Fünfzig sind abgeschossen. Zweiundfünfzig fand ich besser. Deshalb schoß
ich gleich am selben Tage zwei mehr ab. Es ging eigentlich gegen die
Verabredung.
Eigentlich hatte man mir bloß einundvierzig zugebilligt; weshalb die
Zahl einundvierzig herauskam, kann sich wohl jeder denken, aber gerade
deshalb wollte ich es durchaus vermeiden. Ich bin kein Rekordarbeiter,
überhaupt liegen uns in der Fliegertruppe alle Rekorde fern. Man erfüllt
nur seine Pflicht. Boelcke hätte hundert abgeschossen, wäre ihm nicht
das Unglück passiert. Und manch anderer der guten gefallenen Kameraden
hätte eine ganz andere Zahl erreichen können, wenn ihn nicht sein
plötzlicher Tod daran verhindert hätte. Aber so ein halbes Hundert macht
einem eben doch auch Spaß. Nun hatte ich es schließlich auch erreicht,
daß man mir fünfzig zubilligte, bevor ich meinen Urlaub antrat.
Hoffentlich kann ich noch das zweite Fünfzig feiern.
Am Abend desselben Tages klingelte es, und nichts Geringeres als das
»Große Hauptquartier« wünschte mich zu sprechen. Ich kam mir ganz spaßig
vor, so mit der »Großen Bude« verbunden zu sein. Ich erhielt unter
anderem die erfreuliche Nachricht, daß Seine Majestät den Wunsch
geäußert hätte, mich persönlich zu sprechen, und zwar war gleich der Tag
angesagt: am 2. Mai. Dies ereignete sich aber schon am 30. April abends
neun Uhr. Mit dem Zuge wäre es nicht mehr möglich gewesen, dem Wunsch
des Allerhöchsten Kriegsherrn nachzukommen. So zog ich es vor, was ja
auch viel schöner ist, die Reise auf dem Luftwege zu erledigen. Am
nächsten Morgen wurde gestartet, und zwar nicht in meinem Einsitzer #»Le
petit rouge«#, sondern in einem dicken, großen Zweisitzer.
Ich setzte mich hinten 'rein, d. h. also nicht an den »Knüppel«.
Arbeiten mußte in diesem Falle der Leutnant Krefft, auch einer der
Herren meiner Jagdstaffel. Er wollte gerade auf Erholungsurlaub, es
paßte also ausgezeichnet. So kam er auch schneller in die Heimat. Es war
ihm nicht unsympathisch.
Meine Abreise ging etwas Hals über Kopf. Ich konnte in dem Flugzeug
nichts weiter mitnehmen als die Zahnbürste, mußte mich also gleich so
anziehen, wie ich mich im Großen Hauptquartier vorzustellen hatte. Und
so im Felde hat eben der Militärsoldat nicht viel mit von schönen
Kleidungsstücken, jedenfalls nicht so ein armes Frontschwein wie ich.
Die Führung der Staffel übernahm mein Bruder. Ich verabschiedete mich
kurz, denn ich hoffte, bald im Kreise dieser lieben Menschen meine
Tätigkeit wieder aufnehmen zu können.
Der Flug ging nun über Lüttich, Namur auf Aachen und Köln. Es war doch
schön, so mal ohne kriegerische Gedanken durch das Luftmeer zu segeln.
Herrliches Wetter, wie wir es schon seit langem nicht gehabt hatten.
Gewiß gab es am heutigen Tage mächtig viel zu tun an der Front. Bald
sind die eigenen Fesselballons nicht mehr zu sehen. Immer weiter weg von
dem Donner der Schlachten von Arras. Unter uns Bilder des Friedens.
Fahrende Dampfer. Dort saust ein #D#-Zug durchs Gelände, wir überholen
ihn spielend. Der Wind ist uns günstig. Die Erde scheint uns wie eine
Tenne so platt. Die schönen Maasberge sind nicht zu erkennen als Berge.
Man erkennt sie nicht einmal am Schatten, denn die Sonne steht fast
senkrecht. Man weiß nur, daß sie vorhanden sind, und mit etwas Phantasie
kann man sich sogar in ihre kühlen Schluchten verkriechen.
