Abb. 23. Sitztanz auf Samoa.]

Auf Samoa wird der +Beginn jedes neuen Lebensabschnittes des Kindes

durch Feste gefeiert+. Sobald es sitzen kann, gibt dies zu einem Feste

Anlaß; seine ersten Kriechversuche ebenfalls; wenn es zum ersten Male

steht, wird dies wiederum durch ein Fest gefeiert, und so geht es

weiter. Wenn die Knaben größer geworden sind, helfen sie meistens ihren

Vätern beim Fischen oder auf den Plantagen, während die heranwachsenden

Mädchen am Riff Nahrung suchen, Wasser aus der Quelle holen oder sich

mit der Anfertigung von Tapa und Matten beschäftigen. Auf Samoa umfaßt

der Unterricht der Knaben auch die Ausbildung im Kochen, denn man hält

es für richtig, daß auch ein Mann sich darauf versteht, eine Speise

zuzubereiten.

[Illustration:

Phot. J. Turner-Turner.

Abb. 24. Ein Häuptlingserbe aus Samoa,

der durch seinen Rang berechtigt ist, den aus Mädchenhaar gefertigten

Kopfschmuck zu tragen. In den Händen hält er das samoanische

Kopfmesser.]

[Illustration: Abb. 25. Eröffnungsszene eines „Eva“, eines Tanzes der

Bewohner von Rara Tonga (Cookinseln),

der manchmal die Taten der Helden und Halbgötter der Vorzeit zur

Darstellung bringt.]

+Die sittlichen Verhältnisse der Polynesier+ werden von den

Forschungsreisenden verschieden beurteilt, und es scheinen in der Tat

zwischen den einzelnen Inselgruppen in dieser Hinsicht Unterschiede

zu bestehen. Vielfach in Polynesien und fast überall in Mikronesien

herrscht für die jungen Leute beiderlei Geschlechts bis zur Ehe

vollständige geschlechtliche Freiheit. Die unverheirateten Männer

leben in ihren Junggesellenhäusern zusammen und führen hier längere

oder kürzere Zeit ein freies Liebesleben mit den jungen Mädchen,

gelegentlich auch mit Frauen. Diese Weiber, auf den Karolinen Armengol

(Dirnen) genannt, sind meistens aus anderen Dörfern geraubt worden,

manchmal nur scheinbar, denn vorher wurde ein Einverständnis mit ihren

Eltern erzielt, oder sie liefen freiwillig den Junggesellenhäusern zu.

Sie bilden hier das Gemeinschaftsgut der Männer, sowohl der ledigen

wie der verheirateten. Auf den Karolinen erhalten die Mädchen für

diesen Liebesdienst Geld, das sie sich sammeln und in die Heimat

zuruckbringen, wo es vielfach der Häuptling sich aneignet und verteilt.

Auf den Marshallinseln besteht auch die gastliche Prostitution; ein

Mädchen wird im Männerhause dem Fremden überlassen, der sich durch

kleine Geschenke dafür erkenntlich zeigt; diese fallen dem Häuptlinge

zu. Auf den Palauinseln läuft die Ehefrau, wenn ihr Mann sie schlecht

behandelt, in das Junggesellenhaus; hier muß dieser sie dann durch

Geld loskaufen; gibt er kein Geld für sie, so verliert er das Anrecht

auf seine Gattin, und sie bleibt so lange im Junggesellenhaus, bis

ein wohlhabender Eingeborener sie auslöst. -- Homosexuelle Neigungen

wurden auch unter den Polynesiern beobachtet; besonders unter der

Bevölkerung Tahitis kamen sie häufiger vor, bei den sogenannten

Mahus, die in Kleidung und Gebärden die Weiber nachahmten, unter ihnen

lebten, weibliche Arbeiten verrichteten und mit Männern geschlechtlich

verkehrten.

[Illustration:

Phot. J. Turner-Turner.

Abb. 26. Junge Samoanerin, deren langes Haar der Sitte gemäß später für

einen Häuptlingskopfputz verwendet wird.]

Die +Brautwerbung+ der jungen Leute bietet im allgemeinen nichts

Charakteristisches; sie pflegte meistens als ein einfaches Geschäft

und für gewöhnlich ohne jegliche Umschweife von den beiden

Hauptbeteiligten betrieben zu werden. Jedoch ist gelegentlich auch

wirkliche Herzensneigung dabei im Spiele. Von den Samoanern zum

Beispiel erzählt Kubary eingehende Einzelheiten über das Liebeswerben

des Jünglings um seine Auserkorene und die Liebesneigung der letzteren

zu ihm. Küsse werden unter den Liebenden nicht ausgetauscht, wie wohl

nirgends bei den Naturvölkern, aber die moderne Kultur hat auch schon

verschiedentlich diese europäische Gewohnheit nach dem fernen Osten

verpflanzt. Dagegen ist unter den Maori zwischen Freunden, Verwandten

und Liebenden das Aneinanderdrücken der Nasen eine allgemein übliche

Liebesbezeigung (Abb. 20).

