An die +Geburt+ eines Kindes knüpfen sich bei den Bewohnern des
Suluarchipels einige eigenartige Gebräuche. Bei zögernder Geburt wird
durch Spalten von Pinang oder Zerschneiden der Ingwerwurzel darüber Rat
eingeholt, was die Ursache hierfür sein könnte, und dementsprechend
werden Maßregeln getroffen. Hat die Kreißende zum Beispiel mit ihren
Eltern Streit gehabt, so müssen diese sich Gesicht und Hände in einem
Gefäß mit Wasser waschen und dabei geloben, nach günstigem Verlauf
der Geburt ein Opfer darzubringen. Ein Teil dieses Waschwassers wird
der Gebärenden zu trinken gegeben, der Rest über sie ausgegossen.
Unmittelbar vor der Abnabelung ruft die Hebamme dem Kinde einen Namen
zu und fragt an, ob es so heißen will; gibt es durch einen Ton seine
Zustimmung, so behält es diesen Namen, verhält es sich aber ruhig, so
wird ein anderer Name ausgedacht. Den abgetrennten +Nabelstrang+
eines Knaben hebt man in einem kleinen Kober auf, der von diesem,
sobald er erwachsen ist, um den Hals oder den Bauch getragen wird;
derjenige der Mädchen wird sofort begraben. Die +Nachgeburt+
wird mit Asche und Pinangblüten in ein Pinangblatt gewickelt und in
eine Kalapanuß gelegt, die man zubindet. Eine der Geburtshelferinnen
trägt sie mit bedecktem Kopfe hinaus und begräbt sie dicht bei der
Wohnung; unterwegs aber darf sie kein Wort sprechen und niemand Rede
stehen; sonst wird das Kind heuchlerisch. An der Stelle, wo die
Nachgeburt vergraben ist, pflanzt man einen Gagabaum und zündet dort
vier Nächte hindurch Harzfackeln an. Eigenartig ist die +Anerkennung
des Kindes+ durch den Vater. Die Hebamme gibt die Erklärung ab, wer
der Vater ist. Dieser oder einer der männlichen Blutsverwandten muß
dann den Bambussplitter, mit dem die Nabelschnur durchtrennt wurde, an
einem Speer befestigen. Diesen steckt der Betreffende dann in einen
bestimmten Baum und erkennt durch diese Zeremonie das Kind vor allen
Dorfgenossen als sein eigenes an. Der Baum verbleibt Eigentum des
Kindes.
[Illustration: Abb. 347. Bogobomusikanten.
Bemerkenswert ist ihre reich bestickte Kleidung, die häufig noch mit
Muschelreihen oder Perlen behängt wird.]
Die Polygamie ist allgemein verbreitet, da der Koran mehrere legale
Frauen erlaubt. Die Frauen werden meistens gekauft; ihre Stellung ist
eine ziemlich hohe. Ihre Heiratsfähigkeit beginnt mit dem dreizehnten
Lebensjahr. Auf den Suluinseln soll vor der Landung der Spanier die
Homosexualität sehr verbreitet gewesen sein, in dem Maße, daß auf
Antrag der Frauen an dem Gliede der geschlechtsreifen jungen Männer
eine eigentümliche Operation vorgenommen wurde, durch die jeder
gleichgeschlechtliche Verkehr unmöglich gemacht werden sollte.
[Illustration:
Phot. W. Tams.
Abb. 348. Geisterboot von der Westküste Malakkas,
in das Opfer für die Geister gelegt werden. Diese werden eingeladen,
auf ihm wegzusegeln, worauf das Boot zur Ebbe ins Wasser gesetzt wird.
Die Figuren und Opfergegenstände stammen von einem solchen Geisterboot,
das an der Ostküste treibend aufgefunden wurde.]
Malakka oder die malaiische Halbinsel.
Die malaiische Halbinsel, die südöstliche Spitze des asiatischen
Festlandes, bildete von jeher die Brücke zwischen dem letzteren,
im besonderen Indochina, und den Inseln des Malaiischen Archipels
und war somit den Völkerwanderungen, die teils von China, teils von
Vorderindien aus im Laufe der Zeiten dieses Gebiet überfluteten, in
hohem Grade ausgesetzt. Es kann daher kein Wunder nehmen, wenn wir
hier einen richtigen „Völkerbrei“ antreffen, an dem die Malaien,
beziehungsweise ihnen verwandte Völker den Hauptbestandteil ausmachen.