Es war doch etwas spät geworden, und so kamen wir in die Mittagsstunde.
Eine Wolkenschicht zieht sich unter uns zusammen und verdeckt die Erde
völlig. Nach Sonne und Kompaß orientierend fliegen wir weiter. Die Nähe
von Holland ist uns allmählich aber doch unsympathisch, und so ziehen
wir es vor, wieder mit dem Erdboden Fühlung zu nehmen. Wir gehen unter
die Wolke und befinden uns gerade über Namur. Nun geht es weiter nach
Aachen. Aachen lassen wir links liegen und erreichen zur Mittagszeit
Köln. Die Stimmung in unserem Flugzeug war gehoben. Vor uns ein längerer
Urlaub, außerdem das schöne Wetter, die gelungene Sache, wenigstens Köln
erreicht zu haben, und die Gewißheit, daß, wenn einem auch jetzt etwas
passiert, man doch noch das Große Hauptquartier erreichen konnte.
Man hatte uns in Köln telegraphisch angesagt, so wurden wir dort
erwartet. Am Tage vorher hatte mein zweiundfünfzigster Luftsieg in der
Zeitung gestanden. So war der Empfang auch danach.
Durch den dreistündigen Flug hatte ich doch etwas Schädelbrummen, und so
zog ich es vor, erst einen kleinen Mittagsschlummer einzulegen, bevor
ich im Großen Hauptquartier eintraf. Wir flogen nun von Köln ein ganzes
Stückchen den Rhein entlang. Ich kannte die Strecke. Ich bin sie oft
gefahren, auf dem Dampfer, mit dem Auto und der Eisenbahn, und nun im
Flugzeug. Was war das Schönste? Es ist schwer zu sagen. Gewisse
Einzelheiten sieht man ja natürlich vom Dampfer aus besser. Aber der
Gesamtblick aus dem Flugzeug ist auch nicht zu verachten. Der Rhein hat
eben einen besonderen Reiz, so auch von oben. Wir flogen nicht zu hoch,
um nicht das Gefühl der Berge völlig zu verlieren, denn das ist doch
wohl das Schönste am Rhein, die riesigen, bewaldeten Höhen, die Burgen
usw. Die einzelnen Häuser konnten wir natürlich nicht sehen. Schade, daß
man nicht langsam und schnell fliegen kann. Ich hätte gewiß den
langsamsten Gang eingestellt.
Nur zu schnell verschwand ein schönes Bild nach dem anderen. Man hat,
wenn man höher fliegt, ja nicht das Gefühl, daß es sehr schnell vorwärts
geht. In einem Auto oder einem #D#-Zug zum Beispiel kommt einem die
Geschwindigkeit ganz ungeheuer vor, dagegen im Flugzeug eigentlich immer
langsam, wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat. Man merkt es
eigentlich erst daran, wenn man mal fünf Minuten nicht 'rausgeguckt hat
und dann mit einem Male wieder die Orientierung aufnimmt. Da ist das
Bild, das man noch kurz vorher im Kopfe hatte, mit einem Male völlig
verändert. Was man unter sich sah, sieht man auf einmal in einem Winkel,
gar nicht zum Wiedererkennen. Deshalb kann man sich so schnell
verorientieren, wenn man mal für einen Augenblick nicht aufpaßt. So
kamen wir am Nachmittag im Großen Hauptquartier an, herzlich empfangen
von einigen mir bekannten Kameraden, die dort in der »Großen Bude« zu
arbeiten haben. Sie tun mir ordentlich leid, die Tintenspione. Sie haben
ja nur den halben Spaß vom Kriege. Zunächst meldete ich mich bei dem
Kommandierenden General der Luftstreitkräfte. Am nächsten Vormittag
ereignete sich nun der große Moment, wo ich Hindenburg und Ludendorff
vorgestellt werden sollte. Ich mußte eine ganze Weile warten. Wie die
Begrüßung im einzelnen war, kann ich eigentlich schlecht schreiben. Erst
meldete ich mich bei Hindenburg, dann bei Ludendorff.