[Illustration: Abb. 27. Schlußszene eines „Eva“ von Rara Tonga.

Die Spieler der obenstehenden Szene haben am Schlusse des Tanzes

ihre Gesichtsmasken abgenommen und auf die Spitze ihrer Kriegspeere

gesteckt.]

Eine gewisse Formalität wird von den Samoanern bei der Werbung

beobachtet, zumal, wenn es sich um Leute von Rang handelt. Will zum

Beispiel ein Häuptlingssohn auf Samoa eine Taupu des benachbarten

Dorfes heiraten, so macht eine dazu aus den Verwandten des jungen

Mannes erwählte Abordnung ihrem Vater einen unverbindlichen Besuch,

um das Mädchen in Augenschein zu nehmen. Sind sie mit der Wahl

zufrieden, so macht eine größere Gesandtschaft einen feierlicheren

Besuch und bringt Geschenke in Gestalt von Schweinen und Taro mit.

Nimmt sie der Vater des Mädchens an und zeigt dieses selbst keinen

Widerstand, dann gilt die Angelegenheit als erledigt, und man kann nun

an die Vorbereitungen zur Hochzeit gehen. Schlägt dagegen der Vater

die Geschenke aus, ist aber das Mädchen nicht abgeneigt, dann wird

eine zweite Gesandtschaft abgeschickt, die sich aus einflußreicheren

Personen zusammensetzt und zu ihren Mitgliedern auch den jungen

Bewerber zählt. Sollte auch diese zweite Mission nichts ausrichten,

so kann nur noch der Häuptling in eigener Person, von seinem ganzen

Gefolge begleitet, anfragen. Dieser Schritt wird indessen nur dort

unternommen, wo der Häuptling und seine Untertanen diese Verbindung

durchaus wollen. Dieses Mal muß der Vater des Mädchens nachgeben. Die

Verwandten des Bräutigams bereiten eine Menge Geschenke, aus Sachen

bestehend, die die Männer angefertigt haben, für die Verwandten der

Braut vor, diese selbst aber erhält von ihrer Familie eine große

Aussteuer in Gestalt von Stoffen und der sehr geschätzten und hübsch

geflochtenen Matten. Nach dem Austausch der Geschenke und einem

großen Schmaus geht der Bräutigam mit der Braut in sein Dorf zurück.

Seine Hütte ist meistens auf einer Plattform aus Steinen gegenüber

dem Schlafraum des Häuptlings durch einen Knappen seines Vaters

erbaut worden, wofür ersterer als Entgelt einen Anteil an den schönen

Aussteuermatten erhält. Letztere werden in der Tat unter die Einwohner

des Dorfes, namentlich unter die Knappen des Häuptlings, die eine

privilegierte Kaste bilden, verteilt.

[Illustration: Abb. 28. Ein Tonganer, dessen Haarfrisur für eine

Festlichkeit mittels Ton hergestellt wurde.]

Die +Hochzeitsgebräuche+ sind seit der Einführung des Christentums

so ziemlich in Vergessenheit geraten. Zwar lag ihnen überhaupt

keine ernstere Bedeutung zugrunde, zumal die Eheschließung früher

lediglich ein Zivilvertrag war und daher religiöser Riten entbehrte.

Bemerkenswert war auf Samoa und Tonga ein Brauch, bei dem die Unschuld

einer Braut von hohem Rang öffentlich auf die Probe gestellt wurde;

heutzutage ist er in Vergessenheit geraten. -- In Mikronesien spielt

sich die Hochzeit etwas feierlicher ab. Auf den Karolinen zum Beispiel

führt der Bräutigam das Mädchen seiner Wahl in sein Haus; dort wird sie

offiziell von der Schwiegermutter anerkannt, die ihr den Rücken mit

Kokosnußöl einreibt. Darauf bekommt sie eine Kranzkrone aufgesetzt, und

das Festessen beginnt.

