Abb. 55. Religiöse Zeremonie der Beschneidung auf Fidschi.]

Ein Fidschiinsulaner steht mit der Sippe seiner Mutter im nahen

Verwandtschaftsverhältnis und darf alles, was ihm gerade gefällt,

verlangen, wenn er in deren Dorf kommt. Allerdings würde es nur

ein Mann von hohem Range wagen, von dieser Befugnis Gebrauch zu

machen. Ähnliche Rechte bestehen zwischen Dörfern, deren Bewohner

ihre Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahren ableiten. Wenn sie

ausgeübt werden, kommt ein solcher Besuch einer wahren Zerstörung

gleich; alle Schweine werden dann unter Umständen getötet, alle Früchte

tragenden Bäume abgehauen und anderes mehr. Alles, was den armen

Opfern davon übrig bleibt, ist nur die Aussicht, bei einem ähnlichen

Gegenbesuch sich zu entschädigen.

[Illustration:

Phot. Josiah Martin.

Abb. 56. Der Wogentanz der Fidschiinsulaner,

bei dem das Brechen der Brandung an dem Riff zur Darstellung gebracht

wird.]

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 57. Ein Kriegstanz der Fidschiinsulaner mit Keulen,

einst ihre hauptsächlichste Waffe.]

[Illustration:

Phot. Josiah Martin.

Abb. 58. Vorbereitungen zu einem Festschmaus, bei dem Schweine den

Hauptbestandteil bilden.]

[Illustration:

Phot. Josiah Martin.

Abb. 59. Reinigungszeremonie auf Fidschi.

Drei Tage nach der Hochzeit wurde früher die Braut, die von hohem Rang

war, auf einem neuen Boot nach dem Fluß gebracht und auf diesem ein

kurzes Stück entlang gerudert, damit sie von dem durch ihre Heirat

aufgeladenen Tabu befreit würde.]

Trotzdem die Fidschianer dem Namen nach Christen sind, hat sich

unter ihnen manches aus ihrer +ursprünglichen Religion+, deren Kern

Ahnenkultus und Seelenwanderung bildeten, bis in die heutige Zeit

hinein erhalten. Nach diesem Glauben hatte die Seele des Verstorbenen

vielerlei Abenteuer auf ihrer Wanderung westwärts zum Himmel zu

bestehen. So hatte sie mancherlei Mühsale durchzumachen, zur Prüfung,

ob der Verstorbene ein tapferer Mann oder ein Feigling gewesen ist und

ob er eines gewaltsamen Todes starb oder nicht, denn nur die Mutigen

und die im Kampfe Gefallenen oder Erdrosselten vermochten sich zu

dem Berge, der ihr Paradies bedeutete, durchzuarbeiten. Schreckliche

Ungeheuer lagen auf der Lauer, um den Wanderer mit Steinen oder einer

Axt zu erschlagen, mit einem Rohr aufzuspießen und dergleichen. War er

ein Feigling gewesen, dann wurde er von zwei weiblichen Teufeln mit

großen Zähnen gejagt und vermochte nicht über das Netz zu springen, das

zwei andere übernatürliche Wesen für die Schatten ausgespannt hatten.

