Ist eine Frau erkrankt, dann bringt man ihr durch Zureden die
Überzeugung bei, daß sie vom Teufel besessen ist und eine Medizinfrau
werden müsse; nur auf diese Weise könne sie von ihrem Leiden befreit
werden und erlange gleichzeitig die Fähigkeit, anderen zu helfen.
Ob sie nun wirklich dazu imstande ist, wird durch eine bestimmte
Zeremonie, Bajoh genannt (Abb. 290), festgestellt. Der Raum, in dem
die mächtigen Geister, die man dazu ins Haus geladen hat, erscheinen
sollen, ist kunstvoll geschmückt; Musik von Gongs und Trommeln
erschallt durch das ganze Dorf und wird zu bestimmten Zeiten während
der ganzen Nacht wiederholt. Die Medizinfrauen, meistens sind es
alte und wenig anziehende, dafür aber prunkvoll aufgeputzte Weiber,
versammeln sich nun in der Mitte des Raumes und fangen im Takte nach
der Musik eine nach der anderen zu tanzen an, dabei zischen sie und
schlagen mit den Händen wild um sich. Eine von ihnen nähert sich der
Kranken und gibt ihr eine Pinangblüte in die Hand, außerdem bedeckt
sie ihren Kopf mit einem Tuch. Darauf setzen sie die Kranke auf ein
kegelförmiges Gerät und wirbeln dieses mit großer Schnelligkeit
im Kreise herum. Mit der Zeit geraten alle in förmliche Raserei;
dadurch sollen die Geister angelockt werden. Sie fragen sodann die
Hauptmedizinfrau, warum man sie rufe, worauf diese antwortet, daß
jemand krank sei. Nunmehr ziehen sich die Geister zurück und holen
einen mächtigeren Geist herbei, dem sie untertan sind, damit er helfe.
Die oberste Medizinfrau fragt diesen, ob er die Kranke heilen wolle.
Weigert er sich, dies zu tun, so muß ein anderer mächtiger Geist
herbeigeschafft und in der gleichen Weise gefragt werden, jeden Abend
von neuem, bis die Kranke genesen ist. Bisweilen gestaltet sich die
ganze Zeremonie sehr prunkvoll. Die Medizinfrauen spielen dabei ihre
Rolle sehr realistisch; sie fassen den Kopf der Kranken fest an unter
dem Vorwande, den bösen Geist gefangen zu nehmen. Nicht selten stellt
sich auch ein Erfolg dieser Kur ein.
[Illustration:
Phot. Ch. Hose.
Abb. 291. Kenjahfrau beim Erntetanz,
der in langsamen, graziösen Wendungen besteht, die Arme ahmen dabei die
Bewegungen einer Schlange oder eines im Fluge begriffenen Vogels nach.]
Die +Religion+ der Javaner, Sundanesen und Maduresen ist der
Mohammedanismus, allerdings vielfach noch mit den Überresten und
Gebräuchen des älteren heidnischen Kultus durchsetzt. Die Javaner,
die ursprünglich wohl wie alle halbzivilisierten Indonesier Animisten
waren, wurden schließlich hinduisiert. Zuerst kam die Schiwaanbetung
und dann der Buddhismus; beide Religionen übten einen großen Einfluß
auf ihre Kultur aus; besonders sind jene prachtvollen Tempel der
Zivilisation von seiten der Hindu zu verdanken, die, heutzutage
verfallen, über ganz Java sich zerstreut finden, wie der Borobudur,
Prambanan und Mendut, um nur die berühmtesten unter ihnen zu nennen.
Schließlich kam der Islam nach Java, wahrscheinlich um das dreizehnte
Jahrhundert herum; von hier aus verbreitete sich die neue Lehre bald
über alle Inseln des malaiischen Archipels. Daneben sind doch noch
eine ganze Anzahl Stämme heidnisch geblieben, andere haben auch das
Christentum angenommen. -- Trotz der Lehre des Islam haben sich unter
dem javanischen Volk noch überall die alten Vorstellungen erhalten. Die
Javaner glauben an gute und böse Geister, fürchten sich vor Gespenstern
und vertrauen auf Astrologie, Glücks- und Unglückstage, Vorbedeutungen
und allerhand Zauber. Ihre Heilkunde war bis vor kurzem, bevor
europäisch geschulte Ärzte sich ihrer annahmen, der reine Schamanismus,
und lag in den Händen der Dunkun, einer Art Zauberer (beiderlei
Geschlechts), die böse Geister austrieben, Kranke folterten, ihnen
selbstbereitete Säfte von Pflanzen oder Wurzeln in den Hals gossen und
anderen Unfug mehr verübten.
[Illustration:
Phot. Ch. Hose.
Abb. 292. Ein gefesseltes Krokodil,
das von den Kajan als Freund und heiliges Tier betrachtet wird und
nicht getötet werden darf. Daher wird es, wenn es einen Menschen
tötete, gefangen, unter freundlicher Anrede wie „Großvater“ und
ähnlichem gebunden und dem natürlichen Tode überlassen.]
[Illustration: Hahnenkampf auf Borneo,
der eine beliebte Unterhaltung der Seedajak oder Ibaner ist. Die
Eigentümer halten die Hähne einander gegenüber und lassen sie los,
sobald sie durch das Sträuben der Halsfedern ihre Neigung zum Kampfe
zeigen.]