Indessen bewohnen diese heutzutage vorwiegend die Küstengegenden,
während im Innern noch verschiedene Stämme wilder Ureinwohner hausen,
vor allem die Semang, Senoi, Sakai (Abb. 350) und Jakhûn oder Jokol.
Die Orang ûtan, Lâut, Belenda, Tanggan und andere mehr sind entweder
nur Unterabteilungen dieser Völker oder ihnen verwandte Stämme. Die
Semang und Senoi weisen überwiegend die charakteristischen Züge der
Negrito, also der afrikanischen Grundrasse auf, die Sakai dagegen
nähern sich mehr den Australiern und den Wedda, also den Angehörigen
der sinoaustralischen Grundrasse; beide Völker sind vielfach
miteinander Kreuzungen eingegangen. In den Jakhûn dagegen ist bereits
malaiisches Blut vertreten. Alle diese Stämme leben in der Hauptsache
von der Jagd, wozu sie kleine Bogen und Pfeile, auch Blasrohre (Abb.
349) mit einem in den Giftsaft des Upasbaumes getauchten Geschoß
benutzen, und den Erträgen des einheimischen Bodens (Yams und andere
Wurzeln). Ackerbau betreiben sie nicht, wohl aber handeln sie mit
Honig, Kampfer, Gummi und anderen tropischen Erzeugnissen. Feste
Wohnungen kennen sie nicht; für gewöhnlich hausen sie hinter primitiven
Windschirmen, unter Laubdächern, überhängenden Felsen oder Höhlen;
aber auch auf Bäumen werden sie angetroffen. Schlagen sie auf ihren
Wanderungen ein primitives Lager auf, dann muß ein unverheiratetes
Mädchen durch Quirlen Feuer anmachen, um mit gutem Erfolge kochen
zu können. Damit man stets dazu bereit ist, trägt jeder Jakhûn das
erforderliche Hölzchen am Körper oder auch auf dem Stirnband von Rinde
immer bei sich. -- Die Semang erzeugen auch Feuer durch Sägen, das
heißt durch Hin- und Herziehen einer Liane über ein Stück Holz.
[Illustration:
Aus: Skeat & Blagden, Pagan Tribes.
Abb. 349. Jakhûn, mit dem Blasrohr auf einen Vogel schießend.
In dem an seiner Seite befestigten Köcher befinden sich die vergifteten
Pfeile.]
Die +Kleidung+ der Männer besteht bei den Wildstämmen in einem
Gürtel aus mehrfach gewundener Schnur oder in einer Schambinde
aus Rindenstoff, bei den Frauen in einer solchen aus zahlreich
herabhängenden Schnüren. Wie anderwärts besteht auch bei allen diesen
Stämmen lebhafte Neigung, sich mit irgendeinem glänzenden oder
farbigen Gegenstande, wie bunten Seemuscheln, Samenkernen und anderem
mehr zu schmücken. Außerdem wird der Körper bemalt, jedoch nicht
tatauiert. Auch Ohrdurchbohrung (Abb. 351) und Zahnfeilung kommen,
von den Malaien übernommen, vor. -- Die Frauen der Semang tragen in
ihrem Haar mit eigentümlichen Mustern bedeckte Kämme, aber nicht zur
Zierde oder zum Halt für die Haare -- sie besitzen meist nur etwa drei
Zähne --, sondern zum Schutze gegen bestimmte Krankheiten, gegen die
man die Zeichnungen eingeritzt hat. Jede Frau hat eine große Anzahl
dieser Zauberkämme in ihrem Besitz und tauscht sie mit anderen Frauen
leihweise aus.
[Illustration:
Phot. L. Wray.
Abb. 350. Musikkapelle wilder Sakai von Perak.
Links spielen zwei Eingeborene auf Bambusgitarren, daneben bläst
ein Jüngling die Nasenflöte und im Hintergrunde spielt einer die
Maultrommel.]