Auf den Gilbertinseln sind die Männer sehr eifersüchtig; die

Eingeborenen wagen daher kaum, mit einer jungen Frau zu sprechen, weil

sonst der Gatte leicht zu Gewalttätigkeiten gereizt wird. Ein großer

Prozentsatz der Leute trägt die Spuren solcher Reibereien in Gestalt

von Narben an sich, die ihnen von dem eifersüchtigen Gatten mittels der

üblichen Waffen aus Haifischzähnen beigebracht wurden. Recht drollig

ist der Ursprung der Sitte, daß ein Mann, der auf dem Palmbaum mit der

Palmweinernte beschäftigt ist, laut singen muß. Bei einer Gelegenheit

glaubte einmal ein Häuptling von einem Manne, der in dieser Weise

beschäftigt war, annehmen zu dürfen, daß er sich in dem Baumgipfel

versteckt habe, um die in der Nähe badenden Frauen des Häuptlings zu

sehen; er erschoß ihn daraufhin kurz und bündig. Daher beweisen die

Eingeborenen ihre ~bona fides~ in der Weise, daß sie so viel wie

möglich Lärm machen, wenn sie oben in der Baumkrone beschäftigt sind.

-- Bei den Gilbertinsulanern besteht auch das Recht, daß ein Mann, der

die älteste von mehreren Schwestern geheiratet hat, noch die übrigen

als Frauen nehmen darf, vorausgesetzt, daß er dazu Lust hat und sich

diesen Luxus zu leisten vermag. Anderseits darf kein anderer diese

Schwestern ohne seine Erlaubnis heiraten.

[Illustration:

Aus: Hesse-Wartegg, Samoa.

Abb. 29. Samoaner beim Reinigen ihrer Wäsche am Vaisinganofluß bei

Azin.]

Von den +Unterhaltungen+ der Polynesier steht der +Tanz+ oben an;

er darf bei keiner zeremoniellen Veranstaltung fehlen. Gegenstand

des Tanzes sind gelegentlich die Taten der Vorfahren und Halbgötter

(Abb. 25 und 27). Merkwürdigerweise besteht er vielfach weniger in

den Bewegungen der Füße, wie bei den sogenannten klassischen Tänzen,

sondern vielmehr in einem Spiel der Hände und Arme (Abb. 19). Dies

zeigt sich besonders an den Sitztänzen, die für Samoa typisch sind

(Abb. 21 bis 23), obgleich wir ähnlichen, wenn auch unbedeutenderen

Vorstellungen in Mikronesien begegnen. Auf Samoa laden die Bewohner

eines Dorfes häufig die eines andern zu einem Tanze ein; ein solcher

vollzieht sich unter großen Förmlichkeiten und fängt gewöhnlich

mit einem oder mehreren dieser Sitztänze an, bei dem die Taupu,

die Häuptlingstochter, in Begleitung von zehn Dorfschönheiten die

Hauptrolle spielt. Bei solchen zeremoniellen Gelegenheiten trägt sie

und der Erbe des Häuptlings, sofern ein solcher anwesend ist, einen

eigenartigen, wertvollen Kopfputz, der aus Menschenhaar angefertigt

und mit drei aus ihm hervorragenden perlmuschelbesetzten Stäben,

sowie einem Band aus buntschillernden Muscheln quer über die Stirn

verziert ist (Abb. 24 und 26). Ein Chor, der hinter den Aufführenden

sitzt, begleitet ihren Tanz mit Liedern und schlägt den Takt dazu auf

Matten, die um einen Bambusstamm gerollt sind. Hieran schließen sich

stehende Tänze, die einen mimischen Charakter tragen und Vorgänge

des täglichen Lebens, zum Beispiel das Aufspeeren von Fischen und

den Schildkrötenfang zur Darstellung bringen. Die Bewegungen der

Tänzer sind äußerst anmutig, und der Ruhm einer besonders gewandten

Taupu breitet sich weit über die Grenzen ihres eigenen Landes aus.

Auch auf Neuseeland gibt es Sitztänze, bei denen die Mädchen die

Einzelheiten einer Kanufahrt oder eines ähnlichen Vorganges vorführen.

