Das Denken und Empfinden der Chinesen ist in vieler Hinsicht dem
unserigen diametral entgegengesetzt. Dem Europäer, der zum ersten Male
China aufsucht, fällt dies unter anderem dadurch auf, daß sie Dinge
des täglichen Lebens ganz anders als wir erledigen. Bei der Begrüßung
zum Beispiel geben sich die Chinesen nicht die Hand, sondern schütteln
sich ihre eigenen Hände, indem sie sie gleichzeitig derart ineinander
schließen, daß die Finger der rechten Hand über die linke und der
rechte Daumen über den linken zu liegen kommt, sich sehr oft verbeugen
und mit den Füßen scharren. Gehen sie aneinander vorbei und haben sie
keine Lust sich zu begrüßen, dann halten sie einen geöffneten Fächer
zwischen sich, wobei sie meinen, daß sie dadurch sich gesellschaftlich
unsichtbar machen, ohne die Höflichkeit zu verletzen. Die Zeitung
beginnt man auf der letzten Seite und von unten nach oben, sowie von
rechts nach links zu lesen. Wenn man ein Haus baut, dann fängt man mit
dem Dache an, das man auf Pfeiler stützt, und sodann erst errichtet man
die Mauern. Fährt man in einem Boot ans Land, so steht der Bootführer
mit dem Gesicht gegen den Bug gewendet und stößt die Ruder. Der
Zimmermann zieht den Hobel auf sich zu und sägt von sich weg. Wenn
man vom Tode eines nahen Verwandten spricht, muß man eine lächelnde
Miene aufsetzen, damit der andere nicht in die peinliche Lage kommt,
sein Beileid auszusprechen. Wenn ein Vorgesetzter in einer Sänfte
vorübergetragen wird, muß der ihm zufällig begegnende Untergebene so
tun, als ob er ihn nicht kenne; denn falls er ihn grüßen würde, müßte
der Vorgesetzte aus Höflichkeit aus der Sänfte steigen und ihm Guten
Tag wünschen.
Wie ich schon hervorhob, haben sich im Laufe der Zeiten die Sitten in
China wenig geändert. Schon vor mehr als zweitausend Jahren kleideten
sich die Söhne des Reiches der Mitte in dieselben Gewänder, auch die
gefütterten, wie heutzutage, puderten, schminkten sich die Frauen und
steckten sich künstliche Blumen in die Haare (Abb. 477), fächelten sich
beide Geschlechter und nahmen die Speisen mit dünnen Stäbchen, wie in
der gegenwärtigen Zeit. Man unterhielt sich schon seit alters durch das
Schachspiel, das bereits 2345 vor Christi Geburt erfunden worden sein
soll, und erfreute sich an der Musik, von der damals schon die zwölf
Halbtöne der Oktave bekannt waren.
[Illustration:
Aus „Anthropos“.
Abb. 478. Chinesischer Schauspieler in einer Frauenrolle,
eine junge Gattin darstellend, die sich nach ihrem abwesenden Gatten
sehnt.]
Auch heutzutage spielt die +Musik+ bei allen feierlichen Gelegenheiten
im Leben der Chinesen eine große Rolle. Wann eine solche solenne
Festmusik stattfindet und wieviel Instrumente dabei tätig sein
müssen, ist durch strenge Etikette geregelt; je wichtiger der Akt,
desto umfangreicher das Orchester. In ganz eigenartiger Weise tritt
die Musik im chinesischen Theater in Wirksamkeit. Bei gesteigerten
Gemütsbewegungen, sei es im Trauer- oder im Lustspiel, namentlich bei
Aktabschlüssen hört mit einem Male die eintönige Rezitation auf und
es setzt eine Arie ein, nachdem schon vorher eine gellende Musik den
Schauspieler unterbrochen hat. Die üblichen musikalischen Werkzeuge
sind ein Flaschenkürbis mit darauf sitzenden Bambusflöten, eine
einfache Holzkiste, deren Innenseiten mit einem Hammer geschlagen
werden, ein glockenförmiges, oben mit einer, vorn mit drei und hinten
mit zwei Öffnungen versehenes Tongefäß, an einem Metallrahmen hängende
Glöckchen, wobei aber nicht direkt auf diese selbst, sondern auf den
Rahmen geschlagen wird, damit das Ganze zum Tönen kommt, in einem
ähnlichen Gestell aufgehängte klingende Steine, die mit Klöppeln
angeschlagen werden, ferner Geigen, Mandolinen, Gitarren, Pauken,
Trommeln, Trompeten, Becken, Xylophone und so weiter.
[Illustration:
Aus „Anthropos“.
Abb. 479. Chinesische Bühne.
Die Szene stellt einen Akt aus Dschan Bei Yüan (Die Eroberung von Bei
Yüan) vor.]
Die Chinesen sind von alters her auch leidenschaftliche Liebhaber des
+Theaters+. Die Bühne pflegt ein von drei Seiten offener, überdeckter
Pavillon zu sein, an den sich im Hintergrunde ein Gebäude anschließt;
den Zuschauerraum gibt die Dorfstraße ab (Abb. 479). Die Schauspieler
von Beruf werden zu der niedrigsten Menschenklasse gerechnet und
sind von allen Ehrenämtern, desgleichen auch ihre Nachkommen,
ausgeschlossen. Frauenrollen werden ebenfalls von den Herren der
Schöpfung gespielt, die dann mächtig geschminkt und gepudert, zumeist
wie mit Tünche überzogen, auftreten (Abb. 478). Ihre buntschillernden
Kostüme sind fast immer recht kostbar und mit wundervollen Stickereien
bedeckt; ein Kopfputz erhöht die theatralische Wirkung. Die Handlung
nimmt auf historische oder mythische Ereignisse Bezug und besteht in
uns unverständlichen Gesten der Arme und Bewegungen der Beine, die oft
in seltsame Sprünge ausarten. Auf der mit nur spärlichen Requisiten
ausgestatteten Bühne herrscht meist ein furchtbarer Lärm, da ein
Schauspieler den anderen durch eine laute Stimme, zumeist in hoher
Fistellage, zu übertreffen sucht. Die Wiedergabe eines historischen
Heldenromans sieht sich wie eine Burleske an. Werden Kostümumwandlungen
nötig, dann stellen sich einige der Mitwirkenden vor die betreffende
Person, die den Wechsel auf der Bühne hinter dieser lebenden Schutzwand
vollzieht. Pausen werden durch das Auftreten mächtiger Gestalten mit
grotesken Masken und Vorführung von Tänzen ausgefüllt, die entweder
kriegerischer Natur sind und mit andauerndem Lärm und wildem
Umherschwingen der Schwerter und Lanzen einhergehen oder in ruhigeren
ballettartigen Bewegungen bestehen.
[Illustration:
Phot. F. W. Carey.