitenschiffen
trennenden Scheidbögen und noch zuverlässiger die über den Scheidbögen
sichtbaren Ansätze des alten Seitenschiffgewölbes. Demnach hatten die
Seitenschiffe nahezu die Breite der Türme und das Verhältnis der lichten
Weite der Seitenschiffe zu der des Mittelschiffes war 4 : 7.
Über den Seitenschiffen waren zur Mittelschiffshochwand je zwei
Strebebögen gespannt, wie die Spuren zwischen den drei mittleren
Fenstern des Mittelschiffes auf jeder Seite heute noch beweisen. Beim
Umbau der Seitenschiffe wurden die Strebebögen entfernt.
Die Wände des westlichen Joches des jetzigen Ostchores mit den Diensten
und zum großen Teil den Strebepfeilern sind Bestandteile eines
ehemaligen Querschiffes. Dasselbe war aus drei gewölbten Quadraten,
jedes in Mittelschiffbreite, zusammengesetzt. Die Höhe des Querschiffes
entsprach der des Mittelschiffes. Die mittleren Dienste und Streben an
den Giebelwänden des Querschiffes finden darin ihre Erklärung, daß von
den vierteiligen Gewölben die seitlichen oder äußeren Gewölbviertel
in den Kreuzarmen in zwei Achtelfelder geteilt waren. In den beiden
nördlichen Jochen des Querschiffes befanden sich kreisförmige Fenster,
von deren Umrahmung heute noch im Innern der Kirche mehrere Werkstücke
sichtbar sind.
Im übrigen ergibt der Bau über die Gestalt der alten Ostpartie keine
Anhaltspunkte. Hier konnte nur durch Nachgrabungen Aufschluß erlangt
werden.
Auf Anregung von verschiedenen Seiten und mit Genehmigung der Verwaltung
des vereinigten protestantischen Kirchenvermögens unterzog sich der
Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg dieser anerkennenswerten
Aufgabe, indem er im November 1899 auf eigene Kosten die erforderlichen
Nachgrabungen unter der Leitung von Prof. Schmitz vornehmen ließ. Im
dritten mittleren Joch des jetzigen Ostchores, von Westen gerechnet, und
zugleich im zweiten südlichen Joch desselben wurde mit der Wegnahme der
Bodenplatten und dem Ausheben des Grundes begonnen. Man stieß gleich in
den ersten Tagen hier wie dort auf das Mauerwerk des alten Ostchores
und führte nun die Nachgrabungen einseitig, nämlich auf der in Angriff
genommenen Südhälfte des Chores, durch, mit Recht eine symmetrische
Anlage des alten Ostchores voraussetzend. Im Verlauf von 14 Tagen waren
die Nachgrabungen beendet (Abb. 1).
[Illustration: Abb. 1. Modell (von oben gesehen) der ausgegrabenen
Ostchorkrypta.]
[Illustration: Abb. 2. Innenansicht gegen Osten.]
Nach dem Ergebnis derselben hat sich an das Vierungsquadrat des
alten Querschiffes, welchem ungefähr das erste mittlere Joch des
jetzigen Ostchores entspricht, östlich ein ebenso großes Chorquadrat
und an dieses eine halbrunde Apsis in der Breite des Chorquadrates
angeschlossen; und unmittelbar an die beiden Querarme kleinere,
ebenfalls halbrunde Seitenapsiden. Der Chor, und zwar nicht nur Apsis
und Chorquadrat, sondern auch die Vierung, ist um mindestens zehn Stufen
über das Niveau der Kirche erhöht gewesen, und unter ihm hat sich eine
zweischiffige, in drei Konchen endigende Krypta hingezogen. Das Gewölbe
der Krypta, acht vierteilige Kreuzrippengewölbe, wurde in der Mitte von
vier freistehenden Säulen und einer Wandsäule und an den Seitenwänden
von zehn Diensten oder Wandsäulen getragen; das Gewölbe im Chorabschluß
der Krypta bestand aus drei radial gestellten Kappen. Zugänglich war die
Krypta durch zwei aus den Kreuzarmen und durch zwei aus dem Mittelschiff
herabführenden Treppen von je acht Stufen. Auf den Chor werden
wahrscheinlich zwei Zugänge von den Kreuzarmen neben den Kryptatreppen
geführt haben; ein Zugang auf den Chor vom Mittelschiff aus hat nicht
bestanden, da zwischen den beiden Mittelschiffstreppen, welche in die
Krypta führten, ein Altar stand, über welchem sich an der Chorbrüstung
die Kanzel befand. Nach den Querhausarmen zu wird der Chor durch eine
Brüstung abgeschlossen gewesen sein.