Noch ein Tanz verdient Erwähnung, es ist der Handklatschtanz auf den

Gilbertinseln, bei dem vier Tänzer den Takt zu ihrem Liede angeben,

indem sie sich gegenseitig auf die Hände schlagen, wie unsere Kinder

dies beim Händeklatschen tun. Von den markanteren Tänzen wollen wir

den Hula der Hawaier nennen, der deswegen interessant erscheint, weil

die weiblichen Tänzer teilweise noch den alten Blätterfaltenrock und

Blumenkränze tragen, die das anmutige Kostüm vorzivilisierter Zeiten

ausmachten (Abb. 30 bis 32). Die Bewegungen dieses Tanzes, sowie

mancher anderen Polynesiens, sind oft genug recht lasziv und dazu

angetan, die geschlechtlichen Begierden der Teilnehmer und Zuschauer

wachzurufen; nicht selten endigen sie in sexuelle Orgien und einen

allgemeinen geschlechtlichen Verkehr. -- In den direkt Kraft und

Energie erfordernden Tänzen (Kriegstänze) stehen die Neuseeländer

unübertroffen da (Abb. 33 und 34). Leider sind diese Tänze bei weitem

nicht mehr das, was sie noch im Anfange des vorigen Jahrhunderts waren,

als unter dem Gestampfe von Hunderten von Füßen, die mit einem einzigen

Schlage aufsetzten, die Erde erdröhnte und die Verzerrungen im Gesichte

der Tänzer, die ihre Augen rollen ließen und die Zunge möglichst weit

hervorstreckten -- beides ein erstrebenswertes Ziel der Übungen --

großen Schrecken einflößten.

[Illustration:

Phot. H. J. Shepstone.

Abb. 30. Eine Musikbande beim Hulatanz, die Trommeln sind aus großen

Kürbisfrüchten hergestellt.]

[Illustration:

Phot. H. J. Shepstone.

Abb. 31. Hulatanz der Hawaierinnen in moderner Kleidung, abgesehen von

den Rasseln um die Fußgelenke.]

[Illustration: Wellenreiten der Hawaiinsulaner,

welche diesem Sport, der jetzt auch an den Küsten Australiens und des

Stillen Ozeans ausgeübt wird, mit Begeisterung huldigen.]

Außer dem Tanz kennen die Polynesier noch +viele andere

Unterhaltungen+, die sie mit der Jugend zivilisierter Länder gemeinsam

haben, nämlich das Drachensteigenlassen, Kreiselspiel, Stelzenlaufen,

Ringkampf (Abb. 35), Fadenspiel (Abnehmen von Figuren aus Bindfaden

von der Hand einer Person auf die einer anderen), Rätselraten, das

Lafospiel und anderes mehr. Auch Ballspiele sind nichts Ungewöhnliches.

Auf den Gilbertinseln spielen Personen gleichen Geschlechtes

miteinander; ein Spieler wirft den Ball, einen in ein Tuch gehüllten

und mit einem Kokosfaserband umwickelten Stein, in die Höhe und

schlägt ihn mit der Hand nach der anderen Seite hinüber; wird er dort

aufgefangen, so bekommt diese Partei einen Punkt, im anderen Falle

zählt die Partei des Werfenden einen solchen. Schaukelspiele haben in

Polynesien weite Verbreitung; besonders abwechslungsreich sind sie auf

den Gilbertinseln. Ein beliebtes Spiel ist hier zum Beispiel folgendes:

An der Spitze einer überhängenden Palme wird ein Seil befestigt und

in seiner Endschlinge eine Matte als Sitzgelegenheit für ein junges

Mädchen gehängt. Sobald diese Schaukel nun vorwärts schwingt, springt

einer der zahlreich versammelten jungen Männer auf, hält sich am Seil

fest und begleitet das Mädchen auf seinem Flug in die Luft; wenn sich

beide dann der Erde nähern, springt er herab und ein anderer nimmt

bei dem nächsten Schwung nach vorn seine Stelle ein; in dieser Weise

geht das Spiel weiter. Als einst ein Eingeborener gefragt wurde,

warum gerade immer ein Mädchen den Schaukelplatz einnehme, gab er zur

Antwort, daß das Spiel für die jungen Männer sonst keinen Reiz haben

würde.

[Illustration:

Phot. H. J. Shepstone.

Abb. 32. Eine Hawaierin beim Hulatanz.

Dieser Nationaltanz hat sich trotz aller Bemühungen der Missionare bis

auf die heutige Zeit erhalten.]

Mit dem Einzug der Zivilisation ist auch das Kricketspiel nach

Polynesien gekommen; besonders auf Tonga nahm es eine große Verbreitung

an. Ein anderes +Spiel+, das gleichfalls einen westlichen Beigeschmack

verrät, aber doch aus den voreuropäischen Tagen stammt, ist das auf

Samoa und noch weit mehr in Mikronesien sehr beliebte Schausegeln.

Hierfür werden besondere Boote gebaut von dem Typus der üblichen

Auslegerfahrzeuge der betreffenden Gegend, aber mit dem Unterschied,

daß die Ausleger verhältnismäßig lang und die Fläche des Segels groß

zum Rumpfe des Schiffes ausfallen. Zu einer bestimmten Jahreszeit

werden dann Wettfahrten unternommen, bei denen sich ein großer Eifer

zwischen den Besitzern der Fahrzeuge und selbst zwischen den einzelnen

Dörfern entwickelt. Ein früher auf Hawai viel geübter Sport, dessen

Spuren noch jetzt angetroffen werden, war das Hörnerschlittenfahren.