War einer unnatürlichen Todes gestorben, dann konnte er auf die Erde

zurückgeschickt werden, um seine Vergehen zu sühnen, aber machte er

alle Prüfungen durch, so erreichte er doch den Fluß der Vergessenheit,

der alle Traurigkeit und allen Schmerz über die Trennung von den

Angehörigen von ihm nahm. Der Schatten fand auf seiner Wanderung auch

mehrfach Gelegenheit zu erfahren, ob seine Frau ihm im Tode nachfolgen

würde, wie es die gute Sitte erforderte, indem sie sich bei seinem

Begräbnis erdrosseln ließ, oder nicht. Sehr ansprechend nach unserem

Empfinden war die Auffassung von einem großen Baume, der den Weg,

den die Seele des Verstorbenen nahm, an einer bestimmten Stelle

beschattete und an dessen Zweigen die Seelen kleiner Kinder hingen, die

vor ihren Eltern gestorben waren und hier auf ihre Väter und Mütter

warteten. Sobald die Mutter einem solchen Seelchen sich näherte, stieg

es herab und ging mit ihr zu den Gefilden der Seligen. All dieser und

ähnlicher Glaube gehört jetzt der Vergangenheit an; was von ihm übrig

geblieben ist, sind einige geringfügige abergläubische Vorstellungen

und ein paar Zeremonien, von denen vielleicht der +Feuerlauf+ bei

einem Stamme auf der Insel Beqa der interessanteste sein dürfte. Ein

flacher, etwa dreißig Fuß breiter Graben wird abwechselnd mit einer

Lage Holz und Steinen belegt und das Holz darauf angezündet; nachdem

es ungefähr zwölf Stunden lang gebrannt hat, werden die Aschenreste

weggekehrt und die glühend heißen Steine ausgebreitet. Zwölf bis

vierzehn Männer treten nun hervor und wandeln langsam auf den Steinen

herum und über den Graben; eine volle Minute halten sie sich in ihm auf

(Abb. 60, 61 und farbige Kunstbeilage). Wenn diese Prozedur vorüber

ist, werden Blätter und Gemüse auf die noch heißen Steine gelegt und

zu einem Schmaus gekocht, mit dem die Festlichkeit ihren Abschluß

findet. Gebratene Schweine bilden bei solchen Schmausereien den

Hauptbestandteil (Abb. 58). Wie ein Naturforscher, der im Jahre 1904

den ganzen Vorgang zu beobachten Gelegenheit hatte, sich überzeugte,

verkohlte ein Taschentuch, das er auf einen dieser Steine legte,

innerhalb weniger Sekunden, und ein Thermometer, das er über der Grube

aufhing, zeigte hundertunddreißig Grad Celsius. Der Beobachter prüfte

auch die Beine und Füße der Betreffenden, sowohl vor wie nach der

Zeremonie, und stellte fest, daß sie mit keinem Präparat eingerieben

waren; trotz der mächtigen Hitze wurden nicht einmal die Haare an ihren

Beinen versengt. Dieses Kunststück dürfte zum Teil aus der Gewohnheit

der Leute zu erklären sein, auf den heißen Steinen am Strande zu gehen.

[Illustration:

Phot. Josiah Martin.

Abb. 60. Feuerlaufzeremonie auf Beqa. Die Eingeborenen ebnen für den

Feuerlauf die heiß gemachten Steine, nachdem das Feuer entfernt worden

ist.]

[Illustration:

Phot. Josiah Martin.

Abb. 61. Feuerlaufzeremonie auf Beqa.

Die Eingeborenen, die einem bestimmten Geheimbund angehören, stehen auf

den rotglühenden Steinen.]

Der +Glaube an Behextsein+ ist bei den Fidschiinsulanern heutigentags

noch nicht ausgestorben; sie glauben noch fest daran, und es kommt vor,

daß ein Fidschianer, nachdem er die Überzeugung gewonnen hat, daß er

verzaubert worden ist und daraufhin sterben soll, sich ruhig auf seine

Matte legt und den Tod abwartet, es sei denn, daß er ein Gegenmittel

sich zu verschaffen weiß. In ähnlicher Weise glaubt man, daß der

Besitzer eines „Leprasteines“ die Macht besitzen soll, jedem beliebigen

diese Krankheit zuzufügen.

[Illustration:

Phot. Museum f. Völkerkunde, Berlin.

Abb. 62. Menschenfresserbesteck,

bestehend aus einem Holzteller und einer Gabel.]

Ehedem war auf Fidschi noch Menschenfresserei üblich; das

Menschenfleisch wurde auf Holztellern dargereicht und mit hölzernen

Gabeln aufgespießt (Abb. 62).

Die +Grabstätten+ gleichen im großen und ganzen denen in Polynesien.

[Illustration:

Aus: Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee.

Abb. 63. Duk-Duk-Tänzer.

Die Duk-Duk-Männer bereiten sich in dem abgeschlossenen Raum für die

Einweihung von Jünglingen in die Geheimnisse ihres Bundes und ihre

Aufnahme in ihn zu einem Tanze vor.]

Melanesien.

