Mannigfache Gebräuche knüpfen sich auch an die wichtigsten Momente
im Leben der heranwachsenden Jugend. Im Innern von Neupommern gibt
das Anlegen der ersten Kleidung eines Erstgeborenen Anlaß zu einem
Schmaus. Dem Kinde werden die Kopfhaare so abrasiert, daß nur eine
Haarkrone stehen bleibt; es wird festlich geputzt und dann zur
Bewunderung vor die Festteilnehmer gesetzt. Ist es ein Knabe, so bleibt
er so lange unbekleidet, bis ein naher Verwandter ihm ein Lendentuch
bringt, seine Hüften damit reibt, eine Zauberformel dazu spricht und
das Tuch schließlich am Körper befestigt; darauf findet ein Maskentanz
statt und der Knabe wird in gewisse Geheimnisse eingeweiht, die er
nicht verraten darf. Als Zeichen der Bestrafung für die Übertretung
des Verbots wird vor seinen Augen ein Mann geschlagen. Man schlägt
den Knaben auch wohl auf die Beine, damit er schnell laufe, und auf
den Mund, damit er eine kühne Sprache führe. Bei den Roro und Mekeo
(Neuguinea) wird der Knabe, nachdem die Verwandten mütterlicherseits
ein vom Vater geschenktes Schwein verzehrt haben, in das Haus seines
Onkels geschickt, der ihm in Abwesenheit der väterlichen Verwandten,
denen es verboten ist, hierbei zuzusehen, den Schamgurt umlegt. An
allen diesen und ähnlichen Zeremonien nehmen die männlichen Verwandten
der Mutter des Knaben den Hauptanteil, während die Tätigkeit des
Vaters sich meistens auf die Bewirtung und Beschenkung der Gäste
beschränkt. Es hängt diese Eigentümlichkeit mit dem Begriff über die
Abstammung in mütterlicher Linie, welcher der natürlichen Auffassung
der Blutsverwandtschaft entspricht und noch vielfach in Melanesien
verbreitet ist, zusammen. Dieser Auffassung zufolge gehört das Kind
der Sippe seiner Mutter an und steht mit deren Angehörigen in näherer
Verwandtschaft, als mit der des Vaters, da man bei der ursprünglichen
allgemeinen Vermischung nie wissen konnte, wer der richtige Vater war.
Die Verwandten der Mutter sind daher auch an vielen Orten in höherem
Grade für die Erziehung des Kindes verantwortlich als die eigentlichen
Familienangehörigen in unserem Sinne. Ähnlichen Zeremonien beim Anlegen
der ersten Kleidung begegnen wir verschiedentlich. Bei den Mafulu,
die damit eine große Schmauserei verbinden (Abb. 94), besteht noch
eine eigenartige Zeremonie, deren Vollziehung dem Knaben das Recht
verleiht, in das Dorfklubhaus einzutreten und hier zu wohnen. Das
festlich geschmückte Kind muß hierbei auf einem geschlachteten Schwein
stehen, es wird dann von dem Eingeborenen, der das Schwein brachte,
sofort wieder fortgenommen und in eiligem Lauf zum Klubhaus an dem
einen Ende des Dorfes getragen, auf dessen Plattform zwei Reihen
Männer sitzen; der Knabe wandert nun von einer Hand in die andere und
wird darauf dem Überbringer zurückgegeben, der mit ihm zum Klubhaus
am entgegengesetzten Ende des Dorfes eilt, wo mit dem Kinde dasselbe
vorgenommen wird. Schließlich trägt der Mann es zu seinen Eltern zurück.
[Illustration: Abb. 85. Kinderwiege aus Neukaledonien.]
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 86. Baumhaus in Melanesien.
Diese Häuser werden in den Kriegen vielfach als Festungen und
Zufluchtsorte gebraucht. Sie dienen außerdem zur Aufbewahrung von
allerhand Kriegsgeräten.]
[Illustration:
Phot. H. O. Forbes.
Abb. 87. Junge Leute von Rurepo, einer Insel bei Neuguinea, zu einem
Tanz geschmückt, der gelegentlich eines Schmauses von Menschenfleisch
aufgeführt wurde. Jeder der Tänzer trug eine Stange, an deren Ende ein
Stück eines Menschenschädels hing.]