Auf primitiven Schlitten sauste der junge Häuptling die steile

Hügelseite so rasend schnell herab, daß man glaubte, es gälte sein

Leben oder zum mindesten seine Glieder.

[Illustration:

Phot. Muir & Moodie.

Abb. 33. Maori zum Hakatanz versammelt.

Der links außen befindliche Maori trägt ein Gewand, das aus Hanffasern

hergestellt und mit Federn vollständig bedeckt ist.]

Von sämtlichen Wassersportarten bereitet das +Wassertreten+ den

Polynesiern die größte Freude. Der junge Polynesier schwimmt mit einem

kleinen Brett in die See hinaus, taucht unter die sich heranwälzenden

Wellen, bis er die äußere Linie der Sturzwellen erreicht hat, wartet

hier eine besonders große Welle ab, wirft sich, sobald ihre innere

Höhlung ihn streift, auf sein Brett und wird mit großer Geschwindigkeit

ans Land getragen. Manche Eingeborene besitzen darin eine solche

Fertigkeit, daß sie ihre Wellenfahrt sogar stehend zurücklegen, wozu

eine große Geschicklichkeit gehört, einmal beim Stehenbleiben auf dem

Brette und zum anderen beim Ausweichen der Korallenbänke (Abb. 36 und

farbige Kunstbeilage).

+Kanuwettfahrten+ bilden gleichfalls einen beliebten Sport, besonders

bei den Maori. Mit zwanzig Paddlern hintereinander besetzt, erzielen

diese Kanu eine beachtenswerte Schnelligkeit. Am eigenartigsten und

aufregendsten sind jedoch die Hindernisrennen mit Kanus über quer über

die Rennstrecke gelegte, auf eingetriebenen Pfählen ungefähr einen Fuß

höher als die Wasseroberfläche ruhende Stangen. Nähert sich ein solches

Kanu, das mit zwei Paddlern besetzt ist, dem Hindernis, so wirft sich

der Paddler am Bug rückwärts, dadurch hebt sich das Vorderteil scharf

empor und gleitet über das Hindernis hinweg nach der anderen Seite, wo

das Paddeln wieder aufgenommen wird (Abb. 37).

Ein Sport, der den Bewohnern der Gilbertinseln und der ihnen

benachbarten kleinen Insel Nauru eigentümlich ist, besteht in der

+Jagd auf Fregattenvögel+ (Abb. 38 bis 40), die als Lieblingstiere

in Dörfern gehalten werden. Die wilden Vögel werden durch gezähmte

angelockt und, sobald sie herangekommen sind, schleudern die im

nahen Versteck lauernden Jäger einen langen Bindfaden, an dem ein

walnußgroßes Stück harten Korallenkalkes oder einer Tridacnamuschel

befestigt ist, über den Fregattenvogel hinweg, so daß die Schnur über

seine ausgebreiteten Flügel fällt. Ehe er sich davon befreien kann,

wird er von den Vogelfängern ergriffen. In der Regel müssen bei einem

Wettkampf dreißig Vögel auf diese Weise eingefangen werden. Da sich

keine Frau der Fangstelle nähern darf, so malen sich die Jünglinge,

die an der Jagd beteiligt sind, einen schwarzen Ring auf das Gesicht,

um dadurch ihre Beschäftigung zu bekunden. -- Vogelfang mit Schlingen,

einst ein beliebter Sport auf Samoa, wird bis zu einem gewissen Grade

auch heute noch betrieben. Es werden dafür als Lockmittel Tauben

verwendet, die in offenen, in den Wald gehängten Bauern angebunden sind

und durch ihren streitsüchtigen Charakter vorbeifliegende Vögel zum

Kampfe herausfordern und in das Bauer locken sollen, um darin von den

im Versteck liegenden Jägern gefangen zu werden. Die auf solche Weise

erbeuteten Vögel werden als Lieblingstiere gehalten und sorgfältig mit

Taro gefüttert, selbst wenn die eigene Nahrung knapp wird. Den Vögeln

des Häuptlings wird eine besondere Achtung gezollt und sie werden, wenn

man sich mit ihnen abgibt, mit denselben feierlichen Redewendungen

angeredet, in denen man zu ihrem Herrn spricht.

[Illustration:

Phot. H. J. Iles.

Abb. 34. Darsteller eines mimischen Tanzes der Maori.

Die Tänze, die einen mimischen Charakter tragen, kommen in der Tat

einer Pantomime gleich. Die Tänzer tragen den früher üblichen Rock aus

Flachsfasern.]