Unter Melanesien verstehen wir eine Gruppe von Inseln im Stillen

Ozean, die sich gleichsam wie ein Bogen um Australien in der Richtung

von Südosten nach Nordwesten hinzieht. Das Gebiet beginnt mit den

schon behandelten Fidschiinseln, es schließen sich in der angegebenen

Richtung an: Neukaledonien, die Loyalitätsinseln, die Neuhebriden, die

Banksinseln, die Salomoinseln; ferner der Bismarckarchipel und die

Admiralitätsinseln, die deutscher Kolonialbesitz sind, und schließlich

Neuguinea, die größte Insel Ozeaniens, die zum Teil unter deutscher

Flagge steht. Obgleich die +Melanesier in körperlicher Hinsicht+ sich

nicht unwesentlich voneinander unterscheiden, so läßt sich doch als

gemeinsames Merkmal ihre dunkle Hautfarbe bezeichnen, die dem ganzen

Gebiet den Namen Melanesien (= schwarze Inseln, das heißt mit schwarzer

Bevölkerung) gegeben hat; jedoch ist die Farbe kein eigentliches

Schwarz, sondern vielmehr ein tiefes Braun in verschiedenen

Abstufungen. Diese starke Färbung erstreckt sich sogar auf die

Schleimhäute, zum Beispiel die Bindehaut des Auges, die besonders bei

älteren Leuten manchmal einen bräunlichen Ton aufweist. Die Melanesier

(Abb. 65) sind ziemlich große Gestalten von etwa hundertzweiundsechzig

Zentimeter im Mittel, sie besitzen plumpe Gliedmaßen, einen länglichen,

schmalen Schädel und reichliches schwarzes, krauses Kopfhaar. In

den am meisten nach Westen vorgeschobenen Teilen, im besonderen auf

Neuguinea, hat sich ein Sondertypus herausgebildet, die +Papua+.

Dieser ist im allgemeinen durch eine höhere, mehr schlanke Gestalt,

dunklere Hautfärbung und eine lange, konvex gekrümmte, manchmal

vogelschnabelähnliche Nase in einem schmalen Gesicht gekennzeichnet.

Die +Bekleidung+ der Melanesier fällt in den einzelnen Teilen ihres

Verbreitungsgebietes sehr verschieden aus. An vielen Orten gehen die

Männer einfach ganz nackt, oder sie tragen höchstens ein Lendentuch

oder auch nur einen Schamgurt, der zwischen den Beinen durchgezogen und

um die Hüften geschlungen wird. Die Kleidung der Weiber bildet meistens

ein ebensolches Tuch oder ein Röckchen aus Blättern, Fasern oder Gras

(Abb. 66 und 77), seltener ein Schamgurt (Abb. 89) oder Lendenschurz

(Abb. 64). Nur in wenigen Gegenden sind die Angehörigen des weiblichen

Geschlechts noch ganz unbekleidet, zumal wenn sie das heiratsfähige

Alter erreicht haben. -- Die Melanesier bekunden eine große Vorliebe

für Schmuck, die sich nicht nur in reichlichem Körperzierat, wie

Federputz im Haare (Abb. 68), Halsketten und Gehängen aus Hundezähnen,

Perlen und getrockneten Früchten und dergleichen (Abb. 73 und 75),

Ohrringen in großer Mannigfaltigkeit, Nasenstäbchen, Gürteln,

Armbändern um die Handgelenke, Ringen um die Beine und Fußgelenke, die

entweder aus geflochtenen Fasern, Rinde, oder aus Muscheln bestehen,

sondern auch in regelrechter Verzierung ihrer Gerätschaften, Werkzeuge

und Gebäude durch Schnitzereien und Einbrennen von realistischen und

konventionellen Figuren (menschlichen Wesen, Vögeln, Pflanzen und

ähnlichem) ausprägt. In der künstlerischen Auffassung bestehen zwischen

den verschiedenen Stämmen große Unterschiede; einzelne davon, die in

anderer Hinsicht zu den primitivsten zählen, verraten ganz bedeutende

Fähigkeiten auf künstlerischem Gebiete.

[Illustration:

Aus: Pfeil, Studien und Beobachtungen aus der Südsee.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 50 / 207 题