Abb. 474. Einschnüren eines chinesischen Frauenfußes.]

[Illustration:

Phot. Charles Hose.

Abb. 475. Chinesischer Frauenfuß,

„Goldene Lilie“ genannt.]

[Illustration:

Phot. Richard Little.

Abb. 476. Röntgenaufnahme eines chinesischen Frauenfußes,

die zeigt, wie die Zehen nach unten gebunden sind.]

Anders verhält es sich mit einem für unseren Geschmack unverständlichen

Schönheitszeichen mit den +verkrüppelten Füßen+ der Chinesinnen

(Abb. 474). Ein möglichst kleiner Fuß gilt für berückend schön;

selbst männliche Stutzer streben danach, diese Zierde sich dadurch

anzueignen, daß sie nachts die Füße hochhalten und am Tage mittels

Draht die Zehen in die Höhe drängen, um auf diese Weise einen kleinen

Fuß vorzutäuschen. Die Frau wird daher nur nach der Kleinheit ihres

Fußes gewertet, nicht nach ihren sonstigen Schönheitsattributen, und

ein kleiner Fuß wiegt unter Umständen eine große Mitgift auf. Einem

Mädchen aus ärmeren Ständen, das über recht kleine Füße verfügt, wird

dadurch die Möglichkeit gegeben, in eine höhere Gesellschaftsklasse

einzutreten; auf der anderen Seite auch wieder ist über ein Mädchen,

das keinen verkrüppelten Fuß besitzt, von vornherein das Urteil

gesprochen; es ist für immer zur Ehelosigkeit verdammt. Für den

Chinesen bleibt der kleine Fuß der entzückendste und pikanteste

Körperteil seiner besseren Hälfte; der genießt ganz besonders ihre

Gunst, dessen Blicken sie ihren Fuß einmal enthüllen sollte, was

nur äußerst selten geschieht. Denn wie Chinesen versicherten, ruft

der Anblick eines verkrüppelten Fußes bei ihnen einen hochgradigen

Sinneskitzel hervor. Das Entblößen eines Frauenfußes gilt in hohem

Grade für unschicklich, ja selbst für unsittlich; das geht sogar so

weit, daß Europäer, die den nackten Fuß einer Prostituierten sehen

wollten, bei ihr auf Widerstand stießen. Darstellungen von nackten

Frauenfüßen finden sich auch nur in der pornographischen Literatur,

und nach den Füßen einer Chinesin sehen, ist gleichbedeutend mit

unsittliche Gedanken hegen. Der Ursprung des Fußverkrüppelns ist in

Dunkel gehüllt; die Legende berichtet, daß eine kaiserliche Nebenfrau

im sechsten Jahrhundert nach Christi Klumpfüße gehabt haben soll, die

ihr hoher Herr und Gebieter schön fand, und daß daraufhin sich alle

Hofdamen veranlaßt sahen, ihren Füßen durch Bandagieren dieselbe Form

zu geben. Auf jeden Fall hat sich diese Gewohnheit schon seit langen

Zeiten im himmlischen Reiche Bürgerrecht erworben, und alle namhaften

Dichter haben die „Goldenen Lilien“ unzählige Male besungen. Allerdings

ist sie nicht überall im Lande und nicht gleichmäßig verbreitet; im

Norden des Reiches begegnet man den verkrüppelten Füßen häufiger als

im Süden, bei den wohlhabenderen Volksschichten öfter als bei den

niedrigeren, und in der Stadt ebenfalls häufiger als auf dem Lande.

Merkwürdigerweise war am kaiserlichen Hofe die Verunstaltung des

Frauenfußes nach dem Sturze der Mingdynastie und der Herrschaft der

Mandschu, die an ihrer Stelle ans Staatsruder gelangten, verpönt.

Trotz wiederholter kaiserlicher Verbote hat sich diese schreckliche

Unsitte aber beim Volke bisher nicht abschaffen lassen. -- Die

Verkrüppelung wird durch stetigen Druck und Zug einer straffen, aber

nicht direkt schnürenden Binde im Verlaufe eines Jahrzehnts erzeugt.

Für gewöhnlich beginnt man damit bei den Mädchen im Alter von vier bis

acht Jahren, unter Umständen aber auch schon im zartesten Kindesalter.

In einzelnen Gegenden, wo die Eltern ihr Mädchen zur Feldarbeit

ausnutzen wollen, warten sie bis zu zwölf, dreizehn und auch vierzehn

Jahren; sie begnügen sich dann damit, alle Zehen unter den Fuß zu

binden, so daß sie mit ihrer Rückenfläche auf dem Boden aufliegen,

und ihn auf diese Weise kürzer machen. Verbreiteter ist dagegen ein

anderes Verfahren, das weit elegantere Füße schafft; hierbei wird ein

hohler Metallzylinder unter die Fußwölbung geschoben und über ihn die

ganze vordere Fußpartie nach unten gebogen. Diese Manipulation ist

ziemlich schmerzhaft; ein chinesisches Sprichwort besagt, daß jedes

Paar gewickelter Füße ein Tränenbad koste, und doch wird sie von den

Kindern meist gut ertragen, denn man sieht die Kleinen dessenungeachtet

tagaus, tagein auf der Straße sich tummeln. Die Binden werden jeden

Morgen, nachdem der Fuß gebadet und massiert worden ist, und dies

geschieht ein ganzes Jahrzehnt lang, ungefähr bis zur Pubertät, von

neuem umgelegt. Meistens bandagieren sich die erwachsenen Chinesinnen

ihren Fuß noch weiter, damit er seine Formen behalte. Das Ergebnis

dieser Verunstaltung ist grauenerregend. Zwar wird zumeist, um den

Fuß besonders klein erscheinen zu lassen, durch den Schuhmacher noch

etwas nachgeholfen, insofern er den Schuh nach hinten möglichst weit

und möglichst hoch herausarbeitet, wodurch der vor dem Spann liegende

Abschnitt auffällig verkürzt erscheint, indessen sollen Füße von nur

sieben bis neun Zentimeter Länge keineswegs eine Seltenheit sein. In

solchen Fällen, wo die Mutter ihr Meisterstück vollbracht hat, steht

das Fersenbein steil aufgerichtet, seine Längsachse ist zur Vertikalen

geworden; das Fersenbein hat eine Drehung um neunzig Grad erfahren

(Abb. 475 und 476). -- Die Muskulatur des Unterschenkels wird dadurch

natürlich mehr oder minder zum Schwinden gebracht, das Gehen somit

den Chinesinnen ungemein erschwert, jedoch nicht in dem Maße wie man

glauben könnte. Sie können nach Aussagen von Augenzeugen nicht nur

gehen, sondern auch tanzen und selbst auf einem Pferd oder einem

Seil akrobatische Kunststücke treiben. Allerdings wird so etwas bei

hochgradiger Verunstaltung, wie sie die Modedame aufweist, kaum möglich

sein; diese muß sich, um sich fortbewegen zu können, eines Stockes oder

der Unterstützung ihrer Dienerin bedienen oder sich tragen lassen. Auf

der Straße läßt sich die Chinesin, auch die des mittleren Standes,

tragen oder fahren.

[Illustration:

Phot. The Baptist Missionary Society.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 201 / 207 题