Von den +Sterbe- und Totengebräuchen+ wollen wir nur die alten Sitten

auf Samoa etwas eingehender schildern. Fühlte in früheren Zeiten ein

Familienvater sein Ende bevorstehen, dann ließ er durch ausgesandte

Boten sämtliche Angehörige um sich versammeln. Alle feinen Matten, die

die Familie besaß -- sie stellten einen hohen Wert dar -- wurden vor

ihm angehäuft, damit er zum letzten Male an diesem seinem Reichtum

sein Herz erfreue. Darauf brach ein lautes Klagen und Weinen aus, und

die Götter des Todes wurden um Mitleid angefleht; dabei schlugen sich

die Jammernden die Köpfe mit Steinen blutig oder ritzten sich die Haut

mit Haifischzähnen. Wenn trotzdem der Tod sich einstellte, so wurden

diese Götter, deren Hilfe man soeben noch angerufen harte, gehörig

beschimpft, weil sie nicht geholfen hatten. Der Leichnam wurde nun

von alten Frauen mit Kokosnußöl eingerieben und auf einem Lager von

Rindenstoffen aufgebahrt, in seltenen Fällen, das heißt wenn es sich

um Häuptlinge handelte, auch einbalsamiert. Währenddessen schaufelten

die jungen Leute in der Nähe der Hütte ein nur wenige Fuß tiefes Grab

und bekleideten den Boden und die Seiten mit Korallenstücken; sie

legten die Leiche bald nach dem Tode hinein und schlossen die Grube

ebenfalls mit Korallensteinen. Auf dem darüber errichteten Hügel

häuften sie in den folgenden Tagen Lavasteine auf, so daß oft ein nach

oben stufenweise sich verjüngender Kegel entstand. Im Sterbehause

war es den Angehörigen verboten, Speise und Trank zu sich zu nehmen

bis die Beerdigung beendet war, nur die Totenfrauen durften davon

eine Ausnahme machen, sie wurden aber gefüttert, weil ihnen jegliche

Speise zu berühren untersagt war. Nach der Beisetzung dagegen fand ein

Leichenschmaus statt, mit einem sich daran anschließenden, bis tief in

die Nacht hinein dauernden wilden Tanz. Starb jemand nicht in seiner

Behausung, sondern durch Zufall im Freien oder eines gewaltsamen Todes,

so glaubte man, daß seine Seele in irgend einer Tiergestalt umherirre

und, falls sie nicht eingefangen und mit dem Körper begraben würde,

als böser Dämon (Aïtu) sehr schaden könne. Daher breitete man an der

Stelle, wo der Tod den Verstorbenen ereilt hatte, ein großes Stück

Tapa aus und wartete, bis irgend ein Tier, entweder eine Eidechse oder

Heuschrecke oder auch nur eine Ameise, sich darauf zeigte. Sofort

schlug man in der Annahme, daß dieses Geschöpf die Seele beherberge,

das Tuch über ihm zusammen und legte es dem Toten mit ins Grab. Von nun

an hatten der Verstorbene und seine Angehörigen Ruhe; ersterer konnte

nunmehr seine Reise nach der Unterwelt antreten, deren Eingang auf die

stark vulkanische Insel Sawai verlegt wurde. Das Abfangen der Seele ist

noch heute üblich. -- Geht das Leben eines Häuptlings auf Samoa seinem

Ende zu, dann ist natürlich das Sterbegefolge ein noch viel größeres,

denn es versammeln sich um ihn alle seine Lehnsleute. Von besonderer

Wichtigkeit ist dabei die Anwesenheit seiner Schwester, damit jedweder,

wenn auch nur geringfügiger Streit zwischen beiden beigelegt werde,

denn der Fluch einer Schwester gilt für das größte Unheil. Auf der

ganzen Insel wird nach dem Tode umfangreiche Trauer angelegt. Vielfach

zieht der Tod eines Häuptlings besondere Folgen nach sich. Auf Hawai

führte der Heimgang des obersten Herrschers in früheren Tagen eine

Neueinteilung aller Ländereien, die seine untergeordneten Häuptlinge im

Leben von ihm erhalten hatten, und oft genug dieserhalb Streitigkeiten

und selbst Kämpfe unter ihnen herbei. Auf Tonga wurde gelegentlich

des Todes König Georgs I. ein strenges Tabu auf alle Arten von

Beschäftigungen erlassen; diese Einstellung jeglicher Arbeit und der

große Aufwand beim Begräbnis brachten die ohnehin schon in finanziellen

Nöten sich befindliche Insel beinahe zum Bankrott.