Mit dem Zeitpunkt, in dem die Knaben sich der Reife (Pubertät) nähern,
werden sie in die Gebräuche und Sitten des Stammes, sowie in seine
etwaigen Geheimnisse eingeführt. Dabei ist meistens Bedingung, daß
die Knaben in einer besonders errichteten Hütte eine gewisse Zeit,
während deren sie von anderen Stammesangehörigen gemieden werden, in
Abgeschlossenheit zubringen und gewöhnlich auch vor und während der
mit ihnen vorzunehmenden Einweihung eine Anzahl Unannehmlichkeiten
erdulden müssen. Auf den Anachoreteninseln werden die einzuweihenden
Knaben in einem besonderen Hause abseits vom Dorfe untergebracht und
der Obhut eines alten Mannes übergeben; sie dürfen nur besondere
Speisen, die man im Dorfe zubereitet, genießen, ihre Haare nicht mit
Salzwasser benetzen, keine Fische fangen, kein weibliches Wesen ansehen
und beim Erscheinen ihres Vaters ihm nicht unter die Augen treten.
Während dieser ihrer Abgeschlossenheit werden sie in die Sitten und
Gebräuche ihres Stammes eingeführt und kehren schließlich in ihr
eigenes Heim zurück, wobei jeder von ihnen einen mächtigen herzförmigen
Aufbau aus Holz auf dem Kopfe trägt. Fortan dürfen sie auch Betelnuß
kauen. Ein Schmaus beschließt diese Feier. In einem gewissen Gebiete
Neupommerns besteht die Sitte, daß, wenn dieser Schmaus seinen
Höhepunkt erreicht hat, die Männer sich auf die Knaben stürzen, sie
schnell von hinten ergreifen und ihnen die Arme fesseln. Es kann dies
ein gefährlicher Angriff für diese Männer werden, denn die Knaben
dürfen sich verteidigen und den Angreifern mit dem Speer zu Leibe
gehen. Im übrigen besteht für die Knaben, die sich freimachen, die
Pflicht, den, der sie gefangen nehmen wollte, zu bekämpfen. Während die
Knaben nun festgehalten werden, nähert sich ihnen ein Häuptling oder
Verwandter mit einer Muschelgeldrolle und wirft sie ihnen über den Kopf
auf die Schultern, worauf sie jeden Widerstand aufgeben müssen. Jeder
Knabe, der eingefangen worden ist, muß in den Busch gehen, wo für ihn
eine besondere Hütte errichtet wurde und darin sechs Monate bleiben.
Während dieser Frist darf er keine seiner weiblichen Verwandten sehen;
gegenüber anderen weiblichen Wesen besteht diese Verpflichtung nicht.
Wenn er durch Zufall einer Verwandten in den Weg kommen sollte, muß er
ihr, was er gerade bei sich trägt, anbieten, gleichsam als Ausgleich
für die Schande, ihr begegnet zu sein; diesen Gegenstand nimmt sie auch
ohne ein Wort zu sagen an. Nach Ablauf dieser Wartezeit werden die
Knaben in anderen Häusern, die am Strand für sie erbaut worden sind,
untergebracht. Ein Schmaus, den ihre Freunde geben, vervollständigt
dann die Zeremonie.
[Illustration:
Aus: Ploß-Renz, Das Kind.
Abb. 88. Zum ersten Male schwangere Frau aus Neupommern (Herbertshöhe),
die ein Amulett auf der Brust trägt.]