Der in allgemeinen Umrissen soeben rekonstruierte ältere Bau von
St. Sebald war eine doppelchörige, kreuzförmige Pfeilerbasilika. Das
Langhaus bestand aus drei Schiffen, welche durch je fünf Scheidbögen
voneinander getrennt waren.
Das Querschiff lag im Osten des Baues. Dieses, ein daran anschließendes
Chorquadrat und drei vermutlich halbrunde Chornischen bildeten die
Ostpartie.
Der Westchor schließt polygon ab und zwar mit fünf Seiten des Achteckes,
das in diesem Falle jedoch nicht regulär gebildet ist. Ein Rechteck
verbindet Westapsis mit Mittelschiff. Dieses Rechteck ist von einem
Turmpaar flankiert.
Jeder der beiden Chöre ist, beziehungsweise war mit einer Krypta
versehen. Während die des Westchores nur Apsis und das vorliegende
Rechteck umfaßt, erstreckte sich die östliche über Apsis, Chorquadrat
und Vierung. Da jede der beiden Krypten eine Erhöhung des über
ihr liegenden Bodens bedingte, so war hiermit zugleich auch die
Ausdehnung der Chöre festgelegt; und war schon durch die Anlage des
Querschiffes im Osten dem Ostchor eine bevorzugte Stellung gegenüber
dem Westchor eingeräumt, so wurde derselben durch die Ungleichheit der
Bodenausdehnung der Chöre noch mehr Nachdruck verliehen. Andererseits
ergab sich für den Ostchor durch die Krypta notwendigerweise eine
Spaltung. Denn dadurch, daß auch der Boden des Vierungsquadrates erhöht
und mit zum Chor einbezogen wurde, nahm man ihn aus dem Querschiff
heraus und löste so die beiden Kreuzarme voneinander los. Dieselben
waren also nicht mehr vom Mittelschiff aus, sondern eigentlich nur von
den Seitenschiffen aus zugänglich und erhielten mit ihren Apsiden als
Nebenchöre sowohl eine in sich abgeschlossene selbständige als auch dem
Hauptchor gegenüber untergeordnete Stellung. Hatten so die Seitenschiffe
an Bedeutung nichts eingebüßt, so gilt dies um so mehr für das
Mittelschiff. Denn abgesehen davon, daß das an und für sich schon kurz
geratene Langhaus durch das Vorhandensein eines Westchores im Innern
an Ausdehnung verloren hat, wird die Bedeutung des Mittelschiffes noch
mehr dadurch beeinträchtigt, daß es zum Verzicht auf das Vierungsquadrat
gezwungen wurde, worauf es doch -- und dies liegt im Wesen der
kreuzförmigen Basilika begründet -- denselben Anspruch hätte wie das
Querschiff.
=Das Gewölbe.= Der ganze Bau war eingewölbt. Die noch vorhandenen
Gewölbe bestehen durchgehends aus Bruchsteinen in starker Mörtelbettung,
wobei häufig ein leichter Tuffstein der fränkischen Schweiz zur
Verwendung gekommen ist.
Die bei der Wölbung angewandte Gattung ist die des Kreuzgewölbes mit
profilierten Rippen.
In den Seitenschiffen erhob sich die Wölbung über nahezu quadratischen
Grundrissen. Im Mittelschiff dagegen, das bei größerer Breite
ebensoviele Joche zählt wie die Seitenschiffe, haben die einzelnen
Gewölbefelder rechteckige Form. Es ist also nicht das sogenannte
gebundene, bei romanischen Bauten übliche System, bei welchem je zwei
Seitenschiffjoche einem Mittelschiffjoch entsprechen, zur Anwendung
gelangt, sondern das bei gotischen Bauten angewandte einfache System mit
durchlaufenden Jochen.
Gurte und Rippen sind spitzbogig, erstere wenig gestelzt. Die Gewölbe
haben leichte Busung mit fast horizontaler Scheitellinie.
Während die Gewölbe des Mittelschiffes selbst vierteilig sind, was auch
bei den Turmhallen und den Seitenschiffen der Fall ist oder doch war, so
zeigen die anderen, sowohl die noch vorhandenen wie zum Teil die noch
rekonstruierbaren Gewölbe eine hiervon verschiedene Form.
Das Gewölbe des Westchorrechteckes ist sechsteilig.