[Illustration:

Phot. F. Danvers Power.

Abb. 35. Ringkampf auf den Elliceinseln.

Der Ringende fordert seinen Gegner dadurch zum Kampfe auf, daß er ihn

dreimal auf die Brust schlägt. Der Kampf ist entschieden, wenn einer

der Ringer einmal zu Boden geworfen ist.]

[Illustration:

Phot. H. J. Shepstone.

Abb. 36. Wellenreiten der Samoaner,

ein beliebter Sport der Eingeborenen, die darin große Geschicklichkeit

an den Tag legen und oft stehend auf den schmalen Brettern ans Land

gleiten.]

[Illustration:

Phot. Josiah Martin.

Abb. 37. Kanuwettfahrt auf Neuseeland,

eine sportliche Übung, in der sich die Frauen in gleicher Weise wie die

Männer auszeichnen.]

Als +Grabstätten+ dienten bereits vor der Berührung mit Europäern auf

Hawai, den Cookinseln sowie auf Neuseeland Felshöhlen; die Gebeine

verehrungswürdiger Vorfahren wurden oft gesammelt und in zierliche

Pakete gelegt. Bis vor kurzem bewahrte man noch auf der Penrhyninsel

die in Matten eingewickelten Toten im Hause hängend auf. Meistens

finden sich die Gräber auf regelrecht angelegten Friedhöfen; auch sie

werden auf irgend eine Weise kenntlich gemacht, zum Beispiel durch

einen Hügel (Abb. 41), dessen Größe den Rang des Verstorbenen anzeigt,

oder, wie auf den Marshallinseln, durch Aufstellen von Paddeln am Kopf-

und Fußende und anderes mehr. In vielen Teilen Polynesiens legt man den

Besitz des Verstorbenen auf sein Grab, selbst wertvolle Sachen, wie

einmal eine Nähmaschine. Die dort niedergelegten Gegenstände werden

indessen von niemand berührt, geschweige denn fortgenommen, so großen

Wert sie auch besitzen mögen; denn das Tabu, das sich auf Tote bezieht,

ist fast noch strenger als das für Lebende. -- Vielfach herrscht neben

dem Glauben, daß die Toten in der Nähe zurückgeblieben sind, auch

Furcht vor Gespenstern. Auf Niue hält man sich Hunde, deren Bellen

übernatürliche Besucher fernhalten soll. Dagegen hegen die Bewohner von

Penrhyn freundlichere Gefühle für die Heimgegangenen, denn sie bauen

Hütten über ihren Gräbern, in denen sie schlafen, und hoffen, daß ihre

Geliebten ihnen im Traume erscheinen. Ebenso ist auf den Paumotuinseln

die Sitte, auf den Kirchhöfen zu schlafen, sehr verbreitet.

[Illustration:

Phot. J. Danvers Power.

Abb. 38. Stangen mit zahmen Vögeln auf Nauru,

die als Lockmittel dienen. Der Eingeborene spritzt Wasser aus seinem

Munde, das den Vögeln zum Trinken dient.]

[Illustration:

Phot. J. Danvers Power.

Abb. 39. Jagd auf Fregattenvögel auf Nauru.

Auf einem tragbaren Gestell sitzen Lockvögel, die durch ihr Geschrei

die wilden Vögel anlocken.]