Das Interessanteste in dieser Hinsicht sind indessen die Gebräuche,
die sich auf die +Zulassung der Knaben in eine geheime Gesellschaft+
beziehen. Gerade Melanesien ist das Verbreitungsgebiet solcher
Gesellschaften, das heißt Verbände von Männern, die in einem besonderen
Gebäude oder auch an bestimmten, für gewöhnlich geheim gehaltenen
oder durch ein Tabuzeichen als unzugänglich für Uneingeweihte
gekennzeichneten Orten sich treffen. Sie nehmen dort Übungen und
Zeremonien vor, die nicht näher bekannt sind und deren Geheimnisse
ängstlich vor den Nichtmitgliedern, im besonderen vor den Frauen
verborgen gehalten werden. Auf den Verrat dieser Geheimnisse steht eine
strenge Strafe. Auch dürfen sich Uneingeweihte solchen Orten nicht
nähern, sie haben bei Übertretung schwere Strafen, selbst den Tod zu
gewärtigen. Alles, was über die bei diesen Mysterien sich abspielenden
Vorgänge an die Öffentlichkeit gedrungen ist, beschränkt sich darauf,
daß seltsame Rufe sowie unheimliche, schreckenerregende Geräusche, von
besonders dazu angefertigten Werkzeugen verursacht, aus dem Innern
ertönen, die die Außenstehenden mit Furcht erfüllen sollen. Auch
werden an diesen Stätten Masken (Abb. 97, 98, 102, 108 bis 112, 114
bis 116 und 119) von teilweise schreckenerregendem Äußern und Gewänder
angefertigt, mit denen angetan die Männer zuzeiten hervorkommen und
sich ins Dorf stürzen, hier die Gärten und Obstbäume plündern oder
die angsterfüllten Frauen und Kinder verfolgen, jeden Mann, dessen
sie habhaft werden können, durchprügeln und solchen, die sich die
Mißgunst der Gesellschaft irgendwie zugezogen haben, eine besonders
schwere Strafe erteilen. Es ist Sitte, daß sich jeder angehende junge
Mann in diese Geheimbünde aufnehmen läßt, denn derjenige, der nicht
beigetreten ist, nimmt keine sozial gleichberechtigte Stellung mit
solchen Jünglingen ein, die schon zu den Mitgliedern des Bundes zählen;
er wird unter anderem auch keine Frau bekommen. -- Der Ursprung dieser
Gesellschaften ist unbekannt. Vielleicht wurzelt er im Aberglauben.
In den meisten Fällen scheint er mit Zauberei verbunden zu sein und
den Zweck zu verfolgen, von seinen Anhängern das Böse fernzuhalten und
ihnen Wohlergehen zu verschaffen. Wenngleich heutzutage die übrigen
Dorfbewohner den wahren Hergang dieses Mummenschanzes und der damit
zusammenhängenden Plünderungen erkannt haben oder ihn wenigstens
vermuten, so ist damit doch nicht ganz die Furcht vor dem Bunde und
seinen Taten beseitigt; sind die letzteren an und für sich doch
schreckenerregend genug für diese Wilden bei der abergläubischen
Furcht, die ihnen innewohnt.
[Illustration:
Phot. H. W. Dauncey.
Abb. 89. Unanamädchen mit Dammgurt an Stelle des sonst üblichen
Grasrockes, und mit dem bei den Papuafrauen gebräuchlichen Netzsack auf
dem Rücken.]
[Illustration: Duk-Duk-Tänzer (Gazellehalbinsel).
Auf dem Bismarckarchipel müssen gewöhnlich die jungen Leute in die
Gesellschaft der Duk-Duk eingeführt sein, ehe sie heiraten dürfen.
Uneingeweihten und Frauen, welche die Geheimnisse des Bundes
auszuspähen suchen, droht die Todesstrafe.]
[Illustration:
Phot. H. W. Dauncey.
Abb. 90. Roromädchen im Tanzschmuck zur Feier eines Erstgeborenen ihrer
Sippe.]
[Illustration:
Aus: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee.
Abb. 91. Aus Gras angefertigtes langes Gewand,
das die Mutter nach der Geburt eines Kindes zu Kiriwina
(Südost-Neuguinea) trägt.]
Von den am besten bekannten Geheimbünden sind die
+Duk-Duk-Gesellschaften+ zu nennen, die über einen großen Teil
Neupommerns sich verbreitet finden. Die Angehörigen dieses Bundes
treffen sich für gewöhnlich auf einem freien Platz oder einem Tanzplatz
im Walde, der den Blicken Unberufener durch dichtes Unterholz
entzogen oder noch häufiger durch Kokosmatten direkt verhüllt wird.