Das Gewölbe der polygonen Westapsis selbst hat fünf, d. h. ebensoviele
Kappen, wie der Chor Seiten hat, und noch einen Zwickel am Gurtbogen, so
daß der Schlußstein den Gurtbogen nicht berührt.
Das Gewölbe über den beiden Querschiffarmen war eine Mischung von vier-
und sechsteiligem Gewölbe. Denn die noch vorhandenen seitlichen Mauern
weisen in der Mitte außen einen Strebepfeiler und entsprechend an der
Innenseite einen Dienst auf, was darauf schließen läßt, daß die beiden
seitlichen Gewölbeviertel nochmals geteilt waren, und zwar, wie die
Spuren an der Innenwand erkennen lassen, in zwei Kappen mit niedrigeren
Schildbögen und infolgedessen mit steileren Scheiteln wie die übrigen
ungeteilten Viertel der Kreuzarmgewölbe.
Ob das Ostchorquadrat vierteilig oder sechsteilig eingewölbt war, läßt
sich nicht mehr entscheiden, da die Nachgrabung Anhaltspunkte nicht
gab und auch nicht geben konnte. Selbst wenn bei den Nachgrabungen die
unteren Mauerteile des Chorquadrates ohne Pilastervorlagen und Dienste
aufgefunden worden wären, wäre ein sechsteiliges Gewölbe noch nicht
ausgeschlossen. Denn es hätten sehr wohl, wie es an den erhaltenen
Bauteilen häufig der Fall ist, die für die mittleren Querrippen
bestimmten Dienste nicht ganz herabgeführt sein, sondern in halber Höhe
auf Konsolen ruhen können.
Die drei östlichen Apsiden hatten wahrscheinlich Halbkuppeln.
=System des Aufbaues und Hochwandgliederung.= Der ganze Bau ist ein
Werksteinbau, jedoch mit der Einschränkung, daß die Mauer stets aus zwei
Werksteinwänden besteht, deren Zwischenraum mit Bruchsteinmauerwerk
ausgefüllt ist: die gewöhnliche Bauart des Mittelalters.
[Illustration: TAFEL III. Ansicht und Schnitte des romanischen Baues.]
Die Gewölbgurte werden von Halbpfeilern mit vorgelagerten
Dreiviertelsäulen oder Diensten getragen (Abb. 2). An die Halbpfeiler
schließen sich auch seitlich Halbsäulen an, welche zur Aufnahme der
Diagonalrippen bestimmt sind. Am Querschiff werden die Gewölbträger
außen durch Strebepfeiler unterstützt. Dagegen fehlen die Strebepfeiler
am Westchor, während wiederum an den Türmen Streben angebracht sind.
Am Mittelschiff scheint durch je zwei Strebebögen Ersatz für die
Strebepfeiler geschaffen worden zu sein, um dem etwaigen Schub des
hohen Gewölbes nach außen Widerstand zu leisten. Ist hierbei nicht
zu verkennen, daß der Baumeister von St. Sebald den Anlauf zu einer
den wirkenden Kräften entsprechenden organischen Gliederung des
Baues genommen hat, so muß andererseits auf die Inkonsequenz bei der
Durchführung der gewollten Gliederung hingewiesen werden und zwar in
Anbetracht der Stärke der Mittelschiffsjochmauern. Dieselben sollten
eigentlich nur als Füllmauerwerk funktionieren, weshalb Mauern von
bedeutend geringerer Stärke den gleichen Zweck erfüllt hätten. Nur bei
den Bogenfeldern des Lichtgadens ist ein Versuch zur Entlastung des
Mauerwerkes gemacht worden, indem dasselbe im Innern zurücktritt und die
Schildbögen auf kleinen, an die Halbpfeiler angelehnten Säulchen ruhen.
[Illustration: Abb. 3. Innenansicht gegen den Westchor.]
[Illustration: Abb. 4. Triforien im Mittelschiff.]
