Ein mächtiger Stoffdrachen wird durch die Strassen getragen.]

Unter großer Ausgelassenheit wird in China das +Neujahrsfest+, das

San-Lin, gefeiert; die große Bedeutung dieses Tages erklärt sich, wenn

man bedenkt, daß der erste Tag des neuen Jahres für den allgemeinen

Geburtstag der gesamten Bevölkerung gilt; jeder Chinese rechnet

daher sein Alter von dem Beginne des Jahres an, in dem er geboren

wurde, und ein Kind, das eine Woche vor Jahresschluß das Licht der

Welt erblickte, ist am ersten Tage des neuen Jahres bereits ein Jahr

alt. Schon wochenlang vorher macht sich das Nahen dieses wichtigen

Festes bemerkbar. Der Kaufmann schließt seine Bücher ab, treibt seine

ausstehenden Forderungen ein und läßt saumseligen Schuldnern die

Ladentore ausheben, damit die stets umherschweifenden bösen Geister

Eingang finden, außerdem bemüht er sich, sein Lager in den letzten

Wochen nach Möglichkeit zu räumen. Im Hause wird große Reinigung

vorgenommen. Auf den Höfen werden Opferaltäre errichtet, auf denen den

Göttern noch schnell, ehe das Jahr zur Neige geht, allerlei Kuchen und

Früchte dargebracht werden. Die Reichen errichten dazu große Pavillone

und behängen sie kunstvoll mit bunten Stoffen und Papierlaternen.

Die Tempel werden das ganze Jahr lang nicht von so vielen Menschen

aufgesucht, wie in den letzten Tagen. Überall auf den Straßen werden

zahllose rote Papiere angebracht, auf denen die Wünsche, meistens für

„langes Leben, Gesundheit, Reichtum, Liebe zur Tugend, und natürlichen

Tod“ geschrieben stehen. Alle Türen, Fenster, Hallen, Bäume, Sträucher,

Wagen, Tiere, Boote und sonstigen Gegenstände werden mit roten Papieren

behängt, auf denen man Glück und Segen herabfleht. So ist mittlerweile

die Neujahrsnacht herangerückt. Alles geht in prächtige Festgewänder

gekleidet, die Kinder in possierlichen Putz gesteckt, auf die Straße,

um sich die Beleuchtung der Häuser und das Feuerwerk anzusehen, das

zum Austreiben der bösen Geister angezündet wird; allenthalben wird

dabei ein ohrenbetäubender Lärm gemacht. So lebhaft und laut es in der

Nacht zugeht, so still und stumm ist es am Morgen des Neujahrstages.

Die Straßen liegen wie tot da, alle Läden, Geschäftsräume und Ämter

sind geschlossen; kein Verkehr, kein Geschäft findet statt. Erst gegen

Mittag kommt Leben hinein, die Männer erscheinen, die Vornehmeren in

ihrer Sänfte, die Ärmeren zu Fuß, um sich gegenseitig Neujahrsbesuche

abzustatten und ihre Visitenkarten abzugeben, auf denen für gewöhnlich

Kinder, Standeserhöhung und langes Leben gewünscht werden. Die

chinesischen Visitenkarten sind von roter (der Glücks-) Farbe und haben

eine ganz ungewöhnliche Größe; sie messen etwa zwanzig Zentimeter

in der Länge. Auch im Hause selbst werden ähnliche Glückwünsche

dargebracht. Die Kinder werfen sich vor ihren Eltern zum Kotau nieder,

die Schüler vor ihren Lehrern, die Diener vor ihrer Herrschaft, die

niederen Beamten vor den höheren und die Eltern vor den Ahnentafeln

ihrer Vorfahren, denen sie außerdem in Schalen Reis und Reiswein

vorsetzen. Ein jeder Gast erhält eine Schale Tee kredenzt, in die man

als Zeichen des Wohlstandes eine Mandel oder Olive hineinlegt. Am

Abend nimmt man das tolle Leben von der Neujahrsnacht wieder auf, und

nun setzt ein mehrtägiges Feiern ein, bei dem die Ausgelassenheit keine

Grenzen kennt. Währenddessen bleiben Geschäfte und Bureaus geschlossen;

alle Arbeit ruht. Und wenn sie auch nach fünf Tagen im allgemeinen

wieder aufgenommen wird, so hält doch das Feiern noch wochenlang an.

Der siebente Tag ist im besonderen dem schönen Geschlecht gewidmet;

dann erscheinen die Damen in großen Scharen in den öffentlichen

Gärten, um sich zu unterhalten, und am vierzehnten und fünfzehnten

Tage pflegen alle Mitglieder einer Sippe zu einem gemeinschaftlichen

Festmahle zusammenzukommen; das ist der Höhepunkt des Festtrubels. Das

Ganze findet seinen Abschluß in dem Laternenfest, bei dem Laternen von

allen Farben, Größen und Formen an Stöcken durch die Straßen in großer

Prozession getragen werden.

Karnevalähnliche Aufzüge pflegen wohl bei allen größeren Festlichkeiten

veranstaltet zu werden, so auch in großem Stile bei dem +Begrüßungsfest

des Frühlings+ (Ying Chun). Bei diesem trägt man große papierne

Drachen durch die Gassen (Abb. 481 und 482). -- Bei dieser Gelegenheit

soll auch einer uralten Sitte gedacht werden, die Schiller in einem

Gedichte verherrlicht hat, des +Pflugfestes+ der Chinesen, bei dem der

Kaiser alljährlich vor der Öffentlichkeit höchst feierlich in eigener

Person den Pflug lenkte und die Saat mit den Händen ausstreute. Dieser

Brauch soll bereits im Jahre 2800 vor Christo von dem zweiten der

legendenhaften Kaiser, namens Chin Nong, vorgeschrieben worden sein und

hatte sich bis in unsere Tage hinein erhalten.

[Illustration:

Phot. F. W. Carey.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 204 / 207 题