Auf diesem Platz werden eine oder zwei Hütten errichtet (siehe
die farbige Kunstbeilage), um in ihnen die Masken aufzubewahren
(Abb. 95 und 113); größere Masken werden an Pfosten vor der Hütte
aufgehängt. Nichtmitglieder wissen, wo sich diese Plätze befinden,
und meiden sie sorgfältig, da sie sonst streng bestraft werden, auch
wenn das Vergehen unbeabsichtigt war. Soll eine Anzahl Jünglinge
in die Duk-Duk-Gemeinde aufgenommen werden, so geschieht dies mit
ganz besonderen Feierlichkeiten. Das Fest wird bei Anbruch des Tages
durch großes Geschrei vom Tanzplatze aus verkündet, die Jünglinge
werden sodann hereingelassen und in einem Kreise aufgestellt. Ein
hoher Würdenträger des Bundes, mit Maske und Schmuck seines Ranges
bekleidet (Abb. 63 u. 101), tanzt nun in der Mitte dieses Ringes,
schreit, gestikuliert lebhaft und schlägt dabei die Jünglinge mit
einem Stock, während die übrigen Mitglieder, die außerhalb des Kreises
stehen, das gleiche tun, so daß das Schreien und Stöhnen der
gepeinigten Opfer nach außen dringt. Währenddessen sitzen die Mütter
und Schwestern zu Hause und weinen. Sodann wird den Novizen Nahrung
verabreicht, worauf der hohe Würdenträger sich seines Putzes entledigt
und die Knaben auffordert, diesen anzulegen, aber sie weigern sich,
weil sie annehmen, daß dahinter ein Zauber steckt. Schließlich folgt
ein Tanz, dessen verschiedene Schritte den Jünglingen gelehrt werden.
Feierlich werden sie noch vor den schrecklichen Folgen gewarnt, die
ein Verrat der Geheimnisse des Bundes nach sich zieht. Der erste
Tag des Festes endigt mit einem großen, von den Verwandten der
Jünglinge veranstalteten Schmaus, an dem diese sowie die Mitglieder
der Gesellschaft teilnehmen. Die nun in den Bund aufgenommenen Knaben
verbringen die erste Nacht bei den Mitgliedern auf dem Tanzplatze. Am
nächsten Morgen erhalten sie ihr Duk-Duk-Gewand. Ist der Tanzplatz in
der Nähe der See, so besteigen die Duk-Duk-Männer geschmückte Kanu
und werden von unmaskierten Eingeborenen mit Gesang und Trommelschlag
die Küste entlang gerudert (Abb. 103). Hierauf kehren sie alle unter
gleichem Lärme zum Platz zurück (Abb. 104), wo nunmehr ein wilder Tanz
stattfindet. Sobald dieser sich seinem Ende nähert, ergreift jeder der
Teilnehmer ein starkes Bambusrohr. Der Würdenträger der Gesellschaft
schlägt nun die maskierten Leute, die an ihm vorbeispringen, diese
aber geben die empfangenen Schläge wieder zurück. Die Frauen draußen
hören das Schreien und Kreischen und begleiten es mit ohrenbetäubenden
Rufen. Nach Ablauf der ganzen Vorstellung bilden die Mitglieder einen
großen Kreis um den Würdenträger, der einheimisches Geld erhält;
ebenso erhalten die neuen Mitglieder etwas davon, zum Zeichen, wie
vorteilhaft es für sie ist, dem Bunde anzugehören. Darauf werden die
Masken beiseite gelegt, und schließlich wird noch ein Schmaus von den
Verwandten der neu Aufgenommenen abgehalten. Am nächsten Tage beginnen
die Duk-Duk-Männer eine Geldsammlung, die täglich einen, wohl auch zwei
Monate lang fortgesetzt wird, wobei sie jede Hütte in der Umgebung
aufsuchen und ein Geschenk verlangen, also gleichsam eine Erpressung
ausüben; die Leute geben auch durchweg, denn sie wissen ganz gut, wie
schlecht es ihnen ergehen kann, falls sie die Forderung abschlagen
sollten. Nach Ablauf der Sammlung erklärt der oberste Würdenträger
die Duk-Duk-Männer für tot; es findet noch ein letzter Schmaus statt,
alle Masken und sonstiges Gerät werden wieder fortgeräumt, und die
Mitglieder kehren in ihre Hütten zurück bis zum nächsten Mal.
[Illustration:
Aus „Kolonie und Heimat“.