Was die Gliederung der Mittelschiffhochwand betrifft (Abb. 3), so
ist durch die Einführung des schmalen durchlaufenden Joches jeder
Pfeiler Hauptpfeiler geworden und so eine enge Aneinanderreihung der
Gewölbstützen ermöglicht. Die auf diese Weise schlank gewordenen
Proportionen des Längsschnittes korrespondieren mit der starken
Höhenentwicklung des Querschnittes. Einen wohltuenden Gegensatz zur
starken vertikalen Gliederung bildet die dreigeschossige Anlage des
Aufrisses. Die Arkaden werden durch Einsprünge abgestuft; die so
entstandenen rechtwinkeligen Vorlagen ruhen auf Halbsäulen, welche
aber ihrerseits von Konsolen getragen werden, so daß den Pfeilern die
quadrate Grundrißform bleibt. Die Mauerfläche zwischen den Arkaden und
dem Lichtgaden ist belebt durch ein über die Bögen hinlaufendes Gesims
und darüber durch eine Galerie, welche nach Art des französischen
Triforiums aus der Mauerdicke ausgespart ist (Abb. 4). Die Bogenfelder
des Lichtgadens sind, wie vorhin erwähnt, gegliedert und mit
Rundbogenfenstern durchbrochen, so daß sich das Streben geltend macht,
den an und für sich schweren, kräftigen Bau nach oben zu leichter
erscheinen zu lassen.
Ebenso wie die Fenster der Mittelschiffhochwand und die älteren Fenster
des Westchores -- zweifellos waren sämtliche Fenster rundbogig -- sind
auch die beiden einzigen erhaltenen Portale, die jetzigen Portale der
Turmhallen, rundbogig, während Gewölbe und Arkaden spitzbogig gestaltet
sind, was ein charakteristisches Merkmal für die Bauzeit der Kirche
bildet.
Die Wände des westlichen Vorchores sind belebt durch je einen
zweiteiligen loggienartigen Durchbruch nach den Turmhallen. Beide
Doppelfenster wurden gelegentlich der letzten Restaurierung wieder
bloßgelegt. An der nördlichen Wand hat sich durch Untersuchungen
herausgestellt, daß das ehemalige Doppelfenster in späterer Zeit
gründlich verändert wurde. Die Fenster hatten den Zweck, vom Westchor
aus die Turmhallen zu erhellen.
Der fünfteilige Westchor erhält sein Licht durch ebensoviele Fenster
mit Oberfenstern. Die Wände unterhalb der größeren Fenster sind mit
Kleeblattblendarkaden gegliedert.
[Illustration: Abb. 5. Partie aus dem Engelschor.]
Über dem Westchor befindet sich ein Obergeschoß, Engelschor genannt
(Abb. 5). Denn die Wölbung des eigentlichen Chores erreicht nicht die
Höhe des Mittelschiffes und der ausgesparte Raum mit dem gleichen
Grundriß wie der untere dem hl. Petrus geweihte Chor ist auch analog
diesem eingewölbt. Der Engelschor erhält sein Licht durch drei Fenster
von gleicher Größe und Gestalt wie die oberen Fenster des Peterschores
und durch zwei Rundfenster. Er hat die Bedeutung einer Empore. Die
Sockelwände sind gleichfalls mit Kleeblattblendbögen gegliedert. Im
übrigen ist Architektur und Dekoration reicher wie die des unteren
Chores. Die Ausführung macht einen unfertigen Eindruck. Eine Brüstung
mit halbrundem Erker in der Mitte schließt die Empore gegen das Schiff
ab.
Von den Wänden der Querschiffarme sind die westlichen Mauern über den
Seitenschiffen von je zwei rundbogigen Fenstern durchbrochen.
Über die Gliederung der Wände des Ostchores würden sich nur Vermutungen
aufstellen lassen.
=Der Außenbau.= War es bei der bisherigen Beschreibung des Baues
notwendig, stets die rekonstruierten Bauteile in Berücksichtigung zu
ziehen, so gilt dies in nicht geringerem Grade von der Beschreibung des
Außenbaues, insbesondere in bezug auf die Gesamtwirkung desselben.
Die Behandlung der Außenseite des Baues ist im allgemeinen sehr
einfach. Der Bogenfries ist fast der einzige Schmuck.[5] Er läuft am
Mittelschiff unter dem Dach hin, an den Türmen ziert er die einzelnen
Stockwerkgesimse und außerdem hat ihn noch der Westchor aufzuweisen.
Wahrscheinlich wird er auch Querschiff, Seitenschiffe und die Ostpartie
geschmückt haben. An den Türmen tritt anstatt des einfachen ein mit
Laubwerk reich ornamentierter Bogenfries auf. Die Wände sind glatt
behandelt bis auf eine schlichte Gliederung der polygonen Westchorapsis
durch Dienste an den Eckkanten, welche oben in Kapitäle endigen und
anfangs wohl fünf Giebel mit runden, viereckig geblendeten Fenstern,
wie sie noch die äußeren Seiten aufweisen, getragen haben dürften.
