Rußland--Ostende

(Vom Zweisitzer zum Großkampfflugzeug)

Nachdem in Rußland unsere Unternehmungen so sachte zum Stehen kamen,

wurde ich plötzlich zu einem Großkampfflugzeug, zur B. A. O. nach

Ostende versetzt (21. August 1915). Ich traf da einen alten Bekannten,

Zeumer, und außerdem verlockte mich der Name »Großkampfflugzeug«.

August 1915 traf ich in Ostende ein. Auf dem Bahnhof in Brüssel hatte

mich mein guter Freund Zeumer abgeholt. Nun verlebte ich eigentlich eine

sehr nette Zeit, die aber wenig Kriegerisches an sich hatte, aber sie

war als Lehrzeit zum Kampfflieger unentbehrlich. Wir flogen viel, hatten

selten Luftkämpfe und nie Erfolge. Dafür aber war das sonstige Leben

reizvoll. Am Strand von Ostende hatten wir ein Hotel beschlagnahmt.

Jeden Nachmittag badeten wir. Leider waren als Kurgäste nur Soldaten zu

sehen. Auf den Terrassen von Ostende saßen wir, in unsere bunten

Bademäntel gehüllt, und tranken nachmittags unseren Kaffee.

* * * * *

Wir saßen wieder mal, wie üblich, am Strande bei unserem Kaffee.

Plötzlich ein Tuten, das hieß: ein englisches Seegeschwader ist

gemeldet. Natürlich ließen wir uns durch derartige Alarmnachrichten in

unserer Gemütlichkeit nicht stören und tranken weiter. Da ruft einer:

»Da sind sie!« und tatsächlich konnten wir am Horizont, wenn auch nicht

sehr deutlich, einige qualmende Schornsteine und später auch Schiffe

erkennen. Schnell wurden die Ferngläser geholt und beobachtet. Wir sahen

eine ganz stattliche Zahl von Schiffen. Was sie eigentlich machen

wollten, war uns unklar, aber bald sollten wir eines Besseren belehrt

werden. Wir stiegen auf das Dach, um von dort oben mehr zu sehen. Mit

einem Male pfeift's, gleich darauf ein Riesenknall, und eine Granate

schlägt am Strande ein, wo wir eben noch im Wasser waren. So schnell bin

ich noch nie in den Heldenkeller gestürzt wie in diesem Moment. Das

englische Geschwader schoß noch vielleicht drei-, viermal auf uns und

richtete sich dann in der Hauptsache gegen den Ostender Hafen und

Bahnhof. Getroffen haben sie natürlich nichts. Aber sie haben die braven

Belgier in mächtige Aufregung versetzt. Eine Granate sauste mitten in

das schöne Palasthotel am Strande von Ostende. Dies war der einzige

Schaden. Zum Glück ist es englisches Kapital, das sie selbst vernichtet

haben.

* * * * *

Abends wurde dann wieder feste geflogen. Bei einem unserer Flüge waren

wir mit unserem Großkampfflugzeug sehr weit hinaus auf See gekommen.

Das Ding hatte zwei Motoren, und wir probierten hauptsächlich ein neues

Steuer aus, das uns ermöglichen sollte, auch mit einem Motor weiter

geradeaus zu fliegen. Wie wir ziemlich weit draußen sind, sehe ich unter

uns, nicht auf dem Wasser, sondern -- wie es mir schien -- unter dem

Wasser, ein Schiff schwimmen. Es ist ganz eigentümlich: Man kann von

oben aus bei etwas ruhigem Seegang bis auf den Meeresgrund

hinuntersehen. Natürlich nicht vierzig Kilometer tief, aber so einige

hundert Meter Wasser kann man glatt durchschauen. Ich hatte mich auch

nicht getäuscht, daß das Schiff nicht über Wasser, sondern unter Wasser

schwamm, und trotzdem sah ich es so, als sei es oben. Ich machte Zeumer

darauf aufmerksam, und wir gingen etwas tiefer hinunter, um Näheres zu

erkennen. Ich bin zu wenig Marinemann, um gleich sagen zu können, was es

gewesen ist; aber so sachte kapierte ich denn doch, daß es ein U-Boot

war. Aber welcher Nationalität? Das ist nun wieder eine zweite

schwierige Frage, die meiner Ansicht nach nur ein Marinemann lösen kann

-- und der auch nicht immer. Farbe ist so gut wie gar nicht zu erkennen.

Die Flagge schon erst recht nicht. Außerdem hat ja wohl so ein U-Boot

gar nichts dergleichen. Wir hatten zwei Bomben mit, und ich war mir sehr

im Zweifel: sollte ich werfen, oder sollte ich nicht werfen? Das U-Boot

hatte uns nicht gesehen, denn es war halb unter Wasser. Wir konnten aber

über dem Ding ganz ruhig herfliegen und hätten den Moment abpassen

können, wo es auftauchte, um Luft zu schnappen, um unsere Eier zu legen.

Das ist ganz bestimmt ein sehr kritischer Punkt für unsere

Schwesterwaffe. Wie wir noch eine ganze Weile mit den Kerlen da unten

'rumgekindscht hatten, merkte ich plötzlich, wie aus dem einen unserer

Kühler sich so sachte das Wasser empfahl. Dieses schien mir als »Franz«

nicht ganz geheuer, und ich machte meinen »Emil« darauf aufmerksam. Der

zog sein Gesicht in die Länge und machte nun, daß er nach Hause kam.

Aber wir waren schätzungsweise zwanzig Kilometer von der Küste entfernt,

und die wollen erst zurückgeflogen sein. Der Motor ließ so sachte nach,

und ich machte mich schon im stillen auf ein kaltes und feuchtes Bad

gefaßt. Aber siehe da, es ging! Der Riesenäppelkahn ließ sich mit einem

Motor und dem neuen Steuer großartig deichseln, und wir erreichten noch

glatt die Küste und konnten dort sehr schön auf unserem nahen Hafen

landen.

Glück muß der Mensch haben. Hätten wir nicht das neue Steuer an diesem

Tage ausprobiert, wir wären rettungslos versoffen.

Der rote Kampfflieger · 第 61 / 105 题