Von der früheren +Religion+ sind auf Polynesien nur noch wenige Spuren

vorhanden. Der Glaube an die hohen Götter des Meeres, des Himmels,

der Erde und des Krieges ist heutzutage geschwunden. Nur dort, wo

die christliche Religion noch nicht hingelangt ist, treffen wir

noch Verehrung der alten Götter an; so hat auf Mikronesien, wo für

die kleinen Koralleneilande die beständige Gefahr besteht, daß sie

durch eine Sturmflut hinweggeschwemmt werden könnten, der Hauptgott

des Sturmes noch Ansehen. Die meisten mikronesischen Götter werden

durch Tiere oder Pflanzen verkörpert, so der Regengott durch einen

Sternfisch, der Kriegsgott durch einen Haifisch, der Donnergott durch

einen Kastanienbaum. Die Opfer, die man diesen Gottheiten darbringt,

werden einfach unter einem Baume niedergelegt; Menschenopfer waren in

Polynesien nie üblich. Obwohl auch die Sitte des Tabu schon sehr im

Abnehmen begriffen ist, spielt sie doch verschiedentlich noch eine

nützliche Rolle, zum Beispiel wenn ein Häuptling ein Tabu auf Ernten

setzt, damit sie nicht vorzeitig eingeholt werden, oder wie auf den

Paumotuinseln auf eine bestimmte Lagune mit Perlenfischerei, damit für

eine gewisse Zeit ihre Ausnutzung verhindert werde, oder auf bestimmte

Äcker, damit sie nicht bestohlen werden. Äußerlich wird dieses Verbot

durch besondere Kennzeichen bekundet, wie durch Aufstellen einer aus

Blättern angefertigten Figur eines Hornhechtes oder Haifisches --

wer das Tabu bricht, ist in Angst, er könnte beim nächsten Baden von

einem solchen Tiere angegriffen werden --, oder einfach durch Anbinden

eines Blattes um den Stamm eines Baumes auf der Plantage, Aufhängen

von Kokosnüssen auf dem sichtbaren Stumpfe eines Baumes und anderes

mehr. Derartige Zeichen verfehlen ihren Zweck nie, denn der Eingeborene

glaubt bestimmt, daß ihn ein Unglück, Krankheit, Blitz oder dergleichen

treffen werde, sofern er ein solches Warnungszeichen nicht beachtet.

[Illustration:

Phot. J. Danvers Power.

Abb. 40. Plattform für den Fang des Fregattenvogels auf Nauru.

Junge Leute auf Nauru werden erst als heiratsfähig betrachtet, wenn sie

mindestens vierzig Fregattenvögel gefangen haben.]

Einer großen Verbreitung erfreut sich noch der +Aberglaube+, daß man

jemand durch +Zauber+ mit einer Haarlocke, einem Fetzen Zeug oder einem

Speiserest von einer Person Unglück zufügen könne. Auch +Wahrsagerei+

wird noch viel betrieben, ebenso wird noch an +Gottesurteile+ geglaubt.

Auf Samoa zum Beispiel sucht man bei einem Diebstahl den Täter in der

Weise zu bekommen, daß man alle Beteiligten um eine Schüssel mit Kava

versammelt, in der ein kleiner geknoteter Faden schwimmt, und aufpaßt,

in wessen Trinkschale beim Verteilen sich der verräterische Faden zeigt.

[Illustration:

Phot. J. J. Lister.

Abb. 41. Tonganerwitwe am Grabe ihres Gatten.

In der Regel hegen die Polynesier mit großer Sorgfalt die Gräber ihrer

Toten. Die Witwe auf diesem Bilde gießt Öl auf die letzte Ruhestätte

ihres Gatten.]

Die primitive +Methode des Kochens+, wie sie in Polynesien und

Mikronesien üblich ist, bietet viel des Interessanten. Man kocht

oder vielmehr röstet die Speisen in heißer Asche eines offenen

Feuers. Zu diesem Zwecke wird in den Erdboden eine Grube oder Furche

in gewünschter Größe ausgehoben, mit Brennholz angefüllt, darauf

eine Anzahl Steine gelegt und das Holz angezündet. Sobald dieses

niedergebrannt ist, und die Steine glühend rot geworden sind, wird

die Grube von Asche und Kohlen gereinigt, und auf die noch glühend

heißen Steine kommen die Gerichte, die gar werden sollen, zu liegen,

alle in aromatische Blätter gewickelt. Darüber werden Erde und Matten

gedeckt, um die Hitze an dem Entweichen zu verhindern (Abb. 42).

Für gewöhnlich, doch nicht überall, gießt man noch Wasser auf die

Blattpakete, bevor der Ofen geschlossen wird; man kocht dann mittels

Dampf. Nach Ablauf einer gewissen Zeit, etwa einer Stunde oder noch

mehr, je nach der Größe des Ofens und der Menge der Speisen, wird

letzterer wieder aufgedeckt, und Fleisch und Gemüse sind bei dieser

Behandlung völlig gar gekocht. Auf Neuseeland, wo noch Vulkane, im

besonderen sogenannte Geiser in Tätigkeit sind, bietet die Natur

den Menschen eine viel bequemere Kochmethode dar, nämlich heiße

Quellen (Abb. 43), die in ihrer Temperatur zwischen kochend und warm

abwechseln. Der Maori braucht seine Speisen, die er gar haben will,

nur in einem Netz in eine solche kochende Quelle oder in den daraus

ausströmenden Dampf zu halten, und die Natur besorgt in kurzer Zeit das

weitere. Nebenbei werden diese Quellen auch noch allgemein zum Baden

benutzt.

[Illustration:

Phot. Josiah Martin.

Abb. 42. Kochen in Erdöfen auf Neuseeland.

Die auf den glühend heißen Steinen gar gekochten Speisen sind

außerordentlich schmackhaft.]

[Illustration:

Aus „Kolonie und Heimat“.

Die Sitten der Völker, Erster Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 44 / 207 题