+Kindsmord+ ist eine fast über ganz Melanesien verbreitete Unsitte.
Bekommt ein lediges Mädchen ein Kind, so tötet sie es meistens,
denn, obgleich die sexuelle Moral fast auf allen Inseln Melanesiens
eine lockere ist und vielfach überhaupt nicht besteht, sind uneheliche
Kinder sehr unerwünscht; vielfach hält man eine Niederkunft vor der
Ehe direkt für eine Schande und bestraft sie, selbst mit dem Tode.
Wie verbreitet deshalb die Kindesabtreibung in Melanesien sein mag,
geht aus einer Mitteilung Parkinsons hervor, daß auf Neumecklenburg
sechzehn- bis achtzehnjährige Mädchen durchaus keinen Hehl daraus
machten, daß sie bereits drei- bis viermal ihr Kind abgetrieben hätten.
Die Methoden sind ziemlich die gleichen, wie wir sie an anderer Stelle
bereits erwähnten. Bei den Jabim (Finschhafen) geben Mütter ihren
Töchtern gleich solche Mittel in die Ehe mit, damit sie einen etwa
eintretenden größeren Kindersegen verhindern und so nicht frühzeitig
verwelken.
[Illustration:
Phot. J. W. Beattie, Hobart.
Abb. 81. Salomoinsulaner auf dem Fischfang mittels Speeres.
Der Gebrauch, Fische mit dreizackigen Speeren aufzuspießen, ist in
Melanesien allgemein. Die Zinken sind meist aus hartem Bambusrohr
gefertigt.]
Mannigfach sind die Gründe, aus denen auch ehelich geborene Kinder
getötet werden. Entweder wollen die Eltern überhaupt keinen
Familienzuwachs mehr, weil ihnen die Aufzucht der Kinder Mühe, Sorgen
und Kosten macht, oder sie hatten sich ein Kind anderen Geschlechtes
gewünscht, oder sie geben andere, uns ganz seltsam anmutende Ursachen
an. So zum Beispiel begründete eine Kunifrau die Tötung ihres
Neugeborenen damit, daß sie durch das Beiseiteschaffen ihres Kindes
frei sein wollte, um ein Ferkel säugen zu können. Bei den Mafulu ist
es Sitte, daß eine Frau, ehe sie ein Kind bekommt, ein Schwein für
einen Dorfschmaus stiften muß; ist ihr dies nicht möglich und kommt sie
inzwischen nieder, ohne jene Pflicht erfüllt zu haben, so verheimlicht
sie die Geburt des Kindes und bringt es beiseite.
[Illustration:
Aus: Brown, The Melanesians.
Abb. 82. Fischreusen der Eingeborenen von Neupommern.
Diese sonderbaren Fischreusen werden im Wasser verankert. Als Anker
dient ein mit Steinen gefüllter Korb.]
Auch abergläubische Vorstellungen erfordern bei diesem Volke den Tod
eines Neugeborenen. Die Mutter geht mit ihrem Säugling an den Fluß und
gibt ihm von dessen Wasser zu trinken; nimmt das Kind etwas davon,
dann läßt die Mutter es am Leben, wo nicht, so gilt dies als ein
Zeichen, daß das Kind sowieso bald sterben würde, sie wirft es darauf
kurzerhand in den Fluß.
Die Geburt von +Zwillingen+ wird nicht überall mit gleichen Gefühlen
aufgenommen. In einigen Gegenden ist man stolz auf sie, in anderen
gelten sie als Schande. Die Nachbarn vergleichen die Geburt dann oft
verächtlich mit einem Schweine- oder Hundewurf oder verdächtigen die
Mutter des Ehebruchs -- man läßt sich dabei von dem Aberglauben leiten,
daß Zwillinge verschiedene Väter haben müßten --, auch wohl den Vater
des Bruches eines Gelöbnisses oder eines Tabus, wofür sie auf diese
Weise bestraft werden. Überall dort, wo Zwillinge nicht gern gesehen
werden, ist es üblich, entweder beide oder wenigstens einen von ihnen
zu töten. Hierfür sind meistens ähnliche Anschauungen maßgebend, wie
wir sie bei den Polynesiern bereits kennen gelernt haben.
[Illustration:
Phot. G. Brown.