Mit diesen +Zaubermustern+ hat es nämlich eine ganz eigentümliche
Bewandtnis. Es sind durchweg geometrische Zeichnungen (Abb. 352)
in großer Reichhaltigkeit und Fülle -- man zählt ihrer gegen
hundertundvierzig --, die die Semang angeblich schon von ihren
Vorfahren überkommen haben. Ihre Bedeutung ist eine zeremonielle; jedes
der einzelnen Muster soll eine Krankheit bezeichnen, beziehungsweise
eine Blume, durch deren Geruch der Geist dieser Krankheit von dem
Träger des betreffenden Gegenstandes abgehalten wird. Mit Vorliebe
werden solche Zaubermuster auf den Köchern und Zaubergefäßen, sowie auf
den Kämmen angebracht. Außer diesen geometrischen Mustern schnitzt man
noch andere Zeichnungen auf den Bambusgegenständen ein, die Menschen,
Tiere, Pflanzen, allerdings manchmal in recht schematischer Wiedergabe,
veranschaulichen. Diese werden auf Gegenständen angebracht, die
gleichsam repräsentativen Zwecken dienen.
[Illustration:
Phot. ~Dr.~ J. Gimlette.
Abb. 351. Kelantanmädchen mit Ohrstiften,
die früher von der weiblichen Jugend bis zur Hochzeit getragen werden
mußten.]
Von den verschiedenen Wildstämmen Malakkas stehen die Semang in
kultureller Hinsicht am tiefsten; sie sind sicher als bodenständig
zu betrachten; höher stehen schon die Sakai, die sich mit ihnen
vermischten. Auf der verhältnismäßig höchsten Stufe, bereits auf
einer Art Halbkultur, die vielfach von den benachbarten Malaien mit
übernommen wurde, stehen die Jakhûn und Belenda. Unser Wissen über
diese Wildstämme ist nur ein stückweises.
Wie die Australier stellen sich auch die Semang die +Seele als einen
Vogel+ vor und erklären sich die Entstehung des Menschen in der Weise,
daß dieser Seelenvogel, der auf den Zweigen eines Himmelsbaumes
sitzt, von Kari, dem höchsten Gotte, zur Erde gesandt, hier von
dem Ehemanne getötet und der Frau zu essen gegeben werde; dadurch
gehe die Seele des Vogels in den Fötus über. Sonst darf dieser
Seelenvogel von niemanden getötet und verspeist werden. -- Während der
+Schwangerschaft+ weicht der Orang ûtan-Mann, wenn irgend möglich,
nicht von der Seite seiner Frau; durch seine Anwesenheit glaubt er
das Gedeihen des werdenden Kindes zu fördern. Bei den Jakhûn wird die
schwere Stunde äußerlich durch ein in die Augen fallendes Büschel von
Palmblätterfasern kenntlich gemacht, damit jede männliche Person, die
dies bemerkt, sogleich umkehrt; nur der eigene Mann darf in der Nähe
bleiben, um helfen zu können. Für gewöhnlich aber stehen auch bei den
Urwaldstämmen weise Frauen der Gebärenden bei, meistens alte Weiber,
die eine bevorzugte Stellung unter den Frauen einnehmen, insofern
sie von allen gemeinsam durch diese zu leistenden Arbeiten, wie
Rotangwinden, Wurzelsuchen und so weiter befreit sind, dafür aber auch
die Kinder des Dorfes in ihre Obhut zu nehmen haben. Ihre Hütten sind
im Gegensatz zu denen der übrigen Bewohner, die auf Pfählen ruhen,
direkt auf dem Erdboden erbaut und besitzen eine ganz niedere, kleine
Tür, damit niemand hineinschauen kann. Denn hier pflegen die Weiber
des Dorfes auch niederzukommen. In dem Augenblick, wo das Kind das
Licht der Welt erblickt, erheben die Orang Lâut ein mächtiges Geschrei
und schlagen dabei die Trommeln, um die bösen Geister zu vertreiben;
wenn die Nabelschnur durchschnitten ist, brauchen sie von ihnen nichts
mehr zu befürchten. Die weise Frau, die der jungen Mutter in ihren
Nöten beigestanden hat, bläst während dieses Lärms kräftig auf das
Neugeborene.
[Illustration:
Aus: Skeat & Blagden, Pagan Tribes.