Möglicherweise waren Ostchor und Seitenschiffe mit Lisenen belebt. Man
scheint eben bei der dekorativen Gliederung mehr Nachdruck auf den
Innenbau gelegt zu haben.
Die Haupteingänge befanden sich, wie mit ziemlicher Gewißheit
angenommen werden darf, an den beiden Seitenschiffen, wohl zwischen
den Strebebögen. Diese Portale wurden beim Umbau der Seitenschiffe an
die Türme transferiert. Ob die Turmhallen von Anfang an mit Eingängen
versehen waren, kann nicht zuverlässig behauptet werden.[6] Kleinere
Portale führten vermutlich an Stelle des späteren Brautportales und des
Dreikönigsportales in das Querhaus.
Bei der Baumasse, als Ganzes betrachtet, lag der Schwerpunkt auf der
Ostpartie. Gleichwohl ist eine starke Hervorhebung der Westpartie mit
dem Turmpaar (Abb. 6) nicht zu leugnen, wenn auch auf eine Fassade im
richtigen Sinne des Wortes wegen des Chores verzichtet werden mußte.
Andererseits darf nicht vergessen werden, daß der Gedanke, die Ostpartie
mehr zu betonen, fast auf den Grundplan beschränkt geblieben ist, da am
Ostchor wahrscheinlich weder Türme noch Kuppel vorhanden waren, so daß
im Hochbau die vertikale Entfaltung eigentlich nur in der Westpartie zum
präzisen Ausdruck kommt.
Kurz geraten in der Anlage ist das Langhaus mit seinen nur fünf schmalen
Jochen. Ost- und Westpartie sind einander dadurch ziemlich nahe gerückt,
eine enge Gruppierung der Baumassen war die Folge. So bescheiden die
Außenarchitektur im einzelnen auch ist, im ganzen muß die geschlossene
Komposition eine malerische Wirkung geübt haben.
=Einzelglieder und Dekoration.= Das reiche Formenspiel des Innenbaues
bietet eine malerische Verteilung und Abwechslung von Licht und
Schatten. In der Verwendung von Säulen und Säulchen, Halbsäulen,
Bögen und Blendbögen ist nicht gespart; dabei gibt sich das Bestreben
kund, die struktiven Glieder den dekorativen zu substituieren. Von
statuarischer Plastik der romanischen Kirche haben sich keine Reste
erhalten. Die Bogenfelder der nicht mehr existierenden oder der später
umgebauten, beziehungsweise versetzten Portale hatten vielleicht
Reliefplastik aufzuweisen. Die Dekoration war nur in beschränktem Maße
polychrom, wie die Feststellungen bei der letzten Restaurierung bewiesen
haben. Möglicherweise war der Ostchor mit größeren Wandmalereien
ausgestattet. Im Langhaus genossen in der Hauptsache die Schlußsteine
und einige Kapitäle die Vorteile des Farbenkleides. Anspruch auf
romanischen Ursprung können aber nur die im Westchor vorgefundenen
Farbenreste erheben, wonach eine Anzahl von Halbsäulenvorlagen oder
Diensten an ihren Schäften nach rheinischer Art im Schieferton, die
Rippen und Gurte mit weißem und grauem Steinmuster und die Gewölbekappen
mit kleinem Steinfugenschnitt bemalt waren. Auch einzelne Gesimse
zeigten eine dunkelgraue Färbung. Glasmalerei ist wahrscheinlich auch
vertreten gewesen.
Der =Pfeiler= (Abb. 7) funktioniert im Innern der Kirche als
freistehende Stütze der Hochwand und steht mit dieser in naher
struktiver wie formaler Beziehung. Er ist quadratisch im Grundriß
und hat im Seitenschiff eine Pfeilervorlage, an jeder Seite eine
Halbsäulenvorlage. Die Ecken sind mit Rundstäben versehen. Der Sockel
fehlt. Im Mittelschiff ruhen die Halbsäulenvorlagen auf Konsolen oder
setzen auch trichterförmig am Pfeiler an. Durch die Halbsäulenvorlagen
an den Schiffsseiten ist eine enge organische Verbindung zwischen
Pfeiler und Gewölbeträger hergestellt. Das Gesims wird an den vier
Seiten ringsum geführt, sogar um die Vorlagen, dort die Deckplatten der
Halbsäulenkapitäle bildend.
[Illustration: Abb. 6. Westansicht vor der Restaurierung.]