Die Bewohner der kleinen fruchtbaren vulkanischen Insel Bali sind
bisher die hartnäckigsten Anhänger des Hinduismus geblieben (Abb.
293) trotz der zahlreichen Versuche des Islam, seine Lehre auch hier
zu verbreiten. Im besonderen hat sich unter ihnen der Schiwakultus
Jahrhunderte hindurch erhalten, der sonst überall in Indonesien
ausgerottet worden ist. Schiwa und seine Gemahlin Durga, sowie ein
gewisser Devi Seri sind die einzigen wirklichen Gottheiten der
Balinesen, wenngleich sie auch die anderen Götter des hindostanischen
Pantheons in ihre schön ausgemalten und reich vergoldeten Tempel
zulassen. Zeremonien, die sich auf den Ackerbau beziehen, nehmen in der
Religion der Balinesen einen großen Platz ein, jedoch haben sie die
Gebete, die Läuterungsfasten, die Totenverbrennung, die vollständige
Abneigung gegen das Fleisch des Rindes und der Büffel, die Achtung
vor den „fünf Erzeugnissen“ der Kuh und das lästige Kastenwesen
beibehalten, wodurch sich das Hindutum genügend kennzeichnet.
Merkwürdigerweise treffen wir auf Bali noch alte polynesische Götzen
an, seltsame kleine Figuren, die aus chinesischem Geld hergestellt und
mit reichen Stoffen ausgeputzt sind, die sogenannten Rabut Sedana. Die
Bugis und Makassaren auf Celebes sind heutzutage mehr oder weniger
mohammedanisiert, jedoch haben sich unter ihnen einige Hindubräuche
erhalten, zum Beispiel die schiwaistische Anbetung des Lingam. Sie
verehren auch das Krokodil (Abb. 292) und den Aal und glauben stark an
das Können gewisser Zauberer.
Die +Nationalwaffe+ der Malaien ist der Kris, ein kurzes,
dolchähnliches, aufs kostbarste verziertes Schwert (Abb. 294 u. 296)
mit meist flammender Klinge. Dazu treten noch das lange Schwert, die
Lanze und der Schild (Abbild. 295). Auch Bogen und Pfeile, sowie das
Blasrohr werden benutzt, aber nicht durchweg, sondern nur in einzelnen
Teilen des Archipels.
Unter den +Handfertigkeiten+ der Malaien stehen obenan die
Waffenfabrikation, die Verarbeitung von Gold, Silber und Eisen zu
Schmucksachen (Filigranarbeiten), der Gelbguß, die Weberei und
Flechterei, die Batikfärberei und der Schiffbau.
[Illustration:
Phot. Edward Elven.
Abb. 293. Balinesische Schnitzerei.
Die hölzerne Figur stellt den Gott Krischna, auf seinem Adler reitend,
dar, ein auf der Insel Bali, wo der Hinduismus überdauerte, häufiges
Motiv.]
Leidenschaftlich huldigt der Malaie +Musik+, +Spiel+ (Abb. 300) und
+Tanz+. Die Musik der Javaner steht auf hoher Stufe, obwohl einer, der
sie nicht gewohnt ist, sie zunächst als schrill empfindet, indessen
liegt in ihr viel Melancholisches und Melodisches. Ein vollständiges
Orchester, das sogenannte Gamelang (Abb. 299), umfaßt einige
volltönende Bambusflöten, eine Reihe Gongs, die mit Stöcken geschlagen
werden, Bratschen, Violinen, Gitarren, Trommeln und Xylophone. Kein
Fest oder große Zeremonie findet auf Java statt ohne Gamelang. Kaum
zu trennen ist davon die Vorführung des Wajang oder Schattenspiels.
Zu diesem werden aus Büffelhaut geschnittene, bemalte oder vergoldete
Figuren benutzt (Abb. 298), deren Schatten der hinter einem
erleuchteten Wandschirm sitzende Darsteller auf diesen fallen läßt.
Die Arme der Figuren, die auf einem Holzreck stehen, werden mittels
Holzstäbchen bewegt. Den Inhalt der Vorführungen bilden denkwürdige
Ereignisse aus der Vergangenheit, aus den großen indischen Epen
Mahabharata und Ramayana. Der männliche Teil der Zuhörer sieht auf der
einen Seite des Schirmes den Bewegungen dieser Marionetten direkt, der
weibliche auf der anderen dagegen ihren auf ihn fallenden Schatten zu.
Das Wajangspiel, das sich übrigens über Siam, China, Ägypten und die
Türkei verbreitet findet, wird bei allen festlichen Gelegenheiten, wie
Namensgebung, Beschneidungs- und Zahnfeilungsfeierlichkeiten, Hochzeit
und so weiter vorgeführt. Eine andere Unterhaltung der Javaner sind
die Vorführungen der Ronggeng, der öffentlichen Tänzer (Abbild. 297 u.
301), die aus einer Reihenfolge plastischer Posen und lebender Bilder
sich zusammensetzen. Sehr beliebt sind schließlich noch auf Java, wie
auch anderwärts im malaiischen Archipel, Tierkämpfe zwischen Hähnen
(siehe farbige Kunstbeilage), Wachteln, Grillen, Büffeln und selbst
Tigern, Schachspiele, Kartenspiele und dergleichen mehr.
[Illustration:
Originalaufnahme von ~Dr.~ Buschan.