Es ist ein unheimliches Gefühl in dem Raum, wo das Geschick der Erde
entschieden wird. So war ich ganz froh, wie ich die »Große Bude« wieder
hinter mir hatte und mittags bei Seiner Majestät zum Frühstück befohlen
war. Es war ja heute mein Geburtstag, und irgendeiner hatte es wohl
Seiner Majestät verraten, und so gratulierte er mir. Einmal zu meinem
Erfolg, dann zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Auch ein kleines
Geburtstagsgeschenk überraschte mich.
Früher hätte ich es mir wohl nie träumen lassen, daß ich am
fünfundzwanzigsten Geburtstag rechts von Hindenburg sitzen und in einer
Rede vom Generalfeldmarschall erwähnt werden würde.
* * * * *
Tags darauf war ich zu Mittag bei Ihrer Majestät eingeladen und fuhr zu
diesem Zweck nach Homburg. Dort war ich zum Frühstück bei Ihrer
Majestät, wurde gleichfalls mit einem Geburtstagsgeschenk bedacht, und
ich hatte noch die große Freude, Ihrer Majestät einen Start
vorzuführen. Abends war ich nochmals bei dem Generalfeldmarschall
v. Hindenburg eingeladen.
Den Tag darauf flog ich nach Freiburg, um dort einen Auerhahn zu
schießen. Von Freiburg aus benutzte ich ein Flugzeug, das nach Berlin
flog. In Nürnberg wurde Benzin aufgefüllt. Da zog ein Gewitter auf. Ich
hatte es aber dringend eilig, in Berlin anzukommen. Allerhand mehr oder
weniger interessante Dinge warteten dort meiner. So flog ich trotz des
Gewitters weiter. Mir machten die Wolken und das Schweinewetter Spaß. Es
goß mit Kannen. Ab und zu etwas Hagel. Der Propeller sah nachher ganz
toll aus, durch die Hagelkörner zerschlagen, wie eine Säge. Leider
machte mir das Wetter so viel Spaß, daß ich darüber gänzlich vergaß
aufzupassen, wo ich mich befand. Wie ich wieder die Orientierung
aufnehmen will, habe ich keinen Dunst mehr, wo ich bin. Eine schöne
Bescherung! In der Heimat »verfranzt«! Das mußte natürlich gerade mir
passieren. Wie würden die zu Hause sich amüsieren, wenn sie das wüßten!
Aber es war an der Tatsache nichts zu ändern. Ich wußte nicht mehr, wo
ich war. Ich war durch den starken Wind und das niedrige Fliegen sehr
abgetrieben worden und von meiner Karte heruntergekommen und mußte nun
nach Sonne und Kompaß notdürftig die Richtung nach Berlin einhalten.
Städte, Dörfer, Flüsse, Wälder jagen unter mir dahin. Ich erkenne
nichts wieder. Ich vergleiche die Natur mit meiner Karte, aber
vergeblich. Es ist alles anders. Ich bin eben tatsächlich nicht mehr im
Bilde. Es ist mir nicht möglich, die Gegend wiederzuerkennen. Wie sich
später herausstellte, war es allerdings auch ausgeschlossen, denn ich
flog etwa hundert Kilometer neben meinem Kartenrand.
[Illustration: Der kommandierende General der Luftstreitkräfte,
Exzellenz v. Hoeppner (1), und der Chef des Stabes der Luftstreitkräfte,
Oberstleutnant Thomson (2), mit Rittmeister Manfred Freih. v. Richthofen
(3)]
[Illustration: Ein Glückwunsch des Kaisers
aufgenommen am 30. IV. 1917. 4 Uhr 20 Min. vorm.
aus dem Gr. H. Qu.
An Krg. schl homb. 27. 29. IV. 8^h nachm.
Rittm. Freih. von Richthofen
Jagdstaffel Richthofen.
durch A.O.K.G.
Es wird mir soeben gemeldet, daß Sie heute zum 50. Male als Sieger aus
dem Luftkampf hervorgingen. Ich spreche Ihnen zu diesem glänzenden
Erfolg Meinen herzlichen Glückwunsch und Meine vollste Anerkennung aus.
Mit Bewunderung und Dankbarkeit blickt das Vaterland auf seinen tapferen
Flieger. Gott sei ferner